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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-03 · Heft 2524 (3.3.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2524 (3.3.1926)
Date
1926-03-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SL.S6N Wien, MKvoch Wiener MsrOmzettrmg 3. März 1986 ZeikS Alle habe« Lava« «muht! «aügeal Pallavklni beschuldigt Bethlen. — Graf Bethlen beschuldigt Pallavlelni. (Eigendienst der „Wiener Morgeuzcitung".) Budapest, 2. März. In der Mutigen Sitzung der Na- AkmaLvcrsamanlung hielt der völkische Abgeordnete und gewesene Prefsechof tut Ministerpräsidium Tibor Eckhardt eine Brandrede gegen die liberale ungarische und a»r s il ä n d i s ch e Presse, die nach Ansicht Eckhardts allein Schuld daran trage, daß die Fmukenfäffchungsaffäre noch immer nicht beendet ist. Ein Teiil der ungarischen Presse habe alles davangos-etzt, um inr Ausland -den Anschein zu erwecken, als ob in Ungarn ein korrupte Regierungssystem die Frankenfälschungsaffäre verdunkeln wolle. Die Linkspresse scheine sich nich:, Ungarn lieber der Revolution cntgegenzutreiben, als über die Frankenfälschungsaffäre zu sch>m,eigen. (Ministerpräsident Bethlen und Justizminister P e st h y stimmen dom Redner durch energisches Kopfnicken demonstrativ zu.) Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ka-nt der gclvesene Pressechos des uitg-arischen Ministerpräsidiunis aus lene Publizisten zu sprechen, die den Feldzug der jüdischen Presse Mitteleuropas gegen die ungarische Nation leiten. Abg. Eckhardt erzielte bei dieser Stelle einen stürmischen Heiterkeitserfolg, als er'-die Namen Max Nordau, Theodor Herzl, Moritz Szeps und Leopold Lipschex nannte. (Die Linke ruft unter schallendem Gelächter: „D i c sind schon alle tot!") Das Zentrnm der jüdischiäberalen Verleumdungspropaganda gegen Ungarn, erklärte Eckhardt, befinde sich in Wien. Führende amerikanische und englische Weltblättcr werden aus -den Redaktionen der „Neuen Freien Presse", des ^Neuen Wiener TaMalles" und des „Neuen Wiener Journals" bedient. (Widerspruch links, Gelächter und Lärm.) Eckhardt zeigt 'dem Hause eine Nummer des holländischen »Tolegraaf", -in der die Photographien des Innenministers Rakovszky und des Honvedministors Csaky unter -er Uebevschrift: „Die Patrone der ungarischen Frankenfülscher" reproduziert sind. Abg. Eckhardt, dessen Rede bei denr dann rinsetzenden SpÄtakol nur noch bruchstücktv-eise g-chör: wird, schließt, mn der Aufforderung an die Regierung, eMich sich zu energischem Einschreiten gegen die Linkspresse auszuvaffen, Markgraf Pallavicini erklärt: Im Zusammenhang mit der Sokolangelege n h ei t habe Graf Bethlen Erklärungen in dem Sinne gemacht, daß diese Fälschungen mit Wissen des Bundeskanzlers Dr. Ramel und des Wiener Polizeipräsidenten Schober erfolgten. Seitdem haben Bundeskanzler Dr. Ramek, Polizeipräsident Schober sowie Landeshauptmann Dr. R i nte Ien gegen diese Insinuation protestiert. Der Redner bedauert es, daß der Ministerpräsident auch Funktionäre fremder Staaten in diese Affäre eingemengt habe. Selbst wenn diese an der Sache beteiligt gewiesen wären, würde er ein solches Vorgehen nich: für loyal halten. Der Ministerpräsident hätte die Gastfreundschaft Schobers, die er während des Kommunismus genoß, nicht vergessen -dürfen. Der Redner wundere sich, daß der Ministerpräsident, obzwar er die abenteuerlichen Pläne des Prinzen Windischgrätz kannte, diesen! Rede stand. Er (Pallavicini) habe bereits im Jahre 1921 über die Pläne des Prinzen Kenntnis erhalten. (Rufe: Warum haben Sie ihn nicht angezeigt?) Pallavicini erklär:, er habe die Sache für absurd gehalten und in energischester Weise