Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2526 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. Mb Dien, Freitag Wiener Morftenzeitung Z. Marz 1926 Se^r L Me PMftina erobert wurde. Der Bortrag eines ungarische» Stabsarztes. Der Buiöapester Stabsarzt Dr. Julius Kcmeny,!oer den Weltkrieg in Palästina mitnmchtc, stielt vor einigen Tagen im Budapest er Offiz icrstasino einen interessanten Bortrag Wer die entscheidenden Kämpfe in Palästina. „Inder Gegend desSuez-Lkanals, in der arabischen Este, m den Friedhöfen vo-n Jernsalem, Nazareth, Damaskus u. a. liegen die Opfer dieser Kämpfe aus allen Teilet: der alten Monarchie begraben," sagte der Vortragende einleitend. Der deutsche Kriegsplan verfolgte das Ziel, den Suez-Kanal apznspcrren und die Auflehnung der moihmnntedanischsn Bevölkerung Aegyptens gegen die englische Herrschaft stcrbeizusühren. Zwei Expeditionen unter deutscher Führung versuchten dieses Ziel durch jene Wüste zu erreichen, in welcher nach biblischer Erzählung die Juden vierzig Jahre lang herumirrten. Beide Expeditionen schlugen fehl. Die Artillerie wurde mit ungarischen Artilleristen besetzt. Nach-dem erfolgreichen Sturm auf die Dardanellen führte die Entente ihre gesamten StreiKräfte gegen Bagdad und Jerusalem. Südlich von Jerusaleni, bei Gaza, wurden drei Schlachten , geliefert, dann ein großes Treffen an den Ufern des Jordan, bei welchem sich MMrische Soldaten besonders ausgezeichnet hatten. Auch der Kommandant unserer Artillerie war gefallen und viele gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Malta gelbracht. Die Türkei war durch ihre seit zehn Jahren Ehrenden Kriege völlig erschöpft und ihre Bevölkerung rvar während des Weltkrieges dem Hungevtdde preisgegoben. Im Dezember 1917 ist Jerusalem gefallen, das seit seinem Bestände zum 37. Male unter Belagerung stand. Nach dem Fall von Jerusalem wurde unter deutscher F ü h r u n g die 75 Kilometer lange t n r k is che Front Mischen der Küste und dem Toten Meere ausgobaut. Beide Teile trafen iihve Vorbereitungen Kr die große Abrechnung, die denn auch in der Nacht des 19. September 1918 erfolgt ist. Die türkische Front verKgte über 23.000 Gewehre. 3000 Säbel, 310 Geschütze und 15 Flugzeuge. Demgegenüber hatten die englischen Streitkräfte 57.000 Gewahre, 12.000 Säbel, 540 Geschütze und 150 Flugzeuge zur Verfügung. Der englische Angriff zertriimmerte die deutsche Armee, die gezwungen war, bis zu nt Taurus zurückzuweichen. Während des Rückzuges hatten die Truppen furchtbar zu leiden. Sie hatten beständige Kämpfe mit den aus Eingeborenen bestehenden wilden Reitertruppen der Engländer zu bestehen. Die Kranken und Verwundeten, die nicht Schritt halten konnten, wurden von Beduinen ausgeplllndert und uiedergemacht. In Anatolien sind sämtliche deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen in Gefangenschaft geraten. Die Gefangenschaft war allerdings nicht von langer Dauer. Unseren Truppen wurde gestattet, ans gecharterten Schissen in ihre Heimat zurückzukehren. Scharfe krklörungen Briands Wer Ungarn. Crn „unglaublicher: Banditenstveich". — „Unternehmen gegen den Frieden/ (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) B u d a p e st, 1. Mürz. Nach den gestrigen Erklärungen Briands in der französischen Kammer, in denen der Ministerpräsident die Fvcmkenaffäve als einen „unglaublichen Banditenstreich" urD als ein „U n te r n eh m c n g e ge n den Friede n" begeichnete, imnmt man cs in politischen Kreisen für sicher an, daß die Frankenfälschungsaffäre in Genf in irgendeiner Form aufgerollt werden