Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2548 (27.3.1926)
- Date
- 1926-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Terk r D'en, EamZkas Mener Mokftenzelkung trennen, -re ihre großen Haushalte ausgelassen hüben, nicht deswegen, weil sie mehr Hauspersonalabgabe zu zahlen hatten, sondern weil ihnen die Frankenspekulation mißglückt ist. Unter ihnen befindet sich mancher Bankier, -er -er Partei -eS Herrn Kunschak nicht so ferne steht. Gemeinderat Kunschak: Wenn Sie verdächtigen, sind Sie wohl verpflichtet, -ie Rainen zu verlesen. Stadtrat Brektner: Lasten Die sich den Kompaß holen Snd schauen Die nach, wer die Verwaltungsräte -er Bodenbank, der Nockisch-Oosterreichifchen Bank, der Bauernbank, der Kaufmännischen Bank und anderer Banken gewestn find, und dann werden Sie auch einen Teil der List« derjenigen Persönlichkeiten haben, die' einen Ausfall i» der Hauspersonal- und Automobilabgabe bedeuten. Die Wohnbausteuer, die die Studentenheime zu leisten haben, ist durchaus nicht so hoch, wie Stadtrat Kunschak anführt. Für das jüdische Hochschülerheim in Grinzing ist pro Jahr eine Wohnbausteuer von 95 Schilling zu bezahlen, das ist 12 Groschen im Monat pro K?pf. Stadtrat Kunschak verlangte, daß Dtadtrat Breitner Rede und Antwort stehe, sonst muß er es sich gefallen lasten, daß man behauptet, er habe b e w u ß t die Unwahrheit gesagt. Redner selbst habe kein Recht, Namen zu nennen, da sie ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeterlt worden sind. Aus jeden Fall handelt es sich um Leute, vre mit der Partei nicht das geringste zu tun haben. Auf jeden Fall sollten Sie die allerletzten sein, ans so etwas anzusptelen, da man ja die Geschichten von der Winex und dem Arbeiterhausbau in Bruck kennt. Unter lebhaftem Lärm, den der Bürgermeister vergebens zu bannen sucht, hört man nur die Ruse: Was ist es mit Zwetzbacher? Stadtrat Kunschak: Sie können noch so viel schreien, das aus der Welt zu schassen, gelingt Ihnen nicht. Eine Partei, deren Leute in solchem Umfange Staatsanwaltschaft und Landesgericht beschäftigen, sollte vorsichtiger sein. Neuerlich setzt auf beiden Seiten großerLärm ein, in dem Dr. Danneberg ruft: Die Herren von der ,Mnex" sind eingesperrt worden. Aber die Leute von Ihrer Partei sind mit Postsparkassengelder, .Mt Milliarden saniert worden, sonst wären die Herr«« Fmk M- Ramel auch eingesperrt worden. (Neuerlicher Lärm aus der Seite der Minorität.) Dutzende von Milliarden der Postsparkaste stnv verschleudert worden. Stadtrat KunschaL spielt fchließllch unter kebhafetm Lärm auf einen angeblichen Ausspruch des StadtrateS Weber an. Dieser soll gesagt haben, daß m die Wohnungen der Gemeinde n u r 2 e u t e ausgenommen werden können, deren wirtschaftliche Lage und soziales Mliou eine Sicherheit dafür bietet, daß sie hinoinpossen. Darauf springt Stadtrat Weber erregt auf and ruft in lebhaftem Lärm: Das ist unwahr, das ist eine Verleumdung. Ich stelle ausdrücklich fest, daß ich niemals und nirgends die mir von Herrn Kunschak m den Mund gelegten Worte ausgesprochen habe. Herr Kunschak, das Verdächtigen ist ja Ihr Metier! Und nunmehr stelle ich an Herrn Kunschak die Frage, ob er bereit ist, seine lädierte Ehre wieder herzustellen (Lebhafte Pfuirufe bei der Mehrheit. Lärm und Protest bei der Minderheit.) Unter großem Lärm brach der Vürgennedster «m 10 Uhr die Sitzung ab, ohne daß auch nur ei» Punkt der Tagesordnung erledigt worden wäre. 4 * Plötzliche Panik bei der „3!tftts< Prinzessin". Direktor Marischbr