Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2549 (28.3.1926)
- Date
- 1926-03-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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'-..HW. fcXTJfVi •*?*». M. 2M Men, Sonntag Menev Morgettzettiln. ZS. Mavz 1926 G-Äe S Tagesbericht. Ae 3ett unserer Freiheit. Ms den AuGeLhrmngen eines galizischen Flüchtlings? Von I. Tiger. Kr dm in der füldbvhmischen Ortschaft K. bereits eini quartierten jüdischen Kriegsflüchtl.ngen kamen aus denr k'galWhen Kampfgebiet fortwährend neue Nachzügler. Das j vfterroichrfche Heer erlitt schwere Schlappen und auch Prgemysl, auf das die Mchtlinge ihre letzte Hoffnung gelfetzt hatten, kapitulierte vor dorn Feinde. Als die Kurtde von: Fall dieser Festung nach K. gelangte, konnten es dre am 'meisten Betroffenen gar nicht fassen, war doch diese Stadt der Kort und Schutz ihrer ganzen Heimat! ... Die tschechischen Ortsbewohner dagegen waren sichtlich vergnügt, und Mit verbissener Schadenfreude quälten sie die hoffnungslosen und dennoch patriotischen Flüchtlrnge. Unter diesen Umständen nmßte man sich endgültig mit dem Gedanken vertraut machen, auch Pessach hier zu verbringen. Und das war eben nicht leicht. Der „Vorstand" ließ zwar verlauten, daß aus Büdweis für die Flüchtlinge Mazzes einlangen werde, aber dieses maschinenmäßig hergestellte ungesäuerte Brot war für strenggläubige Juden nicht ganz einwandfrei und kam höchstens für die Kinder in Betracht. Die Erwachsenen nahmen es sehr genau und aßen „Schmireh", hergeftcllt aus Getreide, das vom Schnitt bis zum Backen von frommen Männern beaufsichtigt wurde. Man bestellte daher ,/Schm:reh" aus Ungarn und gab dafür den letzten Heller ans. KartoffÄn, den zweitwichtigsten Pessachbedavfsartikel, tauften sie im Meierhose des Ortes, dessen Pächter Krasa auch Jude war mck ihnen im Preise bereitwilligst entgegen- Lrm. Obwohl sehr strenge und vielbeschäftigt, pflegte sich Krasa nnt den Flüchtlingen viel abzugeLen, half ihnen eigenhändig die vollen iÄcke aufladen, schalt und fluchte die Knechte, wenn diese sich über die Schwäche der Flüchtlinge luAg machten. In diesem Krasa. der mit seinem Volke fast nichts mehr gemein hatte, ist seit der Ankunft der jüdischen FlÄchtl-inge nach K. ein Wandel vor sich gegangen. Lange stand er oft und beobachtete diese elenden und bresthaften Gestalten, und in einer Aufwallung von Rührung bot er 'ihnen als Geschenke für die kommenden Feiertage verschiedene Lebensmittel aus seinen Vorräten an. Jedoch wie war er 'erstaunt, als diese Bedürftigen alles ablehnten, nur frisches Stroh für ihre Lagerstätten rvahmen sie an. Täglich gingen die Flüchtlrnge ins nahe Städtchen, kauften dort billiges Tongeschirr für Pessach, um es dann nach alter Sitte in der Luschnitz, dem Flusse des Ortes, ein- Mtauchen. Die Vorbeigehenden schauten dem seltsamen Tun verwundert zu und enHfanden stillen Respekt vor diesen Armen, die es so genau Mit ihren religiösen Vorschriften »Hanen. Der alte Mejlech Melamed, in dessen patriarchalischem Antlitz sich wchmütige Trauer über das eigene Schicksal wie über das seiner Gefährten abfpiegelte, wurde stillschweigend als Verweser dieser kleinen Flüchtlingskolome anerkannt. Er lief zum Dorfschmiod und bestellte einen ,Kascherstein". Dieser wurde in glühenden Zustand versetzt, unter beständigem Aufguß von siedendem Wasser wurde mit ihm dann über alle jenen Holzgegenstände gefahren, die man auch während der Feiertage weiter benützen mußte, wie Tisch und Stühle. Das Zimmer wurde frisch getüncht und geischeuert und die Habseligkeiten blieben bis zum letzten Moment draußen. Während der ganzen Zeit schlief man auf!dem nackten Fußboden, was diesen, an Strapazen gewöhnten Menschen nicht besonders schwer fiel. Beim Tarockspiel raunzte der „Vorstand" über die „Polnischen", die dem kommenden Feiste