Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2539 (18.3.1926)
- Date
- 1926-03-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 2889 Sien, Donuerstag Wiener Morstenzeltnna Tagesbericht. Ae Hunvertjahkseier des Temvels in der SeitenftettenMe. Die Festversaminlung. — Anwesenheit des Bundespresidenten. Gestern fand im Sofienifaale der Abschluß der Feierlichkeiten anläßlich des hundertjährigen Bestandes des Stadttempels in der Seitenstettengaste statt. Die Festversammlung zeigte zahlreichen Besuch und erfreute sich der Anwesenheit des Bundcspräsidenten Dr. Michael H a i n i s ch, des B-rindesministers Dr. Schneider, des Polizeipräsidenten Bundeskanzler a. D. Dr. Schober, Sektionschef Dr. L o e b e n st ein, Sektionsches Doktor Scherer und zahlreicher anderer Vertreter her Behörden. Nach einer herzlichen Begrüßungsrede des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Profesior Dr. Alois Pick hielt Vizepräsident Dr. Ornstein eine Rede. Das Hakoah-Orchester und der Chor des Jüdischen Gesangsvereines unter trefflicher Leitung des Professors Braslawski gab der Feier durch wirklich gediegene künstlerische Darbietungen das entsprechende Niveau. Altjüdische Weirbett. Für die ^Vierter Morgenzertuug" nach den Quellen bearbeitet. Sünde und Naturlnuf. Einst wurden jüdische Werse in Rom von Philosophen gefragt: ,JZenn euer Gott den Götzendienst 'der Sternanbeter nicht will, warum macht er ihn nicht -«Möglich?" Sie antworteten: „Wenn er, was in der Welt nicht geschehen soll, aucheben müßte — und sie dienen doch Sonne, Mond, Planeten und Fixsternen — so müßte der Narren wegen seine Welt zugrunde gehen. So aber geht die Welt ihren Gang, und rmr die Toren, welche Verderben gestiftet halben, müssen in der Zukunft Gericht ablegen." Ein anderes Beispiel: Es hat einer, ein Maß Weizen gestohlen, ging hin und baute es an. Wäre es recht, daß dieser Weizen nicht wachsen sollte? Vielmehr gcht die Welt ihren Gang, und nur die Toren, welche Verderben gestiftet (ja'&cn* müssen in der Zukunft Gericht ablegen. Oder es hat einer mit der Frau seines Nächsten sträflichen Umgang gepflogen. Sollte er ohne Folgen sein müssen? Vielmehr geht die Welt ihren Gang, und nur die Toren, welche Verderben gestiftet haben, müsien in der Zukunft Gericht ablegen. Bon der Wischen Ratkonalbibliothek. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Die französische Negierung übersandte der jüdischen Na>tional-- lüMoihek die große Ausgabe der französHchen Paleonchologie in 38 Bänden und die Geologie Frankreichs von Hang in vier Bänden. ‘ Das i i all e n is che Komitee der Bibliothek überwies wieder eine größere Sendung, welche unter anderem die gesammelten Werk: von Card u c c i und eine große Zahl von Veröffentlichungen zur letzten Geschichte der italienischen Juden eni'hält. Aus Ru ßla n d erhielt die Bibliothek eine Anzahl von Dokumenten zur Geschichte des russischen Judentums in den Letzten Jahren sowie hebräische Handschriften, darunter ein handschriftliches Buch des Karä-ers Mosche Bagi (176 Blätter). Herr Dozent Dr. Heinrich Necheles dom Union Medical College in Peking übersandte der BMiokhek ' eine Anzahl von Büchern aus dem Gebiete der Physiologie. Dr. I. D. B e r k s o n in Ncw-Zork hat eine Gruppe von Lehrern organisiert, welche sich die .Förderung der pädagogischen Abteilung der Bibliothek §um Me gesetzt hat. Haftentlassung der Brüder Barmat. Berlin, 17. März. Die Brüder Julius und Heinrich Bar m a t sind heute abends wieder aus der Haft entlasten wovden. Ihre Freilassung erfolgte auf Grund eines Gutachtens d tx Ger ich tsärzte über ihren Gesundhcitszustan d. Bor der AuGobung der Haft mußten die Brüder Barmat eine Kaution von 20.000 Mark aufdringen, die von ihren Verteidigern im Laufe des heutigen Nachmittags erlegt wurde. Selbstmord vor der