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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-21 · Heft 2514 (21.2.1926) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2514 (21.2.1926)
Date
1926-02-21
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Rr. m:i Men, Sonntag Mener Morgrttzeriuns 7f. FeVruar 1SS6 GM H ' « Weltredoute. Gedrängt in grell beleuchteten Vergnügungsstätten, in politischen Geheimkabinetten, in Kasernen und in Bureaus, schieben sich die Menschen oder werden geschoben. Ein tolles Treiben! Masken und Larven verhüllen die Gesichter. Auch ohne Larve maskieren sich die Menschen. Verstellung statt der Äiatürlichkeit. Dichte Nebel beschweren mtt ihren Tunstschwaden die Herzen. Und sie bewegt sich lveiter, unsere alte Erde. Ein Problem der Mode nicht durch Diktatur, sondern durch den Entscheid der weiblichen Stars der Bühne und des Filmes zu lösen, wurde in Berlin unternommen. Die Welt des Flimmers hatte zu entscheiden, ob die Männer Schnurrbärte tragen sollen! Ja oder nein!? Es wäre nicht uninteressant, zu erfahren, welchen Partner die eine oder andere Schauspielerin durch ihre Antwort zu treffen suchte; immerhin bleibt es verwunderlich, daß die Antworten geradeaus „ja" oder „nein" lauteten. Liegt doch zwischen ja und nein die stärkste Waffe einer Frau. Aber warum Schnurrbart bei Männern? Paßt denn nicht auch zum Bubikopf ein Schnurrbärtchen? Ich schlage daher vor, -ie männlichen Stars um ihre Meinung zu befragen. Es ist zu hoffen, daß unter den Antworten auch die des jüngsten Filmstars in Doorn nicht fehlen wird . . . Schwarz-gelbe (wirklich bi§ in die Knochen) Revolution in Berlin! Studierende Perser und Chinesen wollten das Ostproblem westwärts von ihrer Heimat lösen. In einer Versammlung wurde eine Puppe voll lebensgroßem Format, den Schah von Persien darstellend, feierlichst von einem fingierten Thron gezerrt und bis auf die Tauentzienstraße („Neppski Prospekt" genannt) geschleift. Plötzlich herabströmender Regen kühlte die erhitzter! Gemüter. In einem Restaurant in Charlottenburg kam es wiederum zu einer feierlichsten Schlägerei zwischen den Anhängern des „Löwen" Chan-so-lins und der „Schildkröte" Feng! Politische Maskerade! * Schöne Maske, von allen bewundert, wer bist du? Fein vibrieren deine Züge. Energie und Mut verratend. An Seite deiner Gefährtin, von edlem Bau, von lachenden Wede-kindischen Zügen, muß dir das Leben ein Schwelgen im Glück sein! Und du, Harlekin? Rück näher Bruder! Du lispelst so zart. An Seite deiner Colombine, muß dir das Leben ein berückender Traum fein! Paul Cassierer setzte seiner zwanzigjährigen Ehe mit Tilla Durieux den schwarzen Schlußpunkt in der Form einer Revolverkugel, in Herzblut getaucht. Sergej Jessenin, der Mann der Jsadora Duncan war Lyriker und nicht Philosoph. Ueber seine Ehe und sein Erdendasein erhob er sich also nicht durch die Philosophie, nur durch einen um den Hals.schaurig gedrehten Strick! . . . Ein Kronprinz fand in der Liebe eine Lebensgefährtin, die beiden Künstler fanden m der Liebe die Lebensgefahr! Die Maske des Lebenden ersetzte die Totenmaske! . , . # Unter dem Schutze der Maskenfreihort veranstalteten „Adelige" einen wirklichen Lumpenball in Budapest. Sie hatten schon genug der Hinrichtungen, der Fälschungen! Die„Erwachenden", mit eingeschläfertem Gewissen, wurden schon satt ihrer Bombenerfolge. Nun gingen sie daran, geführt von „Adeligen" allerhöchster, aber Lumpen allerletzter Klasse, Geschichte zu machen. Geschichte zu machen, muß man