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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-14 · Heft 2535 (14.3.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2535 (14.3.1926)
Date
1926-03-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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' i: ‘ i - •ri! ‘ < ' «M r Wien. Tomkckg Wiener Morftenzelkuttst 14. Mar; im Nr. Dauersirümpfe haben Weltruf Elegant, unverwüstlich / Ueberall erMitl Zentrale: LEO SUSSMANN Wien, 1. Bestrk, Schweriftaste Nr. % 074 Hundert Jahre. —y. Wien. 14. März. Dem Jubiläum des Stadttempels sendet das Präsidium der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eine Festansage voraus, in der sie die Bedeutung der Feier mit diesen Worten charakterisiert: „Dieser Tag hat den Ausgangspunkt jener Entwicklung gebildet, durch welche die Gemeinde erstanden ist und sich m ihrer heutigen Stellung emporgedrungen hat." Das ist wohl nur im Ueberschwang der Festfreude geschrieben. In Wirklichkeit stimmt der Ausgangspunkt recht wenig zu dem heutigen Stand. Die jüdischen Familien, die vor hundert Jahren sich zur Stiftung der Synagoge zusammengetan hatten, sind nicht mehr jüdisch. Die Gemeinde hat sich nicht entwickelt. Sie hat ihren Umfang, die Zahl der ihr Angehörigen auf dem rein mechanischen Weg der Zuwanderung anwachsen gesehen, ohne sie zu einer innerlich verbundenen Einheit zu gestalten. Sie ist keine Genieinde geworden in dem höheren Sinn dieses Wortes, deren organische Entwicklung von der lebendigsten Mitarbeit der Gemeindeangehörigen beeinflußt und bestimmt wird; sie ist keine politische Zusammenfassung des Wiener Judentums, sondern lediglich ein Organ der Verwaltungstechnik, das sich bemüht, die Agenden schlecht und recht zu erfüllen. Sie ist nicht der soziale Führer der Wiener Judenschaft. Sie hätte es werden können und vielleicht schwebte diese Entwicklung den Toleranzjuden vor, die nach dem Abebben der großen Kriege vor hundert Jahren den Tempel gründeten als äußeres Symbol ihrer Zusammengehörigkeit. Vielleicht dachten sie weit in die Zukunft hinein. Der Tempel, der ja dem Judentum jener Zeiten die einzige Stätte politischen Lebens war, hätte die Zelle einer freien und stolzen Gemeinschaft sein können, die sich auf dem geweihten Boden inmitten einer mißgünstigen Fremde an Schicksal und Vergangenheit erinnerte. Sie hätte sich hier bewußt werden müssen, daß die Mauern des Gebäudes jüdisches Land umschlossen, von dem auslaufend unsichtbare, aber unzerreißbare Fäden hinausführten zu dem Judentum in anderen Ländern und zu dem Judenland. Die Gemeinde war und ist ein jüdisches Zentrum. Sie war das Wanderziel der Judenschaft der Länder der Monarchie, des Balkans und des vorderen Orientes. Aus Böhmen und Mähren, aus dem weiten Osten, aus Serbien und Bulgarien, von Triest und den Mittelmeerländern her strömte jüdische Arbeitsfreude, Wissenssehnsucht und wohl auch politische Verzweiflung durch lange Jahrzehnte nach der großen stolzen Stadt, in der sie alle die brüderliche Hilfsbereitschaft, freies nationales Mitfühlen zu finden hofften. Sie brachten Schätze an Energien und jüdischem Stolz mit. Aber alle Gaben zerrannen. Die Gemeinde blieb ihnen, sie der Gemeinde innerlich fern. Die Gemeinde schrieb sie in die Matriken, sorgte für Gebetshäuser und für Friedhof. Sie war nicht mehr, sie wollte nicht mehr sein. Die Führer der Gemeinde empfanden es gar nicht, daß sie ein Mittelpunkt jüdischen Lebens war; diese Führer waren mit dem Judentum so wenig eins, daß schon ihre Kinder und Enkel den Staub von den Füßen schüttelten. Hin und wieder wurde der schüchterne Versuch eines, bei Gott, nicht