Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2519 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981606--25682-3013363- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seke I Dkn. vertag Mener Moraenzettung Ave Iudendebatte im ranziger Bolkstag. Danzig, 24. Februar. (I. T. A.) In der gestrigen Sitzung des Volkstages begründete Frau K a h l ä »e einen Anrrag auf Bekämpfung der Schundliteratur und fiihrte aus, daS „fremde Blut vergifte den deutschen Bollskörper". Ihr enviderte der sozialdemokratische Senator Laps sehr scharf, indem er darauf hinwies, daß die Deutschnationalen sich des niedrigsten Schundes zu ihrer Hetzkampagne gegen die Juden bedienen. Es sei nur an die Protokolle der „Weisen von Zion" erinnert, die dem ekelhaftesten Schundroman in nichts nachstehen. Auch der Vertreter der Volkspartei, Regierungsrat Dr. Blauer, wandte sich gegen die deutsch» nationale Judenhetze und sagte, die Teutschnationalen müssen zunächst die Schundliteratur aus ihren eigenen Parte i k r c i s e n bannen, dann erst hätten sie ein Recht, gegen Schund curszu treten. Ae Lehren de« Steiger-Prozeffr«. Berlin, 24. Februar. (I. T. A.) Ueber „Die Lehren des Steiger-Prozesses" sprachen in einer von der Gruppe der Zionisten aus dem Osten einberufenen, stark besuchten Versammlung die Herren Rechtsanwalt Dr. A. Klee und Redakteur Moses Mald ma n n, die neben dem Abgeordneten Dr. Badt nnt dazu beigetragen hatten, daß der wirkliche Attentäter, Olschansky, durch sein Geständnis dem Lemberger Prozeß eine entscheidende Wendung gab. Rechtsanwalt Dr. Klee behandelte insbesondere die Lage der nationalen Minderheiten in den einzeinen Staaten und verteidigte die Forderung nach restloser Gewährung von Minderheitsrechten an alle nationalen Minderheiten. Ter Redner schilderte die besonderen Verhältnisse in O st g a l i z i e n und bezeichnete den unschuldig Angeklagten. Stanislaus Steiger, als würdigen Typus des unschuldig angeklagten und verfolgten, aber zu Selbstbewußtsein erwachten Judentums. Herr Waldmann erklärte das ungeheure Interesse der gesamten Judendenheit an dem Steiger-Prozeß aus der inst'nktiven Empfindung aller Juden, daß derartige Prozesse leider in allen Ländern möglich sind. Der Sieg des Rechtes in Lemberg erfülle mit Genugtuung, beleuchte aber die unglückselige Situation, in der die Juden gezwungen sind, alle ihre Kräfte einzusetzen, um das gegen sie geplante Unrecht ahzuwchren, statt daß sie ihre Kräfte aufbauender Voltsarbei: widmen könnten. Innere und äußere Befreiung vom Golusdafein, das muß die Parole jedes bewußten Juden sein. Die nationalen Minderheiten in der Achechoslowakei. Prag, 25. Februar. (Tschechoflow. Preßbur.) Der Jnitiativausschuß des Abgeordnetenhauses beriet heute über den Antrag der deutschen, ungarischen und kommunistischen Abgeordneten, der Regierung wegen Verletzung des den nationalen Minderheiten international garantierten Sprachschutzes das Mißtrauen auszudrücken. Berichterstatter Dr. Hajn (Nationaldemokrat) konstatierte, daß der' Antrag zwar 100 U n te r s chr i fte n aufwerse, aber nicht mit einem einzigen konkreten Falle begründet werde. Er habe nur demonstrativen Zweck nud daher schlage er die Ablehnung desselben vor. deutet ihm, und hoffentlich nicht nur ihm, sonder den geschichtlichen Mächten und Weltmächten, die Politik: Kulturpolink im Sinne fruchtbarer friedlicher Arbeit und Bölkerversöhnung. Damit wird das zweite Argument von selbst hinfällig. Biel bedenklicher aber erscheint uns eine als Philosophie sich drapierende Dialektik, die sich — wie es bei Hugo Marcus auffallen muß — so sehr exklusiv in den propagandistisch werbenden Dienst des Islam begibt. Hugo Marcus zählt sich zu „uns Europäern", aber „uns Europäer" würde interessieren, zu wissen, ob