rettet Mc Situation. Während der gestrigen Premiere im Theater. an her Wien verließ plötzlich, inmitten des zweiten Alters gerade während des Liebecduettes, ein .Herr das Parkett und eilt« dem Ausgange zu. Das Publikum, welch. S das Verlosten deS Platzes seitens des Herrn mißverstand, geriet in große Aufregung, da es glaubte, daß ein Feuer auSgebrochrn fei. Scharenweise verließen die Besucher da» Hau-. Direktor M a r i s ch k a, der gerade mit Frau Betty Fischer 'das Liebeslied begonnen hatte, wandtsich geistesgegenwärtig mit beruhigenden Worten an das Publikum und M-chte di« bezeichnende Bemerkung, daß diese Storung zur — ,Ftegie" gehöre. Allmählich trat auch Beruhigung ein, so daß die Vorstellung ohne weitere Störung fortgesetzt werden konnte. Die einheitliche Stimmung war aber natürlich auch weiter gestört. Trotzdem trat der erwartete große Erfolg ein Falscher Ferrenrlarm in zwei Budapester Theatern. Budapest, 26. März. Heute abends wurde der Feuerwehrzentrale ein Feuer im hauptstädtischen Operettentheater signalisiert. Die Feuerwehr stellte jedoch fest, daß keinerlei .Feuersgefahr bestand und der betreffende Signalknopf zufällig eingedrückt worden war. Gegen 11 Uhr abends wurde der Feuerwehr signalisiert, daß in der königlichen Oper ein Feuer ausgebrochen sei. Die Feuerwehr rückte au, konnte jedoch feststellen, daß lediglich ein Signalapparat heruntergesallen war. Da die Vorstellung bereits beendet war, hatte der Zwischenfall keine Folgen. Professor Rudolf Soldschmldt — dd Sahre aU. Der Erfinder der Hochfrequenzmaschine. Aus Berlin wird uns geschrieben: Dieser Tage feierte Profestor Rudolf G o l d s ch m i d t, Direktor der Hochfrequenz A.-G., seinen 60. Geburtstag. Golpschmidt, geboren in Neubukow in Mecklenburg, sollte zunächst Kaufmann werden. Allein es drängte, ihn zur technischen Wissenschaft, und so setzte er es bei feinem Vater durch, daß er die Hochschule in Charlottenburg besuchen durfte. Schon als Student erhielt er sein erstes Patent für ein ketten loses Fahrrad. Als Privatdozent an der Technischen Hochschule Darmstadt machte er dann die große Erfindung, die ihn neben die ersten Auwritäten auf dem Gebiete der drahtlosen Telegraphie stellte. 8r erfand die „Goldschmidtsche Hochfrequenzmaschine", mittels deren es zum ersteumal ermöglicht wurde, über de« Ozean zu telegraphiere». Zum Profestor ernannt, schied er a«S seiner akademischen Stellung, um die Leitung der für den Ausbau seiner Erfindung begründeten Gesellschaft zu übernehmen und die beiden Großfunkgesellschaften Eilvese in Hannover und Tuckerton bei New-Aork einzurichten. Im Jahre 1914 gelang auf diesem Wege zum erstenmal ein drahtloser Telegvammwechsel zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten quer über den Atlantischen Ozean. Der drahtlose Verkehr zwischen den beiden Funkstellen wurde dann bis zum Eintritt Amerikas in den Weltkrieg fortgesetzt und einige Zeit nach FriedenSschluß wieder ausgenommen. Professor Goldschmidt ist ein guter Jude. ft. Mr,l 1926 jfc. 2519 UNSER. | Oster», Anbots. mitemgriautem ll-sa.tr. Ä ln\än&tadv« OvvgiiuA JCederHandscHuHe englu-deutsche Striunpfe von S. 5.