Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-03-28 · Heft 2549 (28.3.1926) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2549 (28.3.1926)
Date
1926-03-28
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981636--26011-3013722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

St 25© ' Wen, Sotmfäg Sie Woche. Nach den großen politischen Sensationen in Genf ist in dieser Woche eine merkliche Entspannung cingetreten. Äe Rückwirkung der Genfer Ereignisse auf die einzelnen Lander, die stürmischen Debatten in den verschiedenen Parlamenten werden nur mehr mit halben! Interesse verfolgt. Man ist langsam der großen Politik müde geworden und tut besser daran, sich den kleinen Dingen des Lebens zuzuwenden. Vielleicht vermag inan sogar aus ihnen die tieseren Ursachen des Scheiterns der Kothurnen- Politik herauszulesen, Ursachen, die mit den ureigensten Merkmalen des Zeitalters identisch sind. Wir belieben uns das Zeitalter des technischen Fortschrittes zu nennen. In unseren Blättern erzählen wir uns täglich selbstgefällig über die neuesten Errungenschaften des Telephons, des Radio, der medizinischen Technik, des Verkehrswesens. Mit Amerika können wir schon bald kabelsprechen, nach Paris drahtlos Bilder übertragen, die Krebskrankheit in einem Tropfen Blut diagnostizieren und von Madrid nach Buenos-Aires luftspazieren. Wir feiern diesen Fortschritt mit riesigem Pomp, sozusagen offiziell und der spanische König baut eine ganze Luftflotte, um mit seiner Gemahlin in Hernrelin und seinem Hofstaat in Galauniform, höchst persönlich inl Festornat die schon andern geglückte Fahrt über den Ozean zu „wagen." Mit einem Wort, die Macht ivächst; ob sie auch das Glück und das Wohlergehen der Völker fördern wird, ist zumindest noch unsicher. Bis jetzt ist davon noch wenig zu bemerken; der Fortschritt der Technik trägt viel eher zu einer Entfremdung der Menschen bei. Daß die schwarzen Amerikaner in Wohnvierteln der Weißen nicht hausen dürfen, wurde neuerlich durch einen Prozeß bekannt, den ein Neger gegen einen weißen Hausbesitzer angestrengt hat und der noch der Entscheidung des New-Aorker Obergerichtes harrt. Jetzt haben aber die tüchtigen Weißen den Fortschritt der Technik, das beliebte Radio als Folterinstrument gegen die verhaßte „minderwertige" Rasse der Farbigen benützt. In Oceola in Florida wurde ein Neger, der sich an einer Weißen vergehen wollte, vor die Radiosendestation geschleppt und dort zum Genuß der weißen und zur Warnung der schwarzen^ Zuhörer systematisch totgeprügelt. Bis /zum letzten Hauch, berichten die Zeitungen, konnte man deutlich das Jammern des Unglücklichen abhorchen. So entwickelt, so fortgeschritten ist also die Radiotechnik! Es kann schon die wohlklingende Lynchmuflk übertragen werden . . . * Dem Pariser Polizeikommissär Pilot hat die moderne Technik auch, glänzende Dienste geleistet. Und das kam so: Madame'Caz ade, eine sechzigjährige Frau und ihre Tochter wohnten schon seit 20 Jahren im Hause des Hl^rrn Cunault. Da kam aber der junge Sohn des Hauseigentümers aus den Kolonien nach Hause und der liebevolle Vater sah sich genötigt, den Damen wegen dringenden Eigenbedarfes die Wohnung zu kündigen. Alle Gerichtsinstanzen haben schließlich die Kündigungswirksamkeit ausgesprochen und doch wollten die beiden Damen die Wohnung nicht räumen. Vor einigen Tagen sollte dies nun polizeilich erledigt werden. Die zwei zur Exekution des Gerichtsbeschlusses entsandten Polizisten konnten aber die Wohnug gar nicht betreten, denn Mutter und Töchter wollten nicht auf die Straße und verbarrikadierten mit Tischen und Stühlen die Tür. Unverrichteter Dinge nmßten