Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2539 (18.3.1926)
- Date
- 1926-03-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Settr 4 Wien, DonmrKtag Der parlamentarische Untersuchungsausschuß hätte erst nach dom rechtskräftigen Urteil der Gerichte eingesetzt werden dürfen. Der Minderheitsbericht dieses Ausschusses sei wertlos' und sein Verfasser Wikhem Vazfonyi habe;n der gangen Frankenfälschnngsaffäre eine Rolle gespielt, die mir geeignet sei, den Antisemitismus im Lande wieder zu erwecken. Die erste Wirkung von Senf. Die Anklage wegen Zadravecz fallen gelassen. Der AMagefenat des Gerichtshofes verlautbart seine Defchlüste in der Frankenfälschungsaffäre. Sämtliche in Haft befindliche Angeklagte werden auf Grund der Motivierung d^s Anklagoschrift unter Anklage gestellt. Von den m Haft befindlichen Angeklagten werden die 'untergeordneten technischen Angestellten des Kartographischen Instituts, und zwar V ragh, Par rage, Haala, Agoston. Kitz, Velösy, Schorfs, Hampel und Spannring aus freien Fuß gesetzt mit der Begründung, daß ihnen gegenüber eine Anzahl mildernder Umstände vorliegt, welche eine Strafe von nicht mehr als sechsMonaten Kerker erwarten lasten. Da die Erwähnten durch die dreieinholbmonatige Untersuchungshaft die größere Hälfte ihrer voraussichtlichen Strafe überstanden haben, scheint eine weitere Hast unbegründet. Mit derselben Begründung wurde die Enthaftung des Doktor Barg ha und Olchvarys angeordnet. Gegen die nichtverhafteten Angeklagten, und zwar den Feldbischos Zadraveez, Dr. Ladislaus Ferdinandy und Dr. Johann Heder, wurde Anklage fallen gelassen. Danach wird also das Verfahren nur noch gegen folgende Personen fortgeführt: Prinz Ludwig Windifchgrätz, Ladislaus Gero, Emmerich Nadosfy, Destder Raba, Andreas Andor, Dr. Tibor Svec, Stephan Winkler, Josef Szörtsey, Gabriel Baroß, Kaspar Kovars, Dr. Adalbert Mankovich, Ludwig Hafts und Ludwig Kurz. Die Fenremövder an den Fälschungen beteiligt? München, 17. Mär^. Der bayrische Minister des Innern S t u e tz e l sprach im Haushaltungsausschuß des Landtages unter anderem auch über die Beteiligung Münchner Kreise an den ungarischen Frankenfälschungen. Ueber die Berichte, wonach zu den Herstellungsarbeiten zu-m größten Teil Angehörige nationaler Verbände verwendet worden feien, denen im Falle eines Verrates mit der Feme gedroht worden sei, sagte der Minister: Gleich nach dem Bekanntwerden der Fälschungen sei eine Untersuchung ein- 'geleitet worden. Die Erhebungen seien aber noch nicht abgeschlossen worden. Das Material der französischen Kriminalbeamten werde zurzeit geprüft, deshalb könne er. fetzt noch keine näheren Aufschlüsse erteilen. Ser Borlragrzyklos der zionistischen Lander« komilees. Im Rahmen des Vortragszyklus spricht heute um halb 8 Uhr abends im Klubheim der Hakoah, 1. Bez., Wipplingerstrahe 24-26, Frau Dr. Martha Hof mann über Theodor Herzls geistige Persönlichkeit. Karten sind im Zionistischen Bureau, 1. Bez., Kärntnerstraße 28, und im Klubheim der Hakoah vor Beginn des Vortrages erhältlich Geheimräte und Präsidenten. So hat es auch Heinrich B e r g s o n gemacht. Sein Vater ist als Whazan aus Warschau nach Genf, von dort nach Paris gewmmen und der Sohn erdreistet sich, der erste französische Stilist seiner Zel und der einflußreichste Denker Frankreichs zu sein. Ach, der edle Maurice B a r r e s hat sich 1916 weWich darüber geärgert, als Bergson unter die 40 Unsterblichen ausgenommen wurde. Man sagt zwar beschönigend, Henry