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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-31 · Heft 2552 (31.3.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2552 (31.3.1926)
Date
1926-03-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite 2 Dien, Mittwoch roitittt mowwttUun« 31. Miz 1928 Von der internationalen Antikemitenfront. Das Sekretariat der jüdischen Gemeinde von Oslo (Chriftiania) versendet soeben an die indische Presse eine Information. die sich mit dem wiederrnvachten Antisemitismus in Norwegen beschäftigt und offenbar den eigentlichen Zweck verfolgt, ausländischen Juden die Zuwanderung nach der norwegischen Hauptstadt abzuraten. Das Communique hat aber über dieses lokale Interesse hinaus außerordentliche internationale Bedeutung. Es getvahrt von neuem einen Einblick in die Machenschaften der antisemitischen Internationale, die die Judenheye selbst in solche Länder trägt, in denen wie in N o r w e g e n die Juden eine verschwindende Minorität bilden. ^Te Information der jüdischen Ge nie in de von Oslo stellt zunächst historisch fest, daß durch ein Staatsgesetz aus dem Jahre 1814 sotvohl die Jud?n als auch i>ie Jesuiten ans dem Lande ausgöwiefen wurden. Im Septemb:r 1851 wurde den Juden durch ein Gesetz die An siedln ng in Norwegen abermals aestatiet, hingegen besteht das Gesetz gegen die Jesuiten auch heute noch in Kraft. In neuester Zeit ist wieder eine sehr starke antisemitische Bewegung in Norwegen an der Arbeit, die die Bevölkerung zu der Forderung zu verhetzen sucht, daß das Staatsgesetz vom Jahre 1814 wieder in Kraft gesetzt und damit die Vertreibung der Juden aus Norwegen ausgesprochen werde. Wie ist es aber zu dieser neuerlichen, in .den Verhältnissen keineswegs begründeten antisemitischen Strönulng in Nortvegen gekommen? Hierüber gibt das erwähnt Communigue die folgende bezeichnende Aufklärung: „Im August vorigen Jahres fand, wie erinnerliche in Stockholm eine protestantische Welkkonfer.ru; stark. An dieser Konferenz nahm auch der Bu da Pest er Bischof Dr. Alexander Raffay, das kirchliche Oberhaupt der evangelischen Kirche A. B., teil. Dort, vertrat der ungarische Bischof den schärfsten Antisemitismus. Nach. der Konferenz fuhr Rafsoy nach Oslo, wo er in dem dortigen Tagblatt „Oslo' Aftenavis" einen wütenden Hetzartikel gegen die Juden in Norwegen veröffentlichte. Bischof Raffay, der in Ungarn zu den Führern der Rassenschützler gehört, tvarnte die norwegische Bevölkerung und die öffentliche. Meinung vor der angeblich drohenden Judengefchr, p'chrte als abschreckendes Beispiel Budapest an, wo die Juden 20 Prr^ent der Bewohner betragen, wHrend man ihnen nur die Verhältnisziffer von 5 Prozent zugestchen durfte. Er könne es nicht begreifen, warum die christliche Bevöllerung von Oslo den Juden die Aufrechtechaltung so vieler Synagogen (?) gestatte. Er schloß, den Artikel mit einem Appell an die norwegische Nation, das Gesetz vom Jahre 1814, das den Juden dem Aufenthalt in Norwegen untersagt, wieder in Kraft treten zu lassen." f ...... Die von 'jüdischer Seite der Rchaktion des „Oslo Aftenavis" zugeschickten Protesterklärungen hat das Blatt erst nach Verlauf von acht Tagen nach mehrfacher Urgenz veröffentlicht. Der evangelische Bischof Raffay gehört zu den kirchlichen Stützen des rafsenjchützlerischen Horchh-Negimes. Er blieb es auch, als seine Gläubigen darüber Klage führten, daß der Protestantismus in Ungarn seit .der Herrschaft des christlichnationalen Kurses von. der katholischen Kirche unterdrückt werde. Bischof Raffay hat alle Verbrechen der Rassenschützler gebilligt und ist einer der skrupellosesten Bevhetzer der christlichen Hochschülergegen ihre jüdischen Mitschüler. Er hinter-; treibt auch heute jeden Versuch zur Aufhebung des Gesetz es vom Numerus clausus. Wenn Bischof Raffah in der Franken'fälsch«raffäre keine größere . Rolle spielte, so