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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-07 · Heft 2528 (7.3.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2528 (7.3.1926)
Date
1926-03-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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I 2888 Wien, Somkag Eine Rede Albert SWeias. Mi« das jüdische Aufbauwerk in Palästina. Berlin, 6. März. (I. T. A.) In einer am 4. Marz ftattgehabtön Masserüürchgevuug des Keren Hajessod ergriff auch Professor Merk Einstein, den die Versammlung mit 8*f}«t Ovationen empfing, zu einer Ansprache das Wort. Cr sagte: ,#» sich entspricht es nicht meinem Ideal, daß R a s s e n- und Traditionsgemeinschaften ihr« Sonderheit besonders pflegen und betonen. Sofern aber eine solche Gemeinschaft als solche bekämpft wird, mutz sie sich als Gemeinschaft verteidigen, damit die ihr angehorigen Individuen sich materiell und seelisch behaupten können. Durch den Zusammenschluß mutz bewirkt lverdrn, daß das Individuum seelischen Gefahren entgeht, die mrs der Isolierung notwendig entspringen. Wer dies klar erkannt hat, mutz den Zusammenschluß aller Juden zu gemeinsamem Werk billigen und begünstigen, auch tvenn erjedcrnationalistischen Einstellung im Prinzip noch so ablehnend gegeniiSerstehl. Für mich »mterliegt es keinem Zweifel, daß bei der heutigen Lage der Dinge der Aufbau Palästinas das einzge Motiv ist, welches die für die Erzielung eines wirksamen Zusammenschlusses der Juden nötige werbende Kraft besitzt. Es ist Herzls unsterbliches Verdienst, diesen Sachverhalt als erster klar erkamü und aus dieser Erkenntnis die praktischen Konsequenzen gezogen zu haben. Deshalb mutz nach meiner Ueberzeugung jeder Jude, dem die Gesundheit der jüdischen Gesamtheit und die Würde der Juden überhaupt <tm Herzen liegt, mit allen Kräften an der Verwirklichung von Herzlö Ideal Mitarbeiten. Der für die jüdische Gemeinschaft und die jüdische Heimstätte in Palästina arbeitende Jude hört ebensowenig Ms, deutscher Bürger zu sein, wie der Ju-e durch Taufe und Namenswechsel aufhört, Jude zu fein. Beide Zugehörigkeiten beruhen auf Wesenheiten verschiedener Art. Der Gegensatz liegt nicht zwischen Jude und Deutscher, sondern zwischen «ufrecht und charakterlos. Wer feiner Herkunft, Rasse und Tradition die Treue bewahrt, wird sie a u ch dem Staate bewahren, dem er angehört. Wer in dem einen treulos ist, ist es mich in dem andern. _ Sie Freunde der hebrAshei» UnkversttA. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Laudon, 6. März. Die Gesellschaft der Frienös of ihe Hebrew University, deren Ziel die Bereinigurrg und Ausnützung der Beträge aller Hilfsbereiten füv eine hebräische Universt'.ät in Großbritannien ist, hat sich gestern konstituiert. Sir P h i l i p p H a r t o g hat das Präsidium übernommen. Unter den Mitgliedern der provisorischen Leitung befinden sich Gin jüdisches Bslksheim in Wien. Von Anitita Müller-Cohen. - Von all den vielen Dingen, die ich in Amerika gesehen habe und um die ich Amerika beneiden möchte, hat mir eine Einrichtung fast am besten gefallen. Vielleicht weil ihre Uobersetzuug ins Oesterreichische, ihre Uebcr:razung in unsere kleinen und engen Verhältnisse nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist —ganz tm Gegensatz zu den meisten anderen Erscheinungen des in Reichtum und ungeheuren Dimensionen schwelgenden Landes. Es ist dies die Einrichtung der Jewish Centres. Ueberall, wo Juden in Amerika leben, entsteht