Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-03-11 · Heft 2532 (11.3.1926) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2532 (11.3.1926)
Date
1926-03-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981619--25820-3013514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sk. 2532 Wien, Donnerstag Wiener Morgen-eitnng 11. März GetteL ■wriMMK Auf der Spur der LranlennotenUchees. Abermals ei« anonymer Brief als Wegweiser. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Budapest, 1V. Mürz. Nach -er gestrigen Uebermschung mit der Auffindung der Frcmkensalsisikate am Westbahichos fotzt heute eine neue Sensation: Die französischen Polizeibeamten hoben gestern n'chts ei non anonymen Brief erhalten, ln dem kurz mitgeteilt wird, tajj die vielgesuchten Frankennotenklischees sich bei einem jungen Mann namens Ladislaus Szendey befinden. Der französische Polizeibcainle C o l l a r d - H o st i ng u e t begab sich sofort z-unl Oberstaatsanwalt und übergab ihm das Schreiben. Uobcr Weisung Dr. Sztraches wurde Szendey noch nachts aus setuer in Engelsfeld bei Bildapest gelegenen Wohnung zur Polizei gebracht und einem Verhör unterzogen. Szendch, der 27 Jahre alt und Hörer der M e d i z i n ist, gab zu Protokoll, im.Jahre 1923 von gewissen Personen ei» geschlossenes Paket zur Aufbewahrung erhalten und euch bis zum Bekanntwerden der Frankenfälschungen uneröffnet aufbewahrt zu haben. Im Dezember, als die Frankennotenangelegenheit bekannt wurde, habe er das Paket geöffnet und darin zu, seiner größten Ueberraschung zwei Tausendfrankennotenklischees gefunden. Nach langen: Uoberlegen habe er sich entschlossen, die Platten -wieder zu verpacken und das Paket einem in Szegedin wohnenden Freunde zu übergeben, wo sie sich noch heute befinden. Szendey wurde heute vorinittags in Anwesenheit der französischen Delegierten neuerlich einvernonrmen, weigerte sich aber, nähere Auskünfte zu erteilen. ,Magyarorszag" meldet: Szendh habe erklärt, daß er auch die Person,, die am Samstag den Koffer mit den Frankennoten-Falsisilatcn in der Garderobe des Westbahnhofes deponierte zum Bahnhof begleitet habe. Sgendy weigerte, sich aber, den Namen dieser Person zu nennen. Er ist in Verwahrungshaft genommen worden. Die Staatsanwaltschaft hat heute vormittags den gelben Koffer, der die Frankennotenfalsifikate enthlelt, sowie die Schleifen der Banknoten- '/akete der Polizei übermittelt. Die Schleifen tragen jo nach dem Gelingen der Fälschungsversuche die Aufschrift „gut", „schlecht" oder „mittel". Gleichzeitig wurden energische Recherchen nach -dem anonymen Briefschreiber, beziöhungs-- weife nach jener Person eingeleitet, die den Koffer in der Babnhofgarderobe deponiert hat. Die Angestellten in der Garderobe erklären, am 6. d., an welchem Tage der Koffer dort abgegeben wurde, sei der Parteienverkehr so groß gewesen, daß sie sich an die fragliche Person nicht mehr erinnern können. Ansuchen um Aufhebung der Immunität PallaUrcinis. Da Abg. Markgraf Pallaviciui auch vor dem Untersuchungsrichter jede Aussage in der Frankennoten-- Angelegenheit verweigert, hat der Untersuchungsrichter bei der Nationalversammlung um Aufhebung der Immun rtät Pallavicinis angesucht. Der Untersuchungsrichter hat die Zeugeneinvernahme des Grasen Emmerich Karolyi auf morgen vormittags awberaumt. Ae AimWchungen. Eine jugoslawische Demarche