zuliebe so viele Umstände machen, und meinte, daß er schließlich auch Jude sei und trotzdem keim so aufsehenerregenden Vorkehrungen treffe. Der Pächter Krasa sog Verleger: an seiner Zigarre und machte unverständliche Bemerkungen, der Lobensmittelgeschästsinhaber Radok hinwieder trat für die Flüchtlinge voll und ganz ein. Radok hatte eine große Schwäche für die Liturgiegesänge der Flüchtlinge und kan: oft am Samstag zu ihrem „Minjen", wo ihn: der „schönste" Platz eingeräumt wurde. Werur er dann später im Tempel '„Maftir" bekam und die Haftorah laut vortrug, merkte man, daß diese Besuche nicht ohne Einfluß aus ihn geblieben waren. Auch sonst empfand Radok Zuneigung zu den Flüchtlingen uud pries besonders ihre Geschäftstüchtigkeit. Als mm sein Angestellter assentiert wurde, wußte er keinen passenderen Vertreter für ihn zu finden, als'erneu jungen galizischen Flüchtling. Es war dies Schaje Chap, ein waschechtes Chederjüngol, das für diesen Posten auserkoren.wurde, mit ihm kam eine neue Stimmung in diese altehrwürdige böhmisch-jüdische Familie, deren Llhnen sehr fromm und wohltätig gewesen sein sollen. Besonders hatte die Frau des Hauses eine Freude über die getroffene Wahl: Schaje war fromm, betete täglich und 'hatte die Mütze immer auf. Ihre jüngste Tochter, die pausbackige Jda, erklärte entschieden, sie werde nur einen „Polnischen" zrinr Manne nehmen, rmd Frau Radok empfand dies als vollwertige Genugtuung dafür, daß einer ihrer Söhne ioider ihrem Willeneine Christin geheiratet hatte. 'Jda verkehrte gerne und oft mit den galizischen Flüchtlingskindern mtb lauschte neugierig, ivenn ihr Schaje von feinem Städtchen, dem kleinen Gebivgsnesl Solotw.ne, erzählte, wo niemand deutsch,sprach außer denr Apocheker und dom buckligen' Winkelschreiber MatteslZjbele, der ein berüchtigter „Mußer" (Denunziant) war. Stundenlang stöberten die beiden ans denr Dachboden des alten Hauses hemm, Schaje warf sich mit großer BGeM Mer Me. Ms VM Sicking Kathreiners Kneipp Malzkaffee Unnachahmlicher Wohlgeschmack und restlose BekömmBichkeit. Zu Frühstück und Jause — Das feeste im Hause! Land und Meer" und „Gartenlaube", Jda hingegen wählte für sich vergilbte Erbauungsbücher, welche sie mit großer Andacht las. Seit Schaje ins Hans kam, zeigte sie überhaupt einen großen Hang zum Beten; an den Freitagabenden, wenn er (Schaje) zum „Minjen" ging, setzte sie sich in einen Winkel, nahm ein Siddur und las darin die deutsche Uebersetzung der Sabbatgebete. Die Kinder der Flüchtlinge, besonders die Mädchen, konnten sehr bald tschechisch sprechen. Sie empfanden es scheinbar als große Wohltat, in eine neue Umgebung gekommen zu sein und ergötzten sich an den: Fremartigen und noch nie Gesehenen. Später, als sie groß wurden und nach Bndiweis oder Prag kamen, wollten sie nicht mehr in das heimatliche Städtchen zurückkehren, worüber sich die Eltern sehr grämten, aber, schließlich doch nachgeben mußten. Pessach näherte sich und die galizischen FUchtlinge in K. glaubten bereits alle Schwierigkeiten überwunden zu haben, um das hohe Fest empfangen zu können. Nur noch eine Angelegenheit, die sich hier, im fremden Ort, zu einem vertrackten Problem gestaltete, war zu erledigen: der formelle Verkauf der Chumezbestände für die Dauer des Pessachfestes mittels eines „Schtar Mechireh" (lVerkaufsvertrages). Daheim wurde diese Transaktion mit einem einheimischen Bauern, mit dem man auch während des ganzen Jahres in geschäftlicher Verbindung stand, abgemacht. Er riskierte nichts hei diesem Geschäfte, verdiente aber an ihn: ein Stück Geld und bekam außerdem Geschenke für seine Kinder. Der Bauer war über die einzelnen Bedingungen des Paktes wohl unterrichtet und trug nicht ohne Stolz den hebräisch geschriebenen Kaufkonträkt in seinem breiten, mit bunten Knöpfen beschlagenen Ledergürtel. Es kam so weit, daß