er nicht auch — „deutscher Moslem" ist. „Man kann Moslem sein" — so sagt uns ja ein Satz im moslemitischen Bekenntnis — „ohne es jemandem zu sagen". Ja, aber hier wünschen wir es — ausnahmsweise — zu erfahren. Und Zwar von Hugo Marcus selbst, dem Europäer, dem — hier stocken wir — dem,/deutschen Moslem? Oder deutschem Protestanten? Oder gar deutschem Juden?" Schopenhauer warb mit seiner Philosophie für den Buddhismus, warum nicht Marcus mit seiner für den Islam? Es gibt bekanntlich eine „Philosophie des reinen Mittels", einer solchen Philosophie würden wir hier gerne begegnen und Rede stehen, und sei sie auch, wie die von Hugo Marcus, eine förmliche Philosophie des Islams — gegen das Judentum. Tann wollten wir miteinander rechten, um all das, worin der Islam angeblich dem Judentum — natürlich auch dem Christentum — überlegen und einzig und allein geeignet sei, von Europa und „uns Europäern" atz die universale Religion rezipiert zu werden. Es gehört zu den neuesten Verirrungen und Kvankheitsshmptomen des arg zerrütteten europäischen Geistes, daß er in seiner pewersen Intellektualist von außen an ihn herantretenden Lockungen, die ihm Gesundung, Heilung, ja gar Erlösung versprechen, nahezu widerstandslos erliegt, Verrat übend am väterlichen Edelgut, das er geerbt hat und dessen Besitz ihn seelisch beglücken müßte, wenn er darum mit großer Hingabe neu und beständig werben würde. Religionen, Völker und Menschen, Juden Christen, Mohammedaner, sofern sie gemeinsame Ziele friedlichen Zusammenwirkens ernst nehmen, müssen aber vor allem, wo und wann Auseinandersetzungen und Geisteskämpfe unvermeidlich sind, mit offenem Visier einander gegenübertreten. Das Ziel, gewiß, auch das gemeinsame, es kann nicht hoch genug gesteckt werden, alleirr der ganze Weg zu ihm hin muß gekennzeichnet sein mit d*-.r Lohrzeichen des reinen Mittels, Inland. Mir «ln wirtschaftlich vereinigt» ftnropa. Die Pariser Rede Dr. Kienböcks. Paris, 25. Februar. Im Festsaale der Pariser Hochschule für soziale Forschung fand heute unter dem Ehrerworsih des Gesandten Dr. G r ü n b e r g e r ein Vortragsabend im Rahnrerr des von der genannten Schule veranstalteten Zyklus über die Wirkungen des Krieges auf das politisch e L e b e n in Europa statt. Vortragender war der ehemalige österreichische Finanzminister Dr. Kienböck, der die gegenwärtige Lage Oesterreichs zum Gegenstand getzvählt hatte. Er hob hervor, daß die verhältnismäßig geringe Summe von 650 Millionen Goldkronen genügt habe, um die finanzielle Wiederaufrichiung Oesterreichs zu sichern nnd seine Währung zu stabilisieren. Im Gegensatz zu dieser staatsfinanziellen Sanierung stehe die gegenwärtige beunruhigende wirtschaftliche Loge Oesterreichs. Charakteristisch sei die große Zahl der Arbeitslosen, die sogar die Idee einer großzügigen ALlranLerungsaktion gezeitigt habe. Oesterreichs Wicht sei es, aus die Gefahren, die ihm drohen, hinzuweisen. An der gegenwärtigen Krise trage Oesterreich keine Schuld. Es habe alle erdenklichen Anstrengungen gemacht, um sich emporzuarbeiten. Oesterreich ist auf den internationalen Verkehr angewirsen. Das europäische Zollsystem drohe es zu e r st i ck e n. Die ausländischen Märkte müßten Oesterreich zugänglich gemacht werden. Dieser Wunsch nach Verkehrsfreiheit decke sich auch mit dem Gesamtinteresse Europas. Ein in dreißig Teile zerrissenes Europa müsse unbedingt von Amerika mit seinem ungeheunn einheitlichen Wirtschaftsgebiet hoffnungslos in den Hintergrund gedrängt werden. Eine literarische Propaganda ziele auf ein zu schaffendes Paneuropa hin. Das sind Vorstellungen, die noch etwas der näheren Definition entbehren. In mehr nüchternen Köpfen formt sich ein eingeschränkterer Plan dahin, daß, wenn schon nicht ein einheniliches