in Budapest. Der Budapester jugoslawische Gesandte wandte sich anfangs des vorigen Monates an die ungarische Regierung mit einer Note, in der um Aufklärung über das Ergebnis der in Angelegenheit der :nt Jahre 1920 in den Verkehr gelangten falschen Dinarnoten seinerzeit eingeleitcten behördlichen Verfahrens ersuchte. Das ungarische Ministerium des Aeußern ha: vor einigen Tagen auf diesen Schritt mit einer längeren Note geantivertet, in der sämtliche auf die Jnverkehrsetzung der falschen Tinarnoten bezMichen Daten eingehend mitgeteilt werden. Die Note zählte diejenigen Personen auf, durch deren Hände die später als Falsifikate erkannten Dinarnoten nach den Taten der Erhebungen gegangen sind. Gegen diese Personen wurde das strafrechtliche Verfahre» eingeleitet und im Lauft des Verfahrens wurden Johann Zemko und Bela Barabas in Präventivhaft genommen. Sodann wurde gegen sämtliche verdächtigen Personen, fünfzehn an der Zahl, die Untersuchung und gegen acht von ihnen die Untersuchungshaft angeordnet. Im Lauft des Verfahrens ist es gelungen, 27 Stück Tausenddinarnoten zu saisieren. Sämtliche Verdächtigen haben jedoch geleugnet und sich damit verteidigt, daß sie die die Noten im guten Glauben zu dem jeweiligen Tageskurs gekauft hätten. Mit Ausnahme von zwei Personen beschäftigten sich sämtliche Verdächtige berufsmäßig mit dem An- und Verkauf von fremden Valuten. Daher hat die Staatsanwaltschaft die Klage fallen gelassen und die Uniersuchung am 13. November 1923 eingestellt. Recherchen in München. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") München, 10. März. Hier sind ein Delegierter der Bank von Frankreich und ein französischer Polizeiinspektor eingetroffen, um Erhebungen m der Frankenfälscheraffäre vorzunehmen. Sie haben der Polrzeidirektion ihre Wünsche bezüglich der Erhebungen vorgetragen, denen Rechnung getragen werden soll. Boykott über Bethlen in Genf. Niemand spricht mit ihm. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Berlin, 10. März. Aus Genf meldet das „Berliner Tageblatt" von einem peinlichen Zwischenfall in der Finanzkommission, in dessen Mittelpunkt der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen tvar. An der Sitzung nahmen Chamberlain, Loucheur, Benesch, Scialoja, Titulescu und der jugoslawische Vertreter teil. Als die anderen Mitglieder bereits versammelt waren, trat Graf Bethlen ein. Keiner der Herren begrüßte ihn oder reichte ihm de Hand. Chamberlain unterhielt sich äußer st eifrig mit Loucher. Bethlen ivar verlegen, und es entstand eine peinliche Situation. Bethlen wurde' gefragt, ob er zum Bericht nichts hinzuzufügen habe. Er war so aufgeregt, daß er die Frage im ersten Augenblick nicht v e r st a n d, dann sagte er nein. 100 % reines Fett ÄU-i'MiiUi m aus Folcosn iissen Schel Pessach hdd bw 1SID Schel Pessach Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Elirwürden des Herrn Oberrabbiners S. B. EHRENFELD, Mattersdorf Die „Morningpost" meldet aus Genf: Die Absicht der ungarischen Vertreter, die Frage der Aushebung der Finanzkontrolle aufzurollen, wurde energisch a b g e l e h n t. Graf Bethlen wurde dahin unterrichtet, daß im Falle der Vorbringung dieser Angelegenheit Frankreich und die kleine Entente sofort die Beratung von Maßnahmen verlangen würden, um die d:rekte oder indirekte Verantwortung derRegierungBcthlens an den Fälschungsskandalen