aber die Zeichen der Zeit verstehen und nicht fälschen. Daran dachten sie nicht, die Franc stireurs unter falscher Devise! Der Prinz, edel und gerecht, wie es im Märchen geschildert wird, lebt schon lange nicht, von den lebenden Prinzen wußten wir, daß ihre Töne nicht immer echt sind, aber ihre Noten, hieß es, sind echt. Auch diese Illusion schwand! i * Monsignore Barlassina in Jerusalem beneidete die europäischen Hetzer um ihre Lorbeeren. Warum sollte imr der senile Fritsch mit seinem „Hammer" die reine Vernunft zu zerstören suchen? Barlassina propagierte, „die Protokolle der Wersen von Zion" ins Arabische zu übersetzen. Die Araber sind Orientalen, denen die Natur eine üppige Phantasie ins Erbteil gegeben hat. Aber Orientalen könnten solche „Protokolle" ersinnen. Dazu war eben nicht Phantasie, sondern Degeneration des Gesetzes notwendig. Der Westen beglückte die Welt mit falschen Verträgen, Protokollen und Noten. . . Wer glaubt da noch diesen gutsitzenden Masken der geheuchelten Humanität, des falschen Patriotismus und der simulierten Gottergebenheil? . * . -r- Menschen, ihr täuscht maskenhaft etwas vor, was ihr nicht seid! Masken, seid ihr denn so jung oder alt, so gläubig, so glücklich, so unbeständig, so rein, so herausfordernd, so gerecht, wie ihr uns glauben machen wollt!? Tulo Nussenblatt, Alexander Wels;. Die Untersuchung gegen den verhafteten Alexander Wersz ist noch nicht abgeschlossen. Es ist infolgedessen auch Mer sein Ent Haftungsgesuch noch keine Entscheidung gefällt worden. Weisz, der mit dem Tenipo der Untersuchung nicht einverstanden ist, hat nun, wie verlautet, dem Untersuchungsrichter gedroht, er werde in den Hungerstreik tteten, MS die Untersuchung^ nicht beschleunigt werden sollte, kin zweiter Lmdm? Samttr, der Kammerdiener. Mnstter. Politiker «ad — Srauenmörder. Aus Paris wird gemeldet: Die Polizei glaubt, einen neuen Frauen Mörder von der Art Landrus verhaftet zu haben. Eine Dame hatte einen Kammerdiener wegen Veruntreuung von 20.000 Franken verhaften lassen. Der Verbrecher hat sich verschiedene Namen beigelegt. Er spricht mchrere Sprachen und behauptet, Musiker zu sein. In seinem Gepäck wurde ein ausführliches Verzeichnis nicht nur der von ihm selbst geführten Namen, sondern auch von Geburtsurkunden junger Mädchen und Nachahmungen von Mäochenuvkunden gefunden. Der Verhaftete heißt Garnier. Aus zahlreichen Städten Frankreichs sind bereits Nachrichten an die Pariser Polizeipräsektur cingetroffen, aus denen hervorgeht, daß Garnier mit zahlreichen anderen wegen Heiratsschwindels und Diebstahls verfolgten Personen identisch ist. Aus den bisherigen Nachforschungen ergebt sich, daß sechs Frauen, mit denen er in Beziehungen stand, spurlos verschwunden sind. Garnier betätigte sich als Politiker wie auch als M u s i k e r (er ist ein glänzender Violinspieler) und auch als Fremdenführer, da er zahlreiche Drachen bcherrscht. ES wurden bei ihm alle möglichen Visitenkarten und Ehrenzeichen, eine Mlitärmedaille und der Orden der Ehrenlegion Schinden. Man glaubt, daß er mehrere Frauen ermord e t hat und ihre Leichname v e r s ch w r« d en ließ. ■m Wieder eröffnet! m Hotel National Wien, II. Taborsfrasse 18 Telephon 42-5-93 Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer mit fliessendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralheizung, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Hausei MSssige Preise! Neue Leitung! Reue Ausgrabungen in Aegtzpten. Ein neues Phavaonengrab. Am Fuße der großen Pyramide wurde