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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-27 · Heft 2548 (27.3.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2548 (27.3.1926)
Date
1926-03-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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feih 3 Wlciier Moro«nzclku«o 27. M>, 192B 7!t. 28« Ser Druck aus Washington. — Wien. 27. März Der deutsche Reichstag hat mit großer Majorität die Haltung Luthers und Stresemanns in Genf gebilligt. Das. englische Unterhaus hat Chamberlain ein schönes Vertrauensvotum erteilt. Die französische Kammer kümmert sich überhaupt nicht um Genf und Völkerbund und acht in ihren Sorgen um die Inflation auf. Berlin, Lowon und Paris dürfen also glauben, daß in Genf alles richtig war und daß sie auf der Mensur gut gestanden sind. Alle d«i trösten sich mit der schönen Redewendung, mit der Briand die letzte Sitzung erfreute: daß der moralische Anschluß Deutschlands an den Völkerbund gesichert ist und daß da- Looarnowerk aufrecht bleibt. Die Sitzung war zum Avecke des tatsächlichen Anschlusses Deutschlands einberufen worden und sollte den Ausbau der Pakte von Locarno m Angriff nehmen. Daraus ist nichts geworden und wer Sinn für Humor hat, mag heute die feurigen Reden studieren, die die Führer der Welt vor der Genfer Konferenz gehalten haben. Er wird bei dem Vergleich nicht sofort merken, daß zwischen damals und jetzt eben nur d!e resultatlose Konferenz liegt. Denn die Reden sind ziemlich uniform und sie haben das Gemeinsame, daß England, Deutschland und Frankreich einander ihre Liöbe gestehen und einander die volle Loyalität bestätigen. Die drei Großen waren also einig. Woran lag es nun, daß sie sich von den Kleinen aus dem Feld schlagen ließen? Doch nur daran, daß der vierte Große im Spiel fehlte; Italien hatte sich auf den Sacro egoismo besonnen. So wie die drei Großen, so tut auch der Völkerbund, als wäre nichts geschehen. Er reserviert Termine für die Vorbereitung der großen internationalen Wirtschaftskonferenz mck der Abrüstungskonferenz. Der Bureaumechanismus läuft weiter, in der Meinung, dag es doch immer nur darauf ankommt, die widerhaarigen Elemente zusammen zu bekommen und sie zu zwingen, miteinander zu verhandeln. Das ist eine sehr wertvolle Funktion, aber wird sie nicht von außen her obstruiert? Aus Prag wird ein Kommentar des Auswärtigen Amtes verbreitet, der in vielen Verbrämungen den einen dürren Satz enthält, es werde im Herbst noch ärger werden. Brasilien verbleibe trotzig auf seinem Anspruch, die Vertretung Amerikas besorgen zu muffen, Italien sei für eine Reform des Rates und auch Polen werde nicht nachgeben. In Prag ist man sehr gut orientiert. Man stellt sich dort darauf ein, daß die Schwäche der Großen nicht so leicht zu bannen sein wird und daß insbesondere Frankreich durch seine Finanzkrise und die Orientkriege — eines hängt mit dem anderen zusammen — in seiner Aktivität gelähmt ist. Der amerikanische Botschafter in Paris hat seiner Regierung einen Bericht über die Lage Frankreichs erstattet, der in Paris Entsetzen hervorgerufen hat. Die französischen Zeitungen haben diesen Bericht unisono mit einer Anklägers« gegen ' dieses Amerika beantwortet, das am Krieg fett verdient habe und jetzt kein Recht zu solcher hartmäuliger Kritik habe. Die Vorwürfe gegen Amerika sind sicherlich berechtigt; aber sie bessern den französischen Franken nicht und sie ändern nichts daran, daß Frankreich Blut und Geld in Marokko und in Syrien vergeuden muß und im Innern die Schwierigkeiten immer mehr wachsen. Jnsolveit sagt die französische Presse das Richtige, daß der heutige Zustand nicht eingetreten wäre,' wenn sich Amerika vom Völlerbund nicht zurückgezogen hätte. Er wird sich noch mehr verschlechtern, wenn die Vereinigten Staaten bei ihrer Abstinenz verharren. Der Beschluß des Kongreffes auf Eintritt in den permanenten Gerichtshof, der mit so viel Hoffnungen begrüßt wird, ist ein sehr schlechtes Zeichen. In dem Beschluß wird ausgesprochen, daß die Monroe-Doktrin nicht angerührt wewen dürfe (die sich bekanntlich auf den gesamten Kontinent bezicht) und daß die amerllanischen Richter nur an Beratungen tellnehmen dürfen, bei denen Amerika nicht direkt interessiert ist. Das ist die Faust des harten Gläubigers, der.sich sein eigenes Recht konstruiert und in seinem Veto einen Geßlerhut aufstellt, dem das verschuldete, blutleere Europa jederzeit die Reverenz