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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-26 · Heft 2547 (26.3.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2547 (26.3.1926)
Date
1926-03-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2347 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitun« Tagesbericht. Aas Aragereiche«. Wo die Skodagasse in die Alserstraße einmündet, steht ein Greis. Ein galvanisierter Leichnam — zusammengeschrumpft, kainn so groß wie ein zehnjähriger Knabe. „Ein Menschenleben währt siebzig Jahre," sagt er nach den Psalmissen und schüttelt dazu verwundert seinen Kopf, da er, obzwar schon über siebzig, noch immer zu den Gästen dieser Erde zählt. Zu den Zaungästen! Landläufig wird dieser alte Jude als Bettler betrachtet. In Wirklichkeit ist er aber einer jener namenlosen Gläubiger, die die ewig unberichtigt bleibende Forderung an Morgan, Zaharoff, Stinnes oder Bosel besitzen, oder gar an uns alle! Seit Jahren oder Jahrzehnten'steht er auf dieser Stelle, die übliche Dekoration in dieser Gegend. Fast könnte man glauben, daß, verschwände er eines Tages von hier, die Passanten diese Umgebung zur Unkenntlichkeit verändert empfinden werden. Dieser Greis hat natürlich einen Namen. Aber was bedeutet schließlich ein Name, den man gesetzlich im Matrikenbuch beschert bekommt, dem aber im Leben der Klang des Goldes oder Glanz des Erfolges versagt geblieben ist! Dm Name dieses Menschen, der bei Regen oder Sonne stets der Unbill des Wetters und der Menschen ausgesetzt ist, bleibt Nebensache. Nennen wir ihn „das Fragezeichen". Oh, es ist dies keine poetische Metapher! Schöne (auch nicht schöne) Mädchen werden mit Blumennamen, Sträflinge mit Nummern bezeichnet, für diesen alten Juden paßt eficu am ehesten das kleine Fragezeichen. Für sein Leben und seine Gestalt! Sein Körper, dürr und trocken, ist von schiefer, gebrochener Haltung, die Füße krumm, unnatürlich verdreht, hakenartig in den Körper hineingewachsen, der Kopf zur Seite geneigt — ein regelrechtes Fragezeichen. Dieses Fragezeichen wurde eines Tages von vierzig Jahren vom Nordbahnhof auf das Wiener Pflaster ausgespien. Aus einem kleinen Nest an der österreichischrussischen Grenze brachte ihn der Zug in die Hauptstadt. Hier arbeitete er und brachte sich leidlich durch. Für den Tag langte es, aber nicht für den Morgen. Dem noch dazu eine gruselnerregende Nacht des Mordens, der geistigen und materiellen Entgüterung vorangegangen ist. Aber wie es heißt, ist dieser Greis eben an allem Schuld. Er ist ja einer der „Weisen dorr Zion", durch bereu Hände das „jüdische Kapital" zum Weltkrieg geschürt hat, um die Weltherrschaft zu erlangen! So schaut nun der Sieger aus. Ein jeder kann ihn sehen und sprechen. Er antwortet bereitwillig, insoweit sein Ohr zu hören noch fähig ist und seine eingetrockneten Lippen einer Aeußerung noch mächtig sind. In seinen Händen hält der Greis das Ergebnis seines jahrelangen „wucherischen" Lebens. Einige Schuhriemeit und Schachteln Schuhpasta. Dies ist sein ganzes Vermögen, sein Besitz — neben einer alten, kranken Frau. Er ist ein Hungerkünstler. Noch aus jener Zeit, in der sich fast alle sattessen konnten. Niemand zahlt Schillinge für seine Ansicht, wie für Jollh im Glaskasten in Berlin, dem eine Legion Hungerkünstler den Rang ablaufen und Geld dabei verdienen wollen. Da steht er, das unbeachtete Phänomen eines Dauerhungerers, der zu Haut und Knochen gewordene Hungerkünstler, wie ihn vielleicht in anderem Sinne Franz Kafke gezeichnet hat. Er hungert nicht aus Philosophie. Aus dem Glauben., das Leben ertragen zu müssen und nicht, es ertragen zu k ö n n e n, steht er da hungrig, ewig hungrig! Denn die einen, die ihm Helsen wollten, sind es nicht imstande, die anderen, die ihm Helsen könnten, wollen cs nicht. Dieser eine Erfahrungssatz bestätigt inir schon eine kurze Beobachtung. Eine Stunde lang eines