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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-23 · Heft 2544 (23.3.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2544 (23.3.1926)
Date
1926-03-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener MorAkirzeltirr 23. Mrz M6 We. W> Stresemaun über Senf. Stnrmszenen im Reichstag. - Sie Refriedignngsvollttt Ratheaan« «ad SrBerga». fSigendienft der „Wiener Morgenzeitnng/«) Berlin, 22. Marz. Der Reichstag begann heute die Debatte über die slußenpolitik Deutschlands, die von der Regierung zugleich dazu benützt wir-, über die Genfer Tagumg des Völkerbundes Mitteilungen zu machen. Gleich nach Beginn der Sitzung ergriff Außenminister Dr. Stresem a n n das Wort und führte aus, daß Deutschland erst nach Uoberwmdung schwerer grundsätzlicher Bedenken sich zu dem Aufnahmegosuch ln den Völkerbund entschlossen habe. Deutschland so; zweimal darum gebeten worden, zum erstenmal von der Völkevkundversammlung im Jahre 1924 und später -durch den Beschluß der Rheinpaktmächte, di« die Unterzeichnung der Loarrnovertriige von dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund abhängig gemacht haben. Kurz vor Beginn der Genfer Tagung wurden plötzlich drei weitere Ansprüche auf e.nen ständigen Sitz im Völkerbünde laut, während man bisher den Eindruck gehabt hatte, daß der einzige Zweck der Tagung lediglich die Aufnahme Deutschlands sei. Die deutsche Regierung habe von diesem Slugenblick an ihren Standpunkt, daß Deutschland allein im gegenwärtigen Augenblick einen Sitz im Rat erhalten müsse, zur Geltung zu bringen sich bemüht. Das schwedische Angebot, seinen Ratssitz zur Verfügung zu stellen, um die Situation zu erleichtern, konnte Tautschland nicht akzeptieren. Dr. Siresemann stellte sodann fest, daß lediglich an dem . Widerspruch Brasiliens die Genfer Tagung gescheitert i|t. Deutschland werde nach wie vor dahin arbeiten, daß sein Eintritt in den Böllerbund vollzogen werde; die Regierung wird die deutsche Außenpolitik ans dem Boden von Locarno mwerändert fortführen. Zu einem Zwischenfall kam es hiebei, als der Neichsaußenminrster erklärte, Ais deutsche Außenpolitik nehme besonders aus di« Interessen der besetzten deutschen Gebiete Rücksicht. Der den tschvölk ische Abgeordnete Grase rief dsut Minister zu: ,-S p i e g c l fe chte r e i!" was Stresemaun in größter Erregung mit der Antwort quittierte: ch v erbitte mir diese Unverschämtheit!" Daraufhin brach ein großer Stürm im Hause aus, der Reichstagspräsident mußte wiederholt das Glockenzeichen geben, um die Ruhe wiedcriherzustellen, und erteilte dann dem Abgeordneten Gräfe den Ordnungsruf, wobei er gleichzeitig erklärte, daß auch die Antwort des Außenministers nicht den parlamentarischen Sitten entspreche. Nachdem sich daö Haus sodann beruhigt hatte, folgte eine neue Sensation: Der erste zur Debatte angemeldete Redner, der Sozialdemokrat B r e i t s ch e i t, verzichtete aus das Wort, was der nachfolgende deutischnationale Redner, Graf Westarp, höhnisch quittierte und die Rückziehung des AufnahmegefucheS Deutschlands verlangte. Nach ihm sprach der Zentrumsabgeovdnete Dr. K a a s, der zum Ausharren in der Befviedigungenspolitik auiffovderte, die Rathenau und Erzberger begonnen und darum ermordet wurden. Nachdem noch verschiedene Redner gesprochen hatten, wurde die Sitzung auf morgen vertagt. Die von den Regierungsparteien vorgeschlagene Billigungsformel wurde spät abends endgül--. tig formuliert und soll, wie verlautet, in'ihrer nunmehrigen Form auch die Z u st i m m u n g der Sozialdemokraten gesunden haben. Somit ist die Lage der Regierung gesichert. ' be-te 2 Wien, DienSlag Die Tolerierten. —7. W t e tt, 28. März. In den Tpüren der „Frankfurter Zeitung" wandelt fromm und treu der Verband nationaldeutscher Juden. Das demokratische Organ hatte es für hoch