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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-03 · Heft 2524 (3.3.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2524 (3.3.1926)
Date
1926-03-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Sk. 2534 DK«, MMsch Vor einem Kompromib in Senf. DiE ettgföfd^c Slttfidji* London, 2 .März. Wie da- Reniersche Bureau erfährt, besteht in unterrichteten britischen Kreisen der allgemeine Eindruck, daß in der Frage der Gewährung ständiger Ratssitze irgendeineArtvon Kompromiß in Genf abgeschlossen werden wird. Es würde nicht überraschend sein, wenn nachder ZulassungDeutschlands der Rat seine Zustimmung dazu erteilen würde, daß eine Kommission ernannt werde, die diese Frage zu prüfen und die Ansprüche anderer Völker auf einen ständigen Ratssitz in wohlwollende Erwägung zu ziehen hätte. Solchen Ansprüchen würde auf diese Weise eine faireBehandlung gesichert werden und die Kommission würde wahrscheinlich in der Lage sein, der Völkerbundversammlung im September Bericht M erstatten. Staatssekretär des Innern Johnson-Hicks erklärte in einer Rede, es bestehe keine Kabinettskrise. Die einzige Sorge der Regierung sei, zu einer freundlichen und einstimmigen Lösung zu gelangen, der alle Nationen der Welt zustimmen könnten. Der Ralssitz für Polen. Warschau, 2. März. (Poln. Tel.-Ag.) In der gestrigen Sitzung des Sejm stellte der sozialistische Abgeordnete Niedzialkowski den Antrag, daß der Sejm die NatifizierungderLocar noverträge als untren« bar mit der Zuteilung eines ständigen Mandats im Völkerbundrat an Polen verbunden betrachte. Von dem rechtsradikalen Abgeordneten S t r o n s k i wurde der gleiche Antrag eingebracht. Es wurde ein f ü n f-- gliedriger Ausschuß gebildet, den den Antrag entsprechend auszuarbeiten hat. Die Haltung Japans. London, 2. März. Wie aus Tokio gemeldet wird, hat die japanische Regierung ihren Delegierten im Völkerbundrat weitgehende Vollmachten für die schwebenden Fragen erteilt. Japan ist nach einer offiziösen Mitteilung im Prinzip gegen jede Erweiterung des Völkerbundrates. Spanien schickt eine verstärkte Delegation. Madrid, 2. März. (Tel.-Komp.) Me das Blatt „Abc". erfährt, wird die spanische Regierung angesichts der besonderen Wichtigkeit der bevor st ehenden Bölkerbundtagung eine verstärkte Delegation nach Genf entsenden. Mne griechisch-italienische Aussprache. Athen, 2. März. (Tel.-Komp.) Der Außenminister Russow und der Verkehrsminister T a r u l a r i s haben sich nach Rom eingeschifft, wo der griechische Außenminister eine UnterredungmitMussolinihaben wird. Von Rom begibt sich Russow als Vertreter Griechenlands beim Völkerbund nach Genf. AnWonMsche Arbeit in Amerika. Barlassina in New-Iork. New-Aork, 1. März. (I. T. A.) Der lateinische Patriarch für Palästina. Monsignore Barlassina, der wegen seiner antizionisti'schen Propaganda bekannt ist, ist dieser Tage in New-Aork eingetroffen. Der Patriarch gab an, er sei gekommen, mn hier eiizenZweig des Ritterordens vom Hc: lig >en Grabe ins Leben zu rufen. Der Orden vom Heiligen Grabe wurde im Jahre 1496 von Alexander dem Seilten als ein Mititäror^n für den Schutz des Heiligen Grabes begründet. Die Agudnh. Washington, 1. März. (I. T. A.) Präsident.E o o l i d g e empfing im Me ßen Hanse eine Abordnung der Agudas Jisroel, bestehend aus, Mob Rose »heim und dem Leiter der Aguda'h-Orgamsation in Amerika, Rabbiner Dr. Leo I u n g. Die beiden Herren wurden dem Präsidenten durch das Mitglied des Repräsentantenhauses, Hoffstaetter, vorgestelli, der Mitglied des Komitees des amerikanischen Keren Hajischuw ist. .Herr Jakob Rosenheim informierte den Präsidenten über Organisation und Ziele der Agudah. Wie der Wiener I. T. A.