Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1777 (26.1.1924)
- Date
- 1924-01-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Moeaenzeituns. _^_' 36. Jäimer 1924 " Seik H Zionistische Bezirkesektion Leovoldstadt ... Sektor 3 Nr. 1777 Wien, Samsiag Smokinganzug £ .'.«MLLL llllllillllllllllli 3ts HEINRICH WEINBERGER Wien» x« Bezirk, Singerstrasse 6 Erreichung und Festigung des KLassenftiedenS, die Gesftvmvg der MenNbedinyungett der Angestellten, das Mischen den Arbeitern und Produzenten erreichte Einvernehmen, die Reorganisierung der BerwMnng, die VereirchoMchnng der Gesetzgebung und VerwÄtmrg, die RvovgMGernng der Anne« uttb schließlich die allgemeine Reform der Institutionen, die sich jrrtt den Staatseinnahmen und -Äusgalben zu befassen haben, wodurch die Nation einen mächtigen, geordneten finanziellen Organismus erhalten habe. In Betsprechu-ng der auswärtige« Politik erklärt das Expose, die Negierung habe inmitten der schwersten sachlichen, die früher überkommenen Schwierigkeiten gezeigt, daß sie die Verträge einhalte und mehrere bis nun ungelöste ernste Menmngsverschiedenheiten golöst habe, von denen eine Anzahl für das Land von vitaler Bedeutung sei und in ihre gange auswärtige Politik den Charakter der Klarheit Md Wüvde und gleichzeitig das Gefühl wachsamer Verantwortlichkeit hrneingetragen. Der Bericht schließt mit dem Ausdruck der Ueibevzeugung, daß daS italienische Volk eine Politik unterstützen werde, die ainzig und allein dahin ziele, die glückliche Entwicklung des Landes Zu beschleunigen, die nicht auSbleiben kamt. Sine Rede Lord vreys. London, 25. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) LoÄ> Grey hielt gestern auf einer von den Liberalen veranstalteten Versammlung führender Eithleute in London eine Rede, in der er die Rolle der Liberalen im Unterhaufe wie folgt kennzeichnete: Heute könne die liberale Partei die Arbeiterpartei einfach dadurch stürzen, daß sie den Sitzungen des Unterhauses fern bleibt. Diese Methode sei einfacher, als gegen die Arbeiterpartei zu stimmen. So oft die Arbeiterpartei, sagte Lord Grey, konstruktive Maßnahmen Vorschlägen wird, werden wir sie unterstützen. Wenn sie aber dazu übergehen sollte, dem Unierhause zweifelhafte Projekte zu unterbreiten, werden wir uns einer solchen Politik widersetzen. Lord Grey besprach sodann auch die außenpolitische Lage und erklärte, daß die Lage in Europa in England große Besorgnis errege. Frankreich habe durch seine Rhein- und R u h r p o l i t i k und durch ein System von Verträgen mit kleineren Staaten, die es bewaffnete, sowie durch seine Rüstungen versucht, den Frieden zu sichern. In dem dadurch erzeugten RüstungSfieber gehe nun Europa geradewegs denselben Zuständen entgegen, wie sw v o r dem Kriege bestanden haben. Nur der Völkerbund könne diese Bewegung aufhallen und eine Katastrophe verhindern. Voraussetzung dafür sei aber desie» Vervollständigung sowie die Unterschrift Deutschlands unter seine Satzungen. Wenn Deutschland diese Unterschrift geleistet habe, könne er es sich sehr wohl denken, daß England bereit wäre, folgendes Angebot an Frankreich zu machen: Wenn in einem Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich beide Parteien sich Verstöße gegen die Satzungen des Völkerbundes zuschulden kommen lassen, dann werde England strikte Neutralität wahren: wenn dagegen nur eine der beiden P a r t e i e n die Satzungen des Völkerbundes verletzt habe, dann erkläre sich England bereit, nicht nur den Staat, der sich korrekt verhalte, zu unterstützen, sondern denjenigen Staat, der die BolkerbundSsatzungen verletzt habe, mit Waffengewalt zu ihrer Einhaltung zu zwingen. Die gegenwärtige Politik Frankreichs aber, die der Vorkriegspolitik gleiche, sei zum Mißerfolge bestimmt. England könne einer solchen französischen Politik seine Unterstützung nicht gewähren. Nur die volle Zusammenarbeit mit Deutschland und den anderen Nationen unter dem Banner des Völkerbundes könne das SicherheitSproblvm lösen. Der englische Menblchnerftrett. