Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2546 (25.3.1926)
- Date
- 1926-03-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28. Mäitz 1926 . * *?r. Inland. gia, gamrwWcv Büfewer Morftknjiesknnn SrnnzSMe Sorgen. KrisengerSchte in Polen. (CigenWenft der ^Wiener MmgenMiNtz^.) Warschau, 24. März. Im Zusammenhang mir der Demisiion des Innenministers Raezkiewiez sind in den Sejmcouloirs Gerüchte verbreitet, wonach in den nächsten Tagen mit einer vollständigen Rekonstruktion des Koalitionskabinetts zu rechnen sei. Die Regierungskoalition steht vor der traurigen Tatsache, daß da- Budget pro 1926 ein Defizit von 40V Millionen Zloty aufweist. Diese Situation nützt die Witos-Gruppe aus, um für eine eventuelle Einsetzung eines Kabinetts unter Führung des Abg. W i t o s Stimmung zu machen. Ministerpräsident Skrzynski gibt sich größte Dtühe, die Koalitionsregierung zu erhalten. Bekfaffungs8wder«ng? Warschau, 24. Mürz. (Poln. T.-A.) Der Kongreß der radikalen Bauernpartei der äußersten Linken (Wyzwolenie) hat eine Entschließung angenommen, wonach die Partei ihre oppositionelle Haltung gegenüber der Regierung Skrzynski beibehält und eine Abänderung der Verfassung verlangt, insbesondere die Wahl des Präsidenten der Republik durch die gesamte Bevölkerung, die Aufhebung des Senats sowie eine Umänderung des Wahlgesetzes. Die christlich-demokratische Zentrumspartei beschloß, eine Gesetzesvorlage einzubringen, durch die die Verfassung abgeändert und dem Präsidenten der Republik das Recht erteilt wird, Landtag und Senat durch eine vom Ministerpräsidenten gegengezeichnete Botschaft cmfzulösen. Gin mhsteriö'er politischer lleberfall ans einen Wischen Sejmdevnilerten. Warschau, 24. März. Sie Blätter berichten' übet erneu geheimnisvollen Ueberfall im Cisenbahncoupe aufeinen Abgeordneten des jüdischen Klubs, der von Danzig nach Warschau fuhr. Kurz vor dem Eintreffen des Zuges in Warschau drang in das Abteil, in dem sich der Abgeordnete befand, ein junger Mann mn, der den Abgeordneten fesselte und seinen Kofter durchstöberte. Aus dem Koffer wurden vertrauliche Dokumente, darunter eine Abschrift der polnischjüdischen Verständigung gestohlen. Bemerkenswert ist, daß das im Koffer befindliche Geld sowie Schmuckgegenstände unberührt blieben. Der Abgeordnete, dessen Name nicht genannt wird, erstattete die Anzeige. Tie Wische Bertretung im rumänischen Senat Bukarest, 24. März. In der Spezialdebatte über den Dahlgesetzemwurf ergriff Abgeordneter Obermbbiner Zirelf o h n zu Artikel 5, der über die Wahlen in den Senat handelt, das Wort. Nach dem RegierungsenLvuvf soll der Vertreter der Juden^ im Senat durch die jüdischen Organisationen A l t r u m ä niens delegiert werden. Obervatbiner Zirelsohn bekämpfte diese Bestimmungen und beantragte, daß die Wahl der jüdischen Bertretung im Senat im Wege der Abstimmung in den Kultusgemeinden im ganzen Lande erfolge, da nur ein solcher Wahlborgang die Gewähr biete, daß im Senat der Wille der jüdischen Bevölkerung zum Ausdruck gelangt. Zu diesem Antrag äußerten fich mehrere Redner. Artikel 5 wurde schließlich unter Ablehnung des Antrages Zirelsohn unverändert angenommen. Die Kammer gegen den KiNdergvmmisavger. Paris, 24. März. (Tel.