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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-24 · Heft 2517 (24.2.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2517 (24.2.1926)
Date
1926-02-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wiener Morsenzeltuns 24. Februar 1928 Nr. 9817 Men, MNSo H Stinnes und die Schwarze Reichswehr. Sine aufsehenerregende SnthMnag Wer gnsammenhünge zwischen der Hugo Stluuer &•§. in Hamburg und der Schwarze» Reichewehr. Berlin, 23. Februar. Nach dem „8-Uhr-Abendblatt" sollen aufsehenerregende Zusammenhänge zwischen der Hugo- Stinnes.Seeschiffahrts-A.-G. in Hamburg und der Schwarzen Reichswehr, beziehungsweise ihrem Führer, Oberleutnant Schulz, bestehen. Die Mitteilungen, die vorläufig nur mit allem Vorbehalt wiedergegeben. werden, erstrecken sich auf die Aeutzerungen eines Gävährsmannes, der im wesentlichen berichtet habe, daß dem Schulz wiederholt hohe Geldbeträge durch einen Direktor Laux von den Ostdeutschen Stanz- und Emaillierwerken, deren überwiegende Aktienmehrheit sich im Besitz der Hugo-Stinnes- Seeschisfayrts-A.-G. befindet, ausbezahlt worden seien. Es soll sich einmal sogar um den Betrag von 20 bis 40 Millionen Mark gehandelt haben. Der Gewährsmann behauptet auch, gehört zu haben, daß Laux noch in anderer Weise mit Schulz liiert gewesen sei, indem er von Laux den Auftrag erhalten habe, aus der Schlotzkaserne in Küstrin eine Anzahl Waffen, Munition und Handgranaten abzuholen. Auftragsgemäß seien die Waffen usw. iit einem Kleiderschrank mit doppeltem Boden im FabriHszimmer des Laux versteckt worden. Es habe sich um 10 Maschinenpistolen, 50 Handgranaten und Munition gehandelt. Die Hälfte dieser Bestände sei von einem Beauftragten der Hugo-Stinnes-Seeschiffahrts-A.-G. nach Hamburg befördert worden. Nie Fememorde. Die amtliche deutsche Berichterstattung. Aus Berlin hatte gestern das Wolfs-Bureau gemeldet: Jur Verlause der nichtöffentlichen Sitzung des Fememorduutersuchuflgsausschusses des Preußischen Landtages gab der Vorsitzende .Abg. Göbel (Zentrum) mehrere Schreiben bekannt, die bei ihm emaegangen sind, darunter ein solches des bekannten Grütte-Lehder, worin dieser nochmals die Behauptung ansstellt, daß er den seinerzeitigen Mord, der durch evstinstanzlichs Urteil bereits gerichtlich geabirdet wurde, auf Anweisung der beiden völkischen Abgeordneten Wulle und Kube begangen halbe, und worin er den Oberstaatsanwalt Dr. Jäger'beschuldigt, in dem Verfahren gegen Wulle it i: dfj t Nachdruck! a ch g c n u g borge gangen zu sein. Der Ausschuß behielt sich eine Beschlußfassung über dieses Schreiben vor. Diese Berichterstattung ist sehr sonderbar: Sie kann sogar Als Unterschlagung bezeichnet werden. Aus den vorliegenden Berliner Blättern erfährt man erst, was in diesen! Brief 'tnnb und wie es mit dem „seinerzeit!gen Mord" bestellt mttttetnttgett. . Für den Samm-elband „Künstlerbekenntnisse", welchen Paul W e st h e i m im P r o p y il ä e n- Verlag erscheinen läßt, steuerte dev bekannte indische Maler Mare Chagall, ein Kind chassidischer Eltern, die nachstehenden Erinnerungen an seine Kindheit bei. Das erste, Ivas mir in die Augen sprang, war ein Trog. Einfach, viereckig, nicht einmal sehr tief und innen rund wie ein halbes Ei. Ein Markttrog, ich füllte ihn ganz aus, wenn ich hineinkroch. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, vielleicht hat es mir die Mutter einmal erzählt: Gerade als ich geboren wurde, in' der Stadt Witebsk „Piskowatik", in einem Hühnerhäuschen an der Chaussee hinter dem Gefängnis, »var ein großes Feuer. Es brannte die Stadt. Der Teil, wo die armen Juden wohnten. Man »chm das Bett .und die Matratzen, die Mutter und das Kind zu ihren Füßen und trug sie an einen sicheren Ort in einen anderen Stadtteil. Aber noch'vordem: ich wurde tot geboren... ich habe durchaus nicht leben wollen. Stellt euch so ein blasses Wesen vor, das nicht lebendig werden will — als ob es sich au Chagall-Bildern übernommen hätte. Man piekt es mit Stecknadeln, taucht es in einen Wassereinier und endlich gibt es ein Gewinfel ■ von sich. Aber das Wichtige dabei: ich wurde tot geboren. (Hoffen wir, daß die Psychologen daraus keine für mich ungünstigen Schlüsse ziehen. Seid gnädig!) Das Häuschen meines Vaters und Großvaters in Piskowatik an der Chaussee blieb unversehrt. Ich habe es noch vor kurzem gesehen. Kaum war mein Vater „reich" geworden, als er es auch schau verlauste. Es erinnert mich au den Höcker auf dem Kopfe des grünen Maggid, den ich 1914 in Witebsk gemalt habe. Oder an eine Kartoffel, die Ulan in eine Tonne mit eingelegten Heringen geworfen hat. Als ich in, meiner heutigen Größe auf dieses Häuschen herabschaute, habe ich mich etwas krumm gemacht und gefragt: Wo eigentlich konnte ich hier geboren werden, wie hier atmen? Als'nun! mein saug- und schrvarzbärtiger Großvater in Ehren gestorben war, erstand mein Vater für anderthalb Rubel ein neues Besitztum. Hier war kein Irrenhaus mehr in der Nähe wie in Piskowatik, ringsherum Kirchen, Zäune, Läden, Synagogen... eitlfach, einsilbig llnd ewig wie die Gebäude auf den Fresken Giottos. Um mich ringsherum, her und hin, drehen sich und winden sich, gehen vielerlei Anden: war. Es wäre überhaupt notwendig, darauf hinzuweisen, wie die Berliner Berichterstattung über die rechtsradikalen Dinge aussieht. Hier liegt ein System vor. Robert Grütte-Lehder, der am 11. Novoinber 1923 wegen Mordes zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worben war, sagt in dem Brief: „Im Aufträge der Abgeordneten Mulls und Kube habe ich im November 1923 den Spitzel Dämmers erschossen, der im Begriff stand, einen vom völkischen Abgeordneten Ahle man ausgegangenen Attentatsplan am preußischen Innenminister Severing für Geld zu verraten. Er beschuldigt den Oberstaatsanwalt Dr. Jäger, er habe die in dem Prozeß belasteten völkischen Abgeordneten nicht vorgeladen und er habe einen wichtigen Brief mit Angaben gegen Wulle, Kube und A h l e m a n n (das sind die Spitzen der als völkische Freiheitspartei auftretenben Hakenkreuzler) unterschlagen. Im preußischen Landtag Protestierte gestern Wulle dagegen, daß dieser Brief publiziert worden sei! Oberstleutnant Ahlemann hat, wie Wolfs mitteilt, gegen sich die Einleitung des Verfahrens beantragt. Skirndlrlszerren im Preußischen Landtag. In der heutigen Sitzung des preußischen Landtages kam es zu heftigen Skandalszenen. Als der deutschvölkische Abgeordnete Wulle eine Erklärung über den von Grütte-Lehder an den Untersuchungsausschuß gerichteten Brief äbgeben wollte, wurde er mit den Rufen: „Fememörder! M ord an stifte r!" von den Sozialisten empfangen und konnte sich infolge des herrschenden Lärmes zunächst nicht verständlich machen. Wulle bezeichnete dann die Behauptungen Grütte-Lehders als Lügen und schloß mit der Erklärung, seine Fraktion werde, um allen weiteren Diskussionen die Spitze ab'zubrechen, die Einbeziehung des Falles Grütte-Lehder' in die Untersuchungstätigkeit des Fememordausschusses beantragen. Kurze Nachrichten. Wie das Foreign Office mitterlt, hat der König die Urkunden, durch die die Locarnoer Verträge ratifiziert werden, unterzeichnet. Die französische Kammer hat beschlossen, die Ratifizierung der Verträge von Locarno auf die Tagesordnung der DonnerstaMtzung zu stellen. Briand hat der englischen Regierung sein Einverständnis zur Herabsetzung der Besatzungstruppen im Rheinland von 75.000 Mann auf 60.000 Mann mitgetei'lt. Im englischen Unterhanse wurde gestern trotz lebhaften Protestes auf den konservativen Bänken mit 325 gegen 144 Stimmen ein von