Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2553 (1.4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wletter MoeftM.iesiuW T. Aprll IM Gckie» 5 cJULUonen Kokospalmen EL_n liefern jährlich ihre Nüsse zur Herstellung des reinlichen, hygienisch einwandfreien Speisefettes ioo Prozent reines Fett aus Kokosnüssen. Schel Pessach nDD bw 1WD Schel Passach Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwtirden < es Herrn Oberrabbiners S. B. EHRENFELD, Mattersdorf r Bft. 258T Men, DonneMag_ Palaftinafragen. Das BÜVgeDschaftsgosetz. — Die Bauentwirklang in Jevulsalem. — Die Aufhebung der Ausfuhrzölle. Unser Jerusalemer Berichterstatter schreibt uns: In der Frage der Ein Lürgerung handelt es sich toarwn, <Miif Grund des 'bestchenden Gesetzes die Einbürgerung möglichst vieler Juden Palästinas durchzuführcn und damit unseren legitimen und politischen Einfluß für den Augenblick zu sichern, wo Palästina eine Verfassung erhalten wird. Ls muß mit Bedauern konstatiert »uerden, daß vorläufig das Verständnis für die Wichtigkeit der Einbürgerung der Hrtesrachut in weitesten Kreisen des Jischmv nicht vochandcn ist. Während gegen das Verhalten der Behörden Einerlei Bedenlkerr erhöben werden kann, vielimchr bisher jedes den Bedingungen entsprechende Gesuch schnell uns proncht genchmigt wurde, macht sich iinnrer stärker der Eindruck geltend, daß ein großer Teil des Jischnw von der Einbürgerung bisher keinen Gebrauch gemacht hat und der Frage offenbar teilnahmslos gegenüberstcht. Wenn man nach den Gründen fragt, fo lvürde es verfehlt sein, etwa zu glauben, daß Unzufriedenheit mit numchcn Teilen des Gesetzes ein wesentlicher Faktor für die Zurückhaltung bilden. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, daß politisch interessiert und informiert doch nur ein Bruchteil der Bevölkerung ist, daß der alte I i s ch u w, obwohl er vielfach viel länger im Lande leibt als der neue, doch keineswegs die Absicht hat, sich auch durch weltliche Bindungen diesem Lande anzuschließen und daß selbst unter dem neuen Jischuw die merkwürdigsten Auffassungen verbreitet sind. Es zeigt sich;um Beispiel, daß Zionisten, dir aus Mwel- oder Westeuropa stamnien, auch wenn sie den Schritt getan haben, nach Palästina zu gehen, wenn sie entschloss n sind, im finde zu bleiben, trenn sie Hebräisch sprechen, tid? Scheu tragen, jenes letzte Band;>r zerschneiden, das sie an ihr früheres Heimatland knüpft. Auch hier kann Aufklärungsarbeit viel bessern. Es handelt sich hier um eine Aufgabe, für die in erster Linie der Waad Leumi berufen ist. Erneut zeigt sich hier, welch eine wichtige Rolle dieses Organ des palästinensischen Judentums spielen könnte und müßte, wenn nicht die leidige Geldfrage, die mit dem noch nicht erledigten Zwangbestenernngsgesetz zusammenhänn, seine Tätigkeit beeinträchtigen wurde. * Berichte aus Palästina pflegen gern das Wort zu zitieren, hx$ einmal auf einer Begrüßun' für Dr. Weizmann in Tel- Awiw gesprochen wurde und wonach Jerusalem die Stadt der Vergangenheit, Tel-Awim die der Gegenwart und .Haifa die der Zukunft sei. Das Wort ist geistreich und hübsch pointiert, widerspricht aber doch stark der Wirklichkeit. Der Tel-Awitiver Redner wollte sicherlich nicht seiner Stadt die Zukunft absprechen. Irrig aber ist vor allem, lixutn man, wie cs vielfach geschieht, von Jerusalem amrimmt, daß es sich noch immer in einem Dornröschenschlaf befände. Richtig ist, daß Jerusalem siir die neu einwanderden Massen, insbesondere der vierten Alijah nicht die Anziehungskraft besitzt, wie es Tel-Awiw und in gewissem Umfange auch Haifa hat. Die Entwicklung in Jernsalern geht langsamer, dafür aber gediegener und sicherer vor sich. Freilich pflegt der Tourist, wenn er sich nur kurze Zeit in Jerusalem