politischnationalen, sondern nur religiös-administrativen Zusammenschlusies mit den Gemeinden Zisleithaniens gemacht. Es genügte immer das Stirnrunzeln eines Ministers, um den Plan in den ersten Anfängen erstarren zu lasten. Die Gemeinde ist im Ghetto, aus dem Ghetto erstanden und dieser Geist ist nicht aus der engen, buckligen Straße gewichen, in der neben dem Tempel das Rathaus steht. Die Unfreiheit herrscht hier. Ein ragendes Bollwerk jüdischer Kraft kann die Gemeinde werden, ein Führer in dem großen Kampf, in den das Judentum gegen seinen Willen verwickelt ist, ein Führer auf dem Wege in die freie Zukunft. Die Gemeinde duckt sich ängstlich vor den Fenstern der Pfarre, die ihrem Tempel gegenüber steht; die Gemeinde wußte und weiß nichts mit der Tatsache anzufangen, daß in ihrer Mitte, in Wien, der politische Zionismus geschaffen wurde, daß hier Theodor Herzl lebte und wirkte. Die Idee vom freien Judentum ist hier in Wien zuerst in Worte gefaßt worden; ein über Jahrhunderte sich erstreckendes geschichtliches Geschehen wurde hier in Wien in die politische Formel gebracht. Bon hier aus ist ein Werk begonnen, mit dem das jüdische Volk auf Gedeih und Verderb verbunden ist, das der Jugend em neues Ideal gebracht, in ihr tausend neue Energien geweckt und sie begeistert hat. Ist die Gemeinde mit der Jugend? Nach hundert Jahren steht ein neues Judentum im Sturm der Geschichte. Es trägt nicht mehr den Geist der Toleranzjuden in sich. Es will nicht mehr toleriert sein, es will sein Recht und verzichtet auf nichts. Es will nicht unterdrücken und in stiller Bescheidenheit, in Angleichung an andere den Sinn seines Lebens sehen. Dieses junge Judentmu sieht heute auf UuverSnderte Krise in Sens. Allgemeine Zniereffelofigkelt in der Bollderiammiung. — Sin neuer englischer Sorschlag. rienstag wird der BMerbnnd sich mit dem deutsche« Ausnahmegesuch beschüsttgeu. (Eigendienft der „Wiener Morgenzettung.") l8<nf, 13. März. Die heutige zweite Sitzung v « r Völkerbundversammlung verlief völlig ereignislos. Die begann mit einer GÄwiikfeier für den verstorbenen französischen Vorkämpfer der Völkerbnndidee, Leon Bourgeois. Sodann wurde der Plan für das neue Gebäude des Völkerbundes endgültig genehmigt. Bundesrat M o t t a erklärte, die Versammlung habe damit bekundet, daß der Völkerbund auch in Zukunft auf schweizerischem Boden verbleiben wolle. Die Sitzung wurde unter allgemeiner Interesselosigkeit um 12 Uhr mittags geschlosten. Das Frühstück bei der deutschen Delegation, zu dem Sir Austen und Lady Chamberlain heute mittags geladen waren, dauerte von 1 bis 4 Uhr. Von deutscher Seite wurde nach dem Frühstück erklärt, daß eine Aenderung der materiellen Lage nicht eingetreten sei. Dage^n soll ein neuer Vorschlag der englischen Delegation zur Sprache gekommen sein, der heme in der Ratssitzung weiter besprochen werden soll. Ueber den Inhalt dieses Vorschlages verlautet einstweilen mir, daß er darin besteht, daß die deutsche Delegation irgend eine Erklärung abgeben soll, ähnlich der in Loarno von den Miierten an Deutschland gegebenen Erklärung. Aus dieser deutschen Erklärung soll heworgchen, daß sich die deutsche Delegation nach ihrer Aufnahme in den Völkerbund nicht grundsätzlich der Vermehrung der Ratssttze ividersetzen werde, wenn die emzusetzendc Studienkommission zu dem Resultat gelangen sollte, daß eine solche Erweiterung des Rates wünschenswert sei. Nachmittags um 4 Uhr traten die Mitglieder des Völkerbundes zu ein77 nichtoffiziellen Besprechung bei Sir Eric Drummond zusammen. Die Besprechung, die im Anschluß an das Frühstück ChaMberlains bei der deutschen Dellegation «folgte, hat eine Aenderuing der Lage nicht % rg,e be n. Während sich die meisten Mitglieder des Rates' jeder Aeußerung entzogen, verstand sich Vandervelde zu 'einer längeren EMärung an die auf ihn eiNdringenden Journalisten. Er sagte, daß morgen Sonntag um 5 Uhr der','nun schon traditionell gewordene 5-Uhr-T« des Rates wieder ausgenommen werden wird. Auf die Frage, ob man heute zu einer Einigung glommen sei, erwidevie Vandervelde -ausweichend, daß man die Hoffnung nicht anfgeben dürfe. > Die wichtigste Erklärung Bandervekdes bestand darr«, daß er sagte, die Einberufung der Voll Versammlung des BMevbimdes sei bestimmt für Dienstag m Aussicht genommen. Di« Versammlung werde sich mit dem Anfmchmegesuch Deutschlands beschäftige» und dabei auch Gelegeicheit haben, sich über die gegenwärtige Kris« zu äußern. Diese Möglichkeu könne man der Versammlung auf keinen Fall »ehmen, auch dann nicht, wenn Deutschland sein Aufnahmegesuch zurückziehen sollte. Dann würden die übrigen Teilnehmer am Locarnopakt das allergrößte Interesse daran haben, die Welt darüb« auftuklären, wem die Schuld am Scheitern der Verhanvlmigen zufalle. Eine Erklärung Dr. Stresemmnus. Dr. Stresemann veröffentlicht im ,Journal de- Geneve" eine Schilderung, in der man wohl zum großen Teil die Erklärung zu erblicken hat die nach dem neuesten englischen Vermittlungsvorschlag von der deutschen Delegation verlangt wird. Dr. Stresemann führt ans, daß man Deutschland zu Unrecht dm Vorwurf mache, Schwierigkeiten zu bereiten, damit andere Mächte keinen ständigen oder nichtständigen Naissitz bekommen. Man solle nicht glauben, daß die Haltung Deutschlands sich besonders gegen Polen richte. Die Schwierigkeiten m der Situation zwischen Deutschland und Polen seien bekannt, und es wäre unsinnig, sie leugnen zu wollen. Es wäre aber nicht weniger absurd zu glauben, daß Deutschland nach seinem Eimrrtt in den Völkerbund die Lage so aNischen wüvde, als hatte es ein besonderes Interesse daran, Polen zuruckzustoßen. Doutschkmd habe niemals gegen, fce« Eintritt Polens in den Bölkorbundrat eine grundsätzliche Einwendung erhoben. Deutschland sei bereit, nach seinem Eintritt in den Völkerbund sich dafür zu verwenden, daß di« Frage der Erweiterung des Volkerbundrates im Herbst im Laufe der ordentlichen Tagung gelöst Werve. GRABEN-FRISIER-SALÖNI Wien, I. Graben 12 / Telephon 74-2-26 Diese neueröffnete grösste und modernste Werkstitte für Haar arbeiten und Schönheitspflege arbeitet Perücken, Scheitel und Tratuformathnm, kür deren allererste Qualität der Internationale Meister Karl Schlroky jeder Dame persönlich haftet Unsere Einfuhrnngspreise sind sensationell billigt Ein unverbindlicher Besuch zeigt Ihnen die schönsten Babiperäcken von S 75*— aufw., die schönsten Trang form a Honen von S 35,— aiifw., dieselben mit Scheitel von S 45.— aufw. und werden lhnep für Reinigen, Wasserwellen und Reparieren Ihrer alten Perücken die billigsten Preise berechnet. / Wir färben Ihr Haar auf jede gewünschte Farbe mit Original Henni und dauerweilen dasselbe nach dem alierneitesten Mager’schen Verfahren unter jedweder Oarant e. Ein Versuch wird Sie fiberzeugen und Sie dem GRABEN-FRISIER-SALON Wien, I. Graben 12 / Telephon 74-2-26 zur ständigen Kunde machen. die hundert Jahre zurück und es merkt mit Grauen die Summe dessen, Was versäumt Worden ist. Wieviel weiter stünde unser Volk, wenn es diese hundert Jahre des Stillstandes mit seinem Willen hätte füllen können! Und selbst heute wäre die Mühe des Aufbaues, der Erneuerung des Volkes leichter, wenn die Kraftzentren einer Verwaltung ihm gehörten, dem aufstrebenden, elbstbewußten, zu neuem Ziel und neuer Freiheit chreitenden, wenn die Gemeinden an seiner Spitze