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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-21 · Heft 2542 (21.3.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2542 (21.3.1926)
Date
1926-03-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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' dkr. SSL_Wien. Sonntag_Wiener Morftenzeiinng 21. März 1926 Seite 6 Ostergeschenke für unsere Kunden! A M.; W¥i,s: /•1 und Cape aus w«« mt m% 65 / „„ j /ßotntJlct u 18/ / Neuheit, pH**j jarfee a^s l wjg.asswss^i _-/ Kleid» SU. s*Kw. _ Kleider .. *♦ / Kleider - *“« q — **»SKC*^ y;i|V‘ -f V.:’'■■ ,•■ ■.W: . ,/■ ■ ’ t*Y aus »traparfSHlg«! englischen 18*56 _TJ— ".•■*! W-- TOfttllvl Neuheit. M'ünlel ° trani. Neuhelveu * O. , gÜS»'-'^, w«». +M* . Mbiili?V V fr ' ■-’/ ■ ■ '•' ,'ty£? ,- / ^psr /Af Wenn Sie angenehm kaufen wollen, kommen Sie vormittags. Tagesbericht. AltjSdifche Weisheit. /Kür 8rs ,Mieuer Morgenzeitung" nach den Quellen bearbeitet. Der innigste Wunft Rabbi Safra pflegte sein Gebet mit folgenden Worten zu ^beschließen: Möge es Dein Wille sein, Gott unser Herr, daß Du Frieden stiftest in der oberen Dienerschar und in der unteren Dienerfchar und unter den Jüngern Deiner Lchre, ob Sie um ihrer selbst willen sie Pflegen oder nicht, und daß die letzteren dazu gelangen^ sie um ihrer selbst willen zu Pflegen, * Rabbi Alexandra! hingegen schloß sein Gebet mit den Worten: Möge es Dein Wille sein, Gott unser Herr, daß Du uns in den Strahl des Lichtes stellest und nicht in den Strahl des Dunkels, daß unser Her; nicht siech werde und unser Mick nicht trübe. Auch pflegte er also sein Gebet zu beschließen: Herr aller Welten, offenbar ist Dir, daß es unser Wille ist, Deinen Willen zu tun. Wer aber hemmt die Hefe im Teig und die Knechtung in der Verbannung? Möge es, Gott unser Herr, Dein Wille sein, daß Du die Hindernisse vor und hinter uns mederhaltest und wir wiederkehren können, Deines Willens Gesetz mit ganzem Herzen zu erfüllen. Ne Woche. Das Volksbegehren, das der Forderung nach cnt-!/chädig u ngs lo se r Fürstenabfindung zum Sieg verhelfen soll, ist überzeichnet worden. Unter dem Jubel der Linken und den Schikanen der Rechten hat ein großer Teil des deutschen Volkes ein entschiedenes Bekenntvis zur Republik abgelegt. Das chrliche Bekenntnis zur neuen Staatsform ist das Wichtigste an diesem Vollsbegchren. Denn dies ist wohl klar: den Anhängern der fetten, kostspieligen Fürstenabfindung ist cs um viel mchr als um Recht und Billigkeit zu tun gewesen; das Recht könnte man ja schließlich noch verstehen. Auch einer geschiedenen Frau gebühren Mimente; nur ist in diesem Falle die Schuldsrage nicht ganz geklärt und die Schuld eher den Fürsten, als dem Voll zuzu-schreiben. Die Fürsten waren meist schlecht und unfähig und haben darum Volk und sich zugrunde gerichtet. Der Junker kümmert sich aber gar nicht um diesen oder einen andere» Rechtsstandpunkt; ex pfeift überhaupt auf Las Recht und beruft sich nur auf sein willkürliches Prinzip: Kürst ist Fürst, das heißt, wenn der Fürst regiert, regieren wir, und wenn man ihm und seinen Mätressen zahlt, wird man auch uns und unsere Kebsw:iber ehren. Als Beispiel wie wenig es in Wirklichkeit ,-völkischer" Stupidität um Gerechtigkeit zu tun /ist, mögen Zeitungsstimmen und Vorischläge rechtsorientierter Kreise dienen, die vor etwa einem Monat m Deutschland laut wurden. Sie forderten eine förmliche Judenentrechtung und Judenenteignung, um die Fürsten bezahlen zu können. So sind sie es gewöhnt, nobel Kr sein: durch Raub und Gewalt! Das ist ihr Rechtsideal: alles firr uns! Sie sagen Gerechtigkeit und meinen Unterdrückung, sprechen von Abfindung und denken an „Wiederherstellung." Das Volk sollte wieder Fürstentrilbut entrichten und sich an Untertanenpflicht und -Reverenz gczvöhuen: Das deutsche Volk ist aber dessen schon müde. : » Die Gerechtigkeit ist im allgemeinen eine rare Münze gedwrden . .. Uebevhaupt eine Münze: kleiner Eigenwert, viel größerer Konventionallwert, das Material, das Wesen fast unbedeutend, die Prägung, der Kurs alles. Beileibe nicht nur in einem Land; pst auf der ganzen Welt; zumindest in einem großen Teil derselben. In erster Lime bestimmt den Lauf der Gerechtigkeit die Politik. Sie ist sozusagen ihre Deuterin, ihr Kommentar geworden; und die Gerechtigkeit" revanchiert sich und leistet Exekutionsdienst. Und am meisten geschieht es dopt, wo die Richter und Staatsanwälte deutlich den Trennungsstrich zwischen der GerechtixDeit und der Politik betonen. Sie meinen nur die Nichtoffizielle, die oppositionelle Politik, auf die sie tatsächlich nicht die geringste Rücksicht nehmen. Die augenblickliche Negierungspolitilk, aber bedienen sie schweigsam und mechanisch. Auf der gangen Welt wird fetzt eine Unzahl von Schandprozessen durchgeführt, von denen jeder aus seine Art der Frau Gerechtigkeit eine kräftige Maulschelle versetzt. Steiger in Polen, die deutschen Femepvozesse, manche österreichische JustiMüte, die beßarabischen Bauernschlächtereien, die amerikanische Affenwut — das sind nur einige wenige Illustrationen aus dem reichen Bilderbuch „moderner" Justizpflege. Die Bolschewiken in Rußland halben sich konsequenterweise darin hemmungsloser, drastischer ausgelebt und ganz eigenartig machen es — wie in allem — die Faszisten in Italien. Der jetzige Mattotti-Prozeß in dem abgelegenen Abruzzenstädtchen C h i e t i beweist wieder einmal die perverse Komik der gangen faszistischen Ideologie, deren Hauptpunkte heißen: Tvd den politischen Gegnern im Namen der Sacra Jtalia und zugleich strengste Ordnung. Aber nur so, wie wir es wollen. Wenn diese Ordnung und dieser Prozeß uns auch in den Augen der Welt lächerlich machen! Der Faszismus verliert eben allmählich den Mut zur offenen. Tyrannei, obwohl sie doch in seinem Programm liegt; er schämt sich aber dessen und begcht tolle Streiche aus verschämtem Kindertrotz: Pereat mundus, fiat Justitia fasoiftica . . * * ' Oder: Mögen auch Kinder sterben, wenn mir unsere Stellen sicher M , ., UngeMr jo Ajonierten die M» ' schiedenen Dozenten, Referenten, Mnister und Staatsan- Ä in der jetzt wieder aktuell gewordenen Badener K i n de r t od-A ng e l eg e nhe i t. Das ist ja die ganze Philosophie der Bureaukvaten: nicht die Sachlichkeit, sondern die Amtsborniertheit entscheidet. Und in diesem Fall waren alle interessierten Faktoren bureaukratisch. So echt österreichisch-bureaukratisch. Nicht absichtlich böswillig oder korrumpiert, nur furchtbar nachlässig, sorglos, leichtgläubig. Es