-Dertreter erfahrt, ist der Präsident der Agudah, Dr. Pinchas Kohn, vor seiner Abreise nach Palästina von dem amerikanische» Botschafter iW: c n in Lludienz empfangen worden. Damaskus eingefchloff«». London, 2. März. (Reuter.) Ans Beirut wird gemeldet, saß Damaskus vollständig durch Drahtverhau e e i n g e s ch l o s s e n ist. Französische Artillerie beschoß am 28. v. M. eine Gruppe Aufständischer in Aal da. Es wird auch gemeldet, daß die Aufständischen die Linie nachhedschas zwischen Kesva und Damaskus abgeschnitren und eine Trainkolonne beschösse n haben. Abg. Wlrlicktz - Delegierter de« polnischen -auvelsminifterlumr. (Eigendienst der „Wiener Morgerrzeitung.") Warschau, 2. März. Der jüdische Abg. W i s l i c k i ist <tU Delegierter des Handelsministeriums nach Italien abgereist, um dort die Emfuhrkontingente aus Polen zu kontrollieren. Wiener Morgenzekkuna Die gemWgie« Araber in PalWaa. J«n>sal«m, 1. Mörz, <F. T. ».) Scheich Asaad Sh uk e i r i, der angesehenste Führer der palästinensischen Araber, äußerte sich in einem Gespräch mit dem Vertreter der Palestine Telegraphie Agemy über die Stimmung unter den Arabern im Zusammenhang mit den von der Regierung annullierten Wahlen zu dorn Obersten Rat der Moslemiten. Scheich Asaad Shukeiri war in früheren Jahren Chefdirektor des politischen Bureaus des Sultans Abdul Hamid und später Mitglied des türkischen Parlaments. Im Kriege war er Großmusti der vierten türkischen Armee. Gegenwärtig ist er eimr der führenden arabischen Notabeln Palästinas, er war einer derjenigen Notabeln, mit denen Sir Herbert Samuel die Verhandlungen betreffend die Schaffung einer Arab Agency gepflogen hat. Der Scheich führte unter anderem aus: „Die wesentlichste Ursache des Konfliktes um den Obersten Rat der Moslemiten Palästinas ist die Tatache, daß der gegenwärtige Präsident des moslemitischeu Obersten Rates, der Großmusti Amrn H u s s e i n i (ein Mitglied der Hufseini-Familie, der auch der Präsident der arabischen Exekutive, MusaKazimPascha, entstammt), seinerzeit nicht von der Ulema (Priesterrat), sondern von der Regierung unter Bruch von Gesetz und Gepflogenheit ernannt worden ist. Dem jetzigen Großmusti fehlt die Qualifikation, als Präsident des Obersten Rates der Moslemiten zu wirken. Er wurde von Sir Herbert Samuel im Mai 1921, als in Palästina Unruhen stattsanden, ernannt, weil der Oberkommiffär gehofft hat, daß es dem Einfluß der Hussemi-Familie gelingen wrrd, der Stimmung der Unruhe ein Ende zu machen. Die zweite Ursache des jetzigen Konfliktes ist die, daß die Regierungsverordnung betressind den moslemitischrn Obersten Rat aus die Jntereffen der moslemitischeii Gemeinde keine Rücksicht nimmt und kerne Kontrolle der Handlungen des Rates durch dre Gemeinden Vorsicht. Die Fonds, die zu Zwicken der Restaurierung der Omar-Moschee in aller Welt gesammelt worden sind, wur-den vergeudet; jede Kontrolle fehlr; alle diesbezüglichen an die Regiemng und an das Londoner Kolonialamt gerichteten Klagen sind erfolglos geblieben. Eine geeinte religiös, politische und soziale arabische Front ist aber nur dann möglich, wenn von allen Seiten persönliche Motiveaußer acht gelassen werden. Das ist aber seitens der arabischen Exekutive nicht der Fall. Der beste Weg für die palästinensischen Araber führt in die Richtung einer Zusammenarbeit mit der Regierung, und zwar nach einem Programm, das die Jntereffen der Bevölkerung sichert, ohne daß Vorurteilen gegen die Mandatsmacht Raum gelaffen wird. Jedoch", schloß der Scheich, .Halten auch wir eine Zusammenarbeit mit den Juden nicht gut für möglich, da die Ziele her Zionisten eigentlich viel weiter gesteckt sind, sie «8 gemeinhin zugeben. Ihr letztes Ziel ist die B e r d r a ngüng der Araber aus Pakäst-iNa und die Verhinderung jödes Versuches, die arablschen Länder zu einigen." * Wie man sieht, ist auch Scheich Shuke iri von der nationalen Verhetzung gegen das, zionistische Werk ergriffen. Andererseits sind aber seine