daher die Polizisten abziehen und erstatteten ihrem Kommissär, besagtem Herrn Pilot genauen Bericht über die verzwickte Lage am Wohnungs-Kriegsschauplatz. Der draufgängerische, int Krieg ausgezeichnete Kommissär wollte aber unbedingt siegen und beorderte eine ganze Gaskolonne gegen die Frauenfestung. Die Gasritter sind sofort ausmarschiert, und es gelang ihnen binnen einer halben Stunde die Frauen zu bezwingen. Sie bohrten nämlich in die dünne Zimmerwand ein Loch und ließen Gas einströmen. Weingas, das heißt Gas, das zum Weinen bringt oder irgend ein anderes betäubendes Gas. Auf jeden Fall waren die beiden Frauen bald bewußtlos und man mußte sie auf Tragbahren in ein Spital bringen. Gegen den ritterlichen, kriegerischen Kommissär wurde eine Untersuchung eingeleitet, obwohl er ja nur dasselbe getan hat, was er fürs Vaterland zu tun gewöhnt war. Für das Inland scheint aber das Gas zu wenig harmlos gewesen zu sein und vielleicht war es doch nicht nur „Pein"-Gas. Da die Frauen im Spital liegen, dürfte es ihnen nicht nur Tränen entlockt haben. . . Nicht den Fortschritt, aber dessen Mißbrauch müßte man bekämpfen. Nur ist dies nicht so leicht und gewöhnlich -tu spät. * Es kommt immer darauf an, warum und wozu man eine Neuerung schafft. Das Beste, Schönste und Nütz- _Wiener Morgenzertunft_ lichste kann ins Gegenteil verkehrt werden, wenn das Motiv oder der Zweck unvernünftig sind. Wie lächerlich wirkt zum Beispiel Herr Pangalos, wenn er sogar Diktator der Mode werden will und junge Athenerinnen einsperrcn läßt, tveil nach dem Zentimeterstäbchen des Sittlichkeitspolizisten die Länge ihrer Röcke nicht ganz der gesetzlichen Vorschrift entspricht. Vor kurzem wurde ein Mädchen in der griechischen Hauptstadt, die noch in Europa liegt, tatsächlich deswegen zu vierundzwanzig Stunden Arrest verurteilt. Da ist schon die neue Steuer der Chinesen verständlicher. Auch sie wendet sich gegen die Mode, indem sie die alte Sitte, daß die Frauen ihre Füße verrenken, um winzige Schuhe tragen zu können, besteuert. Jede Chinesin, die jetzt durch verkrüppelte Füße schön sein und wirken will, muß zwei Pfund jährlich an den Staatssäckel bezahlen. Hier war aber eine primitive Forderung der Volksgesundheit, der Hygiene, der Natürlichkeit maßgebend und darum ist auch die neue Steuer gerechtfertigt. Besonders, da sie wegen der bekannten Sparsamkeit der Chinesen der kürzeste Weg zur Ausrottung dieser unnatürlichen Sitte war. * Um die symptomatische Chronik der Fortschritte der letzten Zeit zu vervollständigen, müssen noch zwei Neuerungen erwähnt werden. Zunächst sollen sich die Tanzgirls, diese amerikanisch-französische Institution, gewerkschaftlich organisieren. In Amerika ist das Nevuegirl-Sein eine ernste Kunst, ein mühevoller Drill zurnindest. Außer dem schönen Körper muß man dazu noch manche schwierige Prüfung bestehen und vielerlei können. In Wien ist die Sache zwar nicht so kompliziert, die Mädchen, die den Hintergrund einer Revue bilden, müssen nur schön sein, ein wenig singen und die Beine heben können! Und doch sind sie, oder besser ihre Körper — die Hauptsache, die Attraktion. Die Stars, die Coupletsänger, sind hier nur der Rahmen, die Ausschmückung für das eigentliche Bild, dessen immer wiederkehrender, innerer lebendiger und zugkräftiger Inhalt: der weibliche Leib ist. Und für diese wichtige Hauptrolle zahlen die Unternehmer minimale Schundlöhne', die Mädchen sind jeden Schutzes und Rechtes bar, können zu jeder Zeit gekündigt, entlassen werden. Der Chor in der Oper oder sogar die Statisten in den Sprechtheatern verdienen oft mehr, als die Revuegirls, die „nur" ihren Körper zeigen, was aber