aujhält, bunt neuen Jerusalem kaum mehr zu scheu, als etwa die Umversität, und kommt dann zu dem Gefühl, daß von einer neuen modernen jüdischen Wohnstadt Jerusalem nicht die Rede sein kann. | Wer freilich die neuen Viertel Jerusalems, vor allem Taipioth, Bech Hakerem, Rechawiah und Romema kennt, wird dieses Urteil verwerfen. Beth Hakerem etwa mit seinen durchwegs geschmackvollen Häusern, int Grünen gelagert, bietet einen Anblick, wie man ihn in Tcl-Awiw mir verschwindend selten findet. In letzter Zeit kon^ntriert sich die Bautätigkeit besonders in Rechawiah, das hinter Ratisbonne, im Süden Jerusalems gelegen, ebertso landschaftlich schön, wie architektonisch einwandfrei ist. Sicht man in Rechawiah, so versteh: man den Plan eines neuen Jerusalems, das Talpioth mit Rechawiah und mit Beth Hakerem verbinden und somit im Tilden und Westen der alten Stadt ein neues Jerusalem errichten wird. Es wird in diesem Zusammenhang interessieren, zu hören, daß im vergangenen Jahr in Jerusalem 400 neue jüdische und 00 arabische Häuser gebaut worden sind. Das ist gewiß keine Tel-Awiwer Ziffer, aber doch der Beweis einer keineswegs geringen Bautätigkeit. In nächster Zeit werden übrigens zwei wesentliche Bauten begonnen werden: das Jerusalemer Gymnasium befindet sich bisher im bucharischen Viertel; im äußersten Nordwesten der Stadt »und in einem unzureichenden Gebäude. Es wird jetzt in Rechawiah ein neues eigenes Gebäude erbauen. Ebenso wichtig ist der Beschluß, ein z i o n i st is ch e s B n r e a u h a u s in Rechawiah zu errichten, das die Bureaus folgender Institutionen enthalten soll: der Zionistischen Exekutive, des Keren Hajesiod (der bekanntlich im Sommer uach Palästina verlegt werden wird), des Keren Kajemeth sowie des Waad Leumi. Was ein derartiges Haus für die technische Erleichterung der Arbeit bedeuten würde, braucht nicht bewiesen zu werden; man kann sogar sagen, daß auch die inneren Beziehungen dieser Institutionen zueinander sich bessern werden, ivenn man mehr miteinander sprechen und weniger aneinander schreiben wird, wie cs heute üblich und notwendig ist. Endlich bedeutet ein solcher Hausbau sicherlich eine große Ersparnis, da heute sämtliche genannte Bureaus gezwungen sind, den arabischen Besitzern der Häuser, in denen sie sich bofiudon, hohe und immer Widder^ gesteigerte Mieten zu zahlen. * Wie bekannt, geht seit längerer Zeit die Klage darüber, daß die Regierung gar nichts tut, um die Entstehung einer p al ä st i n e n s i s ch e n I nd ustr >i c zu fördern und daß die Zoll- und Steuerpolitik der Regierung geradezu geeignet ist. eine Entwicklung der Industrie hintanzuhalten. Den Lesern der ,/Wiener Morgenzeitung" ist ja dieses Problem aus der Affäre der Schließung der Dclfinerschen Fabrik wohl bekannt. Jetzt hat die Regierung die völlige Aufhebung jedes Ausfuhrzolls auf palästinensische Erzeugnisse verfügt (von uns bereits berichtet. Die Red.) und damit wenigstens eine Erschwerung industrieller Entwicklung beseitigt. Im übrigen sind Zollerleichter un gen in Vorbereitung, die — wie es scheint — die Einfuhr solcher Rohstoffe erleichtern sollen, die für die Entwicklung der palästinensischen Industrie besonders wichtig sind. Zabotinrkv versaßt ein FilmsM für den Mischen Rationalfonds. Aus Nüv-Nork wird uns berichtet: Zwischen Herrn Julius Berger und Herrn Wladimir I a b o t i n s! h, die zurzeit beide in Amerika weilen, ist ein Ablaut men getroffen worden, demzufolge Herr Jobotinsky einen Palästinafilm für den Koren Kajemeth l'Jsra-el schreiben wird. Herr Jabotmsky wird zu diesem Zweck mehrere Wochen in Palästina verbringen. Fskarl. Von F. C. v. Kuczyriska (Zagreb). Die geschätzte Schriftstellerin, eine Me Frcmtöiin des Judentums nutz Förderin der Vötterversöhnung, stellt