Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2514 (21.2.1926)
- Date
- 1926-02-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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fe tni Wiener Morserizeititns 81. Februar MS 9m s Täglich Vorführung unserer hervorragenden Modell-Kollektion. Wir zeigen die neueste Modelinie und -Neuheiten in einer Reichhaltigkeit wie selbe in Wien noch nicht geboten wurden. Bevor der allgemeine Andrang beginnt: Hübsche Fruhiahrf«Hänl«l9 reine Wolle Flotte Covercoat-Mäntel, Fassons, reine Schafwolle Aparte Rips-, Eplngle- und Selden-Frllh Jahrsmüntal, alle Farben . . . S Entzückende Sport-Kostllma, ganz gefüt tert...s engl. Genre, S 1 herrliche 39 neue Das Mode-Jumparklald, kasha Reinwoll-Velour- S 39 Elegante Crüpa de CHIne-Klelder, sehr aparter Fassons und Farben.S Modell-Complets feine Salonarbeit, die Frühlahrsmode. . S Kinder Rbretlmrg: nODEN-PALAtS Frühjahrskleidchen ab S 1.40 ißuiiuJy Frühjahrsmäntel ab S 11. Pariser Neuheiten Am 1. März 1926 „Frühlings-Frwachen beginnt unsere 1 CUlaCl W UtllC im Reiche der Mode" Modenschau, Konzerte, Geschenke, sehenswerte Dekorationen! Sfe Ausstellung „IM Jahre Wiener Theater* kann iramÄg stimmen . . . Sogar sehr tvauvig. Nicht nur weil LaS ÄrrgeLotene au sich nicht befriedigt, obwohl etz sehr viel Interessantes enthält. Man sieht Bilder vieler Schauspieler von dazumal und heute, Verträge und Manuskripte, woderue Szenenaufnahmen und alte Theaterzettel. So kann man die Freigebigkeit einer kaisetLichen Theaterverwaltung bewundern, die anläßlich der Vermählung eines Erzherzogs für die Vorstellung des Theatre pare in der Oper» am 14. November 1856, den Theaterzettel auf feinster Seide drucken ließ. Die Ankündigungen für die letzte Vorstellung im „Theater in der Leopoldstadt" vom 3. Mai 1847 und für die erste im neuen Opernhaus vom 25. Mai 1869 (Mozarts „Don Juan^ sind ausgestellt. Sehr interessant ist ein Kainz-Kasten, in dem Bildnisse, Zeichnungen und ein Tagebuch des jung verstorbenen Künstlers zu sehen sind, und ein Operettentrsch, auf dem selbstverständlich die Silhouetten von Johann Strauß überwiegen. Das Material könnte vielleicht noch reichlicher sein und wirklich ein lückenloses Bild dieser großen — im doppelten Sinn — Periode des Wiener Theaters geben. Und doch wäre dieses Bild tot, nur ein ganz winziger Schirumer der lebendigen Flamme der Vergangenheit» deiru das ist bekanntlich die schrecklichste Tragik des Mimen, daß seine Kunst, au den Augenblick gebunden, vergeht. . . Man wird einweuden, daß das Leben immer vergeht, und Denkmäler nur blasser Abglanz und tote Erinnerung sind. Wohl, das Leben zeugt sich aber sichtbar fort, individuelle Kunst ist unübertragbar, und nur sehr selten vererbbar. Die Wirkung des Schauspielers» sein Erfolg, sein Ruhm, und —- das wichtigste — sein lebendiges Kunstwerk, sind Sklaven der Zeit, verfallen mit ihr und kein Denkmal» keine Photographie, keine Ausstellung ist imstande, sie auch nur annähernd festzuhalten. Obwohl es eine wahre, mühevolle Kunst ist und manchmal der Dauer» der Ewigkeit würdig . . . Wie traurig, wenn die Gegenwart auch noch verständnislos ist, keine Lorbeeren flicht und ewige Theaerkviseu auch das irdische Dasein vergällen. . . Denkt au den Schauspieler» denn nur der fliehende Tag zeigt euch seine Kunst „ . „ Der Besuch m der Theatevausstellung gibt auch Ge- Lgenhert, die Riesenverlame des Warenhauses Gerngroß zu bewundern. Die ganze Jnnenhalle des dreistöckigen Hauses ist in sw weißes Rokokoschloß, mit Garten, StregenhauS, Erker» Kuppel, leuchtendem Springbrunnen und Amoretten mngewandelt. Zwei Figuren auf den Stufen zum Schloß heben die Lebendigkeit des Bildes, das besonders zu abendlicher Beleuchtung wirkllch einen berückenden