Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2530 (9.3.1926)
- Date
- 1926-03-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Wtrt. VenM wlenkr MrarnMu«» 9. Wt; M? Wt. 5S8B Srganlsatlov und Ausbau. —y. Wien, 9. März. Der Bericht des österreichischen Handelsmuseums über den Stand der Verhältnisse in Palästina, der am Sonntag in diesen: Blatt veröffentlicht wurde, ist ein energisches Dementi des Unkengeschreies über die „Krise." Dieses Wort, das in der Terminologie der Zeit sich einen festen Platz errungen hat, erhält in der Anwendung auf Palästina einen sehr bösen Sinn. Es gerät sofort in die Argumentation der antizionistischen und antijüdischen Propaganda und wird auf diesen: Wege zum politischen Kampfmittel. Wir hören nun, daß die im Wirtschaftsleben aufgetretene Stockung die Resultante von Vorgängen darstellt, die außerhalb des! Landes eingetreten sind. Es sind Reflexerscheinungen der großen Weltkrise, die nicht bloß Palästina, sondern auch England, Frankreich, Deutschland zu verspüren haben, Staaten mit einer viel besser durchgebildeten Organisation. Was bei diesen Staaten als selbstverständlich hingenornmen wird, das gilt bei unseren Feinden nicht in der analogen Art, sondern als ein Beweis gegen die staatsbildende Kraft des Judentums uich als ein Beweis gegen die zionistische Arbeit. Und wie das schon so ist, geraten diese Stimmungen auch in das zionistische Lager und erzeugen eine Art Defaitismus. Die Selbstkritik ist etwas gutes und Vorzug- . liches. Sie lehrt rechtzeitig Fehler erkennen. Aber sie - kann auch übers Ziel schießen und sich auf eine Frage festlegen, die sich jeder Einwirkung des Kritikers ent-? zieht. Wir können die Welt nicht heilsn, wir können die Krise in Polen und in Aegypten nicht beseitigen und wir sind nicht in der Lage, in Syrien Frieden * zu ftiften. Die von dem Referenten des österreichischen .Handelsmuseums vorgenommene Untersuchung geht aber weit über den Rahmen einer Entkräftung hinaus. Er ist positiv gehalten und vermittelt ein sehr anschauliches Bild von den: Aufbau der neuen Wirtschaft und s insbesondere von der Arbeit des zionistischen Regulators. Es besteht neben ihm, ja sogar über ihm, noch der Pegulator der Verwaltung und aus dem Bericht ist sehr deutlich zu erkennen,. wie der zionistische Apparat durch den anderen gehemmt wird. Hier wirken feindselige politische Motive und solche der wirtschaftlichen Konkurrenz retardierend. Ihnen können wir zu einem sehr großen Teil entgegenwirken, indem wir daran arbeiten, die Autorität der zionistischen Organisation zu. stärken, ihre politische Aufklärungstätigkeit erweitern. Letzten Endes ist es doch klar, daß die rein ökonomischen Schwierigkeiten sich in dem Maße verringern werden, als der Sanierungsprozeß in Europa fortschreitet,' daß aber der politische Widerstand das stärkste Hindernis ist, bei dessen Bekämpfung aber auch der Zionismus als aktiver Faktor' in Frage kommt. , Die Schwäche der zionistischen Position, die wir alle - uns eingestehen, dauert nur so lange, als wir dies wollen. 'Wenn die zionistische Organisation auf. ihrem in: Mandat verbrieften Recht beharrt, keine Kompromisse akzeptiert und in allen politischen Zentren der Welt ihre Stimme erhebt, dann wird dies auch dem Fortschritt in Palästina zugute kommen. Denn wir stehen nicht mit einem bloßen Rechtstitel da, sondern mit der Tatsache Palästina. Der hfer zitierte Bericht läßt erkennen, daß dieses so lange dem Leben entfernte Land heute schon einen fest umschriebenen Charakter hat: den jüdischen. Niemand kann die Bedeutung der jüdischen Arbeit negieren, niemand sie heruntersetzen. Sie spricht in Statistiken und Ziffern und macht es deutlich, was Palästina heute schon in der ökonomischen Entwicklung des Orient bedeutet. Gewiß würden sich ganz andere Ziffern ergeben, wenn die jüdische organisatorische Intelligenz, die sich heute für fremde Völker opfert, auf ihrem Posten in Palästina stünde. Trotzdem aber ist auch die bisher sich zeigende jüdische Leistung imponierend. Sie tritt in der Industrie und in der Landwirtschaft aus und ihrem glühenden Fanatismus gelingt das Unmöglichste. Die jüdische Arbeit hat Palästina ihren Stempel aufgedrückt. Wer heute von Palästina spricht, verbindet damit den Gedanken vom Zionismus und weiß genau, daß dem jüdischen Elen:ent im Lande kein wirtschaftlicher Gegenfaktor gegenüber steht. Die arabische Majorität ist im produktiven Sinn steril. Die