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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-25 · Heft 2546 (25.3.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2546 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Dien, Donnerstag Wiener Morgenzeituns 28. Marz 1926 Kntdeckmigen 1« Senttalaftea. Mehrfache, seit Kriegsende unternommene Expeditionen nach Zenttalasiert, insbesondere in die Wüste Gobi, haben zu Resultaten geführt, die sowohl in geologischer wie in kullurhistorisch.w Hinsicht alt überkommene Vorstellungen wesentlich Pt korrgicren geeignet sind. Während die verschiedenen von Rußland veranstalteten Expeditionen in erster Linie die ethnographischen und vcrkehrsgeographischen Verhältnisse dieser bisher fast unerforschten Gebiete untersuchten, haben sich mehrere amerikanische Expeditionen mehr den zoologischen und geologischen Problemen jener Gegenden gewidmet. Die neuesten Ergebnisse in dieser Hinsicht hat nunmehr die durch zwei Vorexpoditionen vorbereitete, von dem amerikanischen Professor der Paläontologie und vergleichenden. Anatomie, H. F. Osborn, veranlaßte Hauptexpe-ition deS Ncw- Zorker Zoologischen Museums erbracht, die der Hypothese nachging. daß die Wiege einiger höherer Tierarten in dem Gebiete der jetzigen Wüste Gobi zu suchen sei. Die Ergebnisse der Expedition können, otschon vollwertige Berichte über sie noch nicht veröffentlicht sind, als sensatimrell ^bezeichnet werden. Schon die zweite Vorexpedition hatte gewisse Resultat gezeitigt, die berechtigen, das Besahen einer sehr frühen Kultur in jenen jetzt vollkommen unbewohnbaren Bezirken anzunehmen. Eine starke Stütze dieser Annahme bedeuten die Ergebnisse auf zoologischem Gebiete. Die Existenz einer Tierwelt, die unter den gegenwärtigen klimatischen und Oberflachenvechältnissen der Wüste Gobi dort nicht mehr lebensfähig wäre, zwingt geradezu zu der Annahme, daß dieses ganze zentralasiatische Gebiet erst in einer Periode, die schon der Geschichte der Menschheit zugchört, ungeheuren geologischen Revolutionen unterworfen gewesen sein muß, eine Annahme,., zu der ja die Formen der zentralasiatischen Randgebirge und die ständigen Erdbeben an der asiatisch-pazifischen Küstenkante durchaus stimmen. Die Ausbeute der Expedition besteht vornchmlich in den Ueberresten von fast 10.000 Tieren, darunter zahlreichen bisher unbekannten Arten, und aus den Eiern von Dinosauriern, als deren Ursprungsland Zentralasien mit ziemlicher Sicherheit gelten kann. Ferner stellte die Expedition fest, daß die Mongolei auch jetzt noch nicht das gänzlich tote oder doch äußerst tierarme Gebiet ist. als das sie bisher galt. Gerade die Wüste Gobi, wird von einer ausfallend zahlreichen Fauna bevölkert, die sich den furchtbar harten klimatischen Bringungen der Gegend vollkommen ange-paßt hat. So gibt es dort Zwerghasen, die äußerst fett sind und ausgezeichnetes Fleisch liefern und sich in tiefen Erdhöhlen vor ihren vielfältigen Feinden, Geiern, Falken, Raben und Wolfen, verbergen. Bemerkenswert ist auch die Existenz von Gazellen, die mit außerordentlicher Geschwindigkeit zwischen den sehr spärlichen Futter- und Wasserstellen der Wüste wechseln. Man schätzt die von, ihnen unter Umständen erreichte Geschwindigkeit auf nahezu 100 Kilometer in der Stunde. Die wichtigste Entdeckung war die eines Prähistorischen „Dünenvolkes", desien Existenz zweifellos in die Periode nach der angedeuteten geologischen