hier der Kassaschlager ist. Darum würde ein Streik einer Revuegirl-Organisation sofort einen Stillstand des Revuebetriebes bedeuten. Ich bin neugierig, wer da in eine Revue hineinginge, wenn die schönen Mädels nicht dabei wären . . . Diese „Kunstgattung" müßte geradezu zugrunde gehen . . . Die neue Organisation soll daher im Interesse der „Kunst", des Wohlstandes der Theaterdirektoren und schließlich der armen, schönen Girls willkommen geheißen werden. Ihre Gründung wird ein Unrecht gutmachen und zugseich das Wesen der Revue deutlich klären ... Ferner wird im Wiener Kursalon der moderne Tanz von unten beleuchtet. Auf einem beleuchteten Glasparkett— wie bei allen Tanzreklamen ist der Name französisch und lautet: Parquett lumineux — wird getanzt, der Saal ist dunkel, wie im Theater, und das „unterirdische Licht schillert in allen Regenbogenfarben". Der Eindruck ist, wenn auch pikant, wunderbar, die Paare bewegen sich wie in einem Zauberkreis. Der Tanz ist ein Reich für sich, vielfarbig, fern aller nüchternen Welt, die gewöhnt ist, von oben beleuchtet zu werden. Manchmal nur fühlt man beklommen eine Angst; brennen , nicht schon die Fußsohlen der Tänzer und Tänzerinnen, lodert nicht das rote Feuer empor, bricht nicht das Glas zusammen, verschlingt nicht der glühende Vulkan die Tanzenden in seinem Rachen? . . . Nein, es war nur ein leerer Traum, schon ist die Lichtfarbe grün, wie im zartesten Waldfrühling oder gelb, wie im exotischesten Orient oder sie leuchtet gar weiß, wie die Unschuld. Kein Vulkan, nur ein Zauber. l. th. Nicht nur die Kinder find begeistert. lsolcheon auch die Erwachsenen unterhalten sich bei den m einem Schu!lH.cuus wirtlich noch nie dasMyesenen Darbiet'MMN der Do'l-Ka, Kiniderschrcha!btloikm>g, im Hauptgeschäft, 6. Beiz., MavicchÄferstraße 47. Bon den herrlichen lebenden Bügeln in südlicher Fvühlüipslcmdschaft wollen sich die Kinder nicht trennen. Bon: ZanbeMnstler schon gar nicht. Der Einkauf wird zum Vevgnüigen, das nur noch durch die fabelhaft billigen Preise gesteigert tvird. Konzert, Konditorei (Frcdendick) nsw. Es empfiehlt sich, den Emkauf auch in den Borinlltiagsisiunden vorz-nnehmen. (Beachten Sie Inserat aus Seite 11.) Das 8nde eines Steneridd«*. Es wird wenig bekannt sein, daß die drei im Aermelkanal liegenden Inseln Jersey, G u e r n s e y und I S l e o s Man zlvar j» Großbritannien gehören, bis jetzt aber ans Grund alter Privilegien keine steuern zahlen. Ein besonderes Komitee des Britischen.Geheimen Rates boschästigt sich jetzt mit der Ausgabe, diesen Zustand zu beseitigen. Der Bericht, der von dem Komitee vorgelogt ist, stellt fest, daß ans Grund des Privilegs gelegentlich st e n e r f«i übliche Leut e ans England insbesondere nach Jersey ausgewandert sind; lvenn dies nicht in größerem Umfange geschah, so wahrscheinlich deshalb, weil das steuerfreie Idyll »licht genügend bekannt war. Alan will zunächst mit den Inseln über ganz ni-eorige Lätze verhandeln, erklärt aber, daß nötigenfalls das Parlanlent durchaus die Macht habe, Sie alten Privilegien ausziiheben. Schade; jetzt, nachdem inan weiß, wo man sich ansiedeln muß, hört das Schlarasfemand ans. _88. Mar; 1986_Wkf MALOWAN vorm. MALOWAN & FRANZ,OPERNRING 23 bringt für das Frühjahr Übergangsröcke in herrlichsten Dessins sowie neuesten Farben auk Sekle gearbeitetem PREISE VON S 150 Sie Wahrheit durch das Radio. Eine geheime Funkfiatiou gegen die Zensur. Aus Berlin wird berichtet: lieber eine seltsame Brrschwörnng durch das Radio meldet das berliner Tageblatt" ans Barcelona: Seit ungefähr acht Tagen fünf Homert in Spanien eine geheime Funkstation, die täglich den Radioteilnchmem die