Bergson sei in England geboren, allein mich will es schier bedünken, daß dieser Fleck in England irgendwo in der Nähe von Kolomea oder Berditschow liegt. . . Um die Liste vorläufig abzuschließen, möchte man noch an den 1913 verstorbenen Dav:d Heinrich Müller erinnern, der einer der bedeutendsten Orientalisten und Astyvologen seiner Zeit war und als Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften und Dekan der philosophischen Fakultät — er war es, der der Mar»e v. Ebner-Eschenbach das Diplom eines Ehrendoktors der Philosophie überbrachte — den Juden keine Schande machte, obgleich er bloß in dem ostgalizstchen Neste B u c z a e z geboren und erzogen war und erst im 24. Lebensjahre als Beth-Hamidrasch-Bachur sich dem weltlichen Studium zmrandte. Siegfried L i p i n e r, desten Dichtungen schon allein durch ihre Sprachgowalt auf Friedrich Nietzsche einen so t-efen Eindruck machten — er schwärmt von ihnen in einem Briefe an Overbeck —, war in Tarn ow geboren und erzogen. Der Boden manchen kleinen Städtchens von Polen war oben, dank der Jahrhunderte langen Pflege jüdischer Gelehrsamkeit, mit Geistigem so getränkt, daß er schließlich unter einem anderen kulturellen Klima die edlsten Blüten moderner Bildung trieb . . . Und — beinahe hätte ch's vergesten — die Familie L i e b e r m a n n, die Deutschland einen bahnbrechenden Industriekapitän, einen der 'bedeutendsten Chemiker, einen hervorragenden Rechts- 'historiker und oinen genialen Maler gegeben hat — Willy Hellpach bezeichnet« Max Liebermann einmal dls. den fcefften Interpreten der deutschen Volksseele —, diese Familie Liedermann stammt, ach, ich wage es kaum auszusprechen, ouS Drohobiez; einer der Angchüvigen dieser Familie sPM als Sejmabgeordneter in der polnischen Politik eine sehr bedeutende Rolle. Drohobiez hat übrigens im vergangenen Jahrhundert Moritz Gottlieb hervorgebracht, der, obwohl :m 28. Lebensjahr verstorben, europäischen Ruf erlangt hatte; sein Bild ,Ortende Juden" gilt als eines der schönsten Werke moderner Malerei und als das dfa» IWd Anballes. _TOIttttr 9W»yne«,<eHuWh_ Sie zweite ollpolaische zioaisteakonlellnz. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Warschau, 16. März. Nach der politischen Debatte erstattete in der dritten Plenarsitzung Senator Rottenstreich einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen. Dr. K l u m e l behandelte in seinem Korreferat eingehend die jüdischen Kooperativen in Kongreßpolen. Nach einer längeren Debatte wurde eine Wirtschaftskommission mit Senator Rottenst r e i ch an der Spietze gewählt. Dr. K l u m e l erstattete sodann einen Bericht über die Tätigkeit des Keren Hajestod. In der Permanenzkommission wurde eine lebhafte Aussprache über die politischen Resolutionen geführt. Nach dieser, an stürmischen Zwischenfällen reichen Debatte wurde die zionistische Fraktion im Sejmklub beauftragt, die nötigen Schritte einzuleiten, um die Veröffentlichung des Textes des Verständigungspaktes mit der Regierung durchzusetzen. Nach den Beratungen der Permanenzjkommission wurde die Tagung der Konferenz fortgesetzt. Lewite und Doktor Schmorak referierten über die wirtschaftliche Tätigkeit für Palästina. Sodann folgten Berichte über Palästinaemigration, Keren Kajemeth und Ovganisationsfragen. Die ostgalizischen Delegierten, die im Permanenzausschuß gegen den Antrag auf Veröffentlichung des BerstäNdigungspaktes gestimmt halben, verlangten in einer neuerlichen Sitzung die Reasumierung dieses Antrages. Nach