Umwälzung in jenen Gebieten fallen muß. Andere Entdeckungen" der Expedition Ovaren zahlreich chinesische, mandschurische und moskowitische Räuberbanden, die nicht nur die Forschungen der Expedition stark beeinträchtigten und das Leben der Teilnehmer bedrohten, sondern sogar die von der chinesischen Regierung der Expedition als EÄorte zugeteilten Soldaten zu veranlassen wußten, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Um so bewunderungswürdiger ist die furchtlose Zähigkeit, mit der die Forscher ihren Weg " zu Ende gegangen sind. Die Blutlgge. KrÄau, 24. Mäv;. (I. T. A.) Angesichts der nahenden Passahtage hat es auch in diesem Jahre an einer Rüuakmordhetze nicht gefehlt. In dem Städtchen Wisznic (Westgalizien) hat die 17jährige Polin Marja Juszczik der Polizei Meldung er-' stattet, daß man sie in ein jüdisches Behaus geschleppt habe, wo 40 Juden versammelt waren und wo man versuchte, ihr den Hals durchzuschneiden. Zwei polnische Frauen wären dazugekommen und hätten sie gerettet. In der Stadt und Umgebung entstand eine ungeheure Erregung Die Polizei nahm die Aussage der Juszozik ernst und führte zahlreiche Hausdurchsuchungen in den Beihäusern und in den Wchnungen angesehener Bürger durch. Bei einem nochmaligen Verhör der Juszczik verwickelte sich diese in Widersprüche; auch die Kvei Frauen, die sie angeblich aus den jüdischen Händen r.'tteten, ergingen sich in wirren Rederl, gaben anfangs den Vorfall zu, zogen aber dann ihre Aussagen zurück. Man hat den Eindruck, daß es sich um ein von langer Hand vorbereitetes Komplott handelt. Der Rabbiner von Wisznic und mehrere Bürger erhielten anonyme Drohbriefe. Die Propaganda wird in die nahen Dörfer getragen. Die jüdische Bevölkerung lebt in Panik. S'«e Akademie. Veranstaltet von der Wiener Ortsgruppe der WeltorMMsation zionistischer Frauen. Die Wiener Ortsgruppe der Weltorganisation zionistischer Frauen har unter der zielbswußten Leitung ihrer Präsidentin, Iran Erna Patak, in den letzten Monaten schr erfolgreiche propagandistische mW kulturelle Arbeit geleistet. Durch regelmäßige Borträge, welche auf sehr hohem Niveau standen, gelang er der zionistischen Frauenveve>in:Hung ein« immer größere Zahl jüdischer Frauen Wiens um sich zu scharen, zum Zionismus ju . erziehen, mit den Fragen jüdischer Kultur zu befassen und mit den Palästinapwblemen vertraut zu machen. Montag den 22. d. tra: die Wiener Bereinigung zionisti-. 'cher Frauen mit einer überaus gelungenen-Akademie, tvelche im Kursalon stattfand, vor die Oefsentlichkeit. Das Komitee hatte sich die Mitwirkung ganz ausgezeichneter Kunstkräfte gesichert mtd die groß? Zahl der Erschienenen, der Saal war dicht gefüllt, ist Be- * Achtung) -iso Fleischhauerei Samuel Friedmaim W3 Täglich frische Schlachtung, hochpflma fUnd- und Kalbfleisch sowie M«stgeflü*H. Selchwaren und garantle i reines G&nsefei HOD bv 193 unter Aufsicht des Khiw. Rabb. Adass lsfoel Zentrale: 0. Bezirk, Stietfen«a»se 14 / Telephon 56-47 Filiale: 10. Bezirk, Humboldtgasse 15 riDOH Tfr Feierliche nDDH JHI4? $eder- Abende im Restaurant „NATIONAL" 1L, Taborstrasse Nr. 13 WÄ*5 Während der Feiertage erstklassige Wiener sowie dJe bestbekannte orig, orientalische KÜCHE "ireTT^ppyyiyo Anmeldungen täglich im Restaurant (Tel. 42-5-93) Feinste in- und ausländ. Qualitäts- sowie Original~Paläsiina-Weine vom Fass und in Flaschen, Sliwowitz und Meih Yidsh in bv | JUMPERKLEIDER | I deT CLARA FLANDRAK ■ S tsieiaersalon ttwwv Tvrrwr» w-ve^r ww ww 3 I I., JASOMIRGOT. 