versucht, den Prinzen von feinen Plänen a bz u b r i n g e n. Später traf er einmal Windischgrätz und sagte ihm, er hoffe, daß er (der Prinz) seine Pläne schon ausgegcben habe. Windischgrätz verneinte dies und sagte, er arbeite mit Graf Bethlen zusammen. (Mmisterpräsident Graf Bechlen und Minister Rakovszky protestieren laut. Großer Lärm.) Pallavicini führt weiter aus, der Ministerpräsident 'habe bereits seit Monaten Kenntnis von den Vorbereitungen der Frankenfälschung gehabt und habe alles versucht, um die Sache zu vertuschen. Dies könne er prozeßordnmtgsmäßig nicht beweisen und sc: nicht in der Lage, seine Beweise vorzulegen, doch sei er bereit, seine Erklärungen auch in der Presse zu wiederholen. (Großer Lärm, die Linke applaudiert und die Abgeordneten der Rechten erhoben sich von ihren Sitzen und akklamieren den Ministerpräsidenten.) Ministerpräsident Graf Bethlen erklärt, Pallavicini habe ihn vor der Öffentlichkeit beschuldigt, seit Monaten von der im Zuge befindlichen Frankensälschungsaffäre gewußt zu haben, ferner, daß die Regierung und namentlich der Ministerpräsident selbst alles unternommen haben, um die Sache zu vertuschen und nur auf ausländischen Druck sich zu den notwendigen Schritten hevbeigelassen haben. Beide Behauptungen sind Lügen. (Großer Lärm. Dem Präsidenten gelingt cs nur mit großer Mühe, die Ordnung wieder herzustellen.) Ich fordere Georg Pallavicini auf, sich sofort nach der Sitzung bei der Staatsanwaltschaft zu melden und ihr zu sagen, was er weiß. Wenn er sich nicht freiwillig meldet, erachte es die Regierung als ihre Pflicht, Maßnahmen zu treffen, daß er vorgeladen und einvernommcn werde. Abg. Stephan Rakovszky: Abgeordneter Pallavicini wird durch das Jmmuniiätsrecht geschützt. Ministerpräsident Graf Bethlen: Es -ist eine Eh re nP fl ich-: Pallavicinis, dies zu tun. Pallavicini hak bisher Pflichwersaumnis begangen, weil er sich weder bei der Staatsanwaltschaft noch im Parlamentsausschuß zur Anssage mÄdet-r. Im übrigen habe er vor einigen Tagen gehört, daß Pallavicini mit Julius Meszaros, Abg. Lingauer, Abg. Elemex Huszar und Prinzen Windischgrätz an einem Abendessen teilnahm, wo Windischgrätz s e i n e P l ä n e entwickelte. Unter den Teilnehmern fand sich eine einige Person, die gegen diese Pläne protestierte. Dies war aber nicht Pall a v i c i n i. Wie aus einer Etznasoge eine Kirche wurde. (Aus den Akten des Wiener jüdische» Gemeindearchivs.) Die Wiener jüdische Gemeinde hat jetzt einen besonderen Anlaß, sich mit der eigenen Geschichte intensiv zu beschäftigen. Am 16. März (nach jüdischer Zeitrechnung, nach denr Gregorianischen Kalender am 9. April) werden es 100 Jahre sein, seit der Stadttempel in der Seitenstettengasse eingeweiht wurde. Es ist dies nicht nur ein bedeutsames Ereignis in der religiösen Geschichte der Wiener Juden, sondern ein markanter Punkt in der allgemeinen jüdischen Entwicklung. Der jüdische Historiker G. Wolf schreibt darüber: „Dieser solenne Akt war nicht bloß ein lokales Ereignis und bildete den Gesprächsstoff der Residenz, sondern, wie wir heute sagen dürfen, es war ein historisches Ereignis im eminentesten Sinne des Wortes, und von da an ist die innere Regeneration der Juden in Oesterreich zu datieren. Es zeigte sich nun, daß das Jndentmn nicht, wie man damals da und dort glaubte, abgelebt und abgestorben sei. Die toten Knochen wurden wieder lebendig." Das Wiener Jndentmn wird auch dieses Ereignis festlich begehen. In erster Lims durch Wiederbelebung der Erinnerung, durch Rekapitulation der Vergangenheit. Diese Art des Feierns historischer Augenblicke ist vielleicht die wertvollste und nützlichste. Sie bemüht sich, den Augenblick