Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2546 (25.3.1926)
- Date
- 1926-03-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981633--25976-3013684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sk. «48 Wen, DbnMKMg Verlangen Slevonmren Lieferanten di welttuniitei larikiii. Wiener Morgenzeilnng 28. Marz 19Z6 9tfo 9 Erhältlich In allen besseren Lebensmittelseschäften I —• na» tyivz. Jll SD P »’11J? J K D -nPKt* 1*» eine Bluttat in der Leopoldftadt. Mt dem Meller gegen drei Frauen. — Gestern um 10 Uhr vormittags ereignete sich im Hanse Haasgasse 8 in der Leopoldstadt ein aufschenrrrcgendcs Attentat, bei den: drei Frauen von einem Jndividimm durch Messerstiche verletzt wurden. Der Täler hat dann mehrere Revolverschüsse gegen sich abgegeben iihö ist im Spital gestorben. Um Sie beieichnete Smnde kam ein junger Mann zur Wohnung des Bnchdrnckereibesitzers David Strammer, dessen Frau mit ihrem sechsjährigen Kind, der 18jährigen Hausgehilfin Elisabeth Legrer und dem 28jährigen Kmderfräulein Herma Kind ermann zu Hause weilte. Die Kindermann sah durchs Guckloch, worauf der Mann erklärte, er müsse einen Brio? der Frau Strammer übergeben. Ms Frau Strammer nun zur Tür kam, erklärte der Bursche, er habe von der Druckerei Linsker in der Nestrohgasse einen Brief zu übergeben. Frau Strammer öffnete die Tür und ließ den Mann cinlreten. während die Kindernrann in die Wohnung zurückging. Jetzt griff der Bursche in die Rocktasche und versetzte mit einem offenen großen B e x i e r m e s s e r der Frau Strammer ohne ein Wort zn roden zwei Stiche in das Gesicht und in die Brust. Auf ihre Hilferuf: eilte das Stubenmädchen herbe:, worauf ihr der Unbekannte mit dem blutigen Messer blindlings fünf Stiche in den Leib versetzte. Dann drang er weiter und stach aus die Kindermann los. B l u tüberströmt flüchteten die Frauen auf den Gang. Frau Strammer erinnert: sich nun ihres Kindes, eilte zurück und verließ mit ihrem KiNde, das unversehrt "geblieben war, die Wohnung. Sie warf die Eingangstür mit Wucht ins Schloß, so daß das Sicherheitsschloß cinschnapptc nnd dem Täter die Flucht Verlegte. Als der Unhold, der vermutlich mit Rauüabsichtcn ringedrangen war, f.tntn Aussveg sah, gab er mehrere Retz o l v e r s ch ü s s e gegen sich ab.' Er wurde von Wachorganen in der Wohnung, in einer großen Blutlache liegend, bewußtlos aufgefunden. Die Verletzungen der Frauen, die in das Allgemeine Krankenhaus gebracht wurden, wurden als nicht lebensgefährlich-erkannt. Uekr die I d: n t i i ö t des Verbrechers und über sein Vorhaben war man von Anfang an im Unklare n. Ein Bettler, der angeblich knapp vor Verübung der Bluttat im Hause von Tür zu Tür gegangen war, konnte mit dem Täter wegen der Srlbftmorv I« nenmehniShrisen Mers. P-rsonsbeschreibullg m keinem Falle rdentrsch sein. Im Besitze des unheimlichen Burschen wurden w:der Dokumente noch Aufzeichnungen gefunden. Frau Strammer, die im Spital einvernommen werden konnte, gab au, sie vermute, daß der Mm der mit einem jungen Mann identisch sein könnte, der bis vor kurzer Zeit in der Druckerei Linsker in d-'r Nestroygasse 4 beschäftigt itwr. Die Firmen Strammer und LinSker stehen näm sich in Geschäftsverbindung. Der bei Linsker als Rastrierer beschäftigte Stephan G r o ß, der über Anordnung der Polizei m dös Allgemeine Krankenhaus geführt wurd:, erkannte in den? toten den früher im Betriebe bodienstet gewesenen Avbeits kollogen. Der Tater ist