Wirtschaftsgebiet für ganz Europa erreichbar ist, doch die jetzigen allzu kleinen Wirtschaftsgebiete zu größeren Gruppen vereinigt werden mögen. So sei in Oesterreich der Wunsch nach einer Vereinigung mit dem Deutschen Reich in wirtschaftlicher Beziehung Gegenstand' sehr lebhafter Besprechungen, woibei nicht immer an eine politische Bereinigung gedacht wird. Für Oesterreich habe der Gedanke der Schaffung großer Wirtschaftsgebiete eine große Anzichungskraft. Es würde der Verwirklichung der Idee eines wirtschaftlich vereinigten Europa in seiner allgemeinsten Form mit größter Freude zustimmen. Keine Gefahr sei größer für Oesterreich, als die, daß der Gedanke selbst, weil seine Verwirklichung nicht leicht ist, fallen gelassen werde. Diese Gefahr sei ohne Zweifel vorhanden. Sache der Parlamente sei es, mchr als bisher sich der völkerverbindenden Idee zuzuwenden. Die Episode der Absperrungspolitik müsse einer Epoche Platz machen, die von dem.Gedanken der w i r t s ch a ft l i che n Z u s a mm e nsassung der Völker getragen ist. 8in Bortrag zimmermanr. Amsterdam, 25. Februar. In einem gestern abends in der hiesigen Univevsität vom Völkerbundkommissär für Oesterreich, Dr. Z i m m e r m a n, gehaltenen Vortrag über das Wirken des Völkerbundes in Oesterreich hob der Redner hervor, daß seine persönlichen Beziehungen zur österreichischen Regierung st e t s g u t gewesen seien. Die von holländischen Blättern aus der Sensationspresse übernommenen gegenteiligen Berichte seien vollkommen unwahr. Srobdeutsche gegen Landbllnüler. Zwischen den landbündlerischen Abgeordneten des niederösterreichischen Landtages Dr. Gasselich und Koppensteiner und der großdeutschen Landtagsfraktion war es schon vor einiger Zeit zu Miß Helligkeiten gekommen, in deren Verlaus schließlich die beiden aus dem gemeinsamen Landtagsklub austraten und sich als landbündlerische Zbveimännerpartei im Landtag selbständig machten. Gestern haben nun die Großdeutschen an den Landtügspräsidenten Jukel eine Zuschrift gerichtet, in welcher sie unter Berufung auf de Geschäftsordnung und die Verfassung verlangen, daß der BerfassungsgerichtsAf den Mandatsverlust der beiden Landbundler beschließen möge. Niederlage der Sozialdemokrat«« bei de« Personalvertretangsttahlen in der Saswerksdirektto«. Mittwoch fanden die Personalvertretungswahlen der Beamten und Angestellten der Direktion der städtischen Gaswerke statt. Bisher bestand die Personälvertretung aus s i eb*n sozialdemokratischen Mitgliedern. Bei der vorgestrigen Wahl wurde auch ein unpolitis che Liste ausgestellt, welche v i e r von den sieben Mandaten erhielt. Die offizielle Liste Mb mit drei Mandaten in der Minderheit. Daraufhin hat der bisherige Obmann Pen dl seine Stelle niedrrgelegt und für ihn wuvde der Vertreter der unpolitischen Liste Holzer gewählt. ß WerbetAbonnentenfür die f 1 „Wiener Morgenzeituug" I 86. Februar 1926 M. HW Tagesbericht. AWdifche Weisheit. (Für'die „Wiener Morgenzeitung" nmch N* Quellen bearbeitet.) Me4chMS. Warum wird Israel der Oelfrucht verglühen? Um dich zu lehren: Wie die Olive erst unter der Presse ihr Oel heraustreten läßt, so wendet sich Israel erst unter Leidenszucht zrr>" Guten. Drei Merk-mwike. Drei Merkmale hat dieses Volk: Sie sind barmherzig, schamhaft und wohltätig. Nur wer alle drei Merkmale zu «Ga» hat, ist würdig, diesem Volke anzugehören. Wmvdel der Zeile«. Stab Chanina bar Jssai sprach: „ES gibt Zeiten, da dtz Welt und ihre Fülle die Majestät der Gvchtheit nicht sttssm kann, und es gibt Zeiten, da si« zwischen seines Haichtes Haaren mit dem Menschen redet. „der Zionismus als Witter zwWe» Juden und Richlinden." Ein Vortrag des Oberrabdiners Dr. CHajes. Ueber Einladung der zionistischen Bezirkssektion 6 bis 8 hielt gestern Oberrabbiner Prof. Dr. C