Mitteilungen über die Ursachen der Verstimmung der Moslims gegen die Regiemng deshalb von Wert, weil die. antijüdische Propaganda bereits die Zionisten als die Schuldtragenden angegeben hatte. Der Bolkrtramrtag I» de» Wische» Synagoge» Deutschlaavr. Berlin, 1. März. (I. T. A.) Da der allgemeine Volkstrauertag (28. Februar) in diesem Jahre mit dem Purimfest zuisammenstel, wurde die VoAstrauer vom jüdischen Teil der Bevölkerung im ganzen Reiche am 27. Februar begangen. In sämtlichen Synagogen wurde in der Predigt der Toten im Weltkriege gedacht und insbesondere auf den großen Mischen Anteil an den Opfern des Krieges hingewissen. Fnland. Der Besuch Dr. Benesch' ln Me«. Wie wir erfahren, wird der tschechoslowakische Außenminister Dr. Benesch morgen nachmittags aus Prag hier eintreffen. Bundeskanzler Dr. R a m e l veranstaltet zu Ehren des Gastes Donnerstag abends ein-Diner, an das sich ein Empfang anschließen wird. Freitag mittags ist Dr. Benesch Gast des Bundespräsidenten Dr. Harnisch, Freitag abends verläßt Dr. Benesch Wien, um sich zu der Tagung des Völkerbundes nach Ge ns. zu begeben. Während der Anwsserchei: Dr. Benesch' wird die Unterzeichnung des eben abgeschlossenen Schiedsgerichtsvertrages zwischen Oesterreich ryrd der Tschechoslowakei erfolgen. Uebevdies werden politische Besprechungen im Bundeskanzleramt aibae* halten werden. Kurze Nachrichten. Frithjof Nansen wird, wie das „Berliner Tageblatt" a«r Kopenhagen meldet, von norwegischen Kreisen gedrängt, die 9t'* gierungsbildung zu übernehmen. Nansen hat sich noch nicht entschieden. ... Der tschechoslowakische Außenminister Dr. Benesch wird heute auf die R:derr des Grafen Bethlen uufr des Außenministers Balko über die Sokolarrgelogeicheu antworten. Die türkische Kammer hat das neue Strafgesetz ange- Kommen. das nach dem Muster des italienischen Strafgesttzbuche« versaßt i|t. 3. flats 1986 attti 5 Tagesbericht. Der Borttaasitztla» de« RoaMchea Lande«- komiter». Morgen Donnerstag den 4. d. spricht im Rchmen des Vortragszyklus um halb 8 Uhr abends im Klubhsim der Hakoah, 1. Bez.. Wipplingerstroße 24, Herr Adolf Böhm über die ,Folonifatvrijchen Ausgaben des Zionismus". Karten sind im Ziomstijchen Bureau, 1. Bez^ Karntnerstraße 28, zu beheben. kine BorlSmvlekin der Zionismus. „ Bon Henriette Rappaport (Boden). Im Jahve 1876 erschien George Eliots Roman „Daniel Deronda", in dem sich die berühmte englische Schriftstellerin mit der Judenfrage MSeinanderfetzt. 50 Jahre sind seither vergangen und dennoch hat das Buch nichts von seiner Aktualität verloren, vielleicht sogar sind wir erst heute imstande, seine Bedeutung, aber auch den Ernst und die Tiefe der Verfasserin richtig einzu-schätzen. Die Meinung, die George Viot sich über die Juden und ihvs Zukunft bildete, ist um so intereffanter, alS sie -nicht nur eine große Dichterin, sondern auch eine Frau von höchster Bildung wir, die die Erscheinungen Und Probleme, mit denen sie sich beschäftigte, bis in chre tiefsten Wirrzün aufzudecken und zu verstehen bestrebt war. Sie, die in chrer Jugend den Juden völlig fremd gegenüberstand und auch keinerlei Sympathie für sie besaß, erkenM das Rätselhafte, Widerspruchsvolle in der Existenz dieser Menschen und beginnt sich daher mit ihnen, mit ihrem spezifisch jüdischen Leben und ihrem BechältniS zur Übrigen Gesellschaft zu beschäftigen. Wie eingehend und wie gewiffenhaft Gorge Eliot sich mit dem Leben der Juden bekannt zu machen suchte, geht mit aller Deutlichkeit schon daraus hervor, daß ihr im „Daniel Deronda" boi der Schilderung jüdischer Sitten und Gebräuche nur einige wenige Fehler unter - laufen sind. Es ist nicht meine Absicht, näher auf den Roman einzugehen, ich will hier nur darauf Hinweisen, daß George Eliot die Lösung der Judenfrage von der Errichtung eines selbständigen jüdischen Stattswesens erwartete. SeWstverständlich