der am 26. Oktober 1L07 in Men geborene, nach Nachoschitz in der Dschechofowakei zuständige Ropvierergchkffe Robert Hanna, der bei seiner Tante in der Badgasse 18 im 9. Bezirk gewohnt hat. Hanna, der bis aus kleinere Dickstahlsstvaftn unbHcholten ist, war seit nrehr als fünf Jahren bis zum 13. d. bei Linsker beschäftigt.. Wegen Arbeitsmangels mußte er aus dem Dienste scheiden. Man war im Betriebe mit chm stets zufrieden. Auch in den letzten Tagen seines Dienstes zeigte er nichts Auffälliges in seinem Wesen. Ms Lehrling war er manchmal zu Strammer in die Wohnung geschickt worden und hatte so Einblick in die OrtsverhWmss: erhalten. Bor 14 Tagen hotte Hanna geäußert, daß er sich ein Motorrad kaufen wolle und sich Vas Geld schon dafür verschaffen werde. .Hamm war ein leidenschaftlicher Kinobesucher nnd Leser von Kriminalromanen. Vor zirka einem halben Jahr hotte er äm Betrieb einen Revolver herumgezsigt. Mit dem Diener her Firma Strammer, Jo- Hann Forstner, war Hanna sehr befreundet, Sonntag soll sich der Bursche zu seinem Vater, der zusammen mit Forstner rm Männecheim in der WuÄitzevgasse wohnt, geäußert haben, er werde nun n icht mehr schnorren, sondern etwas heransst:cken, um zu Geld zu kommen. Er wollte angeblich am Fieifchmarkl eine Trvsikaniin mit vorgchaltenem Revolver berauben. Der Revolver stammt aus dem Besitz seines Vaters, der ihn nach dem Umsturz von einem Heimkehrer erstanden hat. Noch der ganzen Sachlage erscheint es wchl als feststehend, dcch der junge Mann einen verwegenen Raubmordderr^uch begangen hat. Tagesbericht. Lektüre. Von I. L. Peretz. Freitag nachts. Im Stübchen ist es unheimlich still. In einem Raum von vier Ellen im Quadrat schlafen sieben Seelen. Der alte Wasserträger hatte es heute knapp. Kein Fleisch, knnen Fisch, keinen Schnaps nnd auch keine Chaloth zur Abendmahlzeit. Das Kilmschgebet hat er überS Brot gesprochen. Nur die Kopeke für zwei kleine Sabbatkerzen hat er erübrigt. Nicht einmal sauberes Hemd konnte er diesmal anzichen. . Eine einzige Sabbatfreude ist ihm doch geblieben. Ausschlafen für die ganze. Woche! Ebenso seiner Frau. Die ganze Woche lang läuft sie von Dorf z» Dorf, kauft Gier, Schweine- borsten und Lumpen «ms. Diese Woche jedoch hat sie kein Geld auf die Tour mitgenommen, und da ihr niemand Kredit gewähren wollte, ist sie am Vorabends ohne Ware todmüde und zerschlagen heimgekommen. Kaum HM sie den Segen über die zwei Sabbatlichtlein gesprochen, als si: auch schon hmfiel und schlief. Gewöhnlich schläft der Wasserträger mit drei und sie mit zwei Kindern in einem Bett zusammen. Heute aber sind die Kleinen zu früh eingeschlafen und man wollte sie nicht wecken. Sie liegen auf dem nackten Fußboden zerstreut da und schnarchen. Bon .den zwei Lichttein zankt noch eines und von den sieben Seelen im Stübchen ist eine noch wach. Die älteste Tochter. Das geöffnete Haar ist rot, das Gesicht gelb, einer sehr knappen Kartoffelnahrung entsprechend. Die Augen flammen krankhaft, die eingefallene Brust hebt sich und sinkt und die dürren Hände zittern. 