Nachrichten übermittelt, die von den Zeitungen nicht gedruckt werden dürfen, insbesondere über die Ereignisse in Marokko und die Beschlüsse der Regierung. Die gange spanische Polizei ist alarmiert und sucht die Verschwörer zu entdecken. Das Direlktorinm erwäge bereits, den ge samten Radioverkehr Aef«- w eil lg zu ) per rem Mhfteriöser Lid eines amerikanische» Finanzmannes. Aus Paris wird gemeldet: Wie „New-Aork Herold" mitteilt, ist unter mysteriösen Umständen der bekannte amerikanische Bankier Lambert-Tickner im Alter von 51 Jahren gestorben. Tickner war bei Freunden zu einem Abendessen eingeladen und kurz nachher verischied er im Hotel in Anwesenheit feiner Frau und Tochter. Eine polizeiliche Untersuchung ist im Gange. Der Bankier Tickner gehört zu den bedeutendsten Vertretern der amerikanischen Hochfinanz. Er war stark beteilig an der Syracus-Pveß-Company Md gehörte zu den Mitarbeitern Hoovers. Dempsey wegen Schnellfahrens verhaftet. Aus Berlin wird Ms berichtet: Nach einem Funkspmch der Nachtausgabe des „T a fl" aus New-Uork ist der Weltmeister Dempsey verhaftet worden. Seine Festnahme erfolgte, weil er mit seinem Auto M e h r als 110 Kilometer in de°r Stunde gefahren war. Seine Verhaftung gelang erst nach ei «et toll en I a g d in der Nähe von Fresno. .__ . Sine Bande, die Levviche stiehlt. Eine mnerikanische Spezialität. Aus New-Uork wird gemeldetr Eine geschickt orgaui» sierte Bande von Plünderern ist mrgenblicklich am Werke, kostbare Teppiche ans Privatwohmmgen Md Verkaufslädenzu st e h l e n, sie a « ß e r L a u d z u s chmugg e ln und.zu hohe« Preisen an auswärtige Millionäre zu verkaufen. Die im Jahre 1925 gestohlenen Md geschmuggelte» Waren werden auf ungefähr 250.000 Dollar gef ch a tzt. Bon einem Ager zerfleischt. Aus Rom wivd berichtet: Der deutsche Tierbändiger Oesters ha gen, der im hiesigen Zoologischen Garten als Wärter angestellt war, wurde von einem Tiger zerfleischt. Er starb auf denr Transport ins Spital. Oestershagen war als Tierbändiger im Zirkus! Gleich angestellt und vor zirka Monatsfrist als technischer Oberauffeher für den hiesigen Zoologischen Garten gewonnen worden. Gestern vormittags begab er sich in den Käsig des Königstigers Emir, der mit einem Tigerweibchen in einen gemeinsamen Käfig überführt werden sollte. Der Tiger befand sich auf einer freien Plattform draußen und wollte nicht in den inneren Käfig hmeingchen. Tollkühn ging Oestershagen, nur mit einer Peitsche in der Hand, auf den Tiger los und versuchte, das Tier, das sich in eine Ecke geikauert hatte, mit der Peitsche in den inneren Käfig zu treiben. Plötzlich warf sich der Tiger blitzschnell auf den Bändiger, verbiß sich im Genick und schleppte ihn bis zum Eingang in den inneren Käsig. Als das Tier, durch die anderen Wärter verscheucht, sein Opfer losgelassen hatte, wurde der schwerverwundete Tierbändiger eilends ig einem Auw weggeführt doch starb er unterwegs. sine esherantoabieilnng in der Mische» RatlonalbibliothÄ. Auf Anregung des Herrn Dr. Ol schwanger wurde tft der jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem ans den Namen „Dr. Zamenhos" eine eigene Abteilung für Literatur in der Weltsprache Esperanto errichtet. Für diese Abteilung ist sowohl m Jerusalem a!s auch im Zentralbureau der Zionistischen Organisat'vn in London eine anschnliche Zahl von Büchern, Broschüren und Zeitschriften eingeengt. In der Nationalbibnothek befindet sich auch eine wertvolle Handschrift des Begründers des Espera.no, Dr. Zamenhos, die der Bibliochek vom Warscha 1er Verband der Freunde dex hebräischen Universität gewidmet würbe,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.