wird. Außenminister B a l k o, der morgen die Reise nach Gens antritt, hat es für notwendig gefunden, sich für diese Eventualität vorzuberei:en, und konferierte in diesem Zusammenhang Tjc-utc vonnittags eingehend mit dem Staatssekretär nn Ministerpräsidmm, Baron Georg Pro nah. Die für heute vormittags angekündigte Einvernahme des Markgrafen Pallavieini konnte nicht stattfindcn, da Markgraf Pallavieini der Vorladung zur Oberstadthauptmannschast keine Folge geleistet 'hatte. Als der Borgeladeue bis 11 Uhr vormittags nicht er- ' schienen mar, sandte die OberstadthauptmamMaft einen höheren Polizeifunktionär in die Privatwohnung^s Mavkgrafen, doch war dieser bereits ansgegangen. Veröffentlichung des Tagebuches Windischgriih'. Das vielerörterte Tagebuch des Prinzen Windischgrätz wird morgen veröffentlicht. Es wurde heute festgestcllt, das; Prinz Windischgrätz sein Tagebuch knapp vor seiner Verhaftung seiner Gattin übergeben har. Prinzessin Windischgrätz übergab das Tagebuch einem Politiker, der zurzeit eine große Rolle spielt (Bazsonyi? Die Rod.), der fobamt das Tagebuch an den Grafen Emnrerich K a r o l y i weitergab. Graf Kärolyi ließ das Tagebuch photographieren und verfaßte seinen bekannten offenen Brief, der im „Pestcr Lloyd" erschienen ist, aus Gmnd der Photographie des Tagebuches. Der betreffende Politiker hat heute nachmittags die Erklärung abgegeben, daß er bereit sei, das Original des Tagebuches den Bchörden zur Verfügung zu stellen. Das Tagebuch des Prinzen Windischgrätz wird morgen abends der Polizei vorgelegl Die Verhandlung im Hang. Haag, 4. März. In Anwesenheit einer großen Zuhörermengc, darunter von Mitgliedern zahlreicher Gesandtschaften, begann Ijcutc die Gerichtsverhandlung gegen die im Dezember v. I. im Haag verhafteten ungarischen Frankenfälscher Jankovich, Dr. G. Mars v v s z k i und Mankovich. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, im Dezember in Holland gefälschte französische Tausondfrankennoteu in großer Menge vorrätig gehabt zu haben mit der Absicht, sie als echte Noten auszugeben. Jankovich wird angeklagt, im Dezember gefälschte Noten bei einer Bank zum Ein wechseln a»geboten zu haben. Verteidiger Dr. Vrieze beantragte, die Ange- Arabische Sttaßenltzpen. Bon Hans Ambor (Haifa). Der: singende Knffoevcrkäufor. Nahe dem Gouvcrnernentsgebäude Jaffas, neben der Nische, wo unzählige Winkeladvokaten ihren Petenten Gesuche schreiben, vorlesen oder übersetzen, steht er, der singende Straßenverkäufer. Immer sah ich ihn heiter, immer ein Lächeln um den Mund des schönen, braunen Gesichtes, singend seinen Kaffee ausvufend. Diesen Kaffe, vorzüglichen, wirklich echten Mokka, wie ihn die feinsten Wiener Kaffeehäuser nicht herzustcllen vermögen, schenkt er ans einer immer glänzend geputzten Mcssingkanne, die Ofen und Kaffeekanne zugleich ist; sie hat nämlich einen Doppelboden, d. h. unter denr eigentlichen Boden befindet sich ein zweiter als Reservoir für glühende Kohlen, die den Kaffee warm halten. Nicht selten passiert es auch, daß ein Gast zu ihm kommt,. um sich durch die Luflöcher des Bodens an der Glut seine Zigarette anzuzündcn, und er hat ein Lächeln Kr diesen Abann wie für alle seine Kunden. Biele, davon sind Stammkundschaften, jedem erzählt er in einem ungemein reinen mib wohlklingenden Arabisch eine Neuigkeit, einen Witz, macht eine Bemerkung über einen Vorübergehenden oder singt ihm ein Lied vor. In Minuten, wo kein Kunde da ist — und es gibt wenig solche —, unterhält er sich selbst; singt, wirft die Kaffeeschalen in die Luft, zwei, drei, vier und auch fünf, wie