0k liest einen Roman bei der zankenden Flamme und die Lippen zittern vor Ungeduld. Sie ist sehr nervös und hat Angst, daß -das Lichtlein ausgehen könnt:, noch bevor sie das Ende des Rommchekden «fahren haben wird. (Deutsch von Alexander Babad.) Tragödie aus einem PaMlnadampfer. Selstmord eines jüdischen Mädchens. Jerusalem, 23. März. (I. T. A.) Der Dampfer „Goüizia", der am SamStag im Hasen von Haifa. Anker lichtet:, hatte an Bord ein aus Lettland stammendes, 32 Jahre altes jüdisches Mädchen namens Gitel Zkrk, das auf Grund eines Touristeupasses iu Haifa landen wollte. Der Einwanderungskommiffär verweigerte ihm jedoch die Landungserlaubnis, weil er das Mädchen im Verdacht hatte, daß es, ohne hiezu berechtigt zu sein, ständigen Aufenthalt in Palästina nchmen lverde. Das Mädchen mußte mit dem Dampfer die Rückreise antreten. Auf dem Wege Wischen Ha ifa und Jaffa beging das Mädchen aus Verzweiflung über ihr Mißgeschick Selbstmord. Man fand bei der Toten eine Summ: von 240 Dollar. Das Herz klopft immer starker und stärker, er zittert wie im Fieber. In der Phantasie sicht er eme gute und fette Mahlgeil, in die Nase steigt ihm der wohlige Duft der Speisen auf. Heimlich öffnet er den Rock, die Finger zittern und er hört das Herz klopfen. Dann öffnet er die Weste und versteckt das Buch. Er stiehlt sich heraus und verlaßt das Zimmer. Schon in der Tür, sagt er zur Frau: „Ich werde ihn draußen treffen." — Die Stimme zittert. Er steigt die Treppe hinunter. Kommt nicht Selignran heraus? Seligman wird ihm jetzt begegnen, und mit einem Blick wird er erkennen, daß er ihm etwas gestohlen hat. Das Gesicht von Seligman, das immer wie das eines guten Engels cmssah, verändert sich plötzlich; ein böser Mensch, der ihn verfolgt. Er eilt die Treppe hinunter, verläßt den Korridor und ist schon draußen. „Es wird ruchbar werden. EL wird zweifellos . . ." Das Herz klopft ihm und er rennt. Da hört er eine Stimme hinter sich. „Feinberg!" Er wendet sich um. Da ist Seligman. Das bleiche, lange Gesicht wird ihn verraten; es drückt seine Verderbtheit aus. „Warum bist du fo bleich, siehst so schlecht aus. Feinberg?" Seligmaus weiche Stimme dringt ihm tief bis ins Herz. Er denkt: „Du weißt ja, wo ich das Buch verborgen halte, tvarum zögerst du noch mit dem Finden? . . .* „Deine bleiche Nase verrät, daß du heute noch nichts gegesseit hast," sagt Seligman. Feinberg schwelgt. „Etwas Geld kann ich dir leihey, wenn du willst." Er reicht ihm das Geld und sagt: „Lauf' inö Kaffeehaus und iß gleich;" Und Seligman geht ruhig weg. Feinberg steht und fühlt das Buch' unter der Weste. «.Aus tont Hebräischen üvvvtuagm von Lootzoch Ttzal-ev.) Sie sranzöfisch-valWuenfische Gesellschaft. Paris, 23. März. Anläßlich der ersten Jahreswende der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem veranstaltet die Gesellschaft „France- Palestine" gemeinsam mit dem Pariser Bureaus des Keren Hajessod und Keren Kajemeth am 1. April im Palais d O r s a Y eine Festversammlung, in welcher mehrere hervorragende Persönlichkeiten, wie de Monzie, Herriot, Godard, Crnppi, Corcos u. a. sprechen werden. _ eine furchtbare Schiffskatafteovhe. 104 Personen ums Leben gekommen. Aus London wird berichtet: Lloyd-Agentnr meldet auS Manaos (Brasilien) vom gestrigen: Der brasil.iamsche Dampfer „Paes de Carval ho", der von Manaos den Ama-. zonenstrom aufwärts fuhr, ist Montag bei C o«r h in Brand geraten und gesunken. Der Dampfer ist vollständig verloren. 