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Mit stürmischem Beifall begrüßt, betrat dann die größe^ Künstlerin des Burgtheaters, Frau L i l l i M a r b e r g, das Podium und sprach Gedichte von Hugo Zuckermann. Man hat die Verse des toten Dichters mit solcher Meisterschaft und mit so starker innerer Anteilnahme niemals sprechen gehört. Das Publikum dankte ergriffen und Lilli Marberg sprach noch einige humorvolle Gedichte in sächsischer Mundart mit feinster Pointierung. Viktor He i m, als Liedersänzer längst berühmt, hatte für diesen Abend ausschließlich, jüdische Volkslieder gewählt und übte tiefe Wirkung. Der Pianist Professor Julius Jserlis spielte ganz meisterhaft Tondichtungen von Chopin und Liszt-Mendelssohn, und öer sehr begabte Bühnenkünstler Leo Balagur sprach mit außerordentlicher,Wirkung Gedichte von Heine und Uriel Birnbaum. Durch heitere Tanzdarbietungen zweier junger Damen aus der Schule Grete Groß mw Geigenoorträge des Herrn Ernst Feiner wurde das Programnl ergänzt, welches durchaus auf der Höhe stand. Das Reinerträgnis des Abends ist der Ch a lu; - F ü r s o r ge gewidmet. Der große künstlerische und gesellschaftliche Erfolg möge die zionistischen Frauen zu häufigerer Veranstaltung derartiger jüdischer Abende veranlassen. Prof. Sfntels und Set Wundenubbt. AuS Anlaß des Ablebens ds berühmten Mischen Chirurgen Prof. Dr. Israels in Berlin erzählt in einem ungarischen Blatt ein Leser folgende Reminiszenz: Vor etwa 13 Jahren machte ich in einem Wiener Hotel die Bekanntschaft einer Mischen Familie aus Polen, die den Winter in Wien verbracht hall-'. Der Mann war in den talmudi» schen und allgemeinen Wissenschaften gut versiert. Man konnte sich mit ihm über jedes moderne Thema unterhalten und hatte seine Freude an seiner geistreichen Art zu erzählen. Dieser Man« sprach mit Begeisterung von» Wunderrabbi seines Städtchens, die mich in Verwunderung versetzte. Der Wunderrabbi sei ein asketisch lebender Mann voll Güte und Selbstvertrauen, daß nicht nur die Inden, sondern auch die Ehrsten zu ihm wie za einem außerordentlichen Menschen emporblicken. „Wie kam er aber in den Ruf eines Wundervabbi?" warf ich zweifelnd ein „Das tveiß ich nichi, aber jeder glaubt an chn wie an einen heiligen Mann, den die Vorsehung mit besonderen, geheimen Kräften bedacht habe. Deshalb wenden sich die Leute in entscheidenden Augenblicken an ihr. um Rat, den sie wie eine göttliche Offenbarung auch pünktlich befolgen. Ich will Ihnen einen hiMr charakteristischen Fall erzählen." Neugierig schob ich me inert Sessel näher. Mein Mann erzählte: „Ich habe einen guten Freund. Der Name tut nichts zur Sache, ab r ich verbürge die Wahrheit dieser Erzählung. Mein Freund ist einer der begeistertsten Anhänger unseres Wunderrabbis. Eines Tages erhielt der Wunderrabbi von meinem Freund ein Telegramm aus Berlin, in welchem a ihm mikteilt, daß er sehr niedergeschlagen sei. Er sei krank, Professor Israels habe ihn mehrere Male gründlich untersucht und sei zu dem Ergebms gelangt, daß eine sofortige Operation dringend geboten sei. Mein Freund bat den Rabbi, für ihn zu beten, da es sich um eine schwierige Operation handle. Er bitte um Rat, was er tun solle. Noch am selben Tage erhielt mein Freund die telegraphisch* Antwort. Sie lautete kurz: „Nicht operieren!" Mein Freund zeigte das Telegramm Prof. Israels, der sich vor Verwunderung nicht fasseit