wurde sie in ihren Schlußfolgerungen von Disraclis Romanen „David Alroy" und „Tanered", die das Ideal eines jüdischen Staates cmfftellten, stark beeinflußt. Doch bleibt es ihr Verdienst, Äs Nichtjüdin zu einer Zeit, als der ernste Ged.mke cm einen solchen Judenstaat der breiten Oeffenllichkeit als eine schöne oder lächerliche Utopie erscheinen mußte, diese Idee mit Liebe und tiefem Verständnis ersaßt und vertreten zu haben. Sie fühlt das Zwiespältige und Unbefriedigte im Leben der Juden und sieht die Heilung in der Schaffung eines geistigen und politischen Mittelpunktes, der ihnen ihr Selbstbewußtsein wiedergeben könnte, aber auch chrer Existenz und chvem Derhälmis zu den anderen Völkern den Charakter der Zlusnahms - erscheinung nehmen würde. George Eliot ist sich dessen bewußt, daß die Ausführung dieses Gedenkens allen außenstehenden unmöglich erscheinen muß, dennoch aber spricht sie durch den Mund Mardocais, des krmken Schwärmers, der die Zukunft der Juden mit prophetischem Blicke vorausahnt, die Ueberzegung aus, daß die Idee eines freien jüdischen Staatswesens sich verwirklichen werde; auch cm Mazzinis Trrum von einem freien Italien wollte niemand glauben und dennoch ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Wenn aber die Juden wieder eine bewußte Einheit bilden und ein gemeinsames Zentrum besitzen werden, wenn die Würde, eine Nation za sein, sie erhöhen und chre Stümne bei dm Völkern der ganzen Wett Geltung haben wird, dann werden sie auch wieder die Kraft erlangen, wie in alter Zeit die Kulturträger und Kulturvermittler der Menschheit zu sein. Daniel Deronda, der Held des Romans, der Äs Engländer ' erzogen wurde und erst als reifer Mann erfährt, daß er Jude ist, wird von der Macht dieser Idee ergriffen, er will chr sein Leben wünnen und der Bchnbrecher fein auf dem Wege der Juden nach PÄästina. „Der Gedanke, der mich erfüllt," sagt er, als er von seinem bisherigen Leben Abschied nimmt,*) „P, meinen Brüdern ein staatliches Leben wiederzugeben, sie wieder zu einer Älation zu machen, chnen ein nationales Zentrum zu geben, wie die Engländer es haben, obwohl auch sie über den ganzen Erdball verstreut sind." Der Roman „Daniel Deronda" wurde von der englischen Oeffentlichkeit mit einer gewiffen Enttäuschung ausgenommen, zmn nicht geringsten Teile wohl auch deshÄb, well es befremdend wirkte, daß sich die große George Eliot so eingehend mit den Jrrden beschäftigte. Doch die Zeit ist weitergeschritten, der Traum beginnt sich zu verwirklichen, und es ist englische Reich, unter dessen Fühmng das jüdische Voll seine Schütte in die alte Heimat lenkt. Soft» Xtttitfdi’Sincoltt hingerichtet. London, 2. Marz. HeuÄ vormittags, pünktlich mn 9 Uhr, wurde im Hofe des Gefängnisses von Shepton Mallet Wegen Raubmordes zum Tode verurteilte Kanonier John Trebitfch-Lineoln hingerichtet. >-■ Er hatte am 2t. Dezember vorigen Jahres, gemeinsam mit einem Kameraden, einen Einbruch bei einem Hausbesitzer versucht, wurde jedoch von diesem überrascht und brachte ihn um. Der Versuch feines Verteidigers, mildernde Umstände bewilligt zu erhalten, Well Trebitsch vor Verübung der Tat sich Mut angetrunken hatte, mißlang und Trebitsch w« de wegen Raubmordes am 31. Jänner zmn Tode verunntt. John Trebt^ch-Lincoln trot t\n Sohn des ehemaligen Unterhausvtitgliedes Lrch.tsch.Linooln. der während des Krieges wegen Spionage zur Deper:a::on verurteilt worden uw. Ars der Vater von TpdrSurtei' er'ubr reiste er von Ceylon nach England, kam aber nicht mehr zurecht, da er in Marseille die Rechnung im Hotel nicht bezahlen konnte und erst den englischen Konsul um finanziell« ersuchen mußte; f? wurde der Schn hingerichtet, ohne den Vater noch geschen zu haben. *) George Eliot: „Daniel Dewnda." Verlag B. Trucl>ttitz. Bd. 4. S. 876. ch \ l

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