104 Personen sind ums Leben gekommen. ein Kultnrbild an» Floridn. Die Schreie eines gelynchten Negers im Radio. In der Ortschaft Oceola in Florida hat die Menge einen Neger, welcher sich an einer Weißen vergehen wollte, in ihrer Rcherei zur Radivsendestation geschleppt, ihn vor den Apparat gestellt nnd dann zu Tode geprügelt. Die Schreie des Unglücklichen wurden von den Millionen Pahio-- abonnenten in ganz Amerika gehört, bis zu dem Augenblick, wo der Tod den Sieger von seinen unmenschlichen Qualen erlöste. Der „Rntnotönia* gestorben. Aus Natv-Vork wird uns gemeldet: Unter den amerikanischen Dollarinilliardären war Leopold Sch epp, der „Kakaokönig", einer der Prominenten. Er 'ist soeben tut Alter von 84 Jahren gestöcken. We viele feiner Kollegen", hat er seine Laufbahn als armer Teufel begonnen. Als er zehn Jahre alt >var, verkaufte er i« den Äraßen Fächer aus Pälmenblätter; aber im Alter von 18 Jcchren besaß er schon 300.000 Dollar, die er mit sehr gewagten kaufmännischen Unternehmungen verdient hatte. Der ,HMokönig" gab einen beträchtlichen Teil seiner Einkünfte für wohltätige Zwecke dahin. Schon bei Lebzeiten beliefen sich seine.Stiftungen auf sieben Millionen Dollar. Er hinterläßr trotzdem lachende Erben. einer von der Straße. Das aus Künstlomrt gÄragene Haar Ml 6m Misiker kennzeichnen. Seine Meidung, der Mantel, nmchen nicht den schlechtesten Eindruck» aber er verdeckt buchstäblich die nackte Armut. Ein alter Fetzen dient als Hemd, Rock und Weste Men. Mir einer Mappe, in welcher sich einige nmfiLllische Stücke befinden, durchquert er dm ganzen Tag WM seine Werke in den Kaffeehäusern cmbietend. Wovon lebt der Mensch? Sdltev kaust ihm semrmd etwas ab. Er aber zieht immevfyrt durch die Straßen der Stadt, im Eilschritt sein großes lNmd mit sich tra^nd. Er ist 50 Jahre alt, und man kennt nur .seinen Künstlernamen. Er erzählt mir Verschiedenes, und es ist mir klar, daß traurige Erlebnisse sein Sweben vernichtet haben. Die Wirrm der Zeit haben ihn dann endgültig ins Elend gestürzt. Und wenn auch der Mbaü der Wirrnis vor sich gcht — bei ihm hat dieser Abbau Halt genracht. Das Lebm «nd er, sie findnr sich nicht mchr. Die Post spolnerte seine Briefe, Äagt er, und es ist klar, daß das Leben ihn noch mehr ausgera-ubt hat, es brachte ihn Um die Einsicht und gdsunden Sinn; darüber klagt er nicht, da er sich für ein hervorragendes Talent halt. Und hat schon ein Talent zu Lebzeiten Anerkennung gefunden? Er bietet mir sein letztes Opas an, eine Serenade, erschienen in seinem Verlage in Wien. Rohere Advesie nicht notwendig, denn jeder kennt ihn. Vom Traume des Erfolges ist übrig gtzbli-ebrn der Trug der Popularität. In der Nacht verkriecht sich der Musiker und fein heimatloser Verlag in ein Kellerloch» in welchen,, wie er mir erzählt, diele Manusiripte hermnliegen» die :r testarnentarisch den Flammen vermacht hat, nicht aber den undankbaren Menschen, -welche ihn ausgelacht haben, als er seinem Gönner einen Ehrenmarsch gewidmet hat. Dieser Gönner war Breitbart. Der Riese nahnt sich seiner hilfreich an, wie „in echt kollegial-künstlerischer und jüdischer Ar^. Bveitbart ließ ihn als Waise zurück, bckor er ihm zu seinem großen Werke verholsen hatte. ,Kol-Nidre! Mr für Posartnen nnd Harfe — nur Posaunen —. die Urtöne." Er erzählt rwch Verschiedenes, Heine zitierend. Viel leidet er von den Menschen. Wird er aber von Juden „geftotzelt", enchfmdet er es doppelt schmerzlich. Roch treibt ihn die beseligende Hoffnung auf den Erfolg. Hat nwn dieses Anttitz nicht schon längst in fernen Orten gesehen? Ja, es ifTböS Leid des Erfolglosen und des Juden, das sich in seinen Zügen fpigelt. Wenn auch unheilbare Krankheit deine Worte verwirren, du bist der Bnlder und Genosse Heines, dessen Worte: „sie »velen dir dein Leichentuch", du irnmersort wiederholst.