Eindruck übt. Die Massen drängen sich, man wird förmlich unter Lebensgefahr geschoben, und, ich glaube, das Geschäft geht auch . . . Das ist die höchst erreichbare Wirkung der Reklame» die hypnotisierende. Sie Legt eigentlich schon im Grotzwarenhaus selbst. Dieses Änerikcmische Durcheinander» das „Alles zu haben": Bücher und Schinken, Möbel und Kleider, Skier und Seide, wirkt suggestiv. Das Ungeheuere flößt dem unent- Mofstmn Doll UeberMlgmlg om und man kauft. * Geschworene fällten rn Mordprozeffen ihr Tlx* ML In einem fand der Gerichtshof vier, im cmderen zwölf Jahre schweren Kerkers für angemessen. Da diese Urteile fast allgemein als sehr gerecht empfunden wurden, kann der große Strafunterschied doch nicht nur in juristiischen Definitionen und Wertungen begründet sein. Die Ursache muß viel tiefer im Menschlichen liegen, denn wir alle habe» gefühlt, der Marktfahrer Karl Hübscher sÄ weniger schuldig» als der Praterheld Franz Seidel. Warum? In den Opfern kann man diesen Grund wohl nicht suchen, denn angesichts des Todes sind alle Menschenleben gleich» ein Bierschlegel hat vor eurem Meffer als Movdwerkzeug auch gar nichts voraus und unsympathisch war eigentlich sowohl der Me, der vierzehn Tage und Nachte bei der Leiche schlief und für geraubtes Geld mit Mädchen vergessen wollte, als auch der jugendliche Zuhälter, der grundlos, aus „reiner" Lust hermnsticht. Der Marktfahrer fuhr aber das ganze Leben von Ort zu Ort, von Markt zu Markt, von Weib zu Weib, um das Glück z» suchen, das er nicht fand, das traute Heim, das ihm versagt blieb, die treue Gefährtin, die ihm die Dirnen nicht sein konnten, während der gemütsrohe, dumpfe Seidel der gesuchte, umworbene Liebhaber war, der sich in seinem Königreich Prater sehr wohl fühlte und aus Uebermut tobte . . . Den einen rettete sein Unglück, den anderen vernichtete die bewußtlose Behaglichkeit. Das Gericht, das denk unseligen Sucher das mildere Urteil sprach und wir alle, die wir es gerecht fanden, ehrten im Menschen das Leid, die Sehnsucht, das Streben, das Feuer des Prometheus. . . Auch wenn es ihn diesmal nicht zur Gottheit erhoben, sondern in den Abgrund der Hölle gestürzt hat. * Mit Riesenschritten marschiert die Türkei der Europaisierung entgegen. Die Fvarien werden .schlank, und gehen ins Kaffeehaus, das schweizerische Zivilrecht wird eingeführt, die Polygamie verboten und der alte Fes mußte schon längst dem europäischen Stoishut weichen. Das mit dem Hut ist aber auch gefährlich. Die junge Republik haßt die alten Sitten und ein besester Kopf muß samt dem Fes hängen. Radikal soll die traditionelle Kopftracht ansgemerzt werden, wenn auch der Schnitt manchmal zu tief geht; macht nichts. Nach den „Dimes" sind in M a r a s ch, in Cilieien vom „Tribunal der Unabhängigkeit" sechs Türken zum Tode verurteilt worden, weil sie den liefen Fes getragen haben. Vierzehn bekamen „nur" 15 Jahre Kerker, und einige leichtere Fälle gingen mit zehn Jahren aus. Darunter sogar ein Herr, der nur den Fes getragen hat, well er in keinem Geschäft einen europäischen Hut finden konnte ... So mußte es enden, wenn die Repnblikanisierung mtb Modernisierung beim Fes beginnt, statt beim Kopf . . . Jetzt hängt der Kops wegen des Fes am hohen Galgen, sonst würde der alte Fes wegen des erleuchteten Kopfes am rostigen Haken hängen . . . Arme Türkei! . .. Gegen Gewalterziehung mit Züchtigungsrecht dringt jetzt aus Deutschland ein furchtbares, zwiefaches Memento . . . Aus Mainz, wo Brenners „Vatermord" zur schrecklichen Wirklichkeit wurde, indenr ein Vierzehnjähriger aus Rache für eine Züchtigung den eigenen Vater erschossen hat, und aus Berlin, wo der Riesenprozeß dem Zosfener Direktor, Freiherrn v. Lützow gemacht wird, der jahrelang seine Zöglinge schwer mißhandelt