Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2546 (25.3.1926)
- Date
- 1926-03-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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rmg» vmyrhv 4iv '«i,! "up.u«: «k. M8 "Mm, V-mm-mtz Wlenek Moesemettu«- Re valWneMche Sendarmerie. ftimmeti der Wische« DK pMstmenisische Regierung hak. tote wir bereits gemeldet haben, ihre erste Verordnung über die Neuorganisation der Gendarmerie insoweit modifiziert. Äs sie den zuerst ausgesprochenen Ausschluß der jüdischen Mannschaften, widerrufen hat. Diese Aenderung ist aus Einschreiten der Londoner Kolonialverwaltung erfolgt, die den deutlich ausgesprochenen Unwillen der jüdischen Bevölkerung berücksichtigen mußte. Es wird jetzt darauf ankonrmen, oib nicht die Modifikation der Verordnung in Palästina selbst aus dem Wege der Tatsachen umgangen wird und ob nicht die Einstellung der jüdischen Sicherheitsorgane in bfe neu zu bildende Schutztruppe unter allerlei Vorwänden unterbleiben wird. Daß diese Befürchtungen bestehen, ersieht man aus der jüdisch-palästinensischen Pvesie, die auch die Frage nach der politischen Verantwortlichkeit auswirft. So beschäftigt sich „Haaretz" am 5. d. in den: Leitartikel mit der Antwort, die der Staatssekretär sür die Kolonien, Mr. Amery, Kolonei Wedgwood erteilt hat. Amery sagte, er wisie n i ch ts Näheres über die Neuorganisation der palästinensischen Streitkräste. ^Haaretz" schließt hieraus, daß der Reorgamsationsplan 'in I e r u s alem aufgestellt worden ist und nicht in London. Das Blatt sagt: ' Dies ist nicht der erste Fall, daß eine politische Maßnahme, die unseren Interessen entgsgengesetzt ist, ihren Ursprung in Jernjalem bat und nicht im Colonial Office. Man muß die Frage austverfen: welche ist die Regie- .rung mit der wir zu tun haben? Der Gegenstand, um den cs sich handelt, ist ganz gewiß einer, von dem die Jewish Agency früher hätte Kenntnis haben iollen. Wie ist es möglich, daß die Zionistische Exekutive in dieser Angelegenheit der Oefsentlichkeit gegenüber keine Erklärung äh-gegeben bat? Der Artikel kommt zu der Schlußfolgerung, daß die Exekutive sich politischer Passivität schuldig gemacht hatte. Unter keinen Umständen ist in dieser Frage ein Kompromiß möglich. Wir düvfen nicht;u- ■ lassen, daß irgend ein Plan, der die Juden aus den Landesstreitkrästeu ausschließt, verwirklich: wird." In einem zweiten, von Sch. Schwarz gezeichneten Artikel desselben Mattes wird der Mangel der politischen Tätigkeit der Exekutive in der Polizeifrage bedauert und gesagt: „Es ist politische Arbeit in dieser Sache sowohl in Jerufalem als auch in London nötig. Für unsere politische P a s s i v i t ät werben wir letzt b e st r a 7 t. Die Angelegenheit der Polizei soll uns als Lehre für die Zukunft dienen." Im „Doar Hajom" vom 3. d. verlangt Ben Baruch gleichfalls ein Eingreifen der Zionistischen Exekutive, vssr die Aktivität der jüdischen Bevölkerung gegenüber gestellt wird: „Die PoHzeioervvdnung ist ein schwerer Schlag für unsere nationale Exilstenz. Die Zionistische Exekutive, die sich nicht viel um die öffentliche Meinung Kümmert, hat es bisher nicht für nötig gehalten, in Vieser Angelgenhert eine Information zu verbreiten. Aber der oraanisierte Jischuw — Parteien, Presse, die entlassenen Legionäre — haben sich schon unzweideutig geäußert. ^Der Druck der jüdischen öffentlichen Meinung hat schon zu einigen Veränderungen in der Verordnung aofuhrt. Wenn wir auf unserem Recht