von Professor R e i s n e r, einem amerikanischen Archäologen, ein neues Pharaonen grab entdeckt. Es stammt aus einer Zeit, die ungefähr zwanzig Jahrhundert vor der Regierung T u ta n cha m o n s liegt. Durch Spiegel konnte man feststellen, daß der A l a b a st e r s a r k o p h a g reich mit Gold geschmückt war. In der Grabkammer befindet sich eine große Anzahl von Gegenständen, Vasen und Schmuck. Canter setzt seine Ausgenüungen fort. Wie mitgeteilt wird, dürfte demnächst zwischen dem Aegyptologen Howard Carter und der ägyptischen R e g i e r u u g ein neuer Bert rag über Ausgrabungen im Königstal abgeschlossen werden. Dadurch soll der englische Forscher ermächtigt werden, an verschiedenen a n deren Stellen, an denen man noch reiche GrÄberschätze vermutet, Nachgrabungen zu halten. Zurzeit ist Carter mit der Zubereitung der im Grabe Tutanchamons entdeckten Gegenstände für die Ausstellung im Museum von Kairo beschäftigt. i : , Eine deutsche Forschungsexpedition. Geheimrat Leo Frobenius, der bekannt Afrikaforscher, verläßt, w:e uns gemeldet wird, Frankfurt, um eine neue Forschungsexpedition nach Aegypten, Nubien und dem Roten Meer anzutreten, die an seine Reise in den Jahren 1912 und 1913 in Norwestafrika anknüpft, Leichtes Erdbeben iu Steiermark. Die fe^smographiischen Apparate der Zentralstelle für Meteorologie verzeichneten gestern um 5 Uhr 33 Minuten 9 Sekunden ein schwaches Nahbeben, dessen Hech im Semmeringgebiet gelegen sein dürste. Wie uns aus B r u ck a. d. Mur gemeldet wird, wurden dort um 5 Uhr 35 Minuten früh mehrere heftige Erdstöße verspürt. ' . Ein wellenförmiges Beben in Pisa. Aus Florenz wird gemeldet, daß gestern abends um 6 Uhr 20 Min. in Lasso bei Pisa ein wellenförmiges Erdbeben verspürt wurde, welchem dumpfes Getöse vorausging. Schaden wuwe nicht an ge richtet. Hochwassergefahr im Rheinland. Aus Düsseldorf wird gemeldet: Das Rheinland wird von einer neuen Hochwasserkatastrophe bedroht. Stu zahlreichen Stellen der Rheinmederungen ist der Rhein bereits über die Ufer geirrten und hat weite Strecken unter Wasser gesetzt. Die Stadt Angermünd ist vom Hochwasser fast v o l l! o m m e u e i n g e s ch l o s s e n. M ü hlhe i m ist durch die Ruhr überschwemmt. i Kongreb akademisch gebildeter Fronen. Vom 27. bis 31. Juli 1926 wird in Amsterdam ein internationaler Kongreß akademisch gebildeter Frauen stattfinden. Zum ersten Male werden auf dem Kongreß auch deutsche Frauen, die sich unlängst organisierten, vertreten sein und wohl auch den Internationalen Verband beitreten, der in Amerika, Paris uub London, demnächst auch in Rom eigene Klubhäuser besitzt. Sie Bernsrplanderln. Die Frau, die für Geld plaudert und beruflich Konversation macht, ist eine Londoner Einrichtung. Es ist eine Frau, die nicht zu jung und nicht zu alt fein darf, sympathisch, schlicht und doch elegant ist, der besten Gesellschaft angchört, aber kein Vermögen besitzt und infolgedessen sich ihren Lebensunterhalt verdienen umß. Nur die Gastgeber selbst wissen, daß sie Plauberin von B eiruf ist; für dir Gäste ist sie natürlich ein Gast wie die anderen und als Gast wird sie anfgenommen, begrüßt und vorgestellt. Ihre Aufgabe ist, mit Takt und Intelligenz den gefürchteten „Engel des Schweigens" zu rntfernen. Mt Klugheit richtet sie es etit, daß auch Widerstrebende und Leute, die sonst nichts aus sich heraus geben, in die Untechaltung gezogen werden; Gäste, die merken lassen, daß sie leicht zueinander finden könnten, bringt sie geschickt und unmerktich zusammen und