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 25. Jänner. .Der Eisenbahnerstreik befindet sich nach den neuesten Nachrichten noch in labilem Zustand. Der Streikführer Bromley äußerte sich sehr zufrieden über den Streikverlauf und machte geheimnisvolle Andeutungen, daß sich die Lage zugunsten der Streikenden am Ende der Woche verändert habe. Der Arbeitsminister S h a w hat bisher noch nicht amtlich interveniert. Ein Sonderkomitee des Generalrates des Trade Union-Kongresses tagt ständig und bemüht sich, einen Ausgleich zu schaffen. Der Präsident der National-Union sagte, es sei unmöglich vorauszusagen, wie lange der Streik noch dauern werde. DaS Ergebnis sei aber zweifellos die Niederlage der Streikenden und die Annahme der gleichen Bedingungen wie sie die Bahn-Union und BahnangLsMten angenommen haben. Die Lnmersei« skr Lenin. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Moskau, 25. Jänner. Die Trauerfeier für Lenin wurde für Sonntag festgesetzt, damit alle Delegationen, die an dem Begräbnis teilnehmen wollen, rechtzeitig aus der Provinz eintreffen können. Die Beerdigung findet auf dem RotenPlatz an der Mauer deL Kreml im neuerbauten Mausoleum statt. Die zur Bestattung Lenins herbeiströmenden Menschenmassen sind auch in der vergangenen Nacht trotz der scharfen Kälte nicht kleiner geworden. Zur Erwärmung der auf den Straßen wartenden Neugierigen sind riesige Holzstöße in Brand gesetzt worden. Leningrad statt Petersburg. . Petersburg» 25. Jänner. (Wolff.) Der Petersburger Sowjet hat auf ein Telegramm SinowjewS hin beschlossen, den Namen der Stadt Petersburg in Leningrad umzuändern. Der tschechlsch-fnmMche Bertrag unter« zeichnet. Paris, 26. Jänner. Mnisterpräfident Pv in rare und Außenminister Dr. Be nes ch haben he.ute vormittags den franzöfisch-ffchecho-slowakifchen Vertrag unterzeichnet. Der Wortlaut des Vertrages wird gleichzeitig am Sonntag vrmmttays in Paris und in Prag veröffentlicht IverVen. Der Vertrag ist ein Bündnis- und Fre.nn>dschaftsvertrag. Indem die Leiden Länder sich von dem vom Völkerbund aufgestellten Grundsätze m betreff der gegenseitigen internationalen Garantien leiten lasien, verHirndsn sie die Achtung der internationalen Verpflichtungen, den Willen zur Wahrung des europäischen Friedens sowie das treue Festhalten ■ an Äw gegenwärtigen staatsrechtlich-politischen Ordnung Europas, wie sie durch die Friede-nSverträge festgesetzt ist. Die beiden Mächte eEäven, daß sie bereit find, sich Wer äußere Fra- Heute Samstag den 26. d., präzise 8 Uhr abevd? im Cafe Stadt Wien, II. Taborstraße 8 Dr. Wolf Herzberg: „Judentum trat) Noulsnm»" Jeden Samstag Zusammenkünfte mit Vorträgen gen, die ihre Sicherheit gefährden lstunum, ins Einvernehmen zu setzen und die im Falle der ('•kjcijv zu ergreifenden Maßnahmen einverstündlich ftstMellen. Sie betonen das treue Festhalten an den im Artist l 88 de» Vertrages von Sainl-Germain ---n politischen Grundsätzen sowie den Wunsch, eine geme fflintc Haltung gegeniiiber ftldom Verfluch einer Wiedereinsetzung der Hohenzollern und der Hc'5;• b urge r einzunehmen. Kvofta bei Gvünbevger, Im Aufträge des Ministers Dr. Benesch har der Mener tschecho-slowakische Gesandte Dr. Krofta gestern vormittags den Minister Dr. Grünberger den Inhalt des politischen Vertrages zwischen der Tschecho-Slowakei und Frankreich zur Kenntnis gebracht. Minister Batz stber mgurifche „Demskratie". Meder eine lärmende Parlamentsdebatte. Budapest, 38. Immer. In fortgesetzter Debatte über die Jndvmnitätsdorlage beschäftigte sich Mb-g. Dr. B o g y a. (parteilos) mit den außenpolitischen Fragen. Er füchvie aus, dom ungarischen Gesichtspunkt aus sei der ^italistti-sch^ugoslawische Vertrag zu begrüßen, weil er einen Keil in die Aeine Entente treibe. Redner empfiehlt weiter eine A-unühevung an Pol« n, B n l g a r i e n, R u m ä n i c n r-.