der Bauer schon lange vor den .Ostern „seinen" Juden an den abznschließenden Vertrag erinnerte, um sich den willkommenen Verdienst zu sichern. Hier aber, in der stockböhnrischen Ortschaft, war es schwer, einem Häusler plausibel zu machen, worum es sich da eigentlich handle. In seiner Herzensgute und Naivität niachte sich der Pächter Krasa anheischig, den Flüchtlingen aus ihrer großen Verlegenheit zu helfen und mit ihnen den Kauf abzuschließen. Aber zu seinem Staunen mußte er erfahren, daß dies nicht gche. Im Meierhof fand sich schließlich ein pfiffiger Knecht, der auf das Geschäft einging. Er stammte nämlich aus Galizien. Schaje Chap, der sich in den neuen Dienst sehr bald oingelebt hatte, veranlaßte seinen Chef, ein Faßchen Pessachwein zu bestelle::, um es den Flüchtlingen zum Selbstkostenpreis zu überlassen. Radok tat noch ein übriges, indem er es ihnen — nach einer Rücksprache mit dem Pächter Krasa und dem „Vorstand", der diesmal ohne Gegenrede zustimmte — unentgeltlich überließ. Schaje überbrachte den Flüchtlingen diese Nachricht und sie nahmen unter sich die Verteilung des Weines nach der Anzahl der Personen selbst vor. Der erste Sederabend war hera::gekommen. Zum „Minjen" kam nran in den alten Kleidern, nur einen seidenen Kaftan oder gar ein ,-Stramel" (die Sabbatnmtze) an. Zn Hause, als man sich ohne „Kittel" in den geschenkten alten Kleidungsstücken auf das „Hesewbett" niedersetzte. ward die Stimmung noch viel trauriger. Schweiget ging inan daran, das frohe Fest zu begrüßen, und dieses drückende Schweigen ivurde nur durch Seufzer der Erwachsenen unterbrochen. Die Kinder, waren ga:^ sorglos und freuten sich über die vielen Nüsse, die Jda unter ihnen verteilte. Sie war mit Schaje zun: Seder gekommen. Als Mejlech Melamsd, der ganz grau geiworden ist, beklommen und mit Mvacher Stimme Knjiu.i" herMagen begann, war sie ganz beklomrnen. Schaje raunte ihr leise den Sin» der Worte ins Ohr: Wir waren Sklaven des Königs Pharao in Mizrajim und nun sind mir wieder Sklaven und 'wandern von Exil zu Ex:l, ohne Rast, sogar im elenden Galizien ließ man uns nicht aufatmen und trieb uns hi eher- Als Mejlech Melamed zu der Stelle kam: In diesen: Jahre sind wir hier, übers Jahr im Lande Uvael, quoll ihm eine Träne zwischen seinen dichten Wimpern hervor und verschwand in den: schönen Bart. Seine verwitwete Tochter hatte es bemerkt und begann laut zu schluchzen. Sie erinnerte sich, unter welchen Qualen ihr Mann seine Seele aushauchen mußte, und auch dann noch rmßhandelten ihn die Kosaken. Plötzlich schrie sie laut aus und drückte ihre drei Waisen an sich, die auch zu jammern anfingen. Mejlech machte energische, beschwichtigende 'Handbewegungen, die zu sagen schienen, n:an dürfe das Fest durch das Weinen nicht entweihen. Aber er vermochte der allgememen Erregung nicht mehr Einhalt zu tun. Jetzt kam alles zum Ausbruch. Auch die Wände, auf denen sich die Schatten der kleinen Kerzen hin- und herbewegten, schienen Tränen zu vergießem Am meisten aber weinte die kleine, pausbackige Jda. Börse und Wertpapiere im alten Babplou. Von Professor Dr. Wilhelm Stein. Die Frage, 0b die Zeitgenossen Harmniuvabtis im altert Babylon die Institution der Börse geEcmut halben, läßt sich augenblicklich noch nicht mit direkten Beweisen und mGveidcutigen Angaben beantworterr. Für die Existenz der Produkten- und Warenbörse allerdings kann der Nachweis als erbracht angesehen tverden. Wir wissen Ms uns erhaltenen Urkunden, daß für landwirtschaftliche Produkte, wie für Getreide, Sesamö'l, Zwiebeln, aber auch fite Wolle, die beträchtlichen Kursschwcmkungen lmteatcsgen, ans dazu bestimmten Märkten die Preise durch das Zusammentreffen von Angebot rmd Nachfrage -reguliert wurden. Man kann nun Wohl die Behauptung ausstelliem, daß durch das Zusammenkommen vor: Verkäufern und Käufern, verbunden