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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-24 · Heft 2545 (24.3.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2545 (24.3.1926)
Date
1926-03-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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. «Me 1 Me«, Mtwoch Wiener Morgen-eitnng 24. Mrz 1926 Nr. 2nm Die Budgetdebatte in der Kultusgemeinde. Lee Präsident nulersagt eine hebräische Rede. — SrHBranntn Stricker». Zu Weg nn \*r gifteten Sitzung des Kultusvorstandes, m -er die Budgetberatung fortgesetzt wurde» meldete sich der misrachistifche Kultus-Vorsteher Bauminger zum Wort. Er begann seine Rede in hebräischer Sprache, was bei der Mehrheit großes Mißfallen hervorrief, weil die große Mehrzahl der Anwesenden Hebräisch nicht v e rst e h t. Der Redner wurde vielfach mit Zurufen: „Wir derflehen Sie nicht!" „Sprechern Sie deutsch" unterbrochen. Der Präsident Professor Dr. Pick forderte den Redner auf, sich e ner Sprache zu beidienen, deren die Mehrzahl der KultuSvovsteiher mächtig ist. Als Kultusvorsteher Bauminger, von seinen zionistischen Parteifreunden ermutigt, seine hebra sche Rede fortsetzte, drohte ihm der Präsident das Wort zu entziehen. Fm Saal entstand ein heftiges Durcheinander, weil verschiedene Kultusvorsteher eine Debatte über den Wert unv die Berechtigung der hebräischen Sprache absühren wollten und der Präsident Dr. Pick erklärte, daß Hebräisch nur die Sprache der Gebete sei, aber N'cht im Sitzungssaal ange.rendet werden dürfe, zumal dies auch nicht im Statut vorgesehen sei. Kultusvorstchcr Bauminger warf :n deutscher Sprache ein: „Es ist unwürd'g einer jüdischen Gemeinde, die hebräische Sprache als Verhandlungssprache nicht zuzulassen. Als er darauf seine Rede in hebräischer Sprache sortsetzte, entzog ihm der Präsident unter ungeheurem Lärm das Wort und wollte ihm nur gestatten, deutsch we'terzusprechen, was der Redner unter Protest ablchnte. Kultusvorsteher Bauminger verzichtete zum Protest auf das Wort. Kultusvorsteher Bauminger hatte angeführt: „Mein Freund Tr. Plaschkes hat gestern über die Bedeutung der hebräischen Sprache hier gesprochen. Ich werde nicht über die Bedeutung, sondern in der Sprache fej&ft das Wort ergre-fen. Ich bin mir darüber vollkommen klar, daß mich fast niemand h i e r v e r st e h t, aber ungeachtet dessen will ich mich absichtlich unserer Muttersprache bedienen, weil diese Sprache das enzige Band ist. welches alle Bolksteiile in allen Ländern zu allen Zeiten vereinigt hat und noch immer vereinigt -st. Es ist beschämend für euch, eine Sprache vernehmen zu müssen, die euch und eurem Geistt ftemd geworden st. Die Tatsache, daß die Sprache der Thora und der Propheten, die Sprache, in welcher chr mehr oder weniger betet, euch unverstäMich geworden ist, macht euch und eurer Gemeinvewirtschaft gar kene Ehre. Das ist die Folge der G e m e i n d e p o i t1 i!, der Politik der Assimilation. d-e dem Judentum, dem lebendigen jüdischen Volke seine Seele mmmt. Zum ersten Male seit dem Bestände unserer Gemeinde will ich in diesem toten Saale d-e hebräische, Sprache ertönen lassen. Das ist keine Demonstration, um nur die nationalen Forderungen meiner Gesinnungsfreunde dadurch zu bekräftigen. Ich spreche zu euch ganz unpolitisch, aus dem Innersten meines Herzens. Ich spreche als einfacher Jude, dem alle jüdischen Werte nahegehen. Ich kann es nicht begreifen, wie es mögl-ch sein kann, eine jüdische Gemeinde ohne hebräische Sprache zu erhalten. Ihr habt eitlen Festtag anläßlich des hundertjährigen Bestandes unserer Gemeinde veranstaltet. Ueber alles wurde gesprochen, aber n cht über das hebräische Schassen unserer Gemeinde. Mit keinem Wort wllrde