der Arbeiterpartei eingebrachter Gesetzentwurf angenommen, durch den die Ausfuhr von Kunstgegenständen aus Großbritannien verboten wird. Die Angeschuldigten int Matteotti-Prozeß sind gestern nachmittags nach Ehieti gebracht worden, wo demnächst der Prozeß stattfinden wird. alte, junge, Jawitsche und Boline. Ein Bettler eilt nach Hause. Eirt Reicher geht nach Hause. Ein Junge aus dem Cheder geht nach Hause. Vater geht nach Hause. Ja, damals gab es noch kein Kino. Man ging nach Haust oder in ben Laden. Das ist das, woran ich mich nach dem Trog erinnere. Ich spreche nicht vom Himmel, von meinen Kmdersternen. Das waren doch meine Sterne: meine stillen Sterne ziehen mit mir in den Cheder, warten auf mich draußen, bis ich zurückgehe nach Hause. Arme, verzeiht mir, ich lasse euch in so schwindelnder Höhe zurück. Meine frohe, traurige Stadt! Dich habe ich in meinen Kinderjahren von unserem Pföttchen aus schreckhaft betrachtet. Den Kinderaugen warst du deutlich sichtbar. Wenn der Zaun störte, stellte ich mich auf einen kleinen Pfahl, wenn du auch daun noch nicht zu sehen warst, stieg ich aufs Dach. Macht nichts — mein Großvater ist auch gestiegen. Und da tvarst du mir sichtbar. Hier auf der Pakrowastraße bin ich zum zweiten Male geboren. Habt ihr einmal irgendwann eine von den zufälligen Personen auf den Bildern der Florentiner gesehen, mit nie geschorenem Barte und Augen, aschgrau und braun zugleich, mit einem Gesicht wie gebrannter Ocker, mit Runzeln und Warzen? Das ist mein Vater. Oder habt ihr eine Gestalt aus der Hagada gesehen, in ihrer Oesterlichkeit, ihrer Einfalt? (Väterchen, verzeih!) Erinnerst du dich, ich habe von dir eine Skizze gemacht. Dein Bild sollte beit Eindruck einer abbrennenden und gleichzeitig verlöschenden Kerze erwecken. Ihr Geruch, der Geruch des Schlafes. Es summte eine Fliege. Verfluchte. Ihretwegen schlafe ich ein! Lohnt es denn, von meinem Vater zu sprechen? Was für einen Wert hat der Mensch, der keinen Wert hat? Eine unschätzbare Persönlichkeit! Und gerade weil er unschätzbar ist, wird es mir besonders schiver, für ihn die richtigen Worte zu finden. Der Großvater, ein Melamed, wußte nichts Besseres, als den ältesten Sohn, meinen Vater, von KindWt an zum Gehilfen in einem Heringsladen zu bestimmen und den jüngsten zum Friseur. Aber nein! Er war ziveiunddreißig Jahre kein Gehilfe, sondern ein einfacher Arbeiter, er hob vier bis fünf Pud schwere Fässer, und mein .Herz krampst« sich wie ein türkischer Kringel, ivenn ich sah, wie mein Vater unweit von seinem dickbäuchigen Herrn diese Lasten trug und mit erfrorenen Händen die kleinen Heringe nmrührte. Nur mir ivar dies poetische, volkstümliche und vom Schweige» abgestumpfte .Herz bekannt. Er erhielt fast bis in die teuersten gefej Ihr« Gesundheit können Sie vollständig wieder zurückerlangen, von allen Ihren Schmerzen werden Sie gründlich befrei^ wenn Sie DIANA- FRANZBRANNTWEIN äusserllch zu Einreibungen, innerlich, auf Zucker, tropfenweise genommen, verwenden. Das beste Hausmittel. Ueberall erhältlich. Inland. fff» neuer Regierung-Vorschlag W Auswertung der Mietzinse. Eine Friedenskrone — 30 Groschen. — Teilweise Aufwertnng der Hypolhekarschuldon. Gestern empfing Minister für soziale Verwaltung Doktor Resch die Vertreter der Parteien des Nationalrates im Kleinrentnerausschuß, itnt sie über den neue n Entwurf der Regierung betreffend das Kleinrentnergesetz, der heute im Unterausschuß zur Beratung gelangen soll, zu informieren. Ter Minister machte den Parteienvertretern unter anderem folgende Mitteilung: Die Regierung wird den Entwurf des Kleinrentnergesetzes dahin ergänzen, daß es möglich sein wird, für Kleinrentner eine Erhöhung der Unterstützung vielleicht bis auf 8 0 Schilling m o n a t l i ch vorzusehen. Es wird im neuen Entwurf