bestehen, können w>r Haffen, daß die Verordnung gänzlich aufgehoben wird und an ihre Stelle eine Aktion der Regierung treten wird, die unseren Fewberg. Von Schalom Asch Eine kleine enge Stube. Widerliche Wände, die auf die Einrichtung zu warten scheinen. In der Mitte des Zimmers ein kleiner Tisch. Auf dem Tisch liegen kleine Papierfetzen herum, einzelne Bogen, Butterbrotbrocken, feucht von ausgeschüttetem Wasser. An den Fuß des Tisches, auf der schmutzigeil Erde, lehnt ein Bündel Hemden. Das Zimmer ist von Betten ganz ausgefüllt. Morgen. Verschiedene Töne, aufsteigend von den Schlafenden, finden einander im Raum. Ueber dem Strohsack auf dem Bett, das beim Fenster steht, ist eine beschmutzte, zerrissene Decke ausgebreitet. Aus dem Bett ragt etwas Rundes hervor; es scheint, daß eine Katze sich heimlich unter die Decke stahl und dort, ohne sich zu rühren, liegt. Da beginnt die Decke sich zu verziehen, und hinter einem Ende lugt ein Menschenkopf hervor, das Haar noch voller Federn. Ein fahles, betrübtes Gesicht, geschloffene Augen, die Lippen offen, um die stickige Luft in vollen Zügen einzüatmen. Die Augenlider öffnen sich plötzlich, zwei Augapfel, von roten Blutfäden durchzögen, blicken umher und schließen sich bald; der Schädel fällt und verbirgt sich im Kissen, als würde das Licht des Tages den Verlust eines Blickes nicht aufwiegen. Lange Stille. Da sitzt schon der Mann im Bett, starrt die widerlichen Wände an, richtet seinen Blick auf die Decke da oben, schaut und schaut, ohne sein Zimmer zu erkennen. Der Raum hat sich ganz verändert uud seine ganze Einrichtung ist fremd. Ein düsterer Gedanke quält das Hirn, und er fühlt sich verlassen. Seine Gesichtszüge verzerren sich, die Stirne runzelt sich und die verbrannten Lippen ziehen sich zusammen und drücken Bitterkeit aus. Er wendet sich um und sieht auf die Fensterscheiben. Draußen rieselt der Regen, kalte Tropfen schlagen faul auf die Glasflächen. Tis, tif. Bewegungslos sitzt er da; auch den Mund öffnen und gähnen hat er keine Lust. Sein Kopf fällt aus das Bett zurück. Griffe in 8rez Israel. Forderungen in irgend einer Form Genüge tut. Wir müssen m jedem Fall, sowohl wenn wir zum Eintritt in die a 1 l g emeine Truppe ausgesorbert werden, als auch, ivenn eine besondere jüdische Truppe gebildet werden soll, zur Erfüllung unserer Pflicht bereit sein und dafür sorgen, naß wir die g e n ug e nd e A n z ah l v 0 n F r ei w i l l ige n stellen. Wir müssen Wetter fordern und protestieren, X>- durch werden wir »wer Ziel erreichen. Diejenigen, dte uns übertriebener Politikmacherei beschuldigten, sind setzt überführt, daß sie gesündigt Haben. Eine kräftige politische Tätigkeit hätte Ueberraschungen, denen wir immer wieder b eegnen. verhindern können. Nur kräftige, politische atigkeit kann uns in Zukunft vor solchen Ueberr-afchungen schützen. Der sozialdemokratische „Dawar" vom 3. d. schreibt unter dein Titel: „Der Kampf gcht weiter": ,/Die rreue Verordnung über die Polizei ist insoweit ein Erfolg des jüdischen Widerstandes gegen die erste Verordnung, als sie kerne ausdrückliche B«st i m m u n g enthält, daß Juden aus der Gesamtheit der Streitkrafte des Landes rnu sgeschl 0 fsen werden sollen. Es besteht die Möglichkeit, den Kampf für die jüdischen Rechte fortzutetzen. Der Gedanke des Ausschlusses von Juden aus den Streitkräften ist für uns schädlich und beleidigend. Lar Budget von Tel>Awiw. Eine Zuschrift des Stadtvates an die „Wiener Morgmzeitung". Vom Stadtrat in Tel-Awiw erhalten wir die folgende Zuschrift: Z. 8320. Tel-Awiw, 28. Adar 5686. » 14. März 1926. An die geehrte Redaktion der „Wiener Morgenzeitung"! In dem unter dem Titel „Schalom, schalom, w'ein schalom" am 14. Februar erschienenen Artikel des Herrn Dr. Zwerg wurden einige unrichtige Ziffern angegeben, und wir wären der geehrten Redaktion zu Dank verpflichtet, wenn sie uns Raum für dte Richtigstellung gewähren wollte. 