Verhaftung. Aus Berlin wird gemeldet: In der vergangenen Nacht wollten Kriminalipolbzfften gelegentlich einer Hotelstreife einen Mann.foftnchmen, der sich nicht ausweisen wollte. Er entfloh, und als er sah, daß die Beamten ihn versorgten, erschoß e r s ich auf dem Platze vor dem Stettiner Borortebahnhof. Bei dom Toten fand man Papiere, die auf einen BevsicherungKboamten Hermann Schulz lauteten mW odn TelegrammsorwuLar, auf dem die Worte standen: „Es ist alles Lug und Trug, ich nehme mein Geheimnis mit ins Grab" Man vermutet, daß der Tote der wegen Unterschlagungen gesuchte Stadtinspektor Schulz sei. Las Semmering Schachturnier Memzowttsch und Dr. Tartakower an der Spitze. Semmering, 17. März. (Panha-rs-Tnrnier.) Nach dem geftirgen ficicn Tag nnnfccn ühr inttrestanre 2pHt geliefert. Tr. A I j e ch i,« gelang es, seinem Gegner :K n 0 t n )tc : n einen verfehl:cn Äticuich nachzuwcise ' nnv niir einein ek'gant>.'n Lpringerepser jchon im 2N. Zna in großem Stile eine Enychei bung hnbeizuniliren. Auch Tr. Tarrasch ivußte g^gen Neri' Borreile zu ziehen, und als Reti, um sich WS Druckes;u er- «ehren, de Dame gegen;Uei tt'ickle Figuren cujcrtc, war für den Münchener der Lieg schließlich nur eine Sache der Technik. Eine gute Leistung vollbrachre Tr. T a r r a lower, der das von Grün seid angel-otene Damen.gon>bir sofort angenommen hattt tmo das Spiel dadurch gewann, daß es .ihm gelang, sich rechtzeitig einen Freibauern zu verschaffen. Ganz ähnlich verlies auch dos Treffen Dr. Bajva und Dr. Treybal. Auch hier hatte der Nachstehende das angcl«!ene Tamengambit angenommen und durch Behauptung dieses weit »rieften Plus einen Borreil erlangt, der sich in dem folgenden Turm-endspiel als znm Gewi n ii ausreichend cowies In genialer Weise harre Al-tmelfter Janowski gegen R ic mzow'i tsch einen Bauern geopfert und durch ganz originelle Bel^ndHung des Damcnbaner-nspieles einen gefährlichen Angriff erlangt, als er plötzlich mit einem verfehlten Tomenaussall die gebotene Chance vergab, woraus der Däne das Uckergewicht erlangte und einen leichten Sieg davontrug. Eine lebhafte Kombinationspartie lieferte auch der Holländer Davidson seinem Gegner Rosei li, die Davidson schließlich "gewann. Die Partien Aates gegen G i l g (sifflianische Verteidigung), Prof. V i d m a r gegen K m o ch und Prof. Michel gegen Sptelmann (Damenbauernspie!) endeten mit Remis. Stand nach der achten Rnnde. N i e m z o w i t s ch, Dr. T a r t a k o w e r je 7, Doktor T a r r a s ch, Spiel m a n n je 5'/«, Dr. Aljechin 4'/, (H.), R e t i 5, Rubinstein, Prof. Dr. D i d m a r je 4'/, D a v i d s o n, G i l g, Grünfeld, Dr. V a j d a je 3*/,, JanotoSki, Dr. T r e h b a l je 3, K m o ch, M i ch e l je 2»/.. N a t e S 2 (H.), N o s e l l i Das Feuer in der WiiKe. Es ist «nicht eigentliche Wüste, wo diffes seltsame, ewige -und von der Bevölkerung als heilig cmgffchene Feuer brennt. Man kommt sogar zienrlich leicht dorthin, wenn man von der Autfftrecke Mostul—Bagdad hei Kcrkuk einen kleinen Abstecher macht. Dort, wo der Naaradem aus den persischen Randgebirgen durchbricht, um sich, südwestlich strömend' — strömend allerdings nur in den Regenzeiten, sonst oft genug nur schwach sickernd —, mit dsm Tigris zu vereinigen, liegt einige 50 Kilometer östlich von Kcrkuk, rings eingvschlosten, von völlig kahlen Bergketten, das kleine, kreisDvmige Ta!l von BalbguruJur, weitab von jeder menschlichen Niederlassung, denn man wandelt hier nicht ungestraft. Die Erde muß hier ungeheure Schätze an Off, Naphtha und Erdgasen bergen. Schon seit Zeiten, von denen die gegen- »wärtige Bevölkerung keine Rechenschaft mehr geben kann, entsteigen hier d'r Erde seltsame, fast undurchsichtige, bläuliche Flammen', die mit leis zischendem Geräusch aus der Erde strömen und die Luft weithin in flimmernde Schwingungen