zu beleben, indem sie 'ihn mit neuem, historischem Inhalt erfüllt. Hier liegt die große schöpferische Möglichkeit und Bedeutung der Erinnerungsfeste und Jubiläen. Das Wiener jüdische Genleindearchiv ist in diesem Sinn eine sehr wichtige Quelle geschichtlicher Forschung. Denn jeder Akt ist eine Reminiszenz. .Jedes Schriftstück bezeichnet eine Epoche, einen historischen Strahlenpunkt, der manchntal einen ganzen Zeitabschnitt blitzartig beleuchten kann. Einiges aus den Archivakten wird sicherlich auch das Interesse der breiten Oeffentlichkeit erregen. Es sind dies entweder unbekannte alte Schriftstücke oder solche, deren Inhalt Begebenheiten der Vergangenheit neu zu beleuchten vermag oder zum Verständnis und zur Klärung der Gegenwart beitragen kann. Aus den ältesten Akten soll hier als erster die Bitffchrift des christlichen Magistrats von Wienan den Kaiser Leopold den Ersten um Einweihung der Pfarrkirche St. Leopold aus dem Jahre 1670 wörtlich, mit den Ngentümlichkeiten der alten Sprache abgedruckt werden.Das bisher noch nirgends veröffentlichte Dokument*) wirft ein eigenartiges Licht auf die damalige Zeit, die für die Juden so unselig war. Leopold der Erste ließ sich aus unbekannten Gründen zu einer Austreibung der im „Untern Werd" (Werd heißt eine Insel in einem Flusse, dann auch eine bewohnbar gemachte Sumpfgegend), in der jetzigen Leopoldstadt wohnenden Juden verhetzen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden es wohl besondere Gründe der wirtschaftlichen Konkurrenzangst gewesen sein. Die Wiener Bürger fürchteten die Ausbreitung der sogenannten „Gewölber", d. i. der Verkaufsstände in der Stadt, in denen die Juden ihre Waren absetzen durften. Die Juden tvaren daraus angewiesen, denn die Leopoldstadt war noch wenig bevölkert. Zwar hatte sich die Hofkammer (das Finanzministerium) entschieden gegen die Ausweisung ausgesprochen, den klerikalen Einflüssen des Hofes ist aber Leopold der Erste unterlegen. Eigentliche Gründe brauchten gar nicht angegeben zu werden; man war mit den Juden unzufrieden und schickte sie eben darum fort. Die Bittschrift, die die Juden an den Kaiser eingereicht haben, um ihn zur Rückziehung des Ausfchaffungsbefchles zu bewegen und die ein schauerliches Bild von Berzlveiflung und Unglück eines auf die Landstraße grundlos verjagten Ahasver-Bolkes enthüllt, wurde abschlägig beschieden und die Juden rnußten Vis zum Fronleichnamsabend 1670 endgültig abzieyen. Bezeichnend für die Bedeutung *) Kopie aus dein Wiener Stadtarchiv. Selbst Professor A. F. Pribram. der alle erreichbaren „Urkunden zur Geschichte der Inden in Wien" in seinem Werk veröffentlicht hat, hat dieses Dokument nicht anfgenommen. Es findet sich auch nicht in Wolfs „Geschichte der Juden in Wien". ihn GESUNDHEIT », Wie erhalten Sic diese? LÖWEN FRANZßggJlilUTWllN mit Menthol als Einreibemittel tuirkt belebend, erfrischend, schafft Kraft und Energie. Beim Einkauf achten Sic auf die gesetzliche Schutzmarke. Uebzrall erhältlich. Gesetzt, gesch. Erzeuger: Alexander Kalmar, Wien,II. Nordbahnhof Der Vorsitzende beantragt sodann, die nächste Sitzung am 16. d. abzuhalten und über dm Bericht des Untersuchungsausschusses erst -dann weiter zu beraten. . Ministerpräsident Gras Bethlen tritt für den Tagesordnungsanivag des Vorsitzenden ein, und zwar mit Rücksicht auf seine bevorstehende Abreise nach Genf. Während des Gertfer Aufenthaltes des Ministerpräsidenten dürfen keine solchen Zwischenfälle geschaffen werden, die die ungarische Regierung in ihrer Arbeit stören köitnien. Die HerbeiMrung einer g e w i s -s e n p o i t i is che n Windstille liegt im Interesse des Landes. Der -Ministerpräsident wies