der beste Jongleur. Doch kaum sieht er einen Kunden konriiAn, stehen die Schalen schon wieder in Reih und Glied in dem um den Leib gebundenen Aufsatz uirb er schenkt, die Tasse hochhalteud, den Kaffee schäumend in das Schälchen. Und wieder beginnt er zu singen, diesen merkwürdigen, eintönigen Singsang der Araber — die Melodie der Wüste . . . Der Allesverkäufer.' „La Bourse, Crgarettes Egyptiennes, Eigaviuts, Cicklets . . so ruft er täglich uni stündlich» bald hier, bald dort. Ein Aegyptcr, der allerdings eher einem Chinesen ähnlich sieht —, ein Straßcnverkäufer, bei dem alles zu haben ist. Er ist ein besonderer Typus des Hausierers, würde sich gegen diesen Titel aber sicherlich energisch verwahren. Denn er hat einen „fixen Laden", nämlich einen Karren, den er aber nie mit sich nimmt. Der Karren steht beim arabischen Kaffeehaus gegenüber der Post in Haifa, doch nur selten trifft mau den Besitzer dort an; er zieht durch die Straßen, verkauft Zeitungen, Zigarren, Kaugummi, Schokolade, und vergebens zerbreche ich mir den Kopf, wo er all die Sachen unterbringt, die er verkauft. Er erinnert mich oft an das graue Männlein von Chamisso. Er spricht alle erdenklichen Sprachen: Arabisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Hebräisch, vielleicht sogar noch andere. Und selten kann ihm einer, dem er seine Ware anbietet, auskommen. Hat er gute Geschäfte gemacht, dann sitzt er im Kaffeehaus, vor welchen! sein Karren steht, seine Nargileh rauchend, und nur ganz bevorzugte Kunden können ihn dazu bringen, ihn in solchen Stunden seiner Siesta zu bemühen, um ihnen Zigaretten oder sonst etwas zu verkaufen. Für Fremde oder weniger Bekannte aber ist er zu solcher Zeit nicht zu sprechen, sein Laden ist geschlossen, er ist Privatmann. Der blinde Knnbe. Nicht alle Typen sind so lustig. Da ist der kleine blinde Knabe. Mit einem Stock, der anderthalbmal so lang ist wie er selbst, geht er durch die Straßen, zerlumpt, zerfetzt, unsagbar schmutzig, und bittet alle Hevankommenden, deren Nahen er hört oder zu denen er selbst geht, um ein Almosen, wobei er immer wieder betont, daß er ein Armer, Bedauernswerter (Maskin) ist. Selten geht er allein, oft begleitet ihn ein Kamerad, der ihm als Führer dient und mit ihm dafiir die Beute teilt, der wohl kein Gebrechen aufweist, aber desto schmutziger und verwahrloster aussieht. Und sogar gefährlich ist der kleine Begleiter; denn er klammert sich an ein Opfer an und läßt es nicht mehr los, bis er nicht seinen Tribut hat. Nur zu oft nützen Drohungen allein nichts; mau schlägt die armen Burschen, um sich Wieder eröffnet! Hotel National Wien, II. Taborstrasse 18 Telephon 42-5-93 Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer mit fliessendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralheizung, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Hausei Missile Prelle! Neue Leitung! klagten auf freien Fuß zu setzen. Der Gerichtshof zog sich zur Beschlußfassung über diesen Antrag zurück. Bei ihrer Vernehmung erklärten sich sämtliche Angeklagten für unschuldig. Jankovich gab an, er sei lediglich deshalb nach Holland gekounnen, um als Kurier die falschen NoterP über die Grenze zu bringen. Er beabsichtigte, im Haag einen echten Tausendfrankenschoin zu wechseln, und habe nur versehentlich eine falsche Note zum Wechseln gegeben. Der Angeklagte Marsovszky erklärte, er sei nur nach Holland gekommen, um die Möglichkeit der Verbreitung falscher F r a n k c n n o t e n in Holland zu st u d i c r e n. Er habe sich nun in einen: schwere n D i l e m m a befunden. In die