mts den nachstehenden Originalbe-ilrag zur Verfügung. Das Verständnis unter den Völkern zu fördern, ist eine schöne Aufgabe der Kultur. Zn Verständnis aber geihört Verstand. Haß ist int Grunde nur Unverstartd. Unser Erbübel ist der Ruhestörer Kain, den wir alle in uns trägem Mols Opferrauch aber steigt lieblich zur HimmelMäue und vermischt sich mit den ewigen Wolken. Von großer Weisheit ist dieses tiefsinnige Symbol zweier Gestatten, die in einem Volke entstanden sind, das mit zu den verkanntesten der Erde gehört. Es gibt immer noch eine Anzahl von Leniett, ivelche die Juden für alle Vorkommnisse in der Wett verantwortlich ntacht, das zeigt einesteils eine einseitige Beurteilung, andererseits die Rolle, die diese in der Phantasie der christlichen Völker spielen; es ist aber auch ein Beiveis für die tatsächliche Bedeutung, zu der sie ln der Geschichte und im Staatsle'ben gelangt sind. Letzteres ist um so erstaunlicher, als es sich trat ein Volk von nur etwa 12 Millionen Menschen handelt, das ltoch obendrein üibcr die fünf Erdteile versprengt ist. Es verlohnt sich daher schon, dieses interessamte Volk, eines der ältesten Kulturvölker der Erde, näher zu betrachtett, das überall, wo e§ ansässig wurde, zu Ansehen und Herrschaft nnporNomn:, weniger durch die Macht seines Geldes als durch die Macht seiner Ideen, seiner feinen Geistigkeit und seiner durch keinerlei Ausschweifung geschwächten Rassenkraft. Ein müder, schwüler Sommeriag. Launisch blinzelt die Sonne durch drückende Wolken. Rostbraun glüht die Lust über der Stadt. Alles ruht wie ausgestovben in der Mittagsstille. Nur der langgezogene hallende Nus rnlht nicht: ^Handle... handle . . .!" Unablässig tönt er, ein halberstickter Wehelaut. Schleppende Schritte auf den: harten Pflaster der Straße . . . Den ledernen Sack auf dem Rücket:, den Stab in der Hand, so macht der atte Hausierer die Rntide, steht sttll vor hohen, weißen Häusern und wirft abschätzeude Blicke auf sie. Ein Flackern mißtrauischer Abwehr in seinen kleinen, funkelnden Angen, etwas Beklommenes, Verglommenes darin! Und doch?! Ein Festliches umhüllt ihn, als trage er statt des knotige:: Stabes den grünenden Weinstock in Hän- ’öett, an dem die Rebe rankt und schwer beladen d-e schwelleriibe Traube reist, ein .Heinstiches, Unsichtbares umgibt ihn. es raunt ihm zu: „Geduld, Geduld, deine Trauben reifen! Hub weiter wandern die Schritte . . . und hallt die Stimme über die schlafende Stadt: „Handle . . . handle!" Unermüdlich und gebietend. Sie bittet tticht mehr, sic fordert ihr Recht, ihr uraltes Recht auf Tausch und Gewinn, auf Kauf und Macht: das Reckst des Handelsmannes der Wett, der den Orient ruck dem Abendland verband. Verstand und Geschick haben die Inden zu dem gemacht, was sie sind, zu einem Bindeglied zwifchetr den Völkern. Sie sind gewissermaßen der Geschäftsreisende der ganzen Welt geworden, der im Kotltakt mit allen Völkern der Erde steht, der schon im Jemen 690 Jahre v. Ehr. dett Handel des Morgenlandes mit dem Abendland vermcktelt hatte, wie er ihn im Mittelalter leitete und wie er ihn auch in der Neuzeit beherrscht. Aber mehr als nur maferieKctt Gewinn, mehr als bloß greifbare Waren brachte dieser Kaufmann den Völkern. Von Land zu Land trug er .den Reichtum seiner Kenntnisse, seiner religiösen Schätze und Lehren und das Be-spiel seiner Sittlichkeit und Standhaftigkeit. Ueberall finden wir die Spuren feines Geisteslebens wieder, den Segen se ner Begabungen auf dem Wanderwege, .den cr durchlaufen. Und blühtet: die Länder nicht, in denen sich das jüdische Volk entfalten konnte, in betten es feine* Rührigkeit entwickelte, d'.ese Rührigke r. die schon zur Zeit de;- Römer Bewnmdcrung erregte? Waren es doch auch römische Jüdäer, d.e Abköntimttnge