schönen Nachmittags zählte ich die Passanten an dieser Stelle und wartete auf die menschliche Güte, die frei von allen Theorien hilfreich eine kleine Gabe dem Gestrandeten übergibt. Hier die Statistik. Beinahe zweihundert Menschen passierten diese Stelle — genau sechzig Menschen standen in der Nähe dieses Greises länger als fünf Minuten, bei der Haltestelle, aus die Straßenbahn wartend. Ein wohlhabend aussehender Herr, eine Dame im Pelz, zwei Mädchen, bescheiden gekleidet, scheinbar Bureaukräfte, 'beschenkten den Greis. Das Ergebnis war 38 Groschen. Und das war, wie es scheint, eine glückliche Stunde. An manchen Tagen erreicht sein ganzer Erwerb kaum eineinhalb Schilling. Eine Mutter, nobel gekleidet, gut genährt, führt an der Hand ihr kleines Söhnchen. Das kleine, sechsjährige Kind sieht das an die Straßen mauer gelehnte Fragezeichen. Es brennt sich in seine Seele ein. „Mutti, tvas will dieser Onkel?" „Er ist Kaufmann und verkauft seine Ware", belehrt die Mutter ihr Kind. Sie errötete nicht bei diesen Worten, auch nicht, als sie an diesem „Kaufmann" achtlos vorbeiging, ohne ihm etwas „abzukaufen". Kleines Kind, kleitter Bruder, der du auch in den Kleiderfetzen Uttd durch das schmutzige Gesicht den „Onkel" erkannt und nach ihm gefragt hast, sei bedankt! Für deine Frage an die Mutter und die Offenbarung des menschlichen Gefühls, das vorläufig nur bei den Kleinen zu finden ist. Du bist ikoch nicht über dos A hinaus, erkennst aber schon das Fragezeichen unserer stolzen Zivilisation ... Tulo Nuss enblatt. Sine Novelle von 8. 3. Unojchi in der „Wiener Morgenzeitung". Die „Wiener Morgenzeitung" hat das Bestreben, ihren Lesern die besten Werke der jüdisä-en und hebräischen Literatur in guter deutscher Uebersetzung zu vermitteln. In unserer Ausgabe vom 28. d. (Sonntag) beginnen wir mit dem Abdruck einer der reizvollsten Novellen des jüdischen Dichters I. Z. Unojchi. Unojchi ist einer der vornehmsten Bertreier der modernen jüdischen und hebräischen Literatur, die er durch zahlreiche Schilderungeil des vergangenen und gegenwärtigen jüdischen Lebens bereichert. Seine Werke zeichnen sich durch Unmittelbarkeit und Echtheit der Empfindung und durch einen ganz eigenartigen, anmutigen Stil aus. Er ist nicht nur ein Meister der Schilderung des Lebens der Chiffidim, der Wesenheit des chaWischen Judentums, sondern auch einer der feinsten Schikderer des modernen jüdischen Menschentypus und seines zwiespältigen Lebens. Die Novelle „Winter", die wir in der Uebersetzung von P. Haller zum Abdruck bringen, veranschaulicht uns in wundersam feinfühliger Werse jenen jüdischen Uebergangsmenschen, den das Leben des jüdischen Städtchens nicht mehr auszufüllen vermochte, der sich von ihm und vom Judentum losriß, aber enttäuscht aus der Frenckc zurückkehrte und sich im Judentum wieder einzuwurzeln versuchte. Der SeolenkonM dieser jüdischen Männer und Frauen des Ostens hat jene Kraft geboren, welche das eigene jüdische Leben baut. Diese Novelle ist ein Symbol dieses Prozesses. Die vom Dichter geformten Gestalten fanden die gleichmäßige Verwurzelung im Judentum und Menschentum, wie Unojchi, der jetzt in Erez Israel wohnt und schafft, sie in der altneuen Heimat gesunden hat. Wir hoffen, daß diese von zauberhafter Stimmung umwobene Novelle das regste Jntereffe unserer Leser finden wird. 2b. Mär; IM, DeNer,> Bei Grippegefahr Tabletten Ul, 3« alle« Apotheke« erhältlich Sin Zwischenfall beim Leipziger Besuch HinSenburgr. 400 Polizisten plötzlich „erkrankt". Dresden, 25. Mörz. In der heutigen Sitzung oes jächjijchen Landtages teilte der Innenminister mit, daß am Tage des Cmpßrnges H i n d e n b u r g s irr Leipzig ungefähr 400 dort st a r i o n i e r t e Polizeibeamte plötzlich erkrankten. Die Untersuchung der Speisen, die die Beamten genosserr hatten, hat ergeben, daß es sich nicht, wie man ursprünglich annahm, um Vergiftuitgserscheinungen handelte, sondern daß den Speisen ein A bführmittel beigegeben worden war. Bon dein Resultat der Untersuchung sei die Staatsanwaltschaft benachrichtig! worden, deren Ermittlungen auf die Feststellung abzielcn, ob etwa eine aus politischen G r ü n d c u begangene StrashanÄurrg vorliege. Verhaftung einer Relchrdenifchen in Mhr.