bezeugen muß. Wenn Amerik will, so kann es auch den Völkeämnd selbst unter Druck stellen und dies um so mehr, je weiter es von chm entfernt bleibt. Unter Umständen kann auch der brasilianische Einspruch gegen eine Vermehrung der Ratssitze als eine Verteilung der Monroe-Doktrin erscheinen. Die italienisch-amerikanischen Verhandlungen, die jetzt den Kongreß beschäftigen, weisen tatsächlich auf eine sehr weitgehende politische Intimität hin. Im Senat zu Washington hat der Vorsitzende des FinanzauSschuffes, Herr Smoot, das italienische Regierungssystem gutgeheißen und den Faszismus als eine innere Angelegenheit Italiens verteidigt. Zweifellos wird auch die Völkerbundpotttik Italiens, deren Exponent Brasilien war, von Amerika unterstützt. Man hat in Prag recht: es wird arger werden. Reichskanzler a. 9. Fehreubach gestorben. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Freiburg, 26.- März. Der frühere Reichskanzler Konstantin Fehrenbach ist nach längerer Krankheit wenige Minuten vor 3 Uhr gestorben, ohne das Bewußtsein erlangt zu haben. * Fehrenbach gehörte dem Zentrum an und betätigte sich seit 1885 in der Politik. Vom Jahre 1903 angefangen gehörte er ununterbrochen dem Reichstag an. 1918 wurde er Präsident des Reichstages, wo er auch der deutschen Nationalversammlung nach dem Umsturz präsidierte und dortselbst die Annahme des Vertrages von Versailles durchführte. 1920 wurde er Reichskanzler und trat als solcher im Mai 1921 zurück, nachdem er sich dem Ultimatum in der Reparationsfrage nicht hatte fügen wollen. Argentinien nab der Bölkerbnnd. Buenos Aires, 26. März. Die Regierung verlangt vom Kongreß eine Abstimmung über die Frage des Wiedereintrittes Argentiniens in den Völkerbund. Diese Abstimmung ist erforderlich, damit die Regierung die Einladung zur Teilnahme an den Beratungen in den Bölkerbundausschüssen anyehmeu kann Brasilien behcwrt auf seiner Fopderun«. Brasilien scheint entschlossen, auch in der Septembe r« tagung des Völkerbundes seinen Anspruch, zugleich mit Deutschland als ständiges Mitglied in den Völlerbuttdrat einzutreten, mit aller Energie aufrechtzuerhalten. Der Präsident der Bereinigten Staaten von Brasilien, Artur Ber narbe, s, hat in einer Riesenrnanifestation .in Rio de Janeiro di« .Haltung begründet, die Brasilien in Genf einnahm. Dese Haltung, erkürte der Präsident, richtete sich in keiner Weise gegen Deutschland. Eben das, was Brasilien jetzt Deutschland gegenüber erklären mußte, habe es genau ebenso schon im Jahre 1921 gesagt, als es sich um einen ständigen Matssitz .für Spanien handelte. Brasilien hat also schon im Jahre 1921 gegen die Ungleichhüt in der Behandlung der. alten und der neuen Welt Einspruch erhoben und tut dies heute wie damals. Nicht iveniger als zwanzig amerikanische Staaten sind Mitglieder des Völkerbundes, ohne daß auch nur einer dieser Staaten einen ständigen Ratssitz erhielt. Die Kandidatur Brasiliens war also nur von dem Gefühl der Rechtlichkeit und dem Wunsche inspiriert, dem Völkerbund den Charakter einer We-ltinstitutiou zu wahren. Wenn mm im Sinne der in Locarno ajbgeschlossenen Verträge jetzt noch eine vierte europäische Nation einen ständigen Sitz im Rate erhalten sollte,. in welchem u u r eineeinzige nicht europäische Nation einen ständigen Sitz inne hat, konnte Brasilien notwendigerweise nicht gleichgültig bleiern. Unsere Wertschätzung für den Pakt von Locarno ist wirklich sehr groß. Aber es gcht Hotel und -iP>R**taurant Quth 2. Bezirk, Hollandstraße 14 Einladung Montag den 29. und Dienstag den 30. März, präzise 8 Uhr abends, finden in meinem großen Speisesaale feierliche Seder-Abende unter Leitung des Kantors Herrn R. Mandel statt Platzreservierungen an der Tafel (Speisen ä la carte) erbitte ich an das Hotelbureau oder unter Telephon Nr. 41101 und 42370 Hagadah liegen bei jedem Oedecke gf Gewöhnliche Preise “PC Offene hochprima Palästina-Weine uud ungarische HDD bw IffD Weine iesiV Guth, Hotelier und Restaurateur doch nicht an, die'Welt Politik' einem Vertrag u n t e r z u o r d n e n, der, so wichtig er ist, nur regionaler Natur ist und nicht einmal den ganzen europäischen Konti? uent umfaßt. Nichts kann die innere Stellung Brasiliens zu allen Fragen des Völkerbundes besser charakterisieren als die Tatsache, daß Brasilien dasjenige Land.ist, das unter allen Ländern der Welt die meisten Schiedsgerichtsverträge mit anderen Staaten «beschlossen hat und daß die Schiedsgerichtsbarkeit einen