^d die Türkei. Der stellvertrttvlÄe Ministerprüsidenit Dr. Baß befaßte sich ausführlich mit der Frage der Demokratie und erklärte, der sei kein echter Demokrat, der moderne staatliche Einrichtungen so schaffen wolle, iridsm er sich von den geschichtlichen Ueberli-eferungen der NÄrtior: lossage. Unter lärmendem Wilderspruch der äußersten Linken betonte der Minister,, wenn die Sozialdemokraten von einem «weißen Terror sprechen, mögen sie auch bedenken, daß sie an dom politischen Abschnitt Anteil hatten, in den: viel furchtbarere Verbrechen begangen worden seien. In der Nationalbersammklung säßen auch sozialbenrokratische Wgeordnete, die an den Sowfttsitznwaen teilgenonnnen hätten, während in den Kellern des Parlamentsgebäudes Unschuldige Zu Tode gepeinigt worden seien. Es sei also nicht am Platze, daß die Sozialdsnrokraten, die an ähnlichen Schauer taten Anteil ha tten, nun die na ch der Kommune verübter: Gewalttäter: hevvorkehren. Der Minister wendete sich sodann ar: die R a s s e n s ch ü tz l e r und forderte sie aus, die von ihnen vertveienen Ideen nicht mit ungeeigneterl Methoden u.nd Mitteln zu diskrbdiriercu. Wenn jemand' um Geheimnisse wisse oder Kenntnis von Nichevtrachtigkeiten intd Verbrechen 'habe, die von der Re-' Seiden*, Futter*, Damenstoff e Lenin. Ein Porträt von OSkar Mum?) Während andere uniergiugen, stieg Lenin empor. UuaushcÄtstmr wie ein Elementarereignis. Phamasmagorisch entfMote sich dieses Leben mir einem jähen uns steilen Aufschwung. 'Aus einer Züricher Dachkammer in die prunikvollm Gemächer des Kremls. Bon der bedingten Herrschaft über eine verhältnismäßig geringe Partei zur DAtcvmr über das größte Jrnperium der neueren Geschichte. Alles, was mi: je ausgesprochen, ersehnt oder erträunU wurde, war, wie durch einen Zauberschlag, Wirklichkeit. Theorien, die dein Gehirn eines Gelehrten enit,stammen schienen, verwandoliderr sich in greifbare Tatsachen. Wie eil: Märchenprinz sah sich dieser Mensch, den alle für einen hoffirungAosen Doktrinär hielten, in: Besitze des Tischlein-deck-dich. Mo immer er auch urit seiner Wünschelrute antippte, überall flössen leuchtende Quellen. Daß er als Russe geboren u«fb in Rußland toiiften umßte, taar ihm wilWonunen. Denn die russische Not sollte Tugend werden. Eben darum, weil die russische Bourgeoisie so schwach war, weil das Zarenreich keim demokratischen Traditionen arMoulmen ließ, weil sein gesellschaftliches Loben der großen Lüge des Parlamentarismus fern geblieben, weil feine Arbeiterklasse buchstäblich nichts zu verlieren hatte als ihre Ketten — darum sollte hier der He!bÄ evslmalig angvsitzt ivvrden. Die schläfrigen Demokratien des Westens waren ihur zn schwerfällig, zu vorsichtig. Wenn überl^upt, so konnte bas Experiment mir in Rußland gelingen, tvo eme taikrästige Minüecheit immer iutstande ist, eine passive Masse unter dem Bamre ihrer Entschlossenheit zu hakten. Der Krieg goß ftisches Oel in feine Flammen. Während alles ringsherum patriotisch fulbelttc und tu einer Se$ct)t:vunfl lobte, die den Hiimnel voller Geigen sah, machte er eine nüchtevne Bilanz. Dies alte. Europa stür-zte sich da in ein Unter« *) Aus dem B'.i„Rtn'si'ch? Keu?." Franz Tchnrider.) lnchnren, aus dm: es mit heilen Miedern unmöglich hervorkommen konnte. Die Nachricht von der Fckrnarrevolution empfing er mit der kalten Gelassenheit des Astronomen, der den Eintritt der Scmnenifinsterniß zum Voraus derechmte. Nun war seine Stunde wieder da, nun hieß es ha-ndlu. Am