zionistischen Gelder arbeiten in: Lande, die arabischen wandern hinaus oder in die Strümpfe. Dieser Gegensatz ist so klar nachgewiesen, daß er allein genügt, um die europäischen Legenden zu entkräften. Wir stehen erst in den Anfängen. Wir können uns aus dem Zusammenhang mit Europa mäht losen und so ist auch unser Werk vielfach unkontrollierbaren Einflüssen unterworfen. Es gehl aber vorwärts, und wenn wir mit dem Tempo unzufrieden sind, dann müssen wir einen sehr großen Teil der Schuld für uns buchen. Wir haben die Arbeit für die Zionistische Organisation, für den Rufer an das jüdische Volk, fast ganz eingestellt. Wir haben vergessen, daß die Erweckung eines Volkes nicht durch Fonds und Geld allein geschieht und daß der nationale Idealismus die stärkste Kraftquelle ist. Die zionistische Organisation muß zu unserem Volk und zu den anderen Völkern sprechen. Sre muß starl und schlagkräftig sein. Sie muß von uns das volle Recht erhalten, als die währe Iewish Agency auftreten zu können. 8ine «eue Mchungsaffiire. S!» Pariser Skandal. — Hohe Sowietbeamie kompromittiert. lEigendienst -er „Wiener Morgenzeltnng".) Paris, 8. März. In französischen Bankkreisen erregt eine neue Fälschungsaffäre, in die hohe Beamte der Sowjetregierung verwickelt sein sollen, große Aufregung. Es hanklt sich um eine umfangreiche Ueberschwemmung des französischen Effektenmarktes mit gefälschten Bons der Lena-Goldfeldgefellsthast. Vor einigen Wochen brachte ein Kunde einer Bank Mi Bons, die er kurz vorher dort gekauft hatte, zurück und tnachie den Bankier darauf aufmerksam, daß beide Titel dieselben Nummern trugen. Die Prüfung ergab, daß der eine dieser Titel ans raffinierte Weise gefälscht lvar. Einzig der englische Stempel und die Unterschrift des Direktors der Gesellschaft auf der Fälschung zeigten einige Abweichungen. Die Shndikatskammer der Bankiers führte sofort eine Untersuchung durch. Von allen Seiten kamen mm Klagen, so daß die Syndikatskammer ihren Mitgliedern die weiteren Geschäfte in Lena-Goldfeldaktien verbot. Ir: wenigen Tagen konnte festgestellt werden, daß für mehrere Millionen Franken solche gefälschte Bons dem Publikum verkauft worden sind. Ein einziger Bankier hatte mehr als 10.000 Stück dieser Papiere abgesetzt. Die Bankiers erstatteten die Anzeige. Der Polizei gelang es, acht Personen, die sich mit dem vertrieb der Bons beschäftigen, zu verhaften. Die Angelegenheit scheint sich zlt einen: großen Skandal auSzmvachfen, der würdig ist, der ungarischen Banknotenfälschungsasfäre an die Äite gestellt zu werden. Es wird behauptet, daß ein russischer Volkskommissär, der gegenwärtig bei der russischen Botschaft :ä Paris attachiert ist, und sein Bruder, ein ehemaliger russischer Vizekonsnl, in der Affäre schwer kompromittiert seien. Der Volkskomrnissär, der dem ruffischen Botschafter R a k ow s k i sehr nahestcht, soll die falschen Wien nach Frankreich etngesilhrt haben und für mehr als zwei Millionen Franken davon in Umlauf gesetzt haben. Die Negierung scheint davon Kenntnis gehabt zu haben, ohne jedoch die Oeffentlichkeit davon zu unterrichten, da sie bei einer Aufdeckung des Skandals nachteilige Folgen für die gegenwärtigen Wirtschaftsverhandlungen zwischen Frankreich und Sowjetrußland befürchtete. Man darf gespannt sein, in. welcher Weise die französische Regierung zu der Angelegenheit, die jetzt nach vier Wochen bekannt wird, Stellung nimmt. Avis für Neiubeiudiarl Schostal & Härtlein KärntnerstraBe 14 und I», Stephansplatz 2 verkaufen in der Nnssewochn zu sensationell billigen Preisen: Datpenhemden, Ia Qualität., i . S 8.60 Damenhosen . . S 3.60 Hemdhosen-Kombinationen aus Battist, la Qual. S 8.30 Herrenhemden ..8 8.90 Herrenbeinkleider ............8 6.— Pyjamas . 8 17.— Seidenkrawatten .............. 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Stephan Friedrich ist heute von der Polizei einvernommen worden. Bei seiner Einvernähme waren die französischen Emissäre nichr zugegen. Nach der Einvernahme erklärte Abg. Friedrich, er sei über das vor Jahren bei ihm stattgehabte Abendessen verhört worden. Bei diesem Abendessen sei jedoch die Frankensälschung nicht zur Sprache gekommen. Allerdings habe er später Frankenklischees und Frankenexemplare gesehen. Vaghr bleibt in Haft. Die Polizei har über den Samstag in Gewahrsam genommenen extremen Sozialisten Bag hi und über mehrere seiner Genossen die Haft verhängt, da eine Serie von Straf Handlungen vorliege und die Hastverhängung gegenüber Personen, gegen die wegen früherer Verbrechen Strafverfahren noch im Zuge seien, im Falle der Verübung neuer Straftaten unb^ingt notwendig sei. Kommunistische Krawallszenen in Prag. Eine verhindert« Proteswersammlung Argen di« Erplosionskatastrophe. Prag^ 6. März. (Tel.