längeren Kämpfen beantragte Dr. G o t t l i e b, daß die Konferenz keine politische Resolution fasten und sich mit der Deklaration des neugewählten Präsidenten des Jüdischen Klubs, Hartglas, begnüge. Irr Nonismus in Sowjetrußland. Aus Riga wird uns geschrieben: Nach den hier aus Rußland einlangenden Berichten hat die zionistische Bewegung in den letzten Monaten in Sowjetrußland größere jüdische Kreise erfaßt. Insbesondere ist es der Föderation Zerre Zion gelungen, in die .Kreise der Jugend einzudringen. Die russische Judenheit hat trotz der Verfolgungen der jüdischen Kommunisten ein. besonderes Interesse für die Probleme des Zionismus und für den Pa lä st i naaufba u. Jede Nachricht über Palästina wild von Mann zu Mann kolportiert. Trotzdes Druckes, den die jüdische Bevölkerung gerade von den jüdischen kommunistischen Jnstimtionen zu erleiden hat, schließt sie sich der zionistischen Bewegung -an, wenn sie auch nicht die Möglichkeit hat, ihr organisatorisch anzugehören. Ein besonderes Bedürfnis haben große jüdische Kreise, ihre Kinder im Geiste des Judentums und der hebräischen Sprache zu erziehen. _ Sibirien oder Palästina. Jerusalem, 16. März. Die Zionistische Palästinaexekutive hatte sich an die Paßabteilung der palästinensischen Regierung mit der Bitte gewandt, den britisch:» Bevollmächtigten in Moskau anzuweisen, einem in Toms! gefangen gehaltenen rustischen Zionisten ein Visum nach Palästina zu erteilen. Der junge Mann, früher in Jekaterinoslaw wohnhaft, wurde im September 1924 zu drei.Jahren sibirischer Verbannung verurteilt, weil er sich zionistisch betätigt hatte. Er wurde mit einem Gefangenentransport zu Fuß nach dem Dorfe A r g u m im Gouvernement Tomsk geschickt, wo er nach einer beschwerlichen Reise über das Uralgebirge nach zwei Monaten ankam. Am 1. Jänner des vergangenen Jahres wurde er in das Tomsker Gefängnis emgeliöfert. Ein Verwandter des Gefangenen im Ausland hat jetzt die Nachricht erhalten, daß die Moskauer Behörden die Anweisung gegeben haben, ihn frei z» lassen, unter der Bedingung, daß er Rußland sofort verläßt. Kram Oppenheimer und Or. Holpern kn Palästina. Jerusalem, 16. März. (I. T. A.) Am 12. d. sind hier Prof. Franz Oppenheimer und das Mitglied des Finanz- und Wirtschaftsrates der Zionistischen Organisation Dr. Georg H a l p e r n zu längerem Aufenthalt eingetroffen. Dr. Halperns Palästinaaufenihalt steht in Zusammenhang mit der Anglo Palestine Company und anderer Jnstitukionen der Paläftlnawirtschast. Er wird ettva drei Monate In Palästina bleiben. _ Shamberlalno Galtin ln Jerusalem. Jerusalem, 16. März. Gestern ist Lady Chamberlain, die Gattin des Ministers für auswärtige Angelegenheiten^ an Bord ihrer Jacht „Minantaure" in Beirut eingetroffen, von wo sie die Weiterreise nach Jerusalem antrat. ' Per Matteotti-Prozrß. Lhieti, 17. März. Im Matteotti-Prozeß wurde heute mit dem Verhör der Zeugen begonnen. Sichecheitskommistär di Bernardi erklärt, die Polizei habe zßvar das HauS Matteortis überwacht, doch hätten die Polizeibeamten von der EntführuuMene nichts sehen können, da sie am Kai längs des Tkber vor sich ging. Der Hausmeister des dem Haufe Matteortis benachbarten -Hauses, Grasmi, und seine Frau erklären, sie hätien ein Auto gesehen, desten Nummer sie sich auffchrieben. Zeuge D e l e o gibt an, er habe gesehen, wie die Entführer mit aller'Kraft einen Manu in das Auto hineinstießen. Ein zwölfjähriges Kind namens Bazzotii sah wie vier Individuen einem Mann einen Stoß ln den Bauch versetzten und ihn in das Auto beförderten, Wobei sie ihn an Kopf und Fützeu 1$. März 1020 Nr. 2680 Peffach-Kaffee-Zusatz Laut Attest Seiner Ehrlvttrden de« Herrn OberrabbtnerS Sittltt Schreiber ntt& Srlau verläßlich koscher in Frieden,ouolttät erzenst von Heinrich Franck SShne Kasfeesurrogatfabrit in Linz a. d. 8. 