jener großen Schriftsteller, Gelehrten und Rabbiner gedacht, die dem Judentum aus der Mitte unserer Gemeinde in seiner eigenen Sprache Bedeutendes geleistet halben. Das ist doch zlveifellvs der wertvollste Beitrag unserer Gemeinde für die Gesamtheit des jüdischen Volles. Bei der Feier hat man nicht erkennen lassen, daß es sich um eine Fe-er des Judentums handelt. Tatsächlich war sie nur eine Feier der Wiener Juden; jener assimilierten Juden, die hre eigene Sprache negieren. In solange dieser Kurs nicht geändert wird, haben wir keine Gewätir für den Bestand utdserer Gemeinde. Jnsolange die hebräische Unterrichtssprache nicht e-ngeführt wird und von euch überall und in jeder Form gefördert wird, seid ihr, um ein talmudisches Sprichwort zu gebrauchen, nicht d-e Hüter, sondern die Zerstörer dieser Gemeinde." Der Vertreter der A g u d a h, Wolf Pappenheim, hielt eine Philippika gegen den Zionismus und den Keren Hajessod, weil er sich gelegentlich eines Besuches in Erez Israel persönlich davon überzeugt haben will, daß dort freie Liebe geübt und die Jugend nicht genügend religiös erzogen werde. Deshalb sprach er sich auch gegen eine Beitragsleistung der Kultusgemeinde zum Keren Hajessod aus. Kultusvorsteher Moritz (soziale Tätigkeit) forderte die rascheste Ausarbeitung des Pensionsnormales für die Angestelltenschaft und Besserstellung der nicht pragmatisierten Angestellten. Sodann trat er für die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes, unabhängig von der Steuerleistung, auch für Frauen ein und forderte die zionistische Fraktion auf, für diese gerechte Forderung, die ihrer politischen Einstellung durchaus entspricht, mit allen ihr zu Gebote stehendem Nachdruck einzutreten. Der nächste Redner, Kommerzialrat Buchwald (Union), sprach sich für Neuwahlen aus, weil der Pakt, die zur Zeit der Wahlen eingegangen wurde, in Brüche gegangen ist. Trotzdem ersuchte er die Zionisten, doch um Herstellung der gemeinsamen Front. Der Vertreter der A ch d u 1 h, S ch a r f st e i n, sprach anfangs vor einem leeren Saal. Er sagte der Union allerlei Schmeicheleien, was, wie verlautet, darauf zurückzuführen ist, daß er um Aufnahme in die Union angesucht hat. Herr Schärfst ein erklärte, daß er es bereue, seinerzeit gegen die Beteiligung an den Feierlichkeiten an der Jubiläumsfeier der Budapester Kultusgemeinde gestimmt zu haben. Hofrat Dr. H e r tz k a (Union) sprach sich gegen eine 20prozentige Kultussteuerermäßigung aus, weil eine solche Maßnahme geeignet wäre, das budgetäre Gleichgewicht zu gefährden. Redner machte schließlich den Vorschlag, ähnlich wie dies bei der Berliner jüdischen Gemeinde der Fall ist, einen bezahlten Kultusvorstand (Syndikus) zu wählen, der seine ganze Kraft in den Dienst der Gemeinde zu stellen habe. Ich: ,Iun, wie geht es Ihnen? Was machen Ihre Freunde? Was macht Ihr Jüngstes? Was machen di« Seelen Ihrer Schafe und der tausend Esel?" ,Mell. Jwill tell hou", beginnt er englisch wie mein Urgroßvater, aber mit kreischender Stimme, „wer bangt um die Esel, wenn man nur ein schönes Leben hat!" ,-Seltsam", sage ich, ,-wie sich Menschen ändern können. Einst waren Sie, wenn ich nicht irre, so ein Stück von einem Idealisten..." ,^Vell, I will tell hon", beginnt er englisch wie mein ein Stück .von einem Waschlappen, aber jetzt, yon know, sind andere Zeiten. Es gibt Fortschritt, hon fatoto, Zivilisa—" Aber noch bevor der Geist Hiobs das Wort zu Ende sprechen tonnte, war es wieder hell geworden und Madam Farfazia stand wieder bei mir und sagte: „Die Zeit ist abgelausen." Ich: „Es ist verwunderlich, daß alle Geister bei Ihnen jüdisches Englisch sprechen wie aus der Market-Street. Selbst Hiob ist m dieser Sckrache befangen. Woher kommt