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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-30 · Heft 2551 (30.3.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2551 (30.3.1926)
Date
1926-03-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite S Dien. DimStag Mener Morgenzeitung so. März 1SS6 Nr. SM Var rote Meer. —y. W \ e n, 30. März. Als das jüdische Volk sich aus der ägyptischen 'Sklaverei loSloste, stand ihm die Freiheit nur als ein sehr verschwommener Begriff vor den Augen. Die Zeit, in der die jüdischen Arbeiter als Hirten, Strom- Wächter, Ziegelstreicher hatten roboten müssen, war vorbei. Aber der einzelne, der das Joch getragen hatte, so wie es seine Ahnen bedrückt hatte, erkannte doch, daß nur der Wille der Gesamtbeit notwendig gewesen war, um diesem Zustarrd die Grenzschranke zu setzen. Als die Gesamtheit sich ihrer Lage bewußt wurde, als sie einer der ihren aus die Schande hinwies, daß sie unter Aufsehern aus dem eigenen Stamme für den Pharao und die Seinen sich plagen und rackern mußten, als die Gesamtheit sich auf ihre Geschichte und Herkunft besann, nahm sie ihr Geschick selbst in die Hand und zerbrach den Bann der Fremde. Sie ging in die Freiheit. Noch aber konnte das Bewußtsein, das in allen lebte, diesem Wort nicht den anderen, den politischen Sinn, geben. Es mußte erst der Wille geweckt werden, die freigewordene Gemeinschaft mit einem neuen Inhalt zu erfüllen, sie auf neue Ziele zu weisen. ES mußte der Entschluß in die Seelen getragen werden, sich durch gemeinsames Recht und Gesetz mit allen aufs engste zu verbinden, die vom gleichen Stamm und Blut waren und das gleiche Elend getragen hatten. Nimmer sollte die Gewöhnung unter fremdes Recht das Brudergefühl übertönen können. * So wechselvoll in der Folge das Schicksal der Nation sich gestaltete, so konnte doch nicht die Erinnerung an das große Ereignis getilgt werden, mit dem sie geschichtsbildend in die Reihe der Kulturvölker eintrat. Ihre erste Tat war die Erringung der Freiheit gewesen, die zweite galt dem Gesetz, der festen Eingliederung des Stammes, der Familie, des einzelnen m die Gemeinschaft. Die Feste des Frühlings hielten diese Erinnerung für alle Zeiten stets lebendig. Ihnen war es zu danken, daß die Seele des Volkes unbeeinflußt blieb voni Grauen des Exils und daß auch alle Verlockungen zum Abfall stets nur einzelne in ihren Bann ziehen konnten. Die Fügung der Geschichte, die Waffenmacht der Stärkeren hatte den staatlichen Verband der zwölf Stämme erst lockern und dann in Atome sprengen können. Aber das Freiheitssehnen und das Bekenntnis zum Gesetz und seinen für die Ewigkeit geschmiedeten Normen konnte nicht erschüttert werden. Das politische Eigenleben schlief im Unterbewußtsein und es wachte wieder auf. als nach zweitausend Jahren der Zionismus die Grundideen einer nationalen freien Existenz von neuem formulierte und sie vor allen Völkern öffentlich aussprach. * Im Zionismus kristallisieren sich alle Hoffnungen der jüdischen Nation, der Zionismus ist ihr neues Bekenntnis. Er ist das Programm einer freien, selbstbewußten Nation, frei trotz der Diaspora, trotz der Einflüsse von fünf Weltteilen, trotz der Influenz der Entwicklung von so und so vielen Staaten ud Völkern, unter denen diese enterbte und in Fesseln gehaltene Nation lebt. Im Zionismus spricht die jüdische Gesamtheit aus, daß sie das Grundrecht für sich in Anspruch nimmt, als Volk mit den anderen gemeinsam und im Wettbewerb an der Erhöhung der Gesittung, an der Ueberwindung des Hasses und der