ftstzustellen; ftrner würden diese Mächte Sanktionen und Sicherheiten für die Zukunft verlangen, um Garantien gegen eine Tätigkeit zu haben, die den Frieden Europas gefährde. Der „Daily Telegraph" berichtet ferner über einen Zwischenfall, der sich gestern ereignete. Als Gras Bethlen zur gestrigen Beratung der Finanzkommisson eintrat, wurde er von niemand begrüßt. Nach einer Pause neigte sich aber Chamberlain über den Tisch und drückte dem ungarischen Ministerpräsidenten d i e H a n d. Das Blatt charakterisiert dieses Verhalten Chamberlains als einen Beweis seiner Bemühungen, in Genf eine versöhnliche Stimmung zu schaffen. '_ 9er Bukarest» Univerfitiitssenat gegen den Terror. Der Numerus clausus eine spezifisch ungarische Maßnahme. Bukarest, 10. März. (I. T. A.) Der Bukarester Uni- Vevsitätsfenat verösentlicht in der Presse ein Communiquc, in welchem festgestellt wird, daß 1700 Studenten in Ruhe chren Studien obliegen wollen, während die Zahl der Hetzer sich nur ans einige hundert beziffert. Der Einführung des Numerus clausus könne nicht entsprochen werden, der Numerus clausus sei eine spezifisch ungarische Maßnahme. Die übrigen Wünsche der Strckentenfchaft lvevden in Betracht gezogen werdew Ferdinand kngelsberger, der Täufling. In: Burg-Verlag, Wien, erscheint soeben ein fesselndes Buch von Hans Rotter und Adolf Schmieg er: „Das Ghetto in der Wiener Leopoldstadl", mit zwei Plänen und 18 Abbildungen auf 16 Tafeln. Wir bringen mit Genehmigung des Verlages das nachfolgende Kapitel zum Abdruck mrd worden auf das Werk selbst noch näher zurückkommcn. Die größten Feinde der Juden erstanden ihnen stets im eigenen Lager. Neben Hivschel Meyer, den wir noch ausführlich lvürdigen werden, hat niemand der Wiener Judenschaft größeren Schaden zugefügt, als Chajim Engelsberg, der, aus Engelsberg in Böhmen gebürtig, in der Taufe den Namen Ferdinand Franz Engelsberger angenommen hatte. Diese Taufe aber hatte er nur über sich ergehen lassen, um dadurch straflos zu werden, als er in: Jahre 1636 nach einem Silberdiebstahl in der Prager Synagoge zu Rakonitz gefangen genommen wurde. Engelsberger warf sich nur: zun: Bekehrer der Juden auf und schrieb zwei Bücher, einen „Calholischen Wegweiser" und „Generationes Jesu", in denen er die jüdische Religion verdammte und zum Uebertritt zum christlichen Glauben aufforderte. Mit diesen zwei Büchern dürfte Engelsberger mu 1640 in Wien angekommen sein, wo er bei Kaiser Ferdinand den: Dritten und den: Adel der Stadt freundliche Aufnahme fand. Durch Wohltaten verwöhnt, verfiel er in Ueppigteit, die er, als man ihn: gegenüber gleichgültig geworden, durch sein altes Laster fortzusetzen trachtete. Er verleitete zwei Juden dazu, sich ebenfalls von: Glauben ihrer Väter äbzuwenden und brach mit ihnen unter Hilfe nachgemachter Schlüssel in die Schatzkammer der Erhcrzogin Cacilia Renata ein, wo sie Schmuck im Werte von vielen tauleude» Gulden entwerteten. Sie aerieten in Verdacht, man setzte sie ins Gefängnis, worauf man sie zum Tode durch den Strang verurteilte. Die Juden, die Engelsberger schon wogen des Abfalles von seinen: Glauben haßten, hatten so wenig Ahnung, was ihnen aus dieser Exekution erwachsen könne, daß sie zahlreich, Männer und Frauen, sich vor der Schranne an: Hohen Markt einfand«:, um die Verlesung des Urteils anzuhören und die Täter noch einmal zu