Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2542 (21.3.1926)
- Date
- 1926-03-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9h. 2542 Wien, Sonntag Sie Leutschnationalen gegen den Völkerbund. Berlin, 20. März. Die deutschnationale Rcichstagsfraktion hat folgenden Antrag beschlossen: Der Reichstag wolle beschließen, die Reichsregierung zu ersuchen, den Antrag betreffend die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zurückznziehen. Kein Vertrauensvotum, nur ein BiMgungsantrag. Wie aus Reichstagskreisen des Zentrums und der Demokraten verlautet, werden die Regierungsparteien zur außenpolitischen Debatte in der imchsten Woche kein Vertrauensvotum einbringen, sondern einen gemeinsamen Billigungsantrag vorlogen. In diesem Antrag soll auf die gemeinschaftliche Erklärung der Locarno machte in Genf hingewiesen werden, tvonach gemäß dem Willen dieser Mächte die b i sherige Locarnopolitik fortgesetzt werden solle. Der Numerus rlaukur in Polen. Tine Debatte in der polnischen Bölkerbimdvevoinigrmg. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnug".) Warschau,^. März. In der gestrigen Sitzung der politischen Liga der Freunde des Völkerbundes berichteten Professor Ha ndelsmann und Prof. D e m b'i nski über die letzte Tagung der Bereinigung der Ligen i-u Gens. Senator Ringel interpellierte die Referenten, inwieweit in dieser Tagung jüdische Fragen, insbesondere aber der Numerus clausus, Gegenstand der Verhandlungen gewesen sind. Professor Handelsmann erklärte, daß der Generalsekretär Prof. R u y s s e n einen Bericht über die polnisch-jüdischen Verhandlungen vorlegte. Der Delegierte des russischen Emigrationsvereines interpellierte in Angelegenheit der Nichtansfühmng des Berständigungspaktes, den die Polnische Regierung mit dem jüdischen Klub geschlossen habe. Ferner berührte er auch den Numerus clausus in Polen. Prof. Handel sm a n u antwortete, daß in Polen kein Numerus clausus bestehe. In der Debatte behandelte Senator Dr. Ringel eingehend die Resolutionen der letzten Plenarsitzung der internationalen Vereinigung der Ligen, die im Sommer des Vorjahres in Warschau stattgefunden hat und bei der auch die Angelegenheit des Numerus clausus besprochen wurde. Unter dem Eindruck der eben zu jener Zeit zustande gekommenen Verständigung zwischen dem jüdischen Klub und der polnischen Regierung wurde von allen ernst angenommen, daß der Numerus clausus in Zukunft aufgehoben werden wird. Auf Grund der ziffernmäßigen Tatsachen führte Senator Ringel deü Beweis, daß noch heute an mehreren Universitäten der Numerus clausus geübt tvird. Trotz drs Versprechens der Regierung bestcht nach wie vor der Numerus Äausus. Man darf sich daher nicht wundern, wenn bei diesem Stand die Frage des Numerus clausus internationale Tagungen beschäftigt. Es sei daher notwendig, daß die polnische Liga unbedingt gegen den Numer. ns clausus Stellung nehmen soll. Unter dem Eindmck der Ausführungen des Senators Dr. Ringel wurde , der Vorstand der Liga beauftragt, sich mit dieser Frage eingehender zu beschäftigen. Das polnische Fremdengesetz. Wesentliche Erleichterungen. Warschau, 20. März. (Polu. Tel.