1133 Bei sedem Kaufmann zu habe«! Peffach-Kaffee-zusatz Oie Seutschnalionalen gegen Lnther und Stieseman«. Berlin, 17. März. Die wutschnationale Prestestelle teük mit: Die Genfer Vorgänge haben in der deutschnatiottalen Volkspartei die eimnü-rige Austastung aasgelöst, daß die Behandlung des deutschen Antrages aus Eintritt in -den Völkerbund und die .Haltung der deutschen Delegierten in Genf zu einem völligen Mißerfolg der Außenpolitik des Kabinetts Lulther-Stresemann geführt haben. Die Reichstagsfrakiion wird sofort die erforderlichen parlamentarischen Maßnahmen ergreifen. Brnffilow gestorben. Der Sieger von Luek. Aus Moskau wivd gemeldet: General Brussilow 'ist gestern früh an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Brussilow stand im Alter von 73 Jahren. Er war im Kriege Kommandant einer Armee. Im Jahre 1916 gelang ihm der Durchbruch der österreichischen Front bei Luük, die der Erzherzog Joses kommandierte. Nach dem Sturze der Zarenregierung stellte er sich anläßlich des Krieges gegen Polen der Sowjetregievung zur Verfügung. Er war unter Trotzky längere Zeit militärischer Sachverständiger, jedoch ohne ^mmandogewalt. Inland. Steneramneftle und Rücklage». In einer kurzen Geschäftsfitznng hat gestern der Na- V.onalrat das St euerem ne ftiegefetz für 1926 und die Ergänzungen zum Personalsteuergesetz betreffend die Auflösung von Ge schästsrück lagen in zweiter und dritter Lesung angenommen. Das auf der Tagesordnung stunde zoll politische Ermächtigungsgesetz mußte infolge eines Einspruches der Sl^ialdemokraten abgefetzt werden. Es wird heute zugleich mit der Zollnovelle im Hause zur Beratung gelangen. Im Einlaus befand sich unter anderem eine Anfrage betreffend den Fall B u s s o n. Nächste Sitzung: Heute, 3 Uhr nachmittags. Sie Anklage gegen Alerauder Welrr und Such». Keine Haftentlastung der beiden Beschuldigten. Gestern wurde gegen den gewesenen Chefredakteur des „Abend", Alexander Weisz, und Artur Fuchs die Anklageschrift kundgemacht. Sie lautet für beide aus das Verbrechen der Erpressung, für Weisz in v i e r Fällen, für Fuchs in fünf Fakten. Untersuchungsrichter Dr. K a t l e i n hat den Beschuldigten die Anklage verlautbart. Sie haben sich einen Einspruch gegen die Anklage Vorbehalten. Die Anklage wurde wegen Erpressung in zwei Fällen an E a st i g l i o n i, in einem Falle an der L ä n d e r- -ank und in einem Falle an der Depositenbank echoben, gegen Avmr Fuchs noch wegen eines weiteren Falles, und zwar wegen einer Erpressung, begangen an Alexander Weisz, indem er ihnc angedro'ht hatte, falls er nicht weiter von ihm umer günstigen Bedingungen für das Jnseratengeschäst verwendet lverde, ihr ganzes beiderseitiges Verhältnis bekanntzugeben und zu enthüllen. P r i v a t b e t e i l i g t e ha'ben stch nicht gemeldet. ' Die Ratskammer hatte stch sodann mit dem neuerlichen Gchrch um Enthaftung, das von seiten des Alexander Weisz und des Artur Fuchs eingeibracht worden war, beschäftigt. Di« Ratskammer, deren Sitzung eine Stunde dauerte, hat dem Anstichen der beiden in Haft befindlichen Beschuldigten keine Folge gegeben. Alexander Weisz u«d Artur Fuchs blechen Mo w e i t e r \ i a m Hast.