materiellen und seelischen Unfreiheit zu arbeiten. Der Zionismus ist die Vollstreckung einer hohen Idee, er will das rote Meer der sozialen UngerechtiAeiten ÜberLrücken. In ihm hat das jüdische Volk wieder frei atmen gelernt und im Zionismus hat es wieder den Weg zur Selbstbestimmung gefunden. Das jüdische Volk will; es lehnt die Duldung und die Gnade ab. ES will, daß allen Menschen und allen Völkern ihr Recht werde, auf das sie von Geburt aus Anspruch haben. DaS jüdische Volk will sich nicht ausschließen auS dem großen Menschheitskampf gegen jegliche seelische und politische Verkrüppelung, aber es will an diesem Kampf als gleichberechtigte und gleichwertige nationale Individualität teilnehmen. Solange wir nicht als Volk frei sind, bleiben wir Sklaven in Aegypten und bauen den Pharaonen ihre Pitom und Ramses. Aus krez Israel. Di« Bah Development Company. Die Haifa Bah Development Company hat mit dem Sole! Donch einen Vertrag Mer den Beginn der Arbeiten auf dem Dcden von Djedro in Höhe von 6060 Pfund geschlossen, mit denen in den nächsten Lagen begonnen werden soll und wobei gegen 400 Arbeiter Beschäftigung finden werden. Ein Teil von ihnen wird aus Afuleh kommen und der Rest aus Haifa. LÄ ist dies der Beginn der dort geplanten großen Arbeiten, von denen man hofft, daß ste Tausenden ArbeitSmöglichkeitm geben werden. Vom palästinensischen Im Jänner wurden von Jaffa nach England 298.000 reisten Orangen verschickt. Die Pardeß-Kooperative, die auf der Jaffa- OrangenauSstellung von 28 Preisen 16, davon sechs erste Preise erzielt hat, bereitet gegemvärtig die Verladung auf einer speziellM Londoner Liste WMWll «Argpip Brand" fest, Der Wische Sejmllub. Reue Brkhanviungeu mit der Regierung. lEigendienst der „Wiener Morgenzeitung.^ Warschau, SS. März. Im Aufträge deS jüdischen Klubs erschienen Präsident Hartglas und Vizepräsident Farbstein beim Ministerpräsidenten Skrzynsk i, um mit ihm eine Reihe aktueller Forderungen der jüdischen Bevölkerung zu besprechen. Der Ministerpräsident schlug vor, im Laufe der nächsten Woche eine gemeinsame Konferenz in Anwesenheit des Unterrichtsministers Grabski und des Handelsministers O s i e c k i abzuhalten. Die Konferenz dürfte erst nach den Ostern stattfinden. In der Budgetkommission sprach namens des jüdischen Klubs Abg. WiSlicki über die gegenwärtige Finanzlage in Polen. ES tvar ein Fehler, daß der frühere Finanzminister Grabski allzu schnell eine neue Valutaform eingeführt habe. Die Fixierung des Zloty in einer Relation von 5,18 Dollar beweist, daß die für die Valuta nötige Fundierung der Bank PolSki gefehlt habe. Das Staatsbudget mache jetzt eine Milliarde 600 Millionen aus, wobei das Defizit allein 400 Millionen beträgt. Man bestimme ein Budget, ohne zu fragen, ob die Bevölkerung in der Lage sei, die Lasten zu ertragen. Die Fortsetzung deS fiskalischen Systems führt zur Vernichtung deS Wirtschaftslebens. Da daS Budget nur ein Defizit, aber keine Deckung aufweist, könne der jüdische Klub für daS Budget nicht stimmen. In der Autzenkommifflon, in der die Debatte über das Expose deS MnisterpräG^ denten Skrzynski fortgesetzt wurde, sprach Abg. Thon namens des jüdischen Klubs über die auswärtige Politik des Ministerpräsidenten in Genf. Wenn jetzt überall vom Geiste von Locarno gesprochen wird, so müsse leider festgestellt werden, daß der polnische Sejm noch weit von diesem Geiste entfernt ist. Sowohl die Rechte, als auch die Linke scheinen zum Locarno-Geist keine Beziehungen zu haben. Polen müsse vor allem im Innern für ein friedliches