-Komp.) Obwohl von dem Finanzminister Peret auf die Dringlichkeit einer Lösung der Finanzkrise, die sich heute in einem RückgangdesFrankenkursesauf nahezu 140 für das englische Pfund äußerte, neuerlich hingewiesen wurde, fand die Kammer heute noch Zeit, sich in der ganzen Vormittagssitzung mit der Frage eines Berkaufsverbotes für Kindergummisauger zu beschäftigen, das von dem ältesten Mitglieds des Hauses, dem radikalsozialistischen Abgeordneten und Arzt Pinard gefordert wurde. Nachdem von verschiedenen Seiten gegen die Verschwendung der kostbaren Zeit protestiert und darauf in nahezu zweistündigerDebatte die Vor- und Nachteile des umstrittenen Instruments für die Nachkommenschaft erörtert worden waren, wobei der Hygieneminister Durafour den Standpunkt des Antragstellers unterstützte, wurde der Gesetzentwurf angenommen. Daniit ist die Herstellung, die Einfuhr und der Verkauf von Gegenständen, die dazu bestimmt sind, „dem Kinde die Vorstellung der Mutterbrust zu erwecken", in Frankreich verboten. Sine Novelle von 8. 3. UnoW in der „Wiener Morgenzeitnng". Die Wiener Morgenzeitung" hat das Bestreben, ihren Lösern die besten Werke der jüdischen und hebräischen Literatur in guter deutscher Uebevsctzung zu vermitteln. In unserer Ausgabe vom 28. d. (Sonntag) beginnen wir mit einem Akdruck einer der reizvollsten Ncvellen des jüdischen Dichters I. Z. U n o j ch i. Unojchi ist einer der vornehmsten Vertreter der modernen jüdischen und hebräischen Literatur, die er durch zahlreiche Schilderungen des vergangenen und gegenwärtigen jüdischen Lebens bereichert. Seme Werke zeichnen sich durch Unmittelbarkeit und Echtheit der Empfindung und durch einen ganz eigenartigen, anmutigen Stil aus. Er ist nicht nur ein .Meister der Schilderung des Lebens der Chassid'im, der Wesenheit des chafsidischen Judentums, sondern^ auch einer der feinsten Schilderer des modernen jüdischen Menschentypus uttd seines .zwiespältigen Löbens. Die Novelle „Winter", die wir in der Uebersetznng von P. Haller zum Abdruck bringen, veranschaulicht uns tit wundersam feinfühliger Weise jenen jüdischen Uebergangsmenschen, den das Leben des jüdischen Städtchens nicht mehr auszufüllen vermochte, der sich von ihm und vom Judentum losriß, aber enttäuscht aus der Fremde zurückkchrtc und sich im Judentum wieder einzuwurzeln versuchte. Der Seelen-konflikt dieser jüdischen Männer und Frauen des Ostens hat jene Kraft geboren, welche das eigene jüdische Leben baut. Diese Novelle ist ein Symbol dieses Prozesses. Die vom Dichter geformten Gestalten fanden die gleichmäßige Verwurzelung im Judentum und Menschentum, wie Unojchi, der jetzt in Erez Israel wohnt und schaff:, sie m der altneuen Heirnat gefunden hat. Wir hoffen, daß diese von zauberhafter Stimmung r«nwobene Novelle das regste Interesse unserer Leser finden wird. Schwarze Bitternis umnebelt chn, er möchte sich ausstrecken in der Mite des Marktplatzes, die Hände und Beine spreizen und tief im Kot versinken, nur liegen und nichts denken und nichts fühlen. Doch die Füße schleppen ihn ganz gegen seinen Willen, weil sie daran gewöhnt sind. Und er geht. Seine Kräfte schwinden langsam, als würden sie sich vom Herzen fortstehlen und als wollten sie lautlos vergehen. Er denkt cm das Kaffeehaus, wo seine Freunde und Bekannten zusammen kommen und beeilt sich. Er ist dort. Das Lokal ist voll Rauch. Ein Nebel verhüllt alle Wände und Menschenköpfe bewegen sich in dem Nebelflor. Die Menschen sitzen rund um Tische und plaudern. Der eine ißt, der andere liest eine Zeitung. Sein Blick sucht eifrig: kein einziger seiner Bekannten. Er wendet sich und setzt sich an einen der Tische und wartet. Gegenüber sitzt ein junger Mann. Sein weißer Kragen verdeckt den Knorpel seines langen, ausgezogenen Halses; auch er wartet. Die Kellnerin reicht dem jungen Mann eine Eierspeise, Brot und Butter und ihre Augen lächeln liebevoll. Der Jüngling schickt sich an, mit großem Appetit zu 