zuerst ein Jewish Centre. In reichen Städten ist es groß, prächtig, in kleinen Ansiedlungen klein rrnd bescheiden, immer aber ausgeschmück: Mit der Liebe, die sich in ihm konzentriert. Ein Jewish Centre ist — vor allem ein Haus. Dieses Haus aber umfaßt alles, lvas das Herz und das Gemüt des Juden bewegt, was seinem Körper und seinem Geist Nahrung gibt, alle Stationen seines Lebens, die großen und die kleinen, führen ihn dahin. Im Jewish Centre ist d:e Synagoge. Hier werden die -Andachtsübungen abgchalten und die anregenden und anziehenden Nachmittage und Abende, die Gottesdienst verweltlichen, ihn dem Enrpsinden der Kinder und der Erwachsenen näherrücken. Diese schönen Abende finden hier statt, pie in Vorträgen und Kinobildern vor den Zuhörern und Zuschauern jüdisches Leben aus der alten heiligen Zeit erstehen lassen und es dem Leben von heute verknüpfen. Hier gibt es eine koschere Restauration, hier gibt es die jüdische Bibliothek und die Lesezimmer, die Spiel- und Spor:säle für die Jugend, hier feiern die Kinder ihr Purimfest, hier versammeln sich die Alten zu gemeinsamer Aussprache. Kurz, alles Heilige und Profane, tvas das jüdische Leben ausmach', strömt im Jewish Centre zusammen. Es ist wunderschön im Mischen Zentrum. Wenn ein -Fremder in die Stadt kommt, führt ihn sein Weg dorthin. Hier findet er die stille Stunde für seine Andacht, hier findet er Rat und Hilfe, hierher gehen die Erwachsenen, wenn sie in golehr:en Borträgen ihr Wissen uni das Judentum aller Zeiten und aller Lander vertiefen wollen, hierher eilen die Kinder an den schönen Feiertagen, denn sie wissen, daß sie sich hier an religiösen Darstellungen erfreuen werden, daß sie hier ihresgleichen finden und in Gemeinschaft von ihresgleichen fröhliche Stunden verleben können. Die Inden einer Stadt, einer Siedlung sind eine grohe Familie. Das Jewish Centre ist das Vaterhaus dieser großen Familie. . ' ggftitei* Möratzirzettims au bekannten Persönlichkeiten: Prof. Brod'etsky, Josts Cohen, Volle ne z, Phllrpp Guedalla, Dr. A. Goodman Lev y, Major Na«Han, Kreisrabbiner Perlzweig, S. Rowson, Miß Winifried Spielman Spiers und Stanhkll. Schriftführer der Gesellschaft ist Mr. Jacques Cohen, 8, Collum Street, Fenchhurch Street, London E. C. 3. Die Mitgliedschaft zu dieser Gesellschaft der Freunde der hebräischen Universität verpflichtet zur dauernden moralischen und finanziellen Unterstützung und zu einem jährlichen Mitgliedsbeitrag von mindestens einer Guinea (36 Schissing). Die Bildung einer eigenen medizinischen Sektion, über die nähere Einzelheiten demnächst bekanntgegeben werden, wird am 14. d. im Jew's College in London ftattfinden. * v Mr die lieben Uleinen ist dns richtigste Getränk gute Milch mit Unthreiners Lneipp Mrürlmüee besonders, tvenn sie Milch allein nicht mehr mögen. Von Tausenden bon Ärzten ist ..U ach reiner" für jung und alt als gesund, nahrkraktig und unbedingt bekömmlich empfohlen. Millionen *■ bon Lindern verdanken dem ..echten Lachreiner" ihre blühende Gesundheit. Ich habe, als ich unvergeßlich schöne Stunden in diesem Haufe verlebte, empfunden, wie sehr auch wrr Juden in Wien eine solche Einrichtung brauchen würden. Ich weiß wohl, daß es nicht möglich sein wird, sie völlig unverändert zu uns zu verpflanzen. Das ist aber auch gar nicht nötig, es wäre sogar ein Fehler. Denn nur dann können die guten Errungenschafteir eines Landes in einem anderen ganz heimisch werden, werm sie es Verstehelt, sich dem besonderen Charakter, den an