-Ag.) Der Senat hat das Fremdengeisetz angenommen uud^eine Reihe von Abänderungen in liberalem Geiste daran vorgenommen. Die Markus Herr. Bon Dr. Michael Thalheim. In der zweiten Hälfte des achtzehnten .Jahrhunderts bildete sich in Deutschland unter dem Einfluß .der Leibniz- Wolffschen Philosophie, wenn auch ohne direkten wissenschaftlichen Zusammenhang mit ihr, eine eklektische Popularphilosophie aus, deren mannigfache Erscheinungen unter dem Namen der deutschen Aufklärung zusammengefaßt werden; cspritvolles Raisonnemeut charakterisiert ihre Form, die Tendenz zu einen: extremen, aller Objektivität baren Subjektivisums, ihren Inhalt. Das empirische, einzelne Ich als solches gilt den Männern dieser Richtung, deren hervorragendster Bertwrer Moses Mendelssohn (geb. Dessau 1728, gest. 1786) ist, als das Absolute und ausschließlich Berechtigte; die Unfterblichkettsfrage wird zum philosophischen Hauptproblein. Ist die ewige Fortdauer der einzelnen Seele .Hauptgegenstand Mendelssohns philosophischen Denkens, so ist die ewige Fortdauer des Mischen Geistes die Hauplsorge seines nationalen. Fuhlens. Er weckte die schlummernde Begabung des jüdischen Volkes, die eines Anstoßes bedurfte, um aus dem gebundenen Zustand heraus-zmreten. Die Umsetzung der latenten Energie in die kinetische vollzog sich auch mit wunderbarer Schnelligkeit; die jüdische Nation erhob sich aus ihrer Niedrigkeit, Talente tauchten Ms rrnd tvurden von Mendelssohn ermuntert urtd gepflegt. In ihrer Schar finden »vir den gleichermaßen als Philosoph und Arzt bedeutsamen M. -Herz. Marktls -Herz, am 17. Jänner 1747 geboren, wurde von den Eltern der jüdischen Theologie gewidmet unk so erhielt er seinen ersten Unterricht im ephraimischen Stifte zu Berlin, das er, kaum fünfzehnjährig, verließ, um als Handlungsdiener zu einem jüdischen Kaufmann nach Königsberg in Preußen zu kommelt. Aber dieser beschränkte Tätigkeitskreis wurde seinem nach Höherem strebenden Geiste bald zu eng; er verließ ihn daher und widmete sich dem Studium der Medizin,' uutechühl von Freutchm und Wohltätern, die er sich Wiener; Morgen-eitrins__ obligatorische Rcgistr: c ru ng der Fremden sowie die Maßnahine, die die Ausweisung von Fremden Vorsicht, wenn sie ihren Aufenthalt ohne Bewilligung der Behörden verlängert haben, wurden gestrichen. Das Ausweisungsrecht wurde von den Behörden erster Instanz au jene der zweiten Instanz übertragen und schließlich ras Recht der Regierung, außerordentliche Bestimmungen bezüglich der Fremden zu erlassen, auf den Fall beschränkt, wenn solche Bestimmungen aus politischer! oder sanitären Gründen unter Ausschluß wirtschaftlicher Gründe nötig sein sollten. Der jüdische Srjmklnb in der Ssposttion. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Warschau, 20. März. In der letzten Sitzung der Budgetkommission des Sejms wurde das Budget des Kriegs- Ministeriums verhandelt. In der Debatte verlangte der Kricgsminister eine Erhöhung des Etats. Namens des .jüdischen Klubs sprach sich Aög. Dr. Rosmarin dagegen aus. Er führte au, daß das Lieferungswesen äußerst schlechtorganisiert ist, da die Heereslieferungen vor allem auf politisch? Einflüsse zurückzuführen sind. Es war ein Fehler, daß aus Staatsmitteln große Unternehmungen gegründet wurden, um hje Armee mit Waffen und Munition zu versehen. Abgesehen davon, daß diese Unternehmungen schlecht geführt werden, wurden in den meisten Fällen Offerten auf Lieferungen, die um 40 Prozent billiger waren, ohne B e g r ü n d u n a ab g e I e h n t. Ter Kriegsminister müsse daher die gegenwärtige wirtschaftliche Situation des Staates ins Auge fassen und dürfe keine Erhöhung seines Etats verlangen. In der Untsrrichtskomnrission des Senates behandelte Senator Bodek eingehend das Verhältnis des Staates;u den jüdischen Schul- und Kulturinstitutionen. Ferner beschäftigte sich Redner eingehend mit der Numerusc l a u s u s - P o;: t i I bes Unterrichtsministecs Grabski. Interessant ist zu bemerken, daß auch der Sprecher der Piast- Gruppe, Senator K a u i o w s k i, g egen den Numerus clausus, der vom Unlerr-ichtsminister eiugeführt wird, Stellung nahm. Arbettrlofenunnchen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung."! Warschau, 20. März. Nach hier soeben cingelangren Mitteilungen veranstaltete eine größere Menge von Arbeitslosen in W! o e l a w c k vor dem Gebäude der Bezirkshauptmannschaft Demonstrationen. Die Polizei mußte ein« greifen, wobei 11 Personen verwundet wurden. Boykott ist kein Verbrechen. (Eigendienst der ^Wiener Morgenzeitung.") Warschau, 20. Marz. Vor einiger Zeit richtete Abg. F a r b st e i n an den Innenminister eine Interpellation gegen hie you der P o s e n er polnischen Presse propagierte Bohkottbew-egung gegen die - Juden.- In der nunmehr ergangenen schriftlichen Antwort des Innenministers wird erklärt, daß die Aufforderung einer Zeitung zum Boykott des jüdischen Handels int Sinne des Gesetzes keinesrvegs als Verbrechen bezeichnet werden kenn. Keine Ausweisung yolnischer Wanten au» Deutschland. Berlin, 20. März. (I. T. A.) Der Amtliche Preußische Pressedienst stellt fest; daß eine Ausweisung polnischer Optanten, abgesehen von Fällen persönlicher Lästigkeit, so lange nicht i n F r a g e kommt, als auch Polen die deutschen Optanten im Lande läßt. durch Fleiß und Wissensdurst erworben hatte. Auch die Philosophie zog ihn unwiderstehlich an. Er tnachte in ihr so große Fortschritte, daß, als sein großer Lehrer Kaut die ersten Grundlinien seines philosophischen Systems in einer Dissertation aus das Katheder brachte, er von jenem tiefen Denker zum Respondenten mvählt wurde. Diese ehrende Würdigung des jungen Forschers, die für sich selbst sprechen möge, veranlaßt« Herzens erste Schrift „Betrachtungen aus der spekulativen Weltweisheit", die er zu Königsberg in seinem 24. Jahre herausgab. Schon vorher hatte er sich an der Kanterschen gelehrten Zeitung in Königsberg mit mehreren Rezensionen de-ieiligt. Eine andere kleine Schrift aus Herz' Studentenzeit, „Frcymüthiges Kaffeegespräch zwocr jüdischer Zuschauerinnen über den Juden Pinkus". (In: Weinmonat 1771), würde als eine flüchtige Zeiierscheinung kann: eine Erwähnung verdienen, wenn sie nicht frühe schon Herzens Witz und Gefühl bei angetanem Unrecht bervährte. Sie entstand anläßlich des Lustspiels „Die abgedankten Offiziere" vor: G. Stephanie, in welchen: die Juden aus die übliche Weise verhöhnt wurden. Empört über die Behandlung seiner Mitbrüder ans dem Welttheater und aus der Schar:bühne, verweist Her; auf die vornehme Charakterschilderung der jüdischen Gestalten bei Lesiing und meint mit Bezug aus „die abgedankten Offiziere": „... lassen Sie Pinkus keinen Juden sein oder lasier: Sie ihm auch sein Judentum und nehmen Sie ihn: nur seine abgeschmackte Sprache, über Ml che unser Parterre sich so herzlich front, cP es gleich kein Wort davon versteht, welch eine elende Figur nmß Pinkus machen und Mich ein kahles, langweiliges Stück bleibt uns übrig." Mit Empfehlungen Kants an Lambert, Mendelssohn und Snlzer versehen, kehrte Herz nach Berlin zurück, wo er längere Zeit verweilend, Mnße genug für die schriftstellerische Betätigung fand. Die ans Vieser Zeit stammelnden „Philosophischei: Gespräche" blieben ungedmcki. Mendelssohn, der , damals von stürm Newenüankheit noch nicht hergestellt lvar, 21. März 1926_Seile I j ReinwolJe, für 14 Jahre . ^—-V. Knabenanzug &ÄÄ?fs47 Mädchenftleid mrSJahre § 25 e // Kiildermodenhaus /., Kärntnerstrasse 12 Neu eröffnet Neu eröffnet Verkaufsstelle VIL, Mariahilferstrasse 24 (Pelzhaus Schostal) 56i Aus ßrer Israel. Franz