- Sstraa. Er sollte angeblich ein Attentat auf den Reichsinnenminister verüben. Mährisch-Ostrau, 25. März. (Tschech. Preß.-Bur.) Dieser Tage ist im Hauptbahnhof Oderfurt ein unbekannter junger Mann angekommen, der durch sein unsicheres Verhalten die Aufmerksamkeit der Polizei erregte und schließlich verhaftet wurde. Bei dem Verhör wurde festgestellt, daß der Verhaftete ein Reich sdeutscher ist, der die tschechoslowakische Grenze ohne Paß überschritten hatte. Bei einem weiteren Verhör gab er an, ein M i t g l i e d d e s ä u ß e r st e n n ationaliftischen Flügels der Rechten zu sein. Er sei ausgelost worden, um ein Revolverattentat gegen den Minister des Innern zu begehen. Da er vor der Verübung der Tat Furcht habe und auch Besorgnisse bezüglich der Folgerungen hegte, die die Organisation aus seinem Verhalten ziehen könnte, sei er über die Grenze geflüchtet. Die Untersuchung der Affäre wird fortgesetzt._ Ser Frauenmord in Budapest. Erhebungen in Wien. Aus Budapest wird uns gemeldet: Wir „Mag" meidet, hegt die Polizei den Verdacht, daß der Mörder der Frau Köhler deren von ihr getrennt lebender Gatte gewesen sei. Die Polizei hat feistgestellt, daß Köhler in den verflossenen Tagen in Budapest weilte, und es wurden Maßnahmen getroffen, Köhler, der sich eventuell in Oesterreich o«der in Sachsen auWtt, auszusorschen. Ein Pälizeioberbeamter ist in Begleitung zweier Detektivs nach Wie» gereist. Kur SS8.8llv>rostar-Speude für die Hadaffah. Aus Jerusalem wird »ns berichtet: Der bekannte jüdisch-amerikanische PHAanchrop und ExMdivinitgbied des jüdischen Kongresses Nathan Strauß hat der Hadcrssah 500.000 Dollar zur Schaffung von Heilanstalten in Palästina gespendet. 8«« Kapitel: Waden and West« jaden in Deutschland. Bon Benjamin Legel. Kurz nachdem die deutschen Armeen in Rußland sin- Zerückt waren, ersannen Hindenburg und Ludendorff einen eigenen Plan, um die in dem besetzten Gebiete Vorgefundenen Ostjuden /»nützlich zu verwerten". Sie wandten sich an die führenden Persönlichkeiten unter den Berliner Juden mit ä-r Aufforderung, jene Ostjuden „für die 'deutsche Sache zu gewinnen", mit anderen Worten, die Berliner Juden sollten ihre Brüder jenseits der russischen GrenzpMe zum Staats- Verrat verleiten. Die politische und Offiziersmora! hinderte sie nicht, diese Forderung zu stellen. Die führenden Persönlichkeiten unter den Berliner Juden waren in der größten Verlegenheit: in jener Zeit der patriotischen Tollwut Wte eine schroffe Absage die schlimmsten Folgen für das ganze Judentum herbeiführen können. Es fanden sich indessen Leute, die dem General Ludendorff de» berühmter! Ausruf iß» die Juden in Paulen" verfaßten, der in Millionen Exemplaren unter die jüdische Bevölkerung verteilt wurde, und den Ludendorff nachher abzuleugnen versuchte. Zwei Träger bekannter Namen gaben'sich sogar dazu her, anr 4. Oktober 1914, nachdem die Deutschen in Radom und Kielee eingezogen waren, sich dorthin zu begeben, um unter kn polnischen Juden für die Unterstützung des Landesfeindes zu agitieren und unter ihnen das besagte Ludendorffsche Manifest zu verteilen. Sie zählten ihnen alles auf, was sie vor: den Russen erlitten hatten. „Das missen wir alles schr wohl," antworteten die polnischen Juden, „das wissen wir bester als Sie. Aber, wollen Sie uns einreden, daß wir deshalb gut handeln würden, unsere Regierung und ihre Armeen zu verraten? Sollen wir ihnen Bomben Mchwevsen?" Es ist nicht bekannt geworden, was die zwei Berliner Sendboten darauf erwiderten, alber cs ist bekannt, i J^jj; die Rnssts bald wieder die Heiden genannten Städje be- | setzten, nachdem