'sson. „Womit kann ich dienen?" fragt das Mädchen. ,Mtte später. Ich erwarte jemanden." Das Fräulein blickt den Jüngling verständnisvoll an und teilt ihm ihren Verdacht mit den Augen mit. Dann geht sie, und wendet den Kopf noch einmal um. Der Fremde hält in der Hand den Löffel mit der Eierspeise, tut den Mund auf und betrachtet Feinberg. Doch Feinberg sieht weg zu einem Nachbartisch und denkt: Wer kümmert sich um dich und deine Eierspeise? Meinetwegen, kann sie dir im Hals stecken bleiben. Es scheint ihm, daß sein junger Tischgenofle zu eflen aufgehört hat und nur den Löffel hält und ihn anstarrt. Jetzt wendet er mutig den Kopf und siehe — der Jüngling sitzt und ißt mit großem Appetit. Feinberg errötet und verdeckt mit einer Zeitung das Gesicht. Ter Jüngling blickt ihn oo. Und noch einmal denkt Feinberg: Wer braucht dich und deine Eierspeise? Die Buchstaben in der Zeitung aber tanzen, seine Gedanken verwirren sich: wieder glaubt er, daß der Mann dort ihn anblickt. Ja, er blickt ihn gut an, mit betonter Absicht. „Nein, nein. Er ißt." „Merkwürdig ißt dieser Mensch", sagt er zu sich selbst und möchte sehen, ob es wirklich so ist. Und noch einmal wendet er den Kopf und schaut. Und wieder hört der Mensch zu essen auf und auch er starrt Feinberg an. Sie sehen einander an und schweigen. Feinberg erhebt sich und geht. „Ich habe ein Fenster für mich allein." Die Worte erstarren ihm auf den Lippen. * Draußen. Er schlendert in den Gasten, von Straße zu Straße. Der Kopf schwer, der Hunger tvächst, die Beine versagen. Aufrechtbleiben und gehen. Plötzlich komrnt ihm der Gedanke: Ja, er wird zu Hause sein." Er läuft. Schon klagt er sich selbst an: Sei nicht gemein! Wirs nicht deine Last auf andere. Du bist noch jung, voll Jugendkrast, ernähre dich selbst. „Seligmann ist eine Ausnahme. . . Einer von uns ... Bei ihm darf man ..." So entschuldigt er. sich. Er tritt in einen breiten Hofraum, voll Kot und Mst, von da kommt er in ein dunkles Stiegenhans und steigt die schlechten Stufen hinauf. „Auch er selbst ist ein großer Schnorrer. . . Ein guter Mensch . . . Spart sich den Bissen vom Mund..." „Aber, aber, auch ich wäre so, wenn ich Geld hätte. Er ist von unserem SOag . . . Alle sind wir so . . ." Trotzdem findet er nicht genügend Entschuldigungsgründe und keine Rechtfertigung für sein Tun; er verliert an Wert in den eigenen Augen und bereut. „Der Mensch soll für sich selbst sorgen," und faul geht er die Stiegenstufen hinauf. Steht und Nopft an die Tür. „Ist Seligman zu Hause?" fragt er die Frau, die ihm die Türe geöffnet. Ser «rbilra-everirng mit der Mechoffownkei. Vom Himptansschuß genehmigt. In der gestrigen D.MNg des Ha-uptausschustes «tstMote -».nächst Bundeskanzler Dr. Ramek einen Angehenden Bericht über den Bösiuch des ffchvchosiowalkischen Ministers des Aeatßern Dr. Bcnesch in Wien und die Verhandlungen des Bundeskanzlers in Genf. Im Laufe feiner Ausführungen mochte der Bundeskanzler auch Mvtteikmgen -über den Zweck seiner Berliner Reise. Hierauf wurde der Vergleichs- und SchiedSve rt ra g mit der tschechoslowakischen Republik Nr DerhanMUg gozogen und einstimmig genehmigt. Proton oder Maiorz t Nn Wahlkffonnvorfchlag dn niederösterreichischen Landtag. An der von so vielen Seiten erhobenen Forderung nach Reform des in Oesterreich eingeführten Systems des Verhältniswahlrechtes können nunmchr auch die gesetzgebenden Körperschaften nicht mehr achtlos Vorbeigehen. Anläßlich der gestern im n.