Zusammenleben aller Einwohner eintreten. Der seit Jahr und Tag herrschende Staatsantise mitismus muß verschwinden. Redner sei immer für die Verständigung eingetreten und ihre Durchführung war sein innigster Wunsch. Leider aber trage die Politik des Unterrrchtsministers Grabski dazu bei, die Verständigungsaktion nur als einen frommen Wunsch anzusehen. Der Numerus elausu- und die Verfolgung der Juden habe die Realisierung der Verständigungsaktion verhindert. Jnsolange Polen kerne Locarno-Politik im Innern betreibt, kann nran von einer erfolgreichen Außenpolitik nicht sprechen. Dian darf sich nicht der Illusion hingeben, daß man die nationalen Minderheiten zum Schweigen bringen wird. Polen ist keine Robinson-Insel, von der man vielleicht den Hllfeschrei der nationalen Minderheiten nicht hören könne. Jüdische Avbeicher in den Kolonien. Wie der Jerusalemer Korrespondent des „Rajen Hajnt", Petmschka, berichtet, haben die Kolonien Petach Tikwah, Chedera und Rechoboth eine größere Zahl jüdischer Arbeiter neu eingestellt. Palästinensischer Automobiltarif. Ans Initiative des Handels- und Jndustriedepartements der Zionistischen Palästinaexekutive fand eine Versammlung der jüdischen Automobilbesitzer und Chauffeure statt, die folgende neue Fahrpreise feft[e^tc: Jerusalem—TebAlw iw und zurück pro Fahrgast 35 türk. Piaster, Jerusalem—Haifa und zurück und Jerusalem—Liberias und zurück 80, Jerusalem—Afuleh und zurück 60, Haifa—Liberias und zurück 35, Liberias—Safed und zurück 25, Tel- Awiw—Haifa (via Tul-Kerem—Djenin oder via Tul-Kerem —Sichron-Jakob) 80, Jerusalem—Hebron und zurück, ein Keiner Wagen 160 und ein. großer Wagen 825, Jerusalem— Jericho—Totes Meer und zurück, ein kleiner Sonderwagen 260 und ein großer Wagen 380. Die Tagesmiete eines Automobils (mindestens 2, höchstens 10 Tage) beträgt 850 türk. Piaster pro Tag (10 Stunden Fahr- und Wartezeit und maximal 175 Kilometer). Ein Kleinwagen im Weichbild der Stadt kostet pro Stunde 35 und ein großer Wagen 46 türk. Piaster. Die Leitung der hebräischen UniverfitA. London, 29. März. Die zionistische Exekutive versendet eine Mitteilung, wonach fünf Mitglieder für die höchste Leitung der Jerusalemer Universität, den Board of Governors, ernannt wurden, und zwar die folgenden Herren: Oberrabbiner Pros. Dr. C h a j e s (Wien), Prof. Dr. S. Freud (Wien), der bekannte Psychoanalytiker, Prof. Hadamard (Paris), Lehrer an der Sorbonne und Mitglied des Instituts, Dr. Her tz, der Chief Rabbi von London und Sir Herbert Samuel, der ehemalige Oberkvmmissär Erez-Jsraels. Uurzeichvung Ar Herbert Samuel«. London, 29. März. (I. T. A.) ,Jewffh World" teilt amglaubwürdiger Quelle mit, daß König Georg, als Sir Herbert Samuel jüngst zur Audienz erschien, diesem di« Peerswürv« angeboren hat, die Sir Herbert Samuel aber respektvoll ablehnte. Der Gewährsmann der Zeitung teilt noch mit, er werde nicht überrascht sein, wenn Sir Herberts Name in der nächsten Liste der Baronels figurieren wird. Nach der allgemeinen Ansicht war der von Sir Herbert Samuel erstattete Bericht der Kohlenkommission, die er leitet«, «ine nicht zu übertreffende Arbeit._ SJrionb «ad der gionirmur. Kein jüdischer Staat, sondern et« Natioitrckhrim. Paris, 29. März. (I. T. A.) Am Donnerstag hielt die Gesellschaft France Palestine «in« Tagung ab. Den Vorsitz führt« der Präsident der Gesellschaft, der frühere Minister Abg. Justin Godard. Zu Beginn der Sitzung verlas Godard ein Schreiben des Ministerpräsidenten Aristide Briand, in welchem festgestellt wird, daß die französische Regierung