jedem Ort geänderten Verhältnissen anzupasien. Die amerikanischen Juden sind, das darf man nicht vergessen, Fremde im Lande. Wenn sie auch seit 50, 100 und mehr Jahren dort heimisch sind, was bedeutet das gegell tausendjähriges Eingewurze-ttsein? Frelnd an dem Orte, den sie sich erst erobern, schaffen sie sich einen festen Platz, eine Plattform, ein Heim. Von da aus können sie weiter vorrncken, hierher können sie sich immer wieder zurückziehen. Anders ist es im alten Europa. Hier leben die jüdischen Fanlilien verwachsen mit dem Boden, auf dem die Ghettomauern schon gestanden sind. Diese Heimischen, Bodenständigen hatten nicht den Wunsch nach der Gründung einer festen Bereinigung. Wer gibt es nicht auch unter uns fremde, schweifende, heimatlose Menscheit, die den Segen eines fest gegründeten Heimes nicht kennen? Menschen, welche die Not einsanr gemacht hat und die sich darum nach Zusammenschluß an andere sehnen?! An andere Unglückliche, an Leidensgefährten und an andere Glückliche, die ihnen Vorbild und Retter sein könnten. Muß in ihnen allen nicht die Sehnsucht brennen nach einem jüdischen Heim, wv sie Freundschaft uyp Verstehen, Ausvnhen und Belehrung, frohe Spiele für ihre Kinder, Zerstreuung und Unterweisung, Rat und Hilfe finden? Der Verein Soziale Hilssgemeinschaft will für diese Juden in der Leopoldstadt ein jüdisches Bolksheim errichten. Es wird ein Rechtsschutz- und Hilfsbureau umfassen — denn wir lvüvden heute unseren jüdischen Armen Steine stab Brot geben, wenn wir ihnen irgend eine Einrichtung schaffen wollten, die nicht mit Fürsorge verbunden wäre. Ueber die Fürsorge hinausgehend aber soll unser Bolksheim ein geistiges Zentrum sein. Wir denken an schöne Kindernachmittage, wir denken daran, unsere Jugendlichen, die fport- und lernbeslissen sind, u»n uns zu scharell, wir werden Lesestnben haben und Vortragsabende. 7. März 1926 SM H MlttSkbereitschaft in Bvdavest. Die Rudikalfoziattsten wollen heute unbedingt demonstvieren. (Eigendicnst der „Wiener Morgenzeitung") Budapest, 6. März. Me PMzciMMwn hat he/wte beschlossen, die für nwrge n geplante radi 1 a f f ozi-alist'bsche Demonstration unter allen Umständen, nötigenfalls auch mit Anwvnd'l. ng von Waffengewalt zu verhindern. Die Polizei hat für Das ganze (Gebiet der Stadt .um ß Uhr nachntibtags jt n e ng st e B' c rc c ii it ist chaf!t verfügt. Auch in den Buda-pestvr Kafarnen wurde Miillitärbereiitfchaf.t angevrdn-ct. Besonders an. »die Periipherie der Stadt wurDcu starke Po l i z e i tr.u ppen ^ordert, die die Weisung erhielten,, jede Grnppliorung von mehr als d r e >i Le u t e n sofort «.ufz,u.lösen u»ch nötigenfalls von der Waffe Gebrauch zn machen. Der Führer der radikalen Sozialisten, Stephan Vagi, n-nid .weitere R M i t g >l i eder der Partei wurden heute früh festgenommen und auf die Polizei gebracht, wo sie sinftwöilen in Gewahrsam gehalten wenden. Bei den um * die Mittagsstunden, in den Wohnungen hm: Vc'vhaftoten vovgenonrmcnen Hausdurchsuchntzi>gen wurden eine Menige von Filugzetteln beschllaignahmt. Gestern abends wurden unter der Bndapester Arbeibveschaft neuerdings Flngzetlel in Massen verteilt, in denen das neue Programm der B-agi- Partei präzisiert u>nd die Arbeit er nochmals dr i irgend ausgefordcrt werden^ sich trotz des polizeilichen Verbotes wougen vormitkags, 9 Uhr, vor dem Mrllenninmdenkntal zu einer Masjscnv e r s a m m l u n g eiwMflndm. Die Polizei verhörte nachmittags Vagi und seine' Genossen, die des Aufruhrs gegen die