auch dem Wunsche Rechnung getragen werden, den sogenannten Kleinrentnern einen Rechtsanspruch auf eine Ausgleichsrente zu. geben, sobald gewisse Voraussetzungen hiefür vorhanden sind. Diese obenerwähnte Erhöhung der Ausgleichsrente und der Rechtsanspruch auf dieselbe wird nur dann erfolgen können, wenn die Beitragsleistungen, die den Kleinrcntnerfonds speisen, entsprechend erhöht werden. Die Negierung glaubt, daß eine angemessene finanzielle Stärkung des Fonds erst dann möglich sein werde, wenn die Eigentümer von Liegenschaften, für deren Erträgnis das Mietengesetz maßgebend ist, das Recht haben werden, den gesetzlichen Mietzins bis auf 30 Groschen für die Friedensmietzinskrone zu erhöhen. Dann würde nach dem Entwurf ein Beitrag zum Kleinrentnersonds zu entrichten fein, und zwar einen Groschen für die Friedensniietzinskrone. Nach den Schätzungen der Regierung dürften rund fünf Millionen Schilling auf die Beiträge der Eigentümer solcher Liegenschaften entfallen. Durch diese Summe würde der gegenwärtige Kleinrentnerfonds eine Verdoppelung erfahren. Es sind auch Beiträge von Hypothekarschutdnsm vorgesehen, auf deren Liegenschaften vor dem 1. Jänner 1919 Forderung Jahre lumpige zwanzig Rubel. Die fünf Kopeken Trinkgelder der Kunden erhöhten sein Taschenbudget. Und doch war mein Vater kein armer, junger Mann, nein, die Photographie aus seinen jungen Jahren und die Besichtigung unseres Kleiderschrankes sprechen davon, daß mein Vater meine Mutter im Vollbesitz einer gewissen finanziellen und physischen Macht heiratete. Daß er seiner Braut, einem etwas zu kurz geratenen Mädchen, das aber in der Ehe eüvas nachgewachsen ist, einen prächtigen Schäl überreicht hat. Nach der Heirat hörte mein Vater auf,.meinem Großvater den Wochenlohn äbzüliefern und lebte für sich. Aber ich möchte zunächst das Bild von meinem schwarzbärtigen Großvater beenden. Ich weiß nicht, ob er die Kinder noch lange unterrichtet hat. Man sagt, er war ein überaus geehrter und angesehener Jude. Als ich den Friedhof besuchte, zusammen mit der Großmutter vor zehn Jahren, und seinen Mazeiwe (Grabstein) erblickte, habe ich mich überzeugt, daß er ein guter Jude ivar. Ein wertvoller Jude, ein heiliger Jude. Liegt gerade am Flusse, am schwarzen Zaun, wo das trübe Wasser abfließt. Liegt unter einem Hügel neben längst verstorbenen Geonim (Gelehrten). Schwach, aber doch sichtbar hat sich der Grabstein mit der hebräischen Inschrift erhalten, daß hier ein Jsch chacham (weiser Mann) liegt. Großmutter hat mir mit den Fingern gezeigt: Das ist das Grab deines Großvaters, Vater deines Vaters und mein erster Mann. Sie murmelte mit den Lippen, sie konnte nicht weinen, flüsterte Worte, halb eigene, halb aus dem Siddur. Ich hörte, «wie sie jammerte, sich über den Mazeiwe bückte, als ob der Stein und der kleine Hügel mein Großvater wären, als ob sie sich dem Innern der Erde zuwendete, oder es irgendein Schrank wäre und in ihm ein Gegenstand für ewig verschlossen ruhe: „Ich bitte dich, Dovid, 'bete für uns, für deine Kinder. Ich bin deine Batscba. Bete für deinen kranken Sohn Chadze, für deinen mageren Sus'kje, für ihre Kinder. Bete, sie sollen Menschen sein, für Gott und für die Leute." Jedoch die Großmutter, des Vaters Mutter, toar nur besser bekannt: diese Frau, nichts als ein Kopftuch, ein Unterröckchen und ein verhutzeltes Gesicht. Ein anderthalb Arch'm großes Figürchen. Im Herzen: Demut, Liebe zu einigen ausertvählten Kindern und das „Corminche". Als Witwe zurückgeblieben, heiratete sie mit Erlaubnis des Rabbiner? meinen anderen Großvater, den Vater der Mutter, dessen' Frau ebenfalls gestorben war. Das erste Paar starb in demselben Jahre, in dem meine Eltern heirateten. Auf den Thron stieg meine Mutter.

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