*9<ufu>&rt6. in allen Modefarben. Verlangen Sie unser«Preisliste! Furchtbare« Unglück durch el« Motorrad. Aus Dresden wird gemeldet: Gestern nachts fuhr der Reisende Helmut G r u b e r auf seinem t o r r a d in voller Fahrt auf der Landstraße in einen Trupp junger Turner. Zwei waren auf der Stelle tot, vier und der Motorradfahrer selbst wurden schwer verletzt. Das Unglück ereignete sich dadurch, daß der Motorradfahrer vorschriftswidrig auf der l i n k e n Straßenseite fuhr. stlue grausame Bluttat. Tin 75jKhriger Leieüaperrmarm ermordet. Aus Prag wird gemeldet: Eine grausame Muttat wuvd» in einem Dorfe bei Protivin verübt. Wie der Polizeibericht meldet, wurde seit dem 13. Februar der 75jährige Leiertastenmann Rajchot vermißt, der im Gemeindearrnenhaus des Dorfes wohnte. Von chm lief das Gesucht um, daß er v: e l A e l d erspart habe. Dieses Gerücht wurde vor allem von einem Ehepaar K o t r e verbreitet, das mit chm im Armenhaus wohnte. Da das Ehepaar nach dem Verschwinden des Leierckastenmannes größere Ausgaben machte, wurde der Verdacht rege, daß dr« beiden den Rajchot ermordet hätten. Sie wurden verhaftet und gestanden ein, Rajchot ermordet und beraubt zu haben. Die Leiche hatten sie kr einem Backofen verbrannt und dann die Knochen zerm«Ihlen und die Asche ans einer Wiese zerstreut. Als Beute sielen ihnen nur 200 Kronen in die Hände. Tagesbericht verschiedene Dermatosen, darunter auch Lues, versteht. Die Kluft zw^chen moderner und antcker KranHeitsbaschreidung macht die einwandfreie Lösung dieser Streitfrage illusorisch, wenn auch die Bibel den Aussatz mit einer bis in die kleinsten Details gehenden Sorgfalt schildert. Die Diagnose entschied, doch über das weitere Schichal des Erkrankten. Denn wurde jemand durch das priesterliche Urteil als aussätzig erklärt, so erfolgte seine Ausschließung aus der Volksgemeinschaft. Im 13. und 14. Kapitel des dritten Buches Moses sind die diagnostischen Kriterien des Aussatzes gegenüber anderen Hautleiden angeführt, ferner FsolierungSmatznahmen bei zweifelhaften Fällen mit darauffolgender neuerlicher Untersuchung, Reinigungsverfahren mit religiösem Zeremoniell bei geheiltem Aussatz und die Desinfektion der Kleider und Häuser. Der Scharfsinn ausgezeichneter Fachmänner versuchte auch andere in der Bibel vorkommende Krankheiten zu erklären, so die sechste Plage Aegyptens als Bläschenekzem, die Krankheit des Königs Je Hora m als Ruhr oder als KrebS; die Krankheit Hiobs, die als Aussatz. Syphilis und Pocken gedeutet wurde, dürfte wahrscheinlich dem universalen Ekzem entsprechen. Die Krankheiten des AntiochuS und He» rodes äußerten sich angeblich in einer ,Musesucht". Als besondere Strafe Gottes wurde, wie bereit» erwähnt, die „Post" angesehen, wobei zu bemerken wäre, daß dieser KramkheitSbegriff keineswegs mit der .^Beulenpest" gleichzufetzen sei. Daß die Menschenansammlung di« Ausbreitung von Seuchen begünstige, besagt die Stelle im dritten Buche Mos. 26, 25: ,Hch bringe Über euch das Schwert, daß ihr euch m eueren Städten sammelt, und sende Pest in eure Mitte." Nach den Volksvorstellungen der biblischen Zeit mußte auch eine Volkszählung verderbliche Folgen nach sich ziehen. Ms zu Zeiten Davids ein« entsetzliche Seuche 70.000 Menschenopfer forderte, stand bei vielen di« Ueberzeugung fest, daß die vorhergehende Volkszählung sie heraufbeschworen Hab«. Verheerend wütete auch hie Seuche zur Zeit Korahs (4. Buch Mos. 16. 