die Preußen sich „aus strategischen Gründen" Zurückgezogen hatten. Die Russen nähmen dann an den Juden., zur Straft für den Besuch der Berliner Herren, blutige Rache, Man berichtete, daß fünfhundert Inden, in deren Nachbarschaft die unter ihnen verteilten Ludendorffschen Aufrufe gefunden wurden, von den Rüsten aufgehängt worden seien. Der von den Huligans mit Vorbedacht genährte Verdacht, die russischen .Juden unterhalten mit dem Feind verräterische Verbindung, wurde durch diesen Besuch nur verstärkt. Man hatte die Ostljudcn retten wollen! In einem späteren Zeitraum schleppte Ludendorff bekanntlich tausende Ostjuden als „Freiwillige" nach Deutschland, wo sie in der Landwirtschaft und der Industrie, zum Teil sogar in den Bergwerken, die zum Heeresdienst eingezogenen Arbeiter ersetzten. Aber nicht nur auf diesem Wege kamen Ostjuden nach Deutschland hinein. . Jeder Zug von Gefangenen aus der Ostfront brachte ihrer Hunderte in die Gefangenenlager, außerdem waren. sehr viele aus allen Schichten der Gesellschaft in Deutschland durch den Krieg überrascht worden. Es gab also „Material" genug, worüber die Antisenriten -und ihre jüdischen Freunde schimpfen konnten. Man konnte damals in Deutschland eine interessante Erscheinung beobachten. Die berufenen Führer und repräsentativen Persönlichkeiten der deutschen Juden nahmen sich ihrer wahrhaft hilfsbedürftigen und bedauernswerten ostjüdischeu Brüder in aufopferungsvoller und erhebender Weise an. Und ztvar taten dies nicht etwa nur die zionistischen Organisationen, die übrigens damals noch lange nicht dieselbe Bedeutung hatten, wie heute, sondern der Hiffsverein deutscher Inden, unter Führung des Dr. Paul Nathan, der Zentralverein unter Führung des Dr. Ludwig Holländer, der B'nai-B'rith-Loge unter Führung des, Dr. G o l d s ch m i d t und Dr. Finkel und ins- I besondere der große jüdische Franenbnnd. Einzelne J Privatleute, die kein Amt und keine Würde bekleideten und deren Namen keiner kannte, außer denen, die ihre Wohltaten empfingen, leisteten Außerordentliches. Die Hilfstatigkeit her deutschen Juden beschränkte sich nicht auf die in Deutschland weilenden Ostjuden, sondern erstreckte sich auf die im besetzten Gebiete wohnenden, zu denen sie unausgesetzt ihre helfende und schützende Hand ausstreckte, ohne die es jenen ungleich schlimmer ergangen wäre, als es in Wirklichkeit der Fall war. Eine besondere Erwähnung verdient die Tätigkeit der deutschen Feldrabbiner an der Ostfront, die oft und oft der einzige Zuflucht der Juden vor Freund und Feind war, und jene Rabbiner und Lehrer, die in den Gefangenenlagern den Dienst versahen. Was ich allein mit eigenen Augen in jener Zeit in Deutschland gesehen habe, würde eine ausführliche Studie erfordern. Aber, tun alles das zu schildern, was von feiten der deutschen Juden während des Krieges und nachher, wahrend der Pogrom im Osten von Deutschland tobte, für die Ostjuden geschah, müßte man einen dicken Band schreiben. Und er müßte geschrieben werden, zum ewigen Gedenken innerhalb der ganzen jüdischen Gemeinschaft. Und das alles geschah ungeachtet des unablässigen antisemitischen Zähneknirschens und der großen Not in der eigene» engeren und weiteren Gemeinschaft. Gleichzeitig aber ließ sich schon früh, vom Rande her, ein merkwürdiges Gekläff vernehmen. Es kant aus jenen Kreisen, aus denen sich einige Jahre später die „national-deutschen Juden" rekrutiertem Diese Stimmen wurden immer lauter, drangen schließlich ins Ausland und erregten viel Mißmut gegen die deuffchen Inden. . Was ein schlecht erzogener oder übelwollender Skribent oder Schreier von sich gibt, fliegt hinaus in die weite Welt und weckt das Echo der Berge. Was di« deutschen Juden gewirktundausgerichtet haben, bleibt nur denen bekannt, die unmittelbar dabei stände», Denn sie prunken nicht damit. Diese Mjarnm Aachk« i

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