ist das bloß dem Umstand zuzuschreiben, daß die meisten, in dieses patriotische Verbrechen verwickelten Personen der katholischen Konfession angehören, die als Mitglieder verschiedener geheimer Formationen ohnehin dem Feldbischof Zadr.avecz unterstanden und daher zu ihm mehr Vertrauen hatten als zum evangelischen Bischof Raffay. Die antisemitische^ Exkursion des Bischofs Raffay nach den nordischen Landern zeigt aber wieder, wie präzis die antisemitische Internationale arbeitet. Der FavWeirz. Was wir Wer die Persönlichkeit des gÄvefenen Chefredakteurs Alexander Weisz und über die ihm vorgeworfenen Handlungen zu sagen hatten, wurde bereits wiederholt hervorgehoben mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig läßt. Damit ist aber nicht gesagt, daß wir stillschweigend einen Rechtsbruch hinnehmen, der offenbar geübt wird, weil die Ang^lagten Weisz und Fuchs und nicht Müller und Schulze heißen. Ueber die Haft Weisz' und die Vorbereitung seines Prozesses hört man in den letzten Tagen überall so merkwürdige Dinge, daß sich der Gedanke ausdrängt, diese Haft und dieser Prozeß haben mit Strafrechtspflege gar nichts zu tun, sondern werden betrieben, um auf Wunsch politischer Interessenten unter allen Umständen eine Verurteilung herbeizuführen. Wir haben sehr merkwürdige Dinge gehört; das Gesetz gebietet jedoch, über die Einzelheiten 5es Untersuchungsverfahrens Stillschweigen zu bewahren, es verbietet, iiber den voraussichtlichen Ausgang der Verhandlungen und die Aussichten der Anklage Mitteilungen zu machen oder auch nur Vermutungen anzustellen. Hinter dieser reizenden österreichischen Schutzmauer arbeitet die Staatsanwaltschaft im Falle Weisz nunmehr sieben Wochen, kein Wort darf aus dem grauen Hause dringen, damit-das Gebäude nicht erschüttert wird. Was geht vor? Weisz ist verhaftet worden, weil angeblich Flucht- und Verabredungsgefahr vvrlag. Die Poli- 9t WÜk 8t LtzchuW» jsh wch,r MW- «ch Sk. 2K! Ae palästinensische Schutztruppe. «»handlangen Mische« Weltmann «ad Plumer. Jerustrlem, 29. März. Das Mitglied der Zionistischen Exekutive in Palästina, Colonel F. H. K is ch, sprach sich gegenüber dem Jta-Vertreter über die Frage der Teilnahme der palästinensischen Juden an der Schutzmacht des Landes in folgender Weise aus: Soweit die Verordnung der Palästinaregierung dem Plan der Schaffung eines transjordanischen Grenzschutzkorps betrifft, besteht jetzt kein A n la ß, die Juden darüber zu befragen. Unentschieden ist aber noch die allgemeine Frage der Teilnahme der jüdischen Bevölkerung Palästinas an. der Schutzmacht des Landes. Darüber werden Verhandlungen zwischen Dr. Weizmann unb Lord Plumer geführt. Wie die Jüdische Telegraphenagentur erfährt, wird das neue transjochanische Schutzkorps in Sara fand, Amman, Maan und Akaba stationiert werden. Die Sarasandabteilung wird nur aus Arabern bestehen; 16 Juden werden ihr im p r i v a t e n Vertragsverhältnis als Telephonisten, Mechaniker ustv. angehören. Berwendang der Schuhmacht außerhalb der Lander. Jerusalem, 28. März. (I. T. A.) Das offizielle Organ der Palästinaregierung veröffentlicht die neue Grenzs ch u tz o r d n u n g, aus welcher zu ersehen U, daß 8er Oberkommissär von Palästina berechtigt ist, die Grenzschutzmacht des Landes auch außerhalb der Grenzen des Mandatsterritoriums einzusetzen, wenn dies für den Schutz des Mandatsterritoriums Palästina und T r a n s j o r d a n i e n sich als notwendig erweist. Paffahsriedm in PMstina. Jerusalem, 29. März. (I. T. A.) Im HiMick darauf, daß das jüdische Passahfest, die christlichen Ostern und das m o h a nr m e d a n i s ch e NebpMufa-Fest in ein- und derselben Woche begangen werden, hat der Oberkommissär, Feldmarschall Lord P l u m e r, an die Oberhäupter aller religiösen Gemeinschaften im Lande ein Schreiben gerichtet, in welchem er an die bedauerlichen Ruhestörungen im vergangenen