-ö. Landtag vorgenommenen Wahl eines Wahlausschusses nahm Landeshauptmann Dr. B u r e s ch Gelegenheit, diese Wahl als Ausdruck des aufrichtigen Willens des Landtages zu deuten, die in letzter Zeit laut gewordenen Reformwünsche der Bevölkerung nicht nur eingehend zu prüfen, sondern ihnen auch nach Maßgabe ihrer Berechtigung und Durchführbarkeit zu entsprechen. In der anschließenden Debatte behauptete der Sozialdemokrat Petznek. daß nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Wähler eine Aenderung des bestehenden Wahlrechtes verlange. Der größte Teil, das sei derjenige, der in den verschiedenen Parteiorganisationen verankert ist, verlange keine Aenderung. Eine ähnliche Meinung äußerte der Großdeutsche Dr. Mittermann. Er empfahl den Unzufriedenen, die ihre Wünsche nicht ersirllt schen, sich den bestehenden Parteien anzuschließen und dott rege Mitarbeiten. Dagegen redete der Landbündler Doktor G a s s e l i ch einer Wahlreform nach reichsdeutschem Muster das Wort. Die Wah'lrefavmfrage sei die Lebensfrage des Parlamentarismus in seiner heutigen Form. Werde sie nicht gelost, dann werde man zu einer anderen Ausdrucksform des Willens des Volles kommen. Es gebe keinen größeren Feind der Demokratie als die Gewalt. Der Christlichsoziale Dr. Czermak bezeichnet; als Aufgabe des Ausschusses, aus den Erfahrungen der bisher durchgeführten Wahlen und aus den Beschwerden des Berfassungsgerichtshofes die notwendigen Schlüsse auf die Novellierung der Neuordnung zu ziehen. Die Gegner des Proporzes seien jene Außenseiter, die durchaus ein Wahlsystem wünschen, nach welchem unfehlbar sie selber gewählt werden. Die freie Liste sei unmöglich. Er lchne das System der kleinen Wahlkreise für je einen Abgeordneten nicht ab, verlange aber, daß alle Reststimmen zur Verfügung der einzelnen Parteien bleiben müßten. Vom Proporz könne nicht abgegangen werden und man habe auch keine Ursache, dem Majorz das Wort zu reden. „Nein, er ist fort." Er steht und halt die Klinke fest. Die.Frau blickt et mit Augen an, die irgend eine ergebene Bitte ausdrücken. „Ich werde ihn in seinem Zimmer erwarten." Er tritt ein und wirft sich auf das Bett an der Wand. Das Zimmer von Seligman ähnelt seinem eigenen, nur eines macht ihn stutzig. Auch er, Seligman hat ein Fenster, ein ganzes Fenster für sich selbst, und doch hat er, Seligman, auch nie ein Wort über sein Fenster gesprochen. Schweigend sitzt er da. Seine Augen sind aus den Bücherschrank in der Zimmerecke gerichtet. „Schöne Bücher hat er — teure eine nette Bibliothek." Plötzlich fühlt er starkes Herzklopfen; Angst befällt ihn. Und er wendet die Augen vom Bücherschrank w-» und sieht zum Fenster. An die Bücher will er nicht denken; ablenken. „Nein! Wer würde solches.tun? Schande!" Er erhebt sich, tritt ans Fenster und schaut. Der Schrank lockt aber seine Blicke. Dort stehen Bücher. Etwas zwingt ihn, zum Schrank ^u treten, nur um die Bücher dort anzusehen. Er schaut durchs Fenster hinaus. Gegenüber ist ein großes Haus mit vielen Fenstern. „Bald, bald wird ein Mädchen im Fenster da gegenüber erscheinen. Welch' große, schöne Augen sie hat!" Wartet, steht und schaut. Es zieht ihn aber — er verläßt den Fensterplatz. „Bald wird das Mädchen erscheinen — nur einen Augenblick noch." Schon steht er in der Mitte des Zimmers, ganz still, das Herz pocht und er zittert. „Gott bewahre. Wer sagt daS? ... Rur anseheu, nur . . Noch ein Augenblick. „Nein, auch ansehen darfft du nicht. Bald wird das Mädchen sich zeigen. Da ist sie, da . . . Wahrend er diese Worte spricht, tritt er leise zum Schrank und nimmt ein Buch. „Ein schöner Einband, wert einen ganzen Rubel, zumindest fünfundsiebzig Kopeke»." -Das Mädchen steht am Fenster und siebt."