das?" ,Mas weiß ich", sagt die Madam, „das gehört nicht zu meiner Branche. Mein Geschäft ist die Herstellung einer Verbindung der Gecherwelt mit der unseren. Den Geistern dreinreden, das kann ich nicht. Ein Geist liebt es übrigens nicht, daß man ihm die Sprechweise vorschreibt. Wenn S i e solange tot sein werden wie Hiob oder wie Ihr Urgroßvater. dann wird es mit Ihren Nerven auch happern. Es ist kein Wunder, daß sic nervös sind. Das fortwährende Totse:n ermüdet und untergräbt die Gesundheit. Wenn Sie noch jemand zu sprechen wünschen, gebe rch Ihnen Ermäßigung. Nur vier Dollar für zehn Minuten. Das tu« ich nur für Sie, damit Sie sich überzeugen, daß es bei nrr reell zugeht, ohne Schwindel, ohne Faxen. Wen «wünschen De jetzt?" Ich: ,Maf Tolstoi." „All right!" Sie verschwendet, es wiÄ» dunkel, die Hge klimpert, b:e Schatten tanzen. „So! Er ist schon da!" „Hallo!" rief ich mit großem Respekt hinein. „Gras Tolstoi?" „Yes. Siri" wi pozewajet'e?" Ich Presse mein letztes bißchen Russisch, das ich in mir habe, heraus. ,^Kak wiii . . . was?" fragt Tolstois Geist. ,Oozewajetie," sage ich. ,»Jch verstehe kein Wort," erwidert Tolstoi. ,^Jswin:tie, Gospodin Tolstoi, eto vuski iazik!" „Jazik hin, mzik her" — Tolstois Geist wirr» ungeduldig — frechen Sie jüdisch! Ich verstehe jüdisch. Ich war immer ein Freund der Juden. In New-Aork hat ein Jude Zigaretten nach mir benannt. ,-Tolsto:-Zigaretten". Eine sehr gute Zigarette und billig obendrein. E'n Paket mit Kovtmundftück blaß acht Cent. Ohne Kork sieben Cent. Mit allem, was dazugehört. Und eine Präm:e gibt es auch. Glauben Sie mir, es ist eine sehr gute Zigarette, wenn auch ein bißchen zu scharf; in der Nase kratzen's." »Hswmitie, Gospodin Tolstoi", setze ich 'das Gespräch fort, „ich wollte mit Ihnen über Krieg und Frieden sprechen, über die hohe Moral des Christentums und über d»e Unsterblichkeit der Seele..." ,Mell, aber jetzt ist nicht die Zeit, über diese Dinge zu sprechen ... ein ander Mal... Ich kann Ihnen nur sagen» daß alles hier all right ist. Die Geschäfte gehen besser. In der letzten Saison habe ich nicht weniger als elfhundert Dollar erspart. Ich habe Bekleidung eingekauft." „Was?!" rief ich, zu Stein geworden ob der gewaltigen Umwandlung me-nes guten, braven und sauberen Tolstoi. Wie er spricht! Aber es wurde wieder hell, Madam Farfaz-a stand bei mir. lächelte ihr süßes Lächeln und fragte, oh ich noch jemanden zu sprechen -wünsche. „Was wollen Sie!" Ich schrie sie in der Sprache Tolstois und Hiobs an. „Glauben Sie, daß S:e einen Kerl erwischt haben, den man würzen kann? Na, macht nichts" (das sagte ich sehr bedächtig), „ich habe Ihnen falsche Banknoten gegeben." Ich knalle die Tür hinter mir zu. Seit damals zweifle ich nicht an dem Spiritualismus. Ich bin überzeugt «Aus dem Jüdischen yon P H.) Swoboda-Schuhe i I Singerstrabe 5 .I., Bauernmarkt 1 Sodann sprach der Obmann des zionistischen Klubs Oberbaurat Stricker. Er polemisierte inheftigen Worten gegen die Aus» führu legen der Vertreter der starren Trennungsorlhodoxie, P a p p e n h e i m, der gemäß seiner Weltanschauung alles bekälnpfen müsse, was mit dem Zionismus zusammenhängt. Die Vertreter dieses jüdischen Klerikalismus haben sich nicht gescheut, durch ihre Verleumdungen i»« gar den Vatikan gegen den Zionismus zu mobilisieren. Redner verwahrte sich entschieden gegen die Behauptung Pappenheims, daß die Moral in Palästina zu wünschen übrig läßt. In Palästina, das Herr Pappenheim nur durch einen Blick durchs Schlüsselloch ins Schlafzimmer kennt, kann es keine moralischen Ausschreitungen geben, weil in Erez Israel nur schwer arbeitende Menschen leben, die immer nur eine gesunde Moral kennen. Ich muß dagegen auf das schärfste protestieren, daß