Jahre erinnert und die Kirchenhyupter ersucht, ihren Einfluß geltend zu machen, daß die kommenden hohen Festtage in Frieden begangen werden. (Die Ruhestörungen waren die bei den Osterfeiertagen seit je üblichen Raufereien der christlichen Sekten um das Licht beim heiligen Grab. Zwischen Jliden und Mohaml medanern hat es im Vorjahr keinerlei Reibung gegeben. I — Die Red.) Verabredungsgefahr, sonst hätte sie den Mann sofort verhaften müssen. Hat sich denn seither etwas geändert? Sicher ist: Die nachträgliche Verhaftung war, gelinde gesagt, überflüssig. Aber es wurde verhaftet. Alle möglichen Zeugen wurden verhört, ihre Aussagen protokolliert und unterschrieben, die Beschuldigten gründlich verhört, Es hat lange gedauert. Mer endlich mußte man die' Untersuchung doch für abgeschlossen erklären. Die Anklage wurde erhoben und die Haft blieb aufrecht. Warum? Noch immer Verabredungsgefahr. Verabredungsgefahr, nachdem alle Zeugen ihre gerichtlichen Protokolle unterschrieben hatten. Ist das verständlich? Juristisch nicht, aber gewiß nach dem Grundsatz: „Einspirrn, einspirrn, den Juden wer'n mas schon zag'n!" Die Sozialdemokratie und die „Arbeiterzeitung", die sich von Weisz Jahre hindurch die größten Dienste hatten erweisen lassen, haben ihn fallen lassen. Sie mögen dies mit sich ausmachen oder mit Weisz, wenn er wieder reden kann! Aber selbst bei Austerlitz hat sich das mahnende Gewissen geregt, denn er sah sich veranlaßt, gegen die Haftbehaltung des Weisz zu protestieren. Wer find also die Drahtzieher, die den Staatsanwalt weiterhin gegen den -klaren Wortlaut des Gesetzes auf Weisz und Fuchs Hetzen? Jetzt, da die Verhandlung ausgeschrieben ist, geht es nicht bloß darum, daß ein Staatsbürger ungebührlich lang in Haft behalten wird, sondern noch um Wichtigeres. Der Fall Weisz ist derart singulär, die Prozeßmaterie so groß, daß ein Angeklagter gar nicht die Möglichkeit hat, in zehn Tagen, bis zum 8. April, dem angesetzten Gerichtstermin, seine Verteidigung vorzubereiten. Abgeschnitten von der Außenwelt und aller Hilfsmittel beraubt, muß sich Weisz einem Verfahren schutzlos preisgegeben fühlen, das wohl die Verfolgung, aber keineswegs die Verteidigung sichert. Es ist klar, die Verteidigung soll geradezu unmöglich gemacht werden. Wer führt dem Staatsanwalt die Hand? Die Masken müssen fallen. Dr. Ramel in Prag. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Prag, 30. März. Heute traf hier der österreichiische Bundeskanzler Dr. Ramek mit den Mitgliedern der österreichischen Delegation aus Berlin im Wilson-Bahnhof ein, wo er unter anderen in Vertretung des Präsidenten Masaryk vom Kanzler Dr. Sa mal und dem Außenminister Dr. B e n e s ch empfangen wurde. Nach kurzem Cercle im Bahnhoffalon fuhren die Gäste in die Burg. Hier wurde Dr. Raines bet dem Präsidenten das große goldene Ehrenzeichen am Bande Mit dem Stern für Verdienste um die Republik Oesterreich überreichte, vom Präsidenten Ma sary! in feierlicher Audienz empfangen. Der Präsident gab zu Ehren der österreichischen Gäste ein Diner. Um 11 Uhr vormittags stattete Dr. R a m e k dem Ministerpräsidenten Cernh einen längeren Besuch ab. Nachmittags fand auf der österreichischen Gesandtschaft »in Empfang der heimischen und der ausländischen Pressevertreter durch Bundeskanzler Dr. R a m e k statt, der dabei unter anderem ausführte: Mein Aufenthalt in Berlin, formal als Gegenbesuch der seinerzeitigen Amvssenheit des Herrn Reichskanzlers Dr. Marx und des Herrn Reichsaußenministers Dr. Stresemann in Wien zu werten, hat mir erwünschten. Anlaß gegeben, die engen und freundschaftlichen Beziehungen zu dem Deutschen Reich neuerlich jestzusteUeu und zu bekräftigen. Darüber hinaus hatte die österreichische Delegation aber auch Gelegenheit, in Handelspolitische sür Oesterreich wichtige Besprechungen einsutveten, und ich glaube annchmen zu können, daß dem auch