gingen. Dies zu erreichen ist die Aufgabe der Jugend und an dem Tag, an dem einer aus Leben und Volk geschiedenen Generation gedacht wird, grüßt die Jugend die Lebenden, die das Leben wollen und die der Nation und ihrem Freiheitsstreben mit Herz und Hirn ergeben sind. Nach den Jahrhunderten des Verzichtes, der Erniedrigung und der Toleranz will das junge Judentum die Zeit seines Rechtes herbeiführen; sie will, daß die Wiener Gemeinde jüdisch werde, ein Glied in der großen jüdischen Gemeinschaft, die durch Blut, Geschichte und Willen verbunden ist und sich in Palästina ihr Heim errichtet. _ Sr. Ehrenpreis geht nicht nach Saloniki. Breslau, 13. März. (I. T. A.) Tor BvsAau« ,Jüdischen Vokkszettung" wird m.s Saloniki genreldst: Idabbrn« Dr. Ehrenpreis (Stockhol), der vor eingen Wochen jn SalioniM war, um mit den dortlvgen Genioiind^bchörden ülber die Uebernahnte des Rabbinals zu verhandeln, hat nun von Stockholm aus eine ab s ch l ä g'i ge Antwort «teilst. Ser Bukarest« Fokker-Prozetz. Die Angeklagten frojgesprochen. Bukarest, 13. März. (Orient-Radio.) Dos Kriegsgericht hat heute im Fokker-Prozeß das Urteil gefällt. Hauptinaim Mine» und Oberst Beroniade, tzie beschuldigt waren, Fetter-Flugzeuge in oidivungswidriger Weise üb.'rnouimen zu haben, wurden freigesprochen. Untersuchavg gegen die SokoWscher. Neue frrnrzöfifche For-ernngrn an die Bnvapefter MuutSaulwuttschuft. (Gigenbienst der ,Mien« Morgengeftung".), Budapest, 13. Märy. Die Pottzöi hat heute über Weisung o« Staattzanwal^chaft die Untersuchung gegen dir Sokolfälscher begonnen. Jn erster Reihe wird Abg. Stephan Fr i edr i ch einvernommen weiden. Dn ehemalige Polizei ch es Dr. Nodos sy 'wird als Beschuldigter einvrrnommen werden. In der Angabe des ischechoslowakijchen Bankamtes wurde nämlich behauptet, daß Dok- tor Nadossh der Hauptpatron nicht nur der Frankem scilschungen, sondern auch dev Sokolsölschungen gewesen sei. Die hier wettenden französischen Delegierten haben heute bei der Staatsanwaltschaft den Antrag gestellt, neuerliche Erhebungen in der Angelegenheit der S te i n k l i s ch e e s und dr« zuletzt entdeckte« Frankensalsisikate einzulMen. Es soll sestgestrllt werden, wo die Sreine und die Falsifikate bisher verborgen gewesen waren und was den Prinzen Windüschgrätz dazu bewogen habe, ihre llebevga.be an di« Staatsanwaltschaft zu veranlassen. WiUdischgrätz soll auch nach dem Versteck der noch fchlmdm Klischees befragt werden. Bethlen kommt Mvütt. Mrmfterpräsident Graf B e t h l e« wird ffe M out ag in Budapest erwartet. Nach bewichvtew Muster. (Eigendienst der „Wiener Morgenzettung.") Berlin, 13. März. Der rn die Frankenfälschungsaffäre verwickelte Photochomiker Artur Schnitze hat in der Untersuchungshaft Tobsuchtsanfälle erlitten. Seine Erregungszustände sind so stark geworden, daß er in die sogenannte BerHigungSzelle gebracht werden mußte. Dort hat er Scheiben zerschlagen und behauptet, daß 'die Speisen vergiftet feien. Sein Rechtsboistand hat darcmshin den Antrag gestellt, Schultze aus seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Der damit beauftragte Arzt hat die Ueberführuug Schnitzes in ein Irrenhaus beantragt. Sie Konzessionen in Pole». (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Warschau, 18 Midrjz. In lotztor Zett meüden sich vchvr Mischen Klulb zchbvüiche Mische GeschÄftSttchckber VonMw- Nlior-te-r MonopMMiveL mit Magen, daß ihnen die &»wf* sionen entzogen worden. Dar Mische Mich hat sofovt dagogen Schritt« ckngewiiot, da die Reglttiuaig noch lim Sommer zugesoigt hat, d« jüdischen KveMionMchccher %tt Besitze ihr« KonMitmen zu> belassen. 1

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