Hände des Bischofs Zadravccz ihatle er einen Eid abgelegt, den Plänen des Prinzen Windischgrätz Treue zu bewahren. Auf der Reise nach dem Haag seien ihm aber Bedenken gekommen, und so habe er beschlossen, dem Prinzen Windischgrätz mitzuteilen, daß eine Verwertung der falschen Frarüennoten in Holland unmöglich sei. Der dritte Angeklagte, M a n k o v i ch, sagte aus, er habe den Auftrag gehabt, die Möglichkeit der Ausgabe der falschen Noten zu prüfen. Der Vertreter der Anklage beantragte Kr Ja nLötz i ch die Verhängung einer Kerkerstrase von 9 Jahren, Kr Marsovszky und Mankovich einer sülchen vou 7 Jahren. Gefälschte Millionenkro rren notcn. In der Kasse der Pefter Kommerzialbank wurde heute wiederum eine falsche M i l l i o n e n k r o n e n n o t e entdeckt. Sie befand sich in einein Paket Noten, das von einer! Großmühle einbezahlt worden Ivar. Wie die Polizei feftstellt, stammt das Falsifikat aus Olaszliszka. Gin «euer Fememordversuch. (Eigendienst du „Wiener Movgenzeitunig".) Berlin, 4. Mär,;. Wie die „58. Z. am Mittag" evftchreN haben will, beschäftigen sich die zuständigen Behörden mit einem neuen Femefall, bei dem es sich um einen Mordversuch handelt. Der Feldwebel Gädicke, der im April 1923 der Schwarzen Reichswehr boigetreten und in den Verdacht geraten war, sich Ml Heereseigentum bereichert zu haben, soll in einem Vorort in der Nähe von K»istrin von mehreren An-gchörigen der Schwarzer: Reichswehr, unter.ihnen der Feldwebel Klapproth, niedergeschlagen worden sein, so daß er bewußtlos liegen blieb. Klapp roch soll geäußert haben, mit Rücksicht auf Frau mnb Kinder werde ©cfiwfe noch einmal verschont. ihrer zu erwähren. Der Blinde bricht dann in ein Nagliches Geheul aus, dessen Tränenfpuren man noch tagelang auf seinen Wangen sieht, die wohl jahrelang — wenn überhaupt schon je — Wasser nicht gesehen haben. Mich wundert nur, daß der Junge, trotz der Schläge und der wenigen Almosen, die er erhält — denn unzählig sind die mit Gebrechen behafteten Bettelkinder, und ich habe nur einen Spezialfall herausgegriffen —, überhaupt noch, und dazu immer denfelben Weg, betteln geht. Doch, was soll der Junge anderes machen? Und so tönt täglich durch die Straßen Haifas sein trauriger Ruf: „Maskmr,. Mas* kirn .. .!" Der kleine Srhnhpntzer. ,^noes, Chovadjia, nutz evsch, rak chazij Grush!" Durch diesen halb arabischen, halb hebräischen Llufrnf lietz ich mich unlängst verleiten, mir bei dem kleinen Araberjungen die Schuhe putzen zu lassen. Man soll zwar nicht zur Schmutzkonkurrenz gehen — und das ist er, denn er unterbietet seine grotzen Kollegen um 50 Prozent —, aber ich konnte diesem lächeln-den und bittenden Kinde — der Knabe mag 13 Jahre alt sein — damals nicht nein sagen und kann es heute schon gar nicht mehr! Ich mutz sagen, er hat sein Wort gehalten. Er putzt die Schuhe tatsächlich ganz ausgezeichnet, wie selten einer der übrigen Putzer und machl's mit solcher Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit» daß es eine Freude ist. Unlängst wollte ich ihn necken und sagte ihm, daß ich nicht mehr bei ihm putzen lasse. Ganz betrübt wollte er schon von dannen ziehen, der rief ich ihn zurück und gab ihm nach getaner Arbeit eine« Piaster. Er sah mich ungläubig an, und als ich ihm erklärte, daß das Ganze ihm gehöre, strahlte sein Keines Gesicht voll Glück. Am Nachmittag desselben Tages — es war ein trockener, staubiger Vormittag gewesen —» kam er neuerdings zu mir. Auf meine abschlägige Antwort bat er mich, die Schuhe nur abstauben zu dürfen und woKte hierfür unter keiner Bedingung Geld nehmen!