sehen, bevor sie der Henker mit den: Strang am Rabenstein vor dem Schottentor von: Leben' zum Tode beförderte. Engelsberger benahm sich vor der Verlesung des Urteils sehr gefaßt, denn er hoffte, daß ihn der Kaiser, sein bewährter Freund, nicht werde henken lassen. Er hatte am Abend vorher sich christlich zum Tode vorbereitet und aus der Hand eines Jesuitenpaters das letzte Abendmahl empfangen. Als er jedoch ans den: Urteil vernahm, daß er gleich seinen Helfershelfern an: Galgen büßen solle und auf Gnade nicht mehr zu hoffen sei, warf er das Kruzifix, das er in der Hand trug, zur Erde, trat darauf mit Füßen und bespie es, dabei mehrmals ausrufend: „Ehe ich als Christ sterbe, will ich lieber in die Hölle fahren." Aber er tat noch mehr, so als ob er noch im Tode Verderben stiften wollte. Auf den Vorhalt, daß er doch das heilige Abendmahl empfangen hätte, entgegnete er: „Ich habe ja gar nichts genossen, sondern in ein Fazolet (Sacktuch) gewickelt und ins heimliche Gemach geworfen." Und es fand sich, daß er wenigstens diesmal wahr gesprochen hatte. Dieser ungeheuerlichen Selbstbeschuld-iguug wegen nmßte die Exekution aufgeschoben werden; auf solche Frevel waren andere Strafen als das bloße Aufhängen gesetzt. Das Bekenntnis Engelsbergers hatte aber die Volkswut ausgestachelt, deren erste Opfer die unschuldigen iüdiübeu Zulcüauer wurden. -Worüber lick» dem» ein Tumult erhoben, daß etliche Juden erschlagen und ihre Häuser geplündert wurden", berichtet ein Zeitgerwsse; kaum war die sofort aufgebotene Stadtguardia imstcuwe, den Aufruhr zu unterdrücken. Die beiden Spießgesellen nmßten des aufgebrachten Pöbels wegen bei eingebrochener Nacht mngerichtet werden; Engelsberger aber wurde über Befehl yes Kaisers neuerlich in Untersuchung gezogen. Am folgenden Tage wurde n:it ihm ein Verhör ausgenommen. Aus die Frage, warum er so mit der Hostie und dem Kruzifix verfahren sei, antwortete er: „Was ich als Christ tat, ist mir nie von: Herzen gekomrnen." Sein Urteil war bald gesprochen und an: 26. Älugust 1642, angeblich absichtlich am Sabbat, vollzogen. Nach dem damaligen peinlichen Gerichtsverfahren wurde er auf den: Hochwagen an den vier Hauptplätzer: der Stadt (Neuer Markt, Lobkowitz-Platz,' Graben und Hoher Markt) mit glühenden Zangen gezwickt, und, nachden: aus seinen: Rücken zwei Riemen geschnitten worden, von einem Pferde zur Richtstätte auf der Gänseweide in Erdberg geschleift, wo ihm die rechte Hand abgehauen, die halbe Zunge ausgeschnitten und der verstümmelte Leib, zwischen zlvei nach ihm schnappenden Hunden, wie es Henkersbrauch war, mitsamt dem Galgen lebend bei langsamen Feuer verbrannt wurde. Mit dem Stumpfe der Rechten soll er nicht aufgehört haben, sich an die gemarterte Brust zu schlagen, solange noch ein Fünkchen Leben in ihn: war. Die Zunächststehenden aber hörten ans seinen: Munde dumpfe Jammerlaute, die in hebräischer Sprache die Worte „Mein Tod sei meine Sühne" ausdrückten. So starb er, der Schuldige, auf demselben Boden, wo er vor mehr als 200 Jahren Unschuldige den gleichen Tod erleiden mußten. Und auch seine Asche führte die Dorum mit sich fort. Die Inden aber, die diesrnal wohkiveislich in ihren Wohnungen geblieben waren, ahnten, daß sich das einmal gereizte BoU nicht mit der Sühne des Verbrechens durck den oCfom beauitom würd».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.