versetzen. Sticht man mit einem spitzen Stock kräftig in die Erde, so züngfft alsbald aus dem entstehenden Loch eine neue Flamme empor. Der ganze Boden muß also von diesen leichten' Kohlenwasteristoffgasen erfüllt sein, die sich beim Ausströmen sofort an den anderen Feuern entzünden. Die heiligen Feuer von Babgurugur sind insofern von besonderer Bedeutung, als sie ein Beweis dafür sind, daß jene ganze Gegend in der Tat einen ungeheuren Erdölreich-, tum bergen muß. UebrigenS sind jene Feuer keineswegs das. einzige Anzeichen für jenen Reichtum der Erde. Fährt man auf einem der landesüblichen Mße den Tigris aiöwärts, so ficht Man den Strom vielfach ölfleckig getrübt, ein Zeichen, «daß hier Oel unmittelbar aus dem Flußgrund austritt und sich mit dem Wasser des Stromes vermischt. An vielen anderes Orten auf beiden Seiten des Stromes bilden Naphthaquellen sumpfige, weithin riechende Pools, die von den Eingeborenen sogar hie und da auf ganz primitiv > Weste ausge- 'beutet werden. Es knüpfen sich an die mesopotamifchen Erdölvorkommen übrigens auch sinnvolle alte Legenden, so zum Beispiel an die Stelle, wo in unmittelbarer Nähe der Stadt Mofful die mächtigen Gebirgsketten des Djebol Hamrin und des Djeibe! Maktutb anfeinanderstoßen und der Tigris zwischen ihnen hindurch in d.is mesopotamstche Tiefland durchbricht. Dort — so erzählen die Einwohner — kämpfen unter der Erde die ^beiden Riffen Hamrin und Maklub miteinander un>d keiner könne jemals den arideren besiegen. Inzwischen aber ströme aus ihren Wunden das Erdöl. * Eiseubohnkonferenj in Wien. Vom 23. bis 27. d. wecken in Wien in der Generaldirektion der Offterreichischen Bundesbahnen zwei Ausschüsse des Vereins deutscher E'senbcchnvevwältun-- gen tagen, die sich in gemeinsamer Sitzung mit der Neubearbeitung des Wagenüvereinkommens für die gegenseinae Benützung der Personen- und Gepäckswagen befassen werben. dieser Sitzung werden Vertreter der. Deutschen Reichsbahngeselffchaft, der holländischen EifeNbchnen, der mraarischen Staatsbabnen. der Donan-Save- ILdvia-Eifeftbahngeselstchaft und der Oeste'rretchischeii Bundesbahnen teilttchmen. 19. Mär; 1826 S N .....-..—— *4 Neue wichtige Ausgaben der Keren Hajessod. Steigende (Einwanderung Mittelloser Moniere. — Erfolgreiche Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit. — Die jüdischen Fischer^ Zn dm letzten Monaten hat die EinwanÄermrg nach Paiäft'.na nicht nachgelasten, aber sie hat ihren C ha r ak«er w i e d e r um ver ander t. Es sind in den vier ersten Monaten dieses Jahres mehr Personen eingelvandcrt als m den vier entsprechenden Monaicn (Oktober bis Jänner) des vorigen Jahres. Aber rvährend im vorigen Jahre die Zahl der bemittelten Eimvanderer üb.mvog, jener Persvnnt, dre mit einem Kapiiol von 500 Pfund oder mchr nach Palästina kamen, überwiegt in den letzten Monaten die Zahl der mittellosen Einwanderer, die auf Grund der Zertifikate der Zionistischen Organisation die Eimvanderungserlarrouis erhalten. Diese Einwanderung junger, kräftiger, arbeitffreudiger Menschen ist ans das entfchiedsnste zu begrüßen. Aber sie stellt dm Keren Hajessod vor große Anforderungen. In den Monaten Oktober bis Jänner sind neben Einwaudereru anderer Kategorien 1275 sogenannte Kapitalisten und 7140 Arbeiter eingewandert. Dies war die Uvfache dafür, daß die Eintvanderungsabteilung der Zionistischen 'Organisation, für die für das laufende Jahr ein Budget von 39.000 Pfund aus Keren-Hajeffod-Mitleln bestimm: war, in diesen: Drittel eines Jahres bereits 26.000 Pfund ausgegeben iyit also zweiDritteldes gesamten Betrages. So wird der Keren Hajestod genötigt sein, irr diesem Jahre wie im vergangenen einen größerem Betrag für Eiwvanderlmg zur Verfügung zu stellen, als im Budget vorausgffcheu war. Dies fällt dem Keren Hajessod in diesem Jahre aber