bestehende staatliche und gesellschaftliche Ordnung beschuldigt werden. Sie gestehen, für morgen eine Demonstration vorbereitet;u. haben, erklären aber, daß sie bereits allen Bezirksbureaus die Weisung erieU haben, diese Demonstration einstweilen 31t unterlassen. Ansuchen um Aufhebung der Immunität des Markgrafen Pattavieiui. Obe-rstaatsaMoM Sztrache fyal heute dem Justizminister Pesthy über die Angelegenheit des Ansuchens um Aufhelbung des Jmnruuitäisrechtes des Markgvajstn Pall lävicinij Bericht erstattet. Das diesbezügliche Ansuchen wiiird in den nächsten Lagen der diatiionalversammmlLung überinit-telt ' werden. Das Tagebuch Windischgrcitz'. Der Advokat und pensionierte Kurialrichter Dr. Wadav Csernyanczky, beii deni sich die ÄufzeichlMugen des Windischgrütz befinden, ist houtie nachmiittags, au s der Pivovinz in Budapest eingetrofsen. Dr. Aladar Lsernianezky übergab noch abends dem Oberstaatsanwalt Dr. Strachc die in seinem Besitz besindlichen Aufzeichnungen des Prinzen Windischgrätz. Richte Keine Kibulbs wollen wir gründen, in denen, die Mitglieder bei sich selbst zu Gaste. sind, in Freiheit und SeDständiglkeit einander verbunden und mil dem Ganzen nur durch den großen gemeinsamen Gedanken. Wir werden Abendllubs für die Erwachsenen haben,'die hier im warmen, Hellen Raum lesen, plaudern, sich beschäftigen, eine Tasse Tee zu SolLstkosten erhallen können; Arbeitstage für die Frauen, die hier ihre Arbeiten für den Haushalt, Nähen, Flicken, gemeinsam und unter helfender Anleitung ausführen können. Wir versprechen uns schr viel von drasem Heim, das in unseren Armen vor allem das GefW des. ewigen Schnorrertums verdrängen soll, das sie zur Gemeinsamkeit zur Anlehnung an andere, zu Unterricht und Belehrung vereinigt. Und durch dies alles zur Selbsthilfe. Wir möchten aber unser Heim so schon, so anheimelnd, so echt und gut jüdisch gestalten, daß es einen AuzichungSPunkt nicht nur für die Armen bildet. Wer unsere materielle Hilfe nicht brauche der soll auch geistige Gaben von uns empfangen können. Ganz besonders in den Kmdevklubs möchten wir arm und reich, groß und klein vereinen. Wir möchten diesen Kindern Freude geben, aber immer duvchtränkt und verwoben mit Wischevr Empfinden, mit jüdischem Gedenken. Und wir möchten die jüdische Jugend zu uns führerr. In dem materiellen und geistigen Chaos dieser Zeit leidet die Jugend vor allen:. Um ihm zu entgehen, sucht sie neue Wege, die nich' immer die guten und richtigen sind. Wir Möchten aber der Jugend doch zeigen und beweisen, daß alle. Parteienkämpfe, alle Meinungsvevschiedenheiten verstummen müssen vor den großen ewigen Fragen der jüdischen Einheit. Daß man eine große Individualität und doch ein treuer Diener des Ganzen sein kann. Daß über jedem jüdischen Einzelwesen das jüdische Volk sicht. Als Wiege, als Tröster, als Zuflucht, als Heim. Das alles soll das jüdische BoKshsim lvevden. Wird es uns gelingen, es dazu zu machen? Wir brauchen dazu viele treue Helfer. Wir brauchen nicht nur jene, die von uns empfangen wollen. Wir brauchen auch jene, die zu geben habe::. Gaben des Geistes und des Herzens. Wenn'wir die jüdischen Massen Vereinen, müssen wir auch die jüdischen Führer haben. Ich glaube, daß wir sie alle bokonrmen werden, daß' Uttser Gedanke etwas Werbendes haben muß für sie alle. Und daß unser Bolksheim etwas sehr Schönes, sehr Gotteb'vs werden wird, ein fester Hort im Mischen Loben Wiens, ein echtes Jewish Centre.

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