Oppenheimer in Palästina, Jerusalem, 20. März. In einem Gespräch mit dem Vertreter der Palesti-ne Telegraphie Agency sagte der vor 'kurzem hier eingetroff-cne Pros. Dr. Franz Oppenheimer, er sei aus Einladung der Zionistische in Organisation nach Palästina gekommen, um die Lage der Landwirtschaft zu studieren und ein Gutachten über die jetzt angewandten Siedluugsme Hoden aibzugcben. Er werde in Palästina ungefähr einen Monat bleiben. Drei wichtige Probleme, sagte Prüf. Oppenheinner, sind in Palästina zu lösen: Schaffung von BedinMngen, damil di? Landwirtschaft rentabel wird; Lösung der Avbeitsfrage, Lösung der Arabevsrage. Reform der: Landstenevn. Jerusalem, 20. März. (I. T. A.) Die Regierung hak eine Kommission eingesetzt, die die Aufgabe hat, ein Grundsteuergesetz anszuarbeiten, das die Stelle der veralteten Zehentsteuer einnehmen soll. Vorsitzender der Kommission ist Mr. Johnson, der Bizefchatzmeister dev Paläftinaregiemng. Dr. Prnkas Kohn über die jüdischen Siedlungen. Tel-Awiw, -19. März. Der hier weilende Agudähführer Dr. Pinkas Kühn äußerte sich Journalisten gegenüber, daß er von all dem, -was er in Palästina gesehen halbe, e n tzückt sei. Er gab besonders seiner Verwunderung Ausdruck, über den Stand der jüdischen Kolonien und Siedlungen, die er suchte. Die Schulfarm für Mädchen in Nahalal. Jerusalem, 20. März. (I. T. A.) Die Landwirtschasts» > schule für Mädchen in Nahalal wird am 8. April von Lady Samuel, der Gattin des früheren Oberkommissärs, eröffnet werden. Hernach wird Dr. Weizmann sprechen, der die ganze Zeremonie leiten wird. äußerte sich in einem Briefe an Herz über die genannte, Arbeit: ,Hch bin ein podagrrscher Tänzer, da sitze ich in i meinen: Lehnstuhl unk rufe den Tänzern mein Bravo zu. j Das erste Bravo bekommen Sie." Bon den Glaübensgenosien reichlich mit Geld versehen, s verließ Herz Berlin, um in Halle die medizinischer: Studien l fortzusetzen. Sein Hang zur Philosophie, deren Spekulationen! seinem Geiste so viel Nahrung gaben, verschuldete, daß er seine! Brottviffenschast nicht mit genügendem Eifer betrieb und die dadurch entstandenen Lücken in seinem Wissen als Arzt, nur mit großem Energieaufwand ausMte. Im Jahre 1774 erlangte Herz den Doktorgrad in Halle und kehtte nach Berlin zurück. .Hier vecheiratete er sich mit der Tochter des Arztes im Krankenhaus der jüdischen Getneinde, Benjamin de Demos, und wurde seinem Schwiegervater von den Borstehern dieser Anstalt als Hilfsarzt beigegeben. Die schöne Henriette hat in ihren Jugenderinnernn- ' gen (Mitte iluiMn aus den: Literaturarchiv in Berlin 1823) dem Vater Abraham, Benjamin de Lenws (geb. 1711 in Hanrburg, gest. 1789 ir: Berlin) ein treues Angedenken betvahrt. Nach der Schilderung seiner entbehrungsvollen Jugend befaßt sie sich mit seiner äußeren Erscheinung,'.,^« selbst im Alter noch schön war" und hobt besonders hewor: „Mcit: Vater lebte streng im Gesetz seines Glaubens und unser .Haus war völlig nach jüdischen Gesetzen und Gebräuchen eingerichtet". Neben der ärztlichen Praxis besaßt sich Herz mit seinen Lieblingsiboschästigungen, der Schriftstellerei und den Vorträgen. Spricht aus seinen Schriften, versuch über die Ursachen der Verschiedenheit des Geschmackes" und „Briefe an Aerzte" ein Manu von großem Scharfsinn und feinster Beobachtungsgabe, so erglänzen seine Vorlesungen über Philosophie in Pracht eines schn:uckvollen und lebhaften Vortrages und erfreuen sich -bald eines zahlreichen Besuches. Unter dem; Auditorium fand Her; auch Prinz?:: und heworvagende Staatsmänner, wie h?n Mnister Zedlitz, herMMte mm doch; f