h a j e s im Verbandsheim in der Königseggasse unter obigein Titel einen überaus interessanten Vortrag, aus dem wir Folgendes auszugsweise wiedergeben: Der Titel des Vortrages, so führte der Redner aus, will besagen, daß der Zionismus dazu beiträgt, daß die N i ch t j u d e n das jüdische Volk endlich verstehen> lernen. Die Zeit des fälschlich so genannten „Patriotismus", der sich darin erschöpfte, nachzudenken, wie man es am besten verhindern könne, daß einem der Nachbar schade, und wie man ihm am meisten schaden könne, sind vorüber und die Völker können daran gehen, einander verstehen zu lernen. Den Gedanken des Sichverstehe n s und einander Helsens hat das jüdische Volk schon vor Jahrtausenden in unübertrefflicher Weise in der messianischen Idee gefaßt, als die anderen Völker dazu noch nicht das geringste Bedürfnis zeigten. Deshalb ist es für uns auch leichter *als für alle anderen Völker, den Versöhnungsgedanken in uns aufzunehmen. Leider hat das Judentum in den letzten 150 Jahren selbst dazu beigetragen, eine Mauer zwischen sich und den anderen Völkern aufzurichten, die es verhinderte, daß die anderen uns verstehen lernten. Der Zionismus geht jetzt daran, diese Mauer einzureißen. In der Zeit vor der französischen Revolution — es ist dies nur eine ungefähre Zeitbestimmung — war nur das Konfessionelle als Unterschied zwischen den Menschen maßgebend. Selbst innerhalb der einzelnen Nationen war nurdies das Kriterium, wonach man die Einzelnen unterschied. Damals waren die Merkmale, die die Juden von den anderen Völkern abhoben, ganz klar im Konfessionellen gegeben. Anders nach der französischen Revolution. Das Konfessionelle trat in den Hintergrund und nationale Probleme tauchten auf. Nur bei den Inden, mit denen man nichts Rechtes anzufangen wußte, blieb man aus Bequemlichkeit, weil man keine neuen Probleme schaffen wollte, bei der alten Unterscheidung nach der Konfession. Das machte es den anderen rmmöglich, die Juden wirklich zu verstehen, weil die konfessionellen Gebräuche der Juden in den verschiedenen Ländern ganz verschiedenartig waren und sind. Andere Juden, namentlich die in den westlichen Ländern, übten überhaupt fast keine konfessilonellen Gebräuche, so daß sie sich von den anderen Völkern in nichts unterschieden. Dennoch ist das Jude nt u m etwas, das man trotz Taufe und Nichtausübung der Gebräuche nicht ab st reifen kann. Das war die Mauer, die uns von den anderen Völkern trennte. UnsereSchuld war es, daß wir nicht darauf hingewiesen haben, daß das Judentum sich nicht nur in religiösen Gebräuchen erschöpft. Erst vor wenigen Jahrzehnten, mit dem A u f t a uchen des Zionismus, der Jtwen und Nichtjuden zum Nachdenken anregte, ist es den Nichtjuden möglich geworden, das jüdische Volk zu verstehen. Jetzt erst haben die anderen Völker begriffen, was Jude sein heißt. Wir zeigen der Welt durch unsere epochalenLei st ungen in Erez Isr ael, daß wir noch über eine große Schatzkammer verfügen, die wir jetzt der Welt eröffnen. Heute erregt unser Werk noch Interesse, morgen wird es vielleicht schon erlösende Kraft ausüben. Erst jetzt verstehen uns die anderen Völker, weil sie wissen, was wir wollen und was wir leisten. Das große Verdienst des Zionismus ist es also, daß er opst na ch Jah r t ausenden es ermöglicht Jjwt, daß die anderen Völker uns verstehen. „Wenn man uns unsere Kräfte ftxügtbt und sie ohne Hemmnis sich entwickeln läßt, dann werden wir beweisen, daß wir der Menschheit noch Großes und Entscheidendes zu geben haben", schloß Oberrabbiner Chajes seine Ausführungen. Sie wurden von dem überaus zahlreich erschienenen Publikum mit großer Begeisterung ausgenommen. Der Obmann der zionistischen Bezirkssektion 6 bis 8, Dr. Max Bernhard, dankte dem Redner in herzlicher Weise.