schwerer als im vergangenen. Er konnte in diesem Jahre das freilich bedeutend erhöhte Buidget in den ersten vier Monaten nur ungefähr zu zwei Dritteln decken. Eine solche Tatsache muß insbesondere im Falle einer erhöhten Einwanderung von arbeitenden Elementen ungünstig auf die Lage des Arbeitsmarktes im Lande zurückwirkeu. . In Palästina herrscht daher auch jetzt Arbeitslosigkeit bei einem Teil der Arbeiterschaft. Freilich erreicht diffe Arbeitslosigkeit bei Zweitem nicht jenes verhängnisvolle Ausmaß wie vor drei und vor zwei Jahren. Dies zeugt für die Konfolidierung, die die jüdische Wirtschaft in Palästina in den letzteir Mi Jwhren zum großen Teil dank der regelnräßigen Uäberwersungen des Keren .Hajessold erfahren hrt. Die Zähl der Arbeitslosen beträgt in Palästina derzeit an 3700 Personen, darunter auch eine Anzahl Mädchett. Das Arbeitsdepartement der Zionistischen Organisation hat nun mtt Hilft der Mittel, die der Keren Hajestod zur Verfügung stellt, eine Reche von Aktionen eingeleitet, um dieser Arbeitslosigkeit abzu'helftn und der Erfolg dieftr Aktionen wird sich hoffentlich in Bälde fühlbar machen. Die wichttgste« dieser Maßnahmen betvePftn den Ausbau der jMschen Städte und Stadtteile mit Hilfe des Keren .Hajessod. So beabsic^igt die Madtgemernde Tel-Awiw, wo sich die ArbeitsloMeit am stäMen fühkbar' macht, für den Betrag von 22.000 Pfund Straßen in den neuen i Stadtvierteln zu bauen, die von der Stadt angekauft wuödrn und sich', nördlich bis zum Jvrdaufluß hinziehen und mit i deren Bebauung 'bald bctzormen werden soll. Der Keren Haftstod stellt der Stadt Tel-Aiwiw zn diesen Arbeiten, bei denen mehrere hnndevi Arbeftlslose ' beschäf- . t i g t s e i n w e r de Tt» einen Kredit von 5000 Pfund zur Verfügung. Wichtig ist auch die Erschließung der 'neuen Borstadtsiedlung Ramath Gan, die mittzvegs zwischen Tel- . Awiw und Peiach TDwahliegt. Das System der Bevbindungsstraßen dieftr Siedlung soll ausgebaut .werden, wobei 150 Arbeiter beschäftigt fern: werden. Der Keren Hajessod stellr zu diesem Zveck 1500 Pfund zur Verfügung. Von etwas geringerem Umfang sind die ^öffentlichen Arbeiten, die für die jüdischen Stadtviertel Haifas geplant werden. Das größte dieftr Viertel ist Hadar Hakarmel, wo heme bereits 170 Hauser stehen. -Hadar .Hakarmel wird jetzt, nachdem es bereits im November 4500 Pfund, davon 1500 vom Keren Haftstod Mr Straßenbau len) verwendet hat, 7500 Pfund für öffentliche Arbeiten ausgeben, davon 3000 Pfund für Straßen, und 4500 Pfund für die Errichtung öfftntlicher Gebäude, eines Volkshauses und einer Markthalle; dafür erhält es dom Keren .Hajessod ein Darlehen vou 2500 Pfund, das mit einer Verzinsung von 5,5 Prozent in vier Jahren rückzahlbar ist. Auch die Achusah Sir Herbert Samuel bei Haifa erhält vom Keren -Hajestoid zu den gleichen Bedingungen ein-Darlehen für Straßenbau. Von Bedeutung ist auch die Entwicklung der »lenen Swdt Äfuleh, wo die Americall-Zion-Commomvealch- . Gesellschaft die Arbeiten fördert, wo aber in der letzten Zeit auch Arbeitslosigkeit eingetveten ist. Z»rr Durchführung von Ainelioralionsarbeiten in Asitteh hat der Keren Häftstod der Zion Commonwealth ein in vier Jchren rückzahlbares Darlehen von 3000 Pfund gewährt. Ebenso hat er die Eutwicklmlg ANos gefördert; wo es vor einern Jahre nur fünf jüdische Familien gab, während dort heute bereits 300 Juden leben, und eine jüdische Zünd'holzfabrik, eine jüdische Brauerei und eine G e r b e r e k bestehen. Das Handcls- und Industriedepartement hat insbesondere die En-lstchung einer jüdischen Fi-scherindustrre sowohl m Akko als auch i n Tiberias gefördert. Die Entstehung di es e r ne«en Industrie ist crws schließlich dem «r Btitndari billigar il ' ■ 8 In Stoffen, Seide, Wasciuooren etc. Im Warenhaus II., Taborstrasse 18 Telephon «-I-7I Eb gm B 1