sodann die B e h a n p t u n g d c s M i nd e r h e i t s v o t u nl S zurück, daß die Regierung die Tätigkeit des parlamentarischen Untersuchungsausschusses nicht gefördert hätte. Im Ausschuß habe der Ministerpräsident a-us eine Anfrage erklärt, er sehe einen gewissen Z usammenhang zwischen dem diplomatischen Schritt der tschechoslowakischen Regierung und dem Umstande, daß inan die Sokolfälschungsafsäre und die Fra nk e nfälschungsa ngelege nheit in einen gewissen Zusammenhang gebracht habe. Di.eS fei seilher durch die Erklärung Dr. Benesch' besMgt worden. Bethlen -erklärte sodann, er wolle sich heute ausschließlich mitwu gegen seine Person erhobenen Be sch uk digungen beschäftigen, von denen die eine Gruppe die politische, die andere Gruppe, wenn auch su-b rosa, die juristische Verantwortung des Ministerpräsidenten konstruiere. Fünf Jahre hindurch habe er Tag für Tag verkündet, -daß das Land der Ruhe und des Friedens bedürfe, um mit Hilst dieser auswärtigen Politik dem Lande längere Zeit hindurch die Ruhe zu sichern. Mit dieser Auffaffung lasse es sich nicht in Einklang bringen, daß er einer Mion Zugestimmt halbe, die im Falle des Mißlingens unbedingt das Prestige der Nation aufs Spiel gesetzt, im Falle desGelingens aber materielle Mittel in den Dienst -einer Politik gestellt hätte, die der vom Ministerpräsidmten fünf Jahre hindurch verfolgten Politik zuwidevlauftn würde. Er Sonne jedoch auch Mi objektive Beweise Schutzmarke der Juden ist die Steuer, die die Wiener Bürgerschaft nach Abzug der Juden übernehmen (10.000 Gulden) und an die Hofkasse bezahlen mußte, um die reichlichen Beiträge der fleißigen und treuen Juden zu ersetzen. Die Bürger, d. h. der Wiener Magistrat, kamen aber dieser Pflicht nur sehr unpünktlich und unregelmäßig nach, die Stagnation im Handel und der Niedergang des allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstandes zwang schließlich die Regierung schon nach drei Jahren, die Juden nach Wien wieder einziehen zu lasten. Unmittelbar nach der Ausweisrmg hat aber die christliche Bevölkerung von den Juden profitiert. Die Abstehenden mutzten die Schulden bezahlen, ihre Häuser kaufte der Magistrat um 110.000 Gulden an, wovon aber 100.535 Gulden, ' die die Juden schuldig blieben, abgezogen wurden und ihnen kaum 9465 Gulden verblieben. So gingen ihre Häuser um einen Pappenstiel an christliche Eigentümer über, nur der Friedhof in der Soegaffe blieb unversehrt jüdisches Eigentum. Die jüdische Synagoge in der Psarrgaste, das letzte von den Juden errichtete Gebäude, wurde dagegen in eine Kirche umgewrndett. .Mit großer Raschheit wurde die Synagoge fiir den Bau der Kirche, der Platz des Judenvichtechauses für den des Pfarchoses, das durch die Niederroißung der üblichen Häuser gewonnene Areal für Anlage eines Friedhofes bestimmt," erzählt eine von der Pfarre heraus - gegebene geschichtliche Skizze. Man hat sich also beeilt. Am 18. August 1670 setzte Kaiser Leopold der Erste den Grundstein zur Kirche. Am 24. November dieses Jahres -wandte sich dann der Wiener Magistrat an den Kaffer mit folgender interessanter Ern-, gäbe: „Allergnedi-gster Herr, Kayfer und Landesfürst! Daß Euer Kays. Majestät nach bssch-chener gottgefälliger Ausschcrffung -der Vermaledeiten Juden, in denen gchabten Synagog, damit solche zu einem Tempel Unseres wahren Mest-iä gemacht wewe, christlich oatholischen Gebrauch nach, den Ersten Stein seübsten gelegt 'haben, thun wir uns und gesamte Bürgerschaft allerunterthäuig gehorsamist bedanchen, hieranff haben wir auch unseren unschuldig eysir zu erzsiM, dj-e neue Kirche.^ unter daß tach hewittzs, so

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