schon bei früheren Besprechungen angestrebten notwendigen lins ^uidischic H1aus d as jüdische Blatt , Ausbau der bestehenden Handelsverträge durch Zusatzabkommen hevbeiff'chwn können. Die österreichische Delegation hat die Rückreise von Berlin über Prag angetreten, und es «ist mir eine besondere Ehre, in Fühlung mit dem Herrn Präsidenten der tschechoslowakischen Republik Dr. M a s a r y k treten zu dürfen und dem Herrn Minister des Aenßern Dr. Be ne sch meinen Besuch <tbstatten zu tonnen. Ddein Aufentlhalt in Prag ist nur mit wenigen Stunden lbemessen. Sie mögen darin aber trotzdem ein Zeichen der guten und herzlichen Bezie- Hungen erblicken, die zwischen Oesterreich und seinem nörd-. lichen Nachbarn bestehen. Schon in Wien wurden auch die zwischen der Tschechoslowakei und Oesterreich bestchemdö» handelspolitischen Beziehungen erörtert. Diese Erörterungen wurden vom Herrn Sektionsches Dr. Schüller in Genf! fortgesetzt und dürften, wie Sie ja ans den offiziellen BeÄautbarungen wissen, schon in naher Zeit in regelrechte- Verhandlungen übergeleitet werden. Wenn in jüngster Zeit einzelne Staaten trachten, im Wege von Sch i ^dhD . Verträgen eventuellzwischn ihnen auftmtchnde nungsdifferenzen auf gütlichem Wege zu schlichten,' wenn, also ' in gewissem Sinne eine europäische Zivil- und vielleicht auch eine Strafprozeßordnung geschaffen werden soll, so find auch diese Wege einer modernen Überstaatlichen Entwicklung nur aus boöem Herzen zu begrüßen, .da Ruhe und Frieden die unerläßlichen BorauHa setzungen -des wirtschaftlichen Gedeihens sind. Der österreichisch 'tschechoslowakische Schiedsvertrag ist vielleicht mit ei» Anstoß gewordene daß . wir überall Verhandlungen im Zugs sehen, durch «in Retz von Schiedsverträgm die friedliche Entwicklung zu fördern. Leider ist das fretz Hinüber- und Herübevfluten der Arbeitskräfte durch die allge«. meine wirtschaftliche: Entwicklung in einzelnen Äaaten ge« wissen Hemmungen unterworfen. Gesetze zum Schutz der inländischen Arvdt haben Hindernisse geschaffen, di« von allen Beteiligten unangenehm und manchmal schwer empfunden werden. Wenn es aber gelingt, die von mir soeben annäherungsweise. gezeichneten wirtschaftlichen und Politischen Bestrebungen in die Tat umzusetzen, wird hoffentlich in absehbarer Zeit ein Zustand, eintreten, der die Freizügigkeit des Arbeiters, aber auch des Unternehmers in Europa sichert. Zu Ehren Dr. Rameks veranstalteten Außemnincster Dr. Benesch Md Gemahlin ein Galadiner, zu dem di« Chefs aller diplomatischen Missionen in Prag und d ie gsjamte Regierung erschienen waren. Zum Schluß des Diners wurden herzliche Trinksprüche gewochsellt. Minister Dr. Benesch hielt folgenden Trmkspruch: ^Herr Bundeskanzler! Ihre Ankunft in Prag bestätigt alles, was wir mündlich in Wien ausgedrückt häben, und ich verdolmetsche Ihnen bei dieser Gelegenheit namens < unserer Regierung nochmals unsere Freude und unsere volle Befriodiaung. Gestatten Sie mir, meinen Becher auf diese freundschaftliche Zusammenarbeit — aus eine lange und dauernde, wir wir darüber in Wien gesprochen haben —, aus das Aufblühen der österret-chif^^^ Republik, auf die Gesundheit >des Herrn Bundespräsidenten Dr. Ha i n isch und aus die Gesundheit Eurer EMllenz zu erheiben." ' Bundeskanzler Dr. Ramek erwiderte: ,Lerr Min-ist«! Gestatten Sie mir, den aufrichtigen Dank für die stmudschapn sichen Worte der Begrüßung und für diese ganz« Atmosphäre der Gastfreundlichkeit nnV Freundschaft, von der ich mich sd angenehm NMgeb-U sichle und die so getreu jene freundschaftliche» BA z i e h u n g e n widerspiegelt, die unsere beiden Stwite» Mbinden, Wszudrücken. Ich erhebe meinen Becher M Ms ständig glänzendere Entwicklung und auf eine glüMche' 90 freundliche Zukunft der tschechoslowakischen Republik." Um halb 1 Uhr nachts trat Dr. Ramek die RÜW>

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