man behauptet, die Zionisten verfolgen die Religiosität. Männer von: Schlage eines Herrn Pappenheim, der vorgibt der Vertreter der Frommen zu sein, werden sich vor der Erhabenheit der Idee des Zionismus nie überzeugen lassen, aber das junge, aufblühende Palästina wird die Menschheit eines besseren belehren. Lluf die Aussi'lhrungen des Kommerzialrates Bu chwald erwiderte Obevbcmrat Stricker, daß die Mehrheit, w-enn sie Neuwahlen wünsche, diese nur zu beschließen brauche. Die Zionisten können von ihren Programmpuukten, die in dem seinerz-oiligen Wahlkompromiß ausgenommen 'wurden, unter keinen Umständen abgehen. Es sind das die Mitarbeit am Aufbau Palästinas und Ausgestaltung des jüdischen Kulturwerkes. Redner lehnte es, als unter seiner Würde sichend, ab, mit dem Kultusvorsteher Scharfstein zu polemisieren, weil dieser aus der zionistischen Partei ausgeschlossen wurde. Der nächste Redner, Kultusvorsteher P i ck (Soziale Tätigkeit), forderte eine Kultussteuerermäßigung um 20 Prozent. Die Sitzung wurde um 12 Uhr nachts unterbrochen und wird morgen Donnerstag um 8 Uhr abends fortgesetzt werden. Die Wisch-amerikanische Presse gegen die Aaabah. (Evgendienst der „Wiener Morgenzeivmg") Rew-Aork, 22. März. Me bereits gemeldet, hat die Agudah hier eine Sammelaktion für ihren Pälästinafonds (Keren Hajischuw) eingeleitet. Dieser unverantwortliche Schritt der Agudah während des Pälastinadrives hat in der gesamten jüdischen Presse und öffentlichen Meinung einen einstimmigen Protest hervorgerufen. Die gesamte jüdische Presse ohne Unterschied der Parteirichtung hat die Aktion der Agudah als eine s ch ä d l i ch e E r s ch e i n u nß im jüdischen Leben bezeichnet und diese verantwortungslose Handlung verurteilt. Das Organ der Agudah „Dos jiddische Licht" entrüstet sich über diese einmütige .Haltung der jüdischen Presse und halt sie für das Resultat eines Kommandos der Zionistischen Organisation. Das Agudcchorgan beklagt es, daß die jüdische Ooffentlichkeit Amerikas viel zu sehr unter dem Einfluß der zionistischen Bewegung stehe. Die Agu-dah vergißt aber, daß es sich in' diesem Falle um kein Kommando, sondern um eine wirkliche Willensdemonstration des amerikanischen Judentums handelt, welches die Palästinatätigkeit der Agudah keineswegs ernst nehmen will und darin nur Quertreibereien gegen die Zionistische Organisation erblickt. Aus diesem Grunde wurde auch die einmütige Haltung der jüdischen Presse gegen den Keren Hajischuw und die Intrigen der Agudah gegen die Zionisten von der gesamten jüdischen Ooffentlichkeit mit besonderer Sympathie begrüßt. Der erfogreiche Berlauf des Palästinadrives beweist, daß die amerikanische Judenheit keineswegs geneigt ist, die Aktionen der Agudah zu unterstützen. Die amerikanische Judenheit erblickt in der Z i o n i st i s ch e n Organisation die einzige Stelle, die als I e w i s h A g e n e y allein berechtigt ist, den Ausbau i« Erez Israel zu leiten und durch führen. _ Set Stadenteasireik in Rumänien. Bukarest, 23. März. (I. T. A.) Wie scholl mitgeteilt» haben Regierung und Senat info^e des N u m erusc lau su s - S t re iks der antisemitischen Studentenschaft die Schließung der Universitäten Bukarest und Jassy bis zum 15. April verfügt. Hiezu wird noch wc-ter mtgetellt: In der Zeit vom 12. bis 15. April werden von den Studenten Erklärungen abgefordert werden, ob sie in Zukunft die Vorlesungen besuchen wollen. Falls die Zahl dieser Studenten die Mehrheit bilden sollte, werden die Universitäten am 15. April w'eder eröffnet, diesen gen aber, die eine solche Erklärung nicht abgsben, aus der Liste der Hörer gestrichen werden.. Dins füdische Hau $ | os füdische Blatt {

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