integrierenden Bestandteil der brasilianischen Versaffung bildet. Brasilien glaubte und glaubt auch heute noch, daß der Völkerbund ein Werk der Uneiigennutzigkert sein söll. Für die Reinheit dieser Auffassung kämpfen wir ohne jeden Hintergedanken und Me die Absicht, befreundete Nationen zu kränken. Wir sind von der Hoffnung erfüllt, daß der Völkerbund die Mitarbeit der amerikanischen Nationen für sein großes internationales Werk nicht entbehren zu können glaubt. Sine UnlversM i» Saloniki. Aus Saloniki wird uns berichtet: Die Universität wird unwiderruflich im September» eröffnet. Zur Feststellung der Anzahl der Katheder und zur Berufung der Professoren werden drei gemischte Kommissionen gebildet. Die Universität wird vorläufig eine theologische, eine philosophische und eine Fakultät für politische Wissenschaften besitzen. Proleffor Ir. tzhrmann über „Böhmische LorsWen la der Vergangenheit". Auf Einladung des Vereines für jüdische Geschichte uud Literatur in Wien hält Hofrat Prof. Dr. S. Ehrmann heute SamStag den 27. März im mittleren Saale des Ingenieur- und Architektenvereines, 1. Bez., Eschenbachgasse 9, einen Bortrag über das Thema: „Böhmische Dorfjuden in her Vergangenheit." Beginn halb 6 Uhr. Eintritt frei. Polen und Locarno. Nur Rede Reich« la der Aabeukommlsfion der Seim (Eigeudienfi der „Wiener Morgenzeitung.") Warschau, 26. März. In der letzten Sitzung der Sejmkommiffiou für Auswärtiges erstattete Ministerpräsident Skrzynski ein ausführliches Expose über die Resultate der letzten Böllerbundtagung in Genf. In der darauf folgenden Debatte sprach namens des jüdischen Klubs Abg. Reich über die polnische auswärtige Politik. Er erklärte, daß Polen angesichts des bevorstehenden Eintrittes in den Völlerbundrat i m Innern eine Konsolidierung durchführen muffe. Zwischen der polnischen Außen- und Innenpolitik herrsche e i n Widerspruch, der nur bei gutem Willen der Regierung behöben werden kann. Vor allem muffe Polen im Innern seine Beziehungen zu den nationalen Mmidrrhekten ändern, denn der gegenwärtige Zustand der polnischen Minderheiten widerspreche dem Geiste von Locarno. Aus diesem Grunde war vielleicht bei vielen Staaten der Unwille gegen Polens Eintritt in den Völlerbund zu bmierken. Jnsolange in Polen ein Numerus clausus vorherrsche, wird bei den meisten Staaten gegen Polen Mißtrauen bestehen. Man könne zu einem Staat, der vor der kulturellen Freiheit seiner Minderheiten Angst hat, kein Zutrauen haben. Einerseits wird von der Nottvendigkeit des Locarno-Geistes gesprochen, andererseits aber bemüht sich Unterrichtsminister Grabski, die Notwendigkeit des Numerus clausus zu begründen, da er Angst habe, daß durch die Zulassung jüdischer Studenten eventuell das polnische Kulturleben benachteiligt werden könnte. Redner ist überzeugt, daß Ministerpräsident S k r z y ns.k i -die engen Zusammenhänge zwischen der inneren und äußeren Politik vollkommen elnsiehk. Er habe auch zu ihm persönlich das vollste Vertrauen. Um die polnische Position im Ausland zu stärken, müsse der Ministevpräsiderrt vor allem seinen Ministerkollegen selbst den Geist von Locarno 'beibringen. Die Regelung der Minderheitssragen wird automatisch Polen in der Wolipolitik stärken. 8« Pole« dürfe« Richter keiner politische« Partei aagehören. Warschau, 26.,März. In der letzten Sejmsitzung .wuvd« das Gesetzespro-M über die Richter und Staatsanwälte behandelt. Namens des jüdischen Klubs nahm Abg. Sommern stein zu diesen Grsetzesprojekt Stellung und verlangte die Aufnahme einer Bestimmung, die den Richtern die Zugehörigkeit zu einer politischen Partei "untersagt. Der Sprecher der Sozialdemokratie, Mare k, kritisierte die Tätigkeit des polnischen Richterstandes und führte unter anderem das parteiische Verhalten der Richter in der Voruntersuchung des Steiger-Prozesses an. Nach einer längeren Debatte wurde bei der Abstimmung über das Projekt auch der An-! trag des Abg. Dr. Somnierstein mit Stimmenmehrheit angrnonimen. Vom Wische« Seimklub. Warschau, 26. März. Z:un Vorsitzenden der zionistisches Fraktion im jüdischen Klub wurde an Stelle des Abg. Hart-, glas Abg. Whgodski gewählt. Abg. Hartglas hatte im Auftrag des Klubs eine längere Unterredung mit dent Ministerpräsidenten S? r z y n s k i. Verlangen rievQninren Lieferanten MnltMrtnartn. Erhältlich In allen besseren Lebensmittelgeschäften! ■er ndb vv ira fl 11 D P tO' 1 vy J N D nov vV IV2 ~wa 1

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