Zlbend de§ 3. April erschien er in Petersburg. Sein Progranvm sütvohl wie. die Marschroute la-gev W nmrisftn Var seinen Augen. Aulf dem Bahähvf empfängt Md ibsgrützt tn Lsä)eidze. Der Ankönrmling gehört ja zn den Honoratioren der Revolution, aber es ist imimechin bekämet, daß er miburrter ganz phantastische AnwaMungen habe. Kann er nicht arvf -ben Gödarrken Kommen, die alleinsÄigmachrnde Koalition mit dem Bürgertum: zu stören untd die schöne Begeisterung der nationalen Eintracht zu trüben? Er soll eines Besseren >belehrt werden. ^Tscheidze spricht: „Genosse Lenin, im Nt-M:en des Petersburger Sowjets, im Narnetr der Revolution begrüße ich Sie in Rußland. Doch vergessm Sie nicht, daß cs unsere Ausgabe ist, die Revolut ion sowohl gegen äußere als auch ^gegen innere Auschläge jp: verteidigen. Was uns not tut, ist Einigkeit imicvimW der Domvkralie. Wir hoffen, daß Sie #nf cmvnien mit uns dies gemeinsaure ZiÄ verfolgen lverden." Ein Augenblick herrscht Schtveigorl, dar:-« kohrt Lenin TscheidZL den Rücken mid rv-endet sich an die rmPcheude Atenge. Werte Genossen, Soldatet:, Mairojen und Arbeiter! .Ich ü.nu glücklich., in Euch die siegreiche russische Revolution zu begrüßen nud Euch sÄbst als die Bochut der swoLctarischel: WÄtarmree. Der imperialistische RarMrivg ist der Anfang des Bürgevkrieges - in floug Europa. Die Stunde naht, wo dir BöAer aus das Zeichen unseres Genossen Bari LieÄnech: die Waffen gegen ihre Ausbeuter, gegen die Kapitalisten kehren werden. Die Morgenröte der sozialistischen Welitrevoüuion ist angebrochen. In Don-tschland gärt alles. Bon heute ans morgen kann der Zufarnmenbruch des ganzeil Mropäischer: Jrnperialisnms erfolgen. Die Mssische Revolution, die .Ihr vollbracht habt, hat die Katastrophe vorbereitet und eine neue Epoche begonnen. Hoch die sozialistische WeKrevolulion!" Es war dies, wie gesagt, am Me,s> des 3. April ans dein sinniläNdischm Bahnhai zu Petersburg. Wer Ohren hatte, um zu hören, konnte hören. Seine HMnng an jenem sätgenschloerer: Apriiaibend war ja syiwbolisch. Ostentativ kehrte er den prominenten Würdenträgern der Revolution der: Mcken, uu: sch an eine andere Zuhörerschaft zn ivenderr. Und diese spitzte die -Ohren. Sie war kriegsmüde er verhieß ihr sofortigen Frieden, sie hatte Hunger—: er versprach ihr Brot. Sie — die Namenlose — nlihtrartte instinktiv den neuen Gi'msÜingen des Schicksals, die Über ihr.Leben verftigten —: er brandmarkte sie als Ausbeuter und Verräter. Im: Verhältnis Lenins zur Masse ist der Schlssai. seines Anfstieges und seiner Wirkung. MeL, was der Krieg und die RevMotion emstssvlten, wühtte sprungbereit in den Tiefen 'der Volksseele und harrte nur aus ein Zechen, um wie eine Lawine dahinTura-sen. Alle Instinkte, die in jahrhundertclantzer Knechtschasi niedergchalten tvunden, alle Gelüste, die der brausende Odem der Freiheit entisachtc, aller Haß, den eine Sklavenrasse gege:: ihre SNaventhälter hegte: alles schivätigerte die Luft und wartete, eine greifbare Gestalt airzunehmen. Lenin war von demseWen Geschlecht wie jene geschnieigelteu Herren, die täglich stMungsvolle Litaneien hielten, indes sie im gcheirnen ihre Geschäfte besorgten, aber, er stand inmitten des• BoKes und band cä von allen Mrupeln los. Raub:.' sagte er, denn euer Rand ist Wiedervergelt'mrg: tötet, beuu aus dem Blut wird neues Leber: eMnchru-; bvech'. das Ge-sen, denn dies Gesetz habe:: Verbrecher errichtet. Alles, was chr macht um machen werde:, nehme ich auf mich... * I Die Herrscher sahen in Lenin einen Verschwörer. Die Gebildeten einen sozialWchon Wüterich. Die Pavteil-ttNe einen Abenteurer. Dir namenlose Masse — dirsÄbe, die ei löst einen: Rvzin oder Puya:schVv zniudeltr — erblickte ihn in -einer anderen Gestalt. Er w-: '.'■■■ je'ec 'einer 'h':'.: .-:ue 51799991