der ttach Rom verlschliepplen Gefangenen, welche matlniasackt Einfluß lelbst auf den Gang der poli::sch'.n Ereignisse nahmen utt'd bei Vrlksbeschlüssen sehr häufig -den Ausschlag gaben. Wfsensehaft und Knttst, Industrie und Ha ndol empfinget: innner wieder trettes Leben durch die Judett. Hattet: sie doch feliber in: Umgang mit Aegyptern, Babyloniern, Phöniziern, mit Griechen, Römern, Byzantinern reiche Geistesschätze gesammelt! S'e waren bewandert in Dichtkunst und Musik, it: Astronomie, Algebra, Gesetzeslohre, Bollksökonvmie, hervorragend in Medizin, in Gartenbau und Botanik, in Landiv-rtschaft und Wasserbauten. Sie hatten in Aegyptet: die Metallstecherei und Meßkunde, von den Phöniziern Purpur- und SeDenfabrikation, von den Byzantinern die Goldfch»::'.edelunst erlernt. Sic hatten, durch '-hre Prophetet: und Religionslehrer angefe-uert, das Studium der Philosophie betrieben und römische und griechische Gcistesart in sich aufgenonunen und waren seit der ms Griechische übersetztet: Vibellehre, dieser reichet: Quelle der Dölkergoschichte tmd des Schriflstudinms, zn unsichtbaren moralischen Führern der Menfchbeit geworden. Die todverachtende . Treue, die sie chreti: .Gotte bewicstn, verbunden mit der Macht ihrer Lehre führten ihnen unter den Heiden viele Proselytet: zu, besonders griechische. Das „ausevwählte Volk" hatte der Welt den einen Gott geschenkt, tmd es hielt sich abseits, in sich versenkt, immer eingedenk der Rolle, zu der es berufen war. Es machte kerne Bekehrltungsverfuche, weder ttrt Feuer noch mit Schwert. Daß es sich aber für „erwählt" hielt, das verziehen ihm die änderet: Völker nicht. Der Monotheistmts war es, der die Juden in schwere Konflikte stürzte, der sie öfter auch mehr als 3000 Jahre in ihrem Bestände und in -hrer Eigenart erhalten hak. Jodes andere kleine Volk wäre in dem ungeheuren Kampfe und Ringen nach Raum und Licht, turn Dasein und Gleichstellung ausgerie'bet: und vernichtet worden, denn es war ein Dormtrpfad ohnegle-chen, der hinweg von dom herrlichen, strahlenden Salomonischen Tempel ins Exil führte. Ueberall nur Gefahre::, d-e es bedrohten. Wie sollten sich die Wenigen gegen Gewalt und Uobermacht der sie umgebenden Welt wehren? Eingepfercht in die dunstige Enge des Ghettos, wie sich gegen das Verfüllen in den kleinkrämerischen Alltag schützen, wie hinter Zäunen wieder hervor ans Acht dringon? Nur wenige Gebiete des Wisiens standen ihnen offen. Der Acker des Geistes 'war klein, auf den: sie pflügen könnten. Was loat aus dem freien Hirtenvolk g:iworden, das, unter Agaven und Weinreben 'wandelnd, friedlich srine Herden weidete? Was atls dem Bauernvolk, das scHon zu Salomous Zeiten in Ackerbau und Gartenkultur berühmt gewesen?... Ueber das Los der Verbannten und Flüchtigen sagt der Prophet Amos ein schönes Wort: „Es fliehet einer vor einem Löwen und er begegnet aus seinem Wege einem Bären, er ritt ms Haus, stützt seine Hand an die Wand, und es beißt «ihn eine Schlange!" ... Und wenn der alte Baker Jakob im tiefen Schnee durch das Hoftor des großen Herrenhauses hereMgestapft kam -und auf seiner wimmernden Fidel ein jüdisches Volkslied spielte, das von einer Zärtlichkeit und Weichheit ohnegleichen war und in feinem tiefen verhaltenen Gram und dstn melodischen Klange an eine Me Schmnannsche Weise eri-nnerte —> dann klang etwas mit aus «lveiter Ferne von den Worten des Propheten... Einer hatte die Töne ersonnen, der 'heimatlos, ein gchetztes WAd, durchs -Leben gewandert war: ,Mrf -einer kleinen zinrbrochenen Fidel Hab' ich abgespielt mein' ' Welt, müde Rn ich und meine 'Seele durchlauft es katt. Bitterlich weinen die Töne und immer klingt mir im Qhr einer furchtbaren Not Mt:sik, und es Hort sich an wie das Meinen ans dem Gvabe von ftsm Glück!"