konnte. Erreg: gab <r dem Patienten zurück und sagte: „Ihr Zustand ist so gefährlich, daß jede Verzögeruitg ein Verbrechen wäre. Telegraphieren. Sie sofort dem Rabbi, daß die Operation rticht aufgeschoben werden dürfe . . Mein Freund sendete ein zweites Telegramm ab. Er übermittolre dem Rabbi das Gutachten Professor' Israels', der zur Operation dränge. Die dringende Antwort des Wunderrabbi bestand abermals nur aus zwei Worten: „Nicht operiere n!" Nun wurde Israels wütend. „Mein ärztliches Gewissen lchnt sich gegen ein solches Vorgehen auf", schrie er zornig. „Ich begreife, daß Sie an den Rabbi glauben, dem Sie schon seit langem ihr Vertrauen entgegenbringen. Aber schließlich bin ich doch der Arzt, der Chirurg! . . . Telegraphieren Sie sofort dom Rabbi in meinem Namen, noch einmal, zum letztenmal: Operation muß und wird sta ttftn.den!" Am nächsten Tag kam die Antwort des Rabbi. Sie lautete lakonisch: „Operation muß nicht und wird nicht stattifinden!" Mein Freund hat sich nicht operieren lassen. Professor Israels machte noch einen letzten Versuch Er. hielt ein Konsilium mit den bedeutendsten Fachärzten. Sämtliche Aerzte, die an dem Konsilium teigenommen hatten, sichten den Patienten an, doch lieber den Aerzten zu vertrauen und machten kein Hchl aus chver Ueberzeugung, daß er ohne Operation unrettbar verloren sei. Mein Freund wies ans die Depeschen seines Rabbi hin und blieb unerbittlich." „Und wie -st es ihm'dann ergangen?" frug ich mit gespanntem Interesse. In diesem Augenblick klopfte es an die Dür. Ein kräftiger Mann mi. frischem, heiterem Gesichtsausdruck trat in das Zimmer. „Da haben Sie den totkranken Mann!" stellte mein Gast den Eintretenden vor. „Soeben erzählte ich die Ge-, schichte Ihrer unterbliebenen Operation und, sonderbar wie diese ist auch der Zufall, daß Sie gerade in diesen Augenblick zur Tür ointreten." „Israels ist ein großer Mann, ein großer Gelehrter!" sagle dieser ernst, „aber mein Rabbi . . . Und doch war er cs, der mir damals das Leben gerettet hat!" Professor Israels pflegte in Freundeskreisen die Geschichte seines Depeschenkampfes, den er mit dom Rabbi eines verfallenen polnischen Städtchens auszukämpfen hatte und wie er in diesem absonderlichen Auwritätsstreit unterlegen ist, zu erzählen. Professor Bronerr SelellrlenfnbilSum. Ans Moskau wird gemeldet: Dieser Tage beging der berühmte ruffisch-jüdische Arzt und Forscher Professor Wolf Mojsejewitsch Broner das Jubiläum seiner LSjährigen Tätigkeit als Arzt. Die medizinischen und die anderen Gelchrtenkreise in der gesamten Sowjetunion begingen das Jubiläum durch Festveranstaltungen. Professor Broner wurde als der Schn ein-es armeit jüdischen Schneidermeisters im Baikalgebirge geboren. Zehn Jahre alt, ging er mit einer Teekaraioane nach Tschita, wo er in das Ghmnastunt eintvat. Während der Zeit seines Studiums mußte er selbst für sv'nen Untervicht sorgen. Als er im zeh-wten Semester der medizinischen Fakultät stand, wurde er wegen Teilnahme an einer Studentenbewegung' relegiert und nach' Irkutsk verbannt. Bon dort flch er nach Berlin und vollendete hier feiiiw medizinischen Smdieu. Er asfistierte auch ln Pariser Krankenhäusern uitd erwarb sich hier einen' Rainen als medizinischer Forscher. In Paris veröffentlichte er auch mchrere vielbeachtete medizindsche Werke. Erst die Februar- «voilution 1917 brachte ihn in seine alte Heimat zurück,

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