49), di« 14.700 Menschen hinraffte. Bald nach dem Ausbruch der Epidemie versuchte der Hohepriester die Pest durch die desinfizierende Wirkung der Räucherung zu lokalisieren, indem er Feuer vom Altar auf sein« Pfanne nahm, Räucherwerk darauf legte und eilends zwischen die Gestorbenen und Lebenden trat. Derartige Abwehrmittel, für di« damalige Zeit sicher ein« hervorragende Maßnahme, waren wenig geeignet, die Ausbreitung der Epidemien energisch einzudämmen. So hat auch die Seuche beim Baal Peor (4. Buch Mos. 25, 8) 24.000 Todesfälle zu verzeichnen. Neben den Erkrankungen me Ruhr, Wassersucht, Hitzschlag, Fieber und anderen werden im Alten Testament auch Krankheiten goschildert, die ins Gebiet des Neurologen und Psychiaters fallen. Auf Gehirnblutung (Apoplexie) dürste wohl der im 1. Buch Samuel (26, 36) erzählt« Todesfall des Nabal sowie derjenige des Mimos zurückzuführen sein, von dem das 1. Makkabäerbuch (9, 55) berichtet: ,-Sein Mund war geschloflen, und er wurde gelähmt und konnte kein Wort mehr sprechen und sein Haus nicht mehr bestellen. So starb er unter großer Qual." Die Art der .Zähmung" des Jerobeam, besten Hand Gott.verdorren ließ, daß er sie nicht wieder an sich ziehen konnte", ist schwer zu diagnostizieren. Psychiatrisch interessant ist d:e Geistesstörung des KöngS Nebukadnezar, die im Buche Daniel (4, IS) geschildert wird. Nevukadnezar, aus dem Kreise der Menschen au-gestoßen, aß Gras we die Stiere und vom Tau des Himmels wurde fein Leib genetzt, bis sein Haar viel wurde wie das von Adlern und seine Nägel wie die von Vögeln. Nach sieben Jahren hebt er seine Augen zum Himmel und sein Verstand kehrt ihm wieder, und er lobt den Herrn. Anders geartet ist die Seelenftörung des unglücklichen Königs Saul. Der Trübsinn, der später bei ihm in Raserei auSartete. hatte seine ersten Anfänge in den Drohworteii» die ihm Samuel zugerusen 'hatte: „Gott hat die KönigSwürde VW dir gerissen und wird sie dem Besser« übergeben." Sie. haben.Saul stets fürchterlich in den Ohren geklungen. Das Gefühl der Hilflosigkeit, die triumphierende Gegnerschaft Davids, dem sich selbst die Mtglieder der Königsfamilie zuwandten, machen Sauls zeitweilig austauchende und dann wieder verschwindende Schwermut begreiflich. Auch sein Selbstmord ist psychologisch durchaus motiviert. Saul hat die Schlacht verloren, die drei Söhne und die Blüte der jüdische» Kriegsmannschaft lagen geknickt auf dem Berge Gilboa und in der Ebene JeSreel, er selbst war verwundet und von den Philistern bedrängt — fliehen mochte er nicht und ebensowenig Gefangener -um Spott der Feinde werden. So blieb Saul nichts übrig, als sich in sein eigenes Schwert zu stürzen und so eines Königs würdig zu sterben. Und dennoch weist Saul Züge auf, die zeigen, daß seine ganze Geistesverfassung nicht in die physiologischen Breiten zu setzen ist. Sein Gebaren, als er, einer Schar von Propheten begegnend, sich wie ein Verzückter benahm, als er, ,-immer sonderbar redend", bis Najoth ging, seine Kleider auSzog und „nackt hinfiel den ganzen Tag und die ganze Nacht", all diez spricht deutlich genug. Man dürfte demnach mtt einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf einen epileptoiden Zustand schließen. Gewalttäige Irre wurden b Zwangsmaßrogein unterworfen, worauf Jeremia mit den Worten hindeutet: „Gott hat dich eingesetzt, damit du auf jeden verrückten und vom Prophetentaumel Ergriffenen wohl acht habest und solche in den Block und das HalSeiisen legest." Ist dar Dtchterwort: „Dem Wahnsinn ist der große Geist verwandt und beide trennt vur eine dünn« Wand", nicht uralt? Schwer ist es, in alle Schlupfwinkeln der menschlichen Seel« hineinzuleuchten, unmöglich, die Tiefen der Seele der Bibel zu ergründen. Die Forschung ist noch lange nicht abgeschlossen, und sie dürfte «s kaum jemals sein. Immer neue Probleme verlocken von neuem den Forscher. Sagt doch Nietzsche: ,/Der Geschmack am Alten Testament ist ein PMtein «n Hinsicht aus groß und Kein."