-Komp.) Die Esplosionskatästrophe in der Tischlergasse hatte die kommunistische Partei veranlaßt, für heute abends eine Protestversammlung gegen den Transport von Munition durch die Straßen auf den Havlicek-Platz einzubevufen. Die Bevsanrmlung würde von der Polizei verböte n. Flugblätter, die zur Teilnahme an der Versammlung aufforderten, wurden beschlagnahmt. Als die Arbeiter zum Bersammliungsort strömten, fanden sie ihn von einem großen Polizeiaufgebot abgesperrt. Der kormnunistifche Abgeordnete Haken wollte nun die Versammlung vor der Heinrichskirche abhalten. Die Polizei zerstreute aber immer wieder die sich um den Abgeordneten sammelnden Arbeiter und nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Um 8 Uhr abends >wär die Ruhe wieder h e r g efielU ölinla verurteilt. Legen Beleidigung Masaryks. Prag, 8. März. (Tel.-Komip.> Vor kurzem hatte sich der Führer der slowakischen Volkspartei, Hlinka, wegen! eines Artikels im ,-Dlowak" zu verantworten, in dem er den Präsidenten iber Republik ,Aateleben" genannt hatte. Hlinka wurde damals freigesprochen, da das Gericht der Meinung war, daß mit dem Worte ,Zateleben" nicht Maisaryk, sondern das Judentum charakterisiert wurde. Heute wurde Hlinka in zweiter Instanz von der Preßburger Gerichtstaifel zu a cht Tagen Arrest unbedingt verurteilt mit -er Begründung, daß das Work! ,/Tateleben" ausschließlich aus Masaryk gemünzt vxtt«' Und daher als Beleidigung anzuseHen sei. Die Brüder Barmat wieder verhaftet. Berlin, 8. März. Die Wiederve Haftung der GebrüdeS Julius und Henry Barmat, die am Samstag er-’ folgte, kam sowohl den beiden als auch ihren Verteidigern-völlig überraschend. Julius Barmat befand sich in seinen Geschäfts-, räumen Und Henry in seiner Wohnung, als die Kriminalbeamten eintraten und sie aufforderten, ihnen zu sÄgm. Als Ursache der neuerlichen Feftnahlne wird Fluchtverdacht angegeben. Wie von der Staatsanwaltschaft erklärt wird, sieht die plötzliche Wioderverhastung der Brüder Barmat mit der Fertigstellung der Anklageschrift in innigstem Zusammenhang. Dieses umfangreiche Dokument wird heute vormittags den Verteidigern zugestellt werden. Es beginnt urlt einer Schlldevung des Lebenslaufes der Gebrüder BarMat und präzisiert die Anklage in folgenden drei Punkten: 1. Betrug an der S t a a t s b a n k. 2. Bestechung des Finanzrates He l lwig. 3. Bestechung des verstorbenen Direktors Hösle. Fnland. Ber Bundervrästdent über Agrarfragen. Gestern -begann im niederosterreichischeu Landhaus did agrarische Woche, die wie alljährlich von der Landwirkschaftskammer veranstaltet wird. Der Bundespräsident Dr. Harnisch ergriff das Wort zu längeren Ausführungen« in denen er auf. die großen Fortschritte der österreichischen Landwirtschaft hinwies, die ihr aber fast zum Fluche zu werden beginnen. Die Preise der landwirtschaftlichen Produkte seien nämlich durchaus unbefriedigend. Es sei zu A fürchten, daß der Prozeß des Unterganges der Bauern im Gebirge neuerlich Fortschritte mache, wenn die Viehpreise so bleiben, wie sie sind. Auch die Milchpreise sinken fortgesetzt. Der Milchzoll allein werde nicht genügen. Es werde sich auch darum handeln, eine e i n h e: iliche Organisation für den Vertrieb zu schaffen. Der Schutz der Landwirtschaft lege gewiß, der Bevölkerung gewisse Opfer auf, doch brauchten diese Opfer bei einer zweckmäßigen Organisation des Vertriebes nicht allzu groß sein. AnUsrmlUsche Schmuhkonkurrenr der Sozial« - demolraten. In einer Hausbdsitzerversammlung ans der Landstraße gab der Antisemitenhäuptling Dr. Jerzabek die Beosicherung, daß die Regierung und die ihr nahestehenden Parteien fest entschlossen seien, die Mietengesetznovelle zur Beratung und Erledigung zu bringen. Er beklagte sich schließlich über die Konkurrenz der Sozialdemokraten auf antisemitischem Gebiet. Sie suchen die beiden Mehrheits'parteien im Antisemitismus z u übertrumpfen und erheben gegen die bürgerlichen Hausbesitzer den Borwurf, daß sie ihr« Wohnungen an Juden vergeben; ja sie besch uldigen sogar Christlichsoziale und GroMutsche. die Interessen der Juden zu wahren. Auf die Dauer werde sich aber ditzj