mit der Feststellung des Marktpreises, das Anfcrngsstadimn der Börse erreicht ist. Der etwa ein Jahrhundert vor Hammurabi regierende Smgasid von U-rrck berichte: in eirrier Inschrift, er habe für Korr:, Qck, Wolle nnld Krchser Höchstpreise eingefühvt. Auch in Rom, in Byzanz, in den Städten des Mittelalters, dann in den Tervitoriialftaasten der beginnenden Neuzeit wurde von dcrr Regierungen vielfach der Versuch unternommen, den Preis der NahrungsmÄltol festzzusetzen. Diese Pwisvegulievung hörte später Ms. Angebot und Nachfrage wo,gen sich gegeneinander ab; und zwar ans der Getreidebörse, zu welcher fvclilich nicht nur wie heute Händler und Mäkler, sondern Mch noch die Produzenten rmd Großabnehmer Zutritt hatten. Ms ihrem Feilschen und Wägen bildete sich dann der McvMpreis,, um welchen das Getvelilde gekauft werden konnte. Die Entwicklung van der lbchöMichen PreisfestsetzMug bis zur RvgMerung dnrch die wirtschaftlichen Faktoren selbst, fällt nun in die Zeit zwischen Singasid von Uriuk und Hammurabi. Während sich dieser große Gesetzgeber mit der Fixierung von Arbeitslöhnen, von Mieten für Schtitffe, Häuser u. a. beschäftigt, hat er Tarife für Warenpvelise — und das ist der ent,scheidende Fortschritt — bereits nicht mehr Mfgestellt. Schon Goldschmidt hat in feiiner „Universälgeschichte des HandÄsrechtes" darauf hingeüvieisen, daß die Babywuier bei ihrer „bis irr die äußersten Konsequenzen der Wertausgloichung dnrch'gefühvten Geldwerdung der ®ürter" erkarrnten, daß ein und dasselbe Gut wicht, nur zn Ze'iden der 9oot, sondern auch in Nvvmaljähven im VsrhAttniis vor: Angebot und Nachfrage im Preise schwankte. Die Relativität des Güterwertes wurde chnen bewußt, und zwar natürlich zunächst bei den Grvtern, die im Haushalte des Wirtschafts- Verbandes die wichtigste Rolle spielten und bei der gewaltig«!: Menschenkonzentration in den Städten den vigerMchen Großhandieil bildeten, den diahvmvMnlitdoln. Der Wcchrfcheinilichkedtsboweis für die Entstehung einer Produktenbörse erhält aber eine weitere und diesmal urkundliche Unterstützung dadurch, daß die erster: uns erhaltenen Verträge mit einer Ku-rsklausel, etwa ,>wie der Kurs geht", ,Me der Kurs ist", Ms der zweiten Hälfte der Regievrmgszeit vor: Hammurabis rmimittcilbarvm Vorgänger Sm-muballit stamnren. Das Vochandensein einer Effektenbörse setzt natergemäß die Existenz von Wertpapieren voraus. In dieser wirtschaftlich reger: Zeit bestand Mch ein lebhaftes Bedürfnis nach Geld. Der notweridig rasche Geldrumlarvf aber war erschwert, so lange der Gläribiger seine Forderung nur durch umständliche Zession an einen driitten abitreten konnte. Wenn er dadurch an einen: raschen Arrgelldmacher: seiner Forderun,gsrechte behindert war, s,ah er sich gezimugeu, einer: größeren Teil seiner Mittel für unvorgesehene Notfälle der eigenen Wirtschaft zurückzubchalten, als dies rrötig geüveser: wävrj, wem: er seine Forderungen wie Wertpapiere hätte weitergeiber: können. Die Folge dieser Erschwerung des Kredit- Verkehres aber mußte teueres Gold se'm. So fander: sich die Jntereffer: des Darlehensgebers und Davlchens-rÄhmers im Jnhaborpapivr. Zur Zeit Hamrrmvabis ist die Jichäbcrklausel aus den Schuldscheinen :voch unbekannt; zur Zeit des Sarnsu-iluna ist sie rwch eine Seltercheit. Daun äber erfaßt das Wirtschastsleber: ihrer: Wert ui:d sie wird im Darlehensigeschäsit die Regel. Kohler-Urignab (Hamn:::rabis Gesetz, 3., 273) rnacht darauf a-rvsmerksani, daß in der nachhaummmbiischen Zeit tatsächlich schon der jervoilbige Träger der Urkunde der Forde» rungsberechttgte tvar urrd die Forderung eintveiber: konnte, also nicht edtva bloß äls Zählungsempsä r^er galt. Die Zession war äber für b>on bäbylomschen Kredityerkchr Zu .WoerMMg. .Es besMt auch damals noch die Form ...-- --ninnw rfi¥Triv-^^TirtiMMrifl^lliiiir’MiinaiSii^i-t-i