für den Zionismus Sympathie hegt; ste wolle nicht einen jüdischen Staat in Palästina, aber ein Nationalhrim für das jüdische Volk unter Bedingungen, daß die Recht« des arabische« Voltes vollkommen gewahrt werden. Es wurden ferner Sympathieschreiben von dem Präsidenten der Republik, Doumergu«, dem Kammerpräsidenten Herriot, dem früheren Premier P a i n l e v e und dem rHrer der französischen sozialistischen Partei. Abg. Äon lum, verlosen. Balvwln über den Bölkerbundrat. Im Unterhaus erklärte Premierminister Bald Win, die Regierung habe noch keinen britischen Vertreter für daS mit der Prüfung von möglichen Aenderungen m der Zusammensetzung des Völkerbundrates boa-uftragte Komitee ernannt. Die britische Regierung werde an der Konferenz frei von allen Bindungen teilnchmen und ihre Bemühungen aus das Ziel richten, zwischen den Mitgliedern des Komitees ein Uebereirckommen zu sichern» wobei sie für eine Lösung eintreten werde, die ihr am geeignetsten scheinen werde, den Interessen des Völkerbund« s zu dienen und den F ri ede n zu fe sti ge n. Die Regierung habe keinerlei Instruktionen für den neuen Delegiert'- vorbereitet. Ser zionistische Sberrat in Pole». (Eigendienst der „Wiener Morgenzeilung.") Warschau, 29. März: Im Sinne des Beschlusses der letzten allpolnischen Zionistenkongreß wurde der zionistische Oberrat in der vorjährigen Stärke aus Delegierten der verschiedenen Lcmdesorganisationen nnd Gruppierungen gebildet. Neuer Angriff attf Iamarku». London, 29. März. Die ,Mmes" berichten aus Ha rsa, daß kurz nach der Ankunft des Oberkommissürs d e Iouv e n e l in Damaskus die Aufständischen die Stadt von allen Seiten angegriffen und das Fs«er die gauK Nacht hindurch auftechterhälten haben. Inland. Lrohende hasfive Restftenz in de« Bundesbetrieben. Das Exekutivkomitee der in der Dochnische« Union organisierten Staatsarbeiter und Betriebsbeamten verhandelte Samstag mit den Regierungsvertretern über gewisse Forderungen, die schließlich wegen des Verhaltens des Vechandlungsleiters Ministerialrates Dr. Ritsch mann ergebnislos abgebrochen wurden. Das Exekutivkomitee 'beschloß nun, an den Verbandsvorstand hemnzutreten und von diesem zu verlangen, daß am Donnerstag in allen Wiener Bundesbetrieben» StaatAdruckerei, „Wiener Zeitung", Münzamt usiw., mit der passiven Resistenz einzusetzen sei, wenn die Regierung bis dahin nicht ein alleres Berhandlungskomitee eingesetzt habe. Einberufung de« Mietrnausschuffes. Seit dem Dezemlber, da die Regierung di« Vorlage über die Novellierung des Mietengesetzes im Nationalrat eingebracht hat, und dem mit Jahresende erfolgten Ablauf des AnsorderungSgesetzes ist von keiner Seite ein weiterer Schritt in der Mietensrage geschehen. Bor Jahresende sahen Regierung und Mchrheitsparteiisn von einer Forcierung der Mietengefchnovelle ab, weil sie befürchten mußten, daß die Opposition sonst die Bewilligung des mit dem Völkerbund vereinbarten Budgets siir 1926 behindern würden. Auch die Kleinrentnervorlage, die ursprünglich mit dem Mietengefetz in einen tatsächlichen Konnex gebracht wurde, ist in der AuSschußberatung stecken geiblieben, nachdem die Regierungsvertreter erklärt hatten, es scheine keinem Anstand zu unterliegen, wenn das Junktim Frischen Mietmgeisetz und Klleinrentnergesetz gelost werde. Nunmehr sollen die Verhandlungen über die Mietensrage neuerlich ins Rollen kommen. Der genvesme Finan-minister Dr. Kienböck hat die Absicht, den MietenauSschuß des MionalmW M dm 18. April lUlttNltttlik

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