immer ist sie auf der Suche nach neuen Gesprächsstoffen, die die Gäste interessieren oder amüsieren könntm. Wie man sieht, eine Ausgabe, die durchaus nicht; leicht ist. Eine dieser Berufsplauderinnen sagte vor kurzem zu einem! Londoner Journalisten: „Ja, das Plaudern ist, wie ihr Herren der Schöpfung immer betont, eine echt weibliche Eigenschaft, aber die Rolle einer Beoufsplauderin ist darum doch nicht sehr angenchm. Denken Die nur: Ich muß, um keine Dummheiten zu sagen, die ja nicht bloß meine Aufgabe vereiteln, sondern meinen ganzen -geschäftlichen Ruf untergraben würden, über alles auf dem lausenden sein; ich muß über Hindernisrennsn und Boxkämpfe, über die neuesten Tänze und die neueste Politik, über Flugwesen und Hundezucht, über die Vorgänge im chinesischen Hexenkessel und über die jüngsten Ausgrabungen in Ägypten unterrichtet sein. Ich muß allen ersten Buhnen- und Kinoaufführungen beiwchnen, von der literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Bewegung Kenntnis haben und täglich die wichtigsten Tageszeitungen und die : bekanntesten Zeitschriften lesen. Ich muß— das versteht sich wohl von selbst — immer elegant sein. Nun, ist das, nicht gerade genüg." Die Bernfspla-uderin wird nicht umhin können, sich auch den Hof machen zu lassen, aber sie darf eigentlich keinem Mann den Vorzug vor anderen geben. Die verläßt das Haus erst mit den Letzten Gästen und erhält am nächsten Morgen in einem verschlossenen Briefumschlag den Lohn, dm sie sich mit chrem „Geschwätz"' verdient hat. Dieser Lohn ist sehr verschieden, aber fast immer; schr gut und manchmal sogar erstaunlich groß. Kürzlich erst erhielt in London eine Brr-ufsplauderm hundert Pfund Sterling, weil sie an einem Gesellschaftsabend einen großen Bankier der City, der wegen seiner Schweigsamkrit und seiner starken Abneigung gegen gesellschaftliche Veranstaltungen bekannt ist, so leb- > hast zu interessierm wußte, daß rr beim Abschied sagte-: „So gut hübe ich mich schon lange nicht mchr unterhalten," «ein Händedruck fiir Geschäftsreisende! Am Eingang zu den Burecmrämnen eines große«, Geschäftshauses in C h i k a g o befindet sich ein P l a k a t, das die das Haus besuchenden Reisender: und in geschäft- - lichen Angelegenheiten vorsprechenden Personen darauf i aufmerksam macht, daß man mit der üblichen Gepflogen-! i heit, hem Besucher die Hand zu reichen, gebrochen hat. „ES ist dies ein aller Brauch, der nur dazu führt,., kostbare Zeit zu vergeuden," heißt es in dem. Plakat. „Man pflegt ja auch dem Drogisten oder dem' Schuster nicht die Hand zu drücken, wenn man in ihrem ' Geschäft einen Einkauf macht." Traurig fürwahr, diese neue Einrichtung. Den« dqK. einzige, was derzeit ein Geschäftsreisender bekommt, P' gewöhnlich doch nur der übliche Händedruck. Weder «Mlonikre iu RutzllMd. .' Pis vor kurzem kannte die russische Gesetzgebung tm beschränktes Erbrecht. Ein Erbteil bis zu 10.000 Rubel war zulässig, wenn auch steuerpflichtig, währet der diese Summe übersteigende Betrag restlos dem Staat zusiel. Nach dem neuen Gesetz ist das Eckrecht wesentlich gemildert und ausgedehnt worden. stellt einen progressiv steigenden Steuertarif für den Ecken fest, der bei einem Eckanfall von mchr alH 500.000 Rubel 90 Prozent Steuer bezahlen muß. Dieses Gesetz verdient Beachtung, weil es zeigt, daß die ,Meue nomische Politik" immer mehr von radialen Theorien ciS* läßt, und daß öS auch in Rußland wieder Pvivatevgentum uA sogar Millionäre gibt, i

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