ist noch heute unentschieden, wer vollkommen im Recht ist, der eine, jedenfalls mutige — Professor Graßberger — oder die vielen, die teils aus Interesse, teils aus bureaukratilscher Kurzsichtigkeit ein bewährtes Heilserum diskreditierten, mn Skandale, gefährliche Strafprozesse, überhaupt Komplikationen zu vermeiden. Ans jeden Fall aber haben die Berufenen in der Erfüllung ihrer primitivsten Pflichten — wen» diese Erfüllung nicht nur formell, sondern wesentlich sein soll — vieles zu wünschen übrig gelassen. Sowohl der sich selbst kontrollierende Dr. Busfon, als auch die Referenten im Ministerium für soziale Fürsorge, die so rasch sein Urteil akzeptierten und der Minister, der sich mit der Medergabe der Annahmen seiner Referenten begnügt und in solch einer wichtigen Frage der Bolksgestmdheit nicht tiefer einzndringen sich bemüht hatte. Wie wäre es, wenn ein sachkundiger Minister selbst hervorragende Fachleute sofort mit der Untersuchung beauftragt und sich nicht nur auf beamtete Laien verläßt?! Und über allen der Staatsanwalt, der in einem sechsfachen Todesfall mit zumindest kriminalistischem Anstrich das Verfahren so leicht einstellt. All diesen Herren lag aber nicht so sehr die Aufklärung des tragischen Falles am Herzen, als die Ruihe. Vielleicht meinten sogar einige in ihrer naiven Gutmütigkeit wirklich, daß die .Vertuschung dem Bol-kswohl eher nützlich ist, als restlose ' Enthüllung und AMärung. Daß dabei zufällig auch kranken Kindern die einzige Hilfe weggenommen wurde, nämlich das angezweifelte Serum, das. sich angeblich leicht, aus „unerAärlichen" Ursachen zersetzen soll —. das haben die Herren nicht bedacht, denn sie haben überhaupt nur an die Bssveiung aus einer lästigen Zwickmühle gedacht. Jeder an sich und seine Clique. Wie recht hatte Nietzsche mit seiner Paraphrase des biblischen: "LiÄbe deinen Rächmit seiner Parajchrase des biblischen: „Äieöe deinen Nächdich s-Äbift..." * Wir sind aber noch lange, lange nicht so weit. Weder ftn öffentlichen, noch im privaten Löben. Man muß nur Worte, wie Rasse, Volk oder FanEe nennen, um die schrecklichsten Auswüchse der Gegenwart vor Angen Ml haben. Im Mittelalter zum Beispiel war es besonders die Religionsgrenze, die der allzu sehnsüchtigen Liebe Einhalt gebieten konnte. Heute sind es andere, zeitgemäßere Ideen, die die Menschen trennen und ihren Liebesflug meMch dämpfen. Neben den schon erwähnten spielen zum Beispiel soziale Unterschiede und sogar solche des nroralichen Lsbenswandels — ein heute mit Recht anrüchiges Wort eine große Rolle. Für die Prostituierte zum Beispiel hat sich bis jetzt außer der hohen Obrigkeit eigentlich nur selten ein Mensch wirklich eingesetzt, obwohl ja heutzutage auf der ganzen Weilt Millionen Männer und darunter auch sehr mächtige von Dirnenliöbe leibe». Man hat aber kaum noch den Mut floskellos darüber zu sprechen. Trotz der seinerzeitigen Dirnenmanie im Drama-. Zu wahrer Hilfe rafft sich kaum jemand ans. Darum ist es Mcklich zu begrüßen, daß Friederike Wickig, die Leiterin der Frauenihilfsstelle am Berliner Polizeipräsidium als Hauptaufgabe und Hauptzweck einer weiblichen Polizei die Sorge um die fog-enanntm „Gefalleneu", die WoPfaHrtSpflege der Pwsti-

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