an der Zeit gefunden, den Zionisten das Spukbild der zwei Vaterländer vorzuhalten und es noch auf die Parole von zwei Kontinenten „Europa oder Asien" zu erweitern. Der Vechand der nationaldeutschen Juden ist entzückt und spricht der Frankfurter Demokratie seinen Dank aus. Er begrüßt sie als Bundesgenossen. Diese heiße Anerkennung berveist er auch sofort, indem er den Genfer Völlerbundstreit als Mittel in der Hetze verwendet. Die Sache ist ein bißchen an den Haaren herbeigezogen und sie muß gewaltsam zugerichtet werden, um in den nationaldeutschjüdischen Rahmen hineinzupassen. Alles ist gut, auch das diimmste Argument, wenn sich nur daraus eine Denunziation (zu deutsch Angeberei) an das Hakenkreuz und die verwandten Gewerbe machen läßt. Zu folgendem muß also der Völkerbund herhalten: „Aus dem politischen Geschacher in Genf hat jeder Zeitungsleser erfahren, daß es ständige und nichtständige Ratssihe gibt. Aber viele harmlose Deutsche, selbst Juden, wissen noch heute nicht, daß es Menschen gibt, die ein „nichtständiges" Vaterland haben. Es ist jene Gattung von Zionisten, die Wert darauf legt, Deutschland als Vaterland vorerst nicht aufzugeben. Sie dienen diese»» Lande „auf besondere Weise", widmen sich sogar hingebungsvoll unseren deutschen Slaatsgeschästen. Nur b.'eibt ihnen dieses unser Deutschland stets das „nichtständige" Vaterland. Als chr wahres Vaterland betrachten sie Palästina. Freilich — dorthin auszmvandern liegt bis auf weiteres nicht in ihrer Absicht. Denn drüben ist harte Arbeit zu leisten; drüben sitzen die Engländer, die genau wissen, was sie wollen, und die Araber, die wenigstens wissen, was sie nicht wollen, nämlich die jüdische Einwanderung. So lasten unsere Zionisten getrost — die Anderen auswandern, zumal die Ostjüden, die es in ihren „nichtständigen" Dater ändern weniger behaglich haben, als sie selbst in Dvutschlaiiö. Und sie beglücken uns weiter mit ihrem Etappenzionismus, der die gefühlsmäßigen Gegensätze verschärjt. aber das „deutsche Staatsbürgertum jüdischen - Glan- >bens" nicht beeinträchtigt." Diese niedliche Bemerkung ist auf der ersten Seite des Mitteilungsblattes des ebenso niedlichen Verbandes abgedruckt. Es sind mehrere Fliegen mit einem Schlag. Den Erfurter Wikingen wird sin hörbares Signal gegeben, Und den Zionisten wird angekreidet, daß sie aus Deutschland nicht auswandern wollen, das ihnen einen behaglicheren Aufenthalt ermöglicht, als ihn die Ostjuden in ihren heutigen Wohnländern finden. Drittens biedern sich die braven nationaldeutschjüdischen Berbändler der deutschen Nation an. Ob sie damit Erfolg, haben, wissen wir nicht, und wir bezweifeln auch, daß sie wirklich, wie an einer anderen Stelle erzählt wird, mit dem Märchen von der jüdischen Drückebergerei ,Mündlich aufgeräumt" hoben. Aber wir wissen, daß am ätzten Samstag die studentischen Vorkämpfer des stolzen nationaldeutschjüdischen Bekenntnisses in Wien von chren arischen, also besser deutschen Kommilitonen aus der Lese.- und Redehalle hinausgedrängt worden sind. Einstweilen also sucht der Verband seine Lorbeeren auf dem jüdischen Gebiet. . Was sachlich zu der Frage, des Patriotismus zu bemerken ist, haben die reichsdeulschen Zionisten und auch dieses Blatt in der Polemik gegen die „Frankfurter Zeitung" gesagt. Es wäre unverdiente Ehre, wollte man sich ernst mit Leuten befassen, die zur Palästinaarbeit keine andere Einstellung finden, als die Angeberei gegen „Sammlungen für das englische Palästina, in dem französische Firmen mit jüdischnationalem Mazzoch den deutschen Gewerbetreibenden Konkurrenz machen." Dieses dummdreiste Gefasel wird genau nach hakenkreuzlerischer Manier ausgebreitet. Es wird mit der eintönigen Geduld des Berufshypnotiseurs immer und immer wieder hergesagt und findet schließlich irgendwo verwandle Gemüter. Wir haben ja auch kürzlich in Wien von einem Brief gehört, der Material gegen die Zionisten sammeln will, die für „ihren Keren Hajessod" trotz der wirtschaftlichen Depression sammeln. Die Mauscheljuden, die sich mit Stolz dem Arier zu Lakaiendiensten anbieten, setzen ihr bißchen persönliche Würde ein, um ihren Neid auf die Erfolge des Zionismus, die doch nur Erfolge ernster Mensä)en sind, zu verstecken. Sie platzen, wenn sie von Palästina hören. Seit mehr denn einem halben Jahrhundert währt schon die Afsimilationspoiltik, das Tre'ben der Krmmerknechte und der Tolerierten. Auf keinem einzigen tz)ebiet haben sie auch nur den Schein des Erfolges aufzuweisen. Sie haben vergebens ihre Ehre geopfert, bezahlen den Feind und sind glückt:--, wenn er geruht, sie einmal nicht anzuspucken. Nach fünfzig Jabren halten sie bei Ludendorff und bei dem Enteignungsantrag der Bästischen gegen „jüdische Bolksparasiten", bei den Friedhofsschändungen der Wikingleute, beim Freispruch des „Hammer"- Fritsch. Der Bankrott ist >:m blindesten Auge erkemwar. Der Zionismus ist von der Utopie bis zum Bölkerbundmandat vorgeschritten, baut Schulen, Strißen, Sptäler, gibt tausenden Menschen Arven und hat sich nebst der politischen Anerkennung als Orgaursoüon des öffentlichen lltechtes auch den Respekt nler Kulturmenschen erworben Der Verband oer nationaldemschen Juden findet Anwert nur noch bei der Pogcompresse. Das richtet ihn und alle, d'°- hier und dort, auch in Wien seine Spiyeleirn nächteten und die sich der lkttternramrü um jeden Preis an den Hals werfen wolle.:. Der BunverprSstdeot der Schweiz über de« Zionismus. In eiaror Umbsrvedung, die der schweihorffche Bimdesprüfidi>.init Häberliu dieser Tage dem Genfer Kovvefpmidentien des „Israelvdifcheai Wochenblattes Mr die Schweiz" gewährte, äuhovde er sich Aber vorschkedewe jiMsche Fragen. Die Stellung der Schweiz z«u,m Ziouäsmus wnuzeichnote BundeApräsideM Haberliu strigondermaßiein: „Der vöMüMche Aufbau dm Schweiz <twtfo ihre Mnzenden MldamgsstAiden sind auch für Palästina umd dem wörtercen Orient voll anerkannt. Schon Pvoff. Raippard, MWied der permanenten McmdatÄcMnifsiom im BMorbmid, fort» ftaiiette im .^Jowvncvl de Goneve" 'mÄ großer GsniwMmng, daß viele prvrnmvnte Mvrrlstvsche Führer ihre technische urch Misbige Äusbikldmvq dvr Schweiz zu verdanken haben flfofe z. B. Weiizmemn, Mofsinsöhn, Tschemichawsky, Klatzktn «. a. m.). Auch fanden beSannÄich die e-Lsten zivtmstischm Kongveste, m der Schweiz statt. Daraus geht hervor, daß gewisse geistige und kulturelle Beziehungen zwischen der Schrveiz und Poläsüma schon heute bestehen." Dm Bundespräsidenit fügte noch hinzu: ,Wähve>nd des Krieges und auch jetzt sind die GmneiDe-. Bewilligungen nach dm Schweiz zwecks ziowistlischer Kvn-fewnzem und Bevatungen stets berücksichtigt worden. Auch ist die weitere Gn-lwickbumgdm kuLtuvellen und wvrÄschasMchen Beyiehiuingen zwischen dm Schweiz und PMstiina feihr wünschenswort mch es ist zu hoffen, daß sie auf einem gesunden Boden aachgsbaut werden, um auf diese Weife zum WotzLe mck zur Entwicklung beidm Ländsr beizuchvageru" Dar VolnWe Fremdensefetz. Die jüdischen Anträge angenommen. Warschau, 21. März. (I. T. A.) Mit einer Mchchett von einer Stimme hat der Senat, wie schon berichte^ die von den jMfchen Senatoren beantragten Aenderungen im Gssetzentwurf über den Aufenthalt der Fremden in Polen angenommen. Senator Dr. Ringel hat vor der Abstimmung in einer längeren Rede darauf hingewiesen, daß diele Taufende Juden in den Randgebieten, deren Borfahren seit vielen Generationen dort leben, aber tveßen der Unklarheiten der früheren zarischen und jetzigen polnischen Bürgerschastsvorfchriften unter den Begriff „Fremde" fallen, durch das neue Gesetz bedroht werden. Einige nichtjüdische Redner, insbesondere der Baluernpartei ,-Pia.st", schlossen sich diesen AvgU'Mentrn an, worauf dann die Abändemngsanttäge angenommen wurden. __ Diamant will die Synagogen beftevern. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Warschau, 22. März. In der letzten Sitztlng der Budgetikommifsion des Sejm wurde der Antrag des sozialdeinokratischen Abgeordneten Diamant auf Bosteuemng der jüdischen Synagogen und Bethäuser behandelt. Namens des Jüdischen Klubs nahm Abg. Fa röste in gegen diese Forderung Stellung und verlangte die Ablehnung dieses Antrages. Er erklärte, daß der Jüdische Klub mit allen parlamentarischen Mitteln die Eirffülhrung einer solchen Steuer bekämpfen wird. Di« Begründung Diaman-ts, daß die jüdischen Be Hä u ser von ihren Besuchern zahlreiche Spenden erhalten, sei absurd, da die BeHäufer von niemandenr» weder vom Staate noch von den Gemeinden, irgend welche Zuschüsie bekommen. Er verlange daher den ausdrücklichen Beschluß, daß Kirchen, Betihäuser, Synagogen und sonstige Betlokal« als steuerfrei erkannt werden. Der Antrag des Abg. Farbstein «wurde mit den Dtiimyen der Nationaldemokraten angenommen. Für alle Fälle ist es bemevkenswert, daß ausgerechnet der ajjimüatorij^e Sozialoenlokust Dr. Diamant M KM» der jüdischen Synagogen eine neue Steuereinnahmsquelle schaffen wollte, jedoch nicht den Mut aufgebracht hat, in seinen Antrag die Kirchen und nichtjüdischen Bechäufer einzubeziehen, " ^_ Mandatsverzicht des Abg. PryIucN. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Warfcha«, 82. März. Der Abgeordnete Pryluckt» Mitglied der jüdischen Volkspartei, hat sein Abgeordnetcm mandat niedergelogt. Ms fein Vertreter kommt Dr. S ch abad Wilna) m Betracht. öukkurs fllr den Foknt-Srive. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Riga, 28. Matz, Noch hier eingelangten Meldungen hat die Executive der Gesellschaft für jüdische Kolonisation in S o w j e 1 r u ß l a n d beschlossen, nach Amerika eine b esondere Delegation zu endenden, die mu Joint- Drive mitarbeitim soll. Die Delegation verillißt bereits in den nächsten Togen mit Zustimmung der Sowjetregierung Moskau. Inland. Rückgang der Arbettrlofigkett ln Sesterreich. Um 18.000 Unterstützte weniger. Amtlich wird mitgetellt: Mitte März sind in Österreich 207.975 unterstützte Arbeitslose gezählt worden. Hiezu kommen noch etwa 8600 ausgesteuerte Arbeitslos«, die im Genuß einer Beihilfe stehen, und jene Arbeitslose, die in den ArbsttSnachiweisftellen zur Arbeitsvermittlung Vovgemerkt sind, aber keinen Anspruch auf Unterstützung besitzen; diese sind mit etwa 30.000 zu veranschlagen. Gegenüber Mitte Februar 1926, i» welchem Zeitpunkt der Höchststand der Arboitslosenzohl mit 226.141 Personen erreicht war, ist eine Abnahme von mnd 16.000 zu ver^ zeichnen. _ Ser deulsch-demokratlsche Arlerparagraph. Ausschluß d« Juden ans der Lese- und Redehalle. Die soimlagige ,I«ichspoft" berichtet über einen höchst charakteristischen Zwischenfall in der Rede- und Lesehalle deutscher Studenten, die bisher als eine Bereinigung der liberal-deutschen und jüdis^asslnrilatovischen Studentenschaft galt. In der am Samstag abgohaktenen Generalversammlung trat, der ,MoichsPof^ zrlfolge, der Vorsitzende jur. Ehrenzweig für die Beteiligm^g an den Wahlen auf der Universität zugunsten der Kammer ein, was bei den Mischen, deutschdenlokratischen Hochschülern einen Sturm hervorvief. Die in der Majorität sich befindlichen liberalen Beendungen warfen den Sprecher der jüdischen Opposition Heinz Braun ans dem Saale hinaus undztzvangen die andere« Juden zum Austritt aus der Halle. Die freiheitlichen" ZMen versammeln sich numnchr in der Deutschdemokratischen Hochs chülervereinigung. Dieser Vorfall war früher oder spater zu erwarte«. Die Mischen Mitläufer hatten nichts anderes zu echoffen. Sie sind die unentwegten Bannerträger Mchhen Nationaldeuffchtmns «ch erhalte« jetzt die OOchmg

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