1. Die Leitung des Stadtvates hat nicht, tote in dem Artikel behauptet wird, ein Nachttagsbudget von 120.000 ägyptischen Pfund beschlossen. Es handelte sich bloß um eine Richtigstellung des Budgets für das Halbjahr Oktober-März von 42.000 auf 60.000, d. h. also einen Nachtrag von 18.000 äghpt. Pfund. Daraus ergibt sich aber auch, daß die im Artikel auifgestellte Behauptung von einem Jahres- 'budget in der Höhe einer Biertelmillion äghpt. Pfund unbegründet ist. Die Gesamtausgaben für das lausende Budgetjahr übersteigen die Summe von 100.000 äghpt. Pfund bloß um ein Geringes. 2. Dte Zahl der besoldeten Leiter der verschiedenen Ausschüffe ist nicht, wie in dem Artikel behauptet wird, von vier auf 21 gestiegen. Tatsache ist, daß heute von den gesamten gewählten Stadträten bloß vier eine Entlohnung erhalten, und' zwar der Vizebürgermeister und drei Mitglieder der Leitung. 3. Dte Gesamtsumme des Schulgeldes, die bisher von den Eltern geleistet wurde und nunmehr in das städtische Budget übernmnmen wurde, beträgt nicht, wie im Artikel angegeben, rund 30.000, sondern bloß 3000 äghpt. Pfund. Mit Gruß und Dank im voraus D. Bloch, * Vizebürgevmeister der Stadt Tel-Awiw. Im Gehirn kein Gedanke, im Herzen — kein Gefühl. Manchmal rutscht die Decke von seinem Körper herunter, fällt auf den Boden und ein kalter Luftzug weht über seine nackten Füße; er versucht aber nicht einmal die Hände hervorzuziehen, die Decke zu heben und sich wieder einzuhüllen. Er liegt. » Plötzlich hört man ein Bett krachen und daun Menschenschritte. „Feinberg, hast du etwas Geld, um mir zu borgen'?" Schweigen. Der Fragende hatte, scheint's, den Sinn seines Schweigens verstanden, denn ar;ch er schweigt. Die Tür wird geöffnet. Jemand kommt oder verläßt das Zimmer. Feinberg liegt — was schert ihn das. Er zittert. , Streckt den Kopf hinter der Decke hervor und schaut umher. Schorr wollte er noch einmal den Kopf im graus-, lichen Kissen vergraben, aber plötzlich, ganz unwillkürlich, blitzt ein Gedanke in seinem Hirn. Woher wird er heute zu essen nehmen? — Und dieser Gedanke verstärkt seine Sehnsucht aufzustehen und aus dem Bett zu kriechen. Woher? Im Kaffeehaus wird man nichts geben. Mit diesem Gedanken zieht er seine ausgewetzten Kleider an. Doch gerade im Augenblick, als er den zweiten Schuh anzieht, reißt der Faden seiner Ueberlegungen und Gedanken — und gefühllos, nur um sich selbst zu beruhigen, sagt er zu sich: „Aber, Hungers werde ich doch nicht sterben." Er muß sich aber über sich selbst wundern: Warum sorgt er heute um sein Leben mehr, als an einem anderen Tage? Tag für Tag, wenn er früh aus seinem Zimmer herauskommt, weiß er ja nicht, woher er zu effen nehmen wird, und doch lebt und ißt er täglich. Wahrlich, er glaubt nicht an Wunder. Und trotzdem, er lebt nur durch ein Wunder. Er spaziert im Zimmer leichthin mnher. Und doch schnterzt sein Herz und bittere Gedanken ^.veimgKn das Hirn 25. Marz 1926 GMe S mm mim 100 % reines JFett aus HoÄosnüssen SCHEL PESSACH nDS tw TOD SCHEL PESSACM Erzeugt unter streng rituelle! Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners S. B. EHREN FELD, Mattersburg Arabische Beschwerden. Jerusalem, 24. März. Einige arabische Parteien haben der palästinensischen Regierung eine Denkschrift überreicht, in der gegen die Tätigkeit der jetzigen Jrijah (Gemeindevcch Protest erhoben wird, ive:l sie den Interessen der Bevölkerung nicht dienlich sei. In der Denkschrift wird daher vom High Commiffioner die A u f l ö s u n g d e s Gemein b erat e s verlangt. Das arabische Organ „Mirath al Scharak" nimmt gegen diese Art von Denkschriften Stellung und macht jenen arabischen Gruppen, die sie unterzeichnet haben» schwere Vorwürfe wegen einer solchen leichtsinnigen politischen Handlung. Es sei unnütz, unter den gegebenen Berhälltnisstn die Auflösung des Gemunderates zu verlangen, weil er ohnehin e:ne arabische Majorität ausweise. Die arabische Preffe beschäftigt sich noch immer lebhaft nrit dem letzten Empfang der arabischen Delegation bei Lord P l u m e r. Ein Teil der Presse ist der Ansicht, daß die schlechte Behandlung der Araber durch Lord Plumw darauf zurückzuführen sei, daß die Araber sich keineswegs der englischen Mandatarmacht gegenüber würdig benehmen. Statt eines geeinigten starten und stolzen arabischen Volkes sieht Lord Plumer eine in zahlreiche Gruppierungen zersplitterte, von kleinlichen Parteiintereffen beherrschte arabische Gesellschaft, die vielmehr für eigene Vorteile kämpft, und um Geld sogar bereit wäre, ihr Vaterland zu verkaufen. Bon einer derartigen Bevölkerung kann niemand Respekt haben. Er tritt ans Fenster und betrachtet die Mauer, die dasteht und aufsteigt. Die Mauer ist schwarz und schmutzig, sie verdunkelt und raubt das Tageslicht. Es regnet und die fallenden Tropfen machen die Mauer naß. Sein Herz ist voll von Mitleid für diese armselige Mauer. Diese Mauer muß immer dastehen, immer ohne Bewegung, und kein Vogel baut hier sein Nest. Die armselige .Mauer. Er sitzt am Fenster. Plötzlich erinnert er sich an die Wohnung seines Vaters, an den Winkel zwischen dem Ofen und der Wand und an das schwarze Brett an der Decke mit seinen dicken Nägeln. Dort, im Winkel zwischen dem Ofen und dev Wand, haust sein Vater mit allen Familienmitgliedern. Und die zweite Hälfte bewohnt Rabbi Jizchak der Scyneider, und das Fenster gehört schon zur Wohnung des Rabbi Jizchak. Er fürchtet zum Fenster zu treten und sein Licht zu genießen. Damals hatte er sich vorgestellt und gedacht: Wie glücklich? Wer ganz für sich ein Fenster hat! — Und seit dieser Zeit sehnte er sich nach einem eigenen Fenster, und beschloß, wenn er groß und ein Mann wird, ein Zimmer für sich selbst zu mieten, und das ganze Fenster wird daun in seinen Teil fallen. Er ist ein großer Manu und besitzt ein Fenster Mr sich selbst. Sitzt und freut sich: Das ganze Fenster gehört nur mir, ganz mir. Nur ich allein darf die Mauer betrachten mrd sehen, wie es aufsie herunterregnet. Er weint, es ist gut, sie mutz stehen auf einem Ort und kann sich vor dem Regen rricht verbergen. Ich freue mich ihres Unglücks, denn sie raubt nrir das Tageslicht. Sitzt und freüt sich. Nur über eine Sache ärgert er sich, über das zweite Bett im Zimmer, das ihn erinnert, daß er noch einen Genoffen zum Fenster hat, und vielleicht noch mehr, als einen. * Hungrig verläßt er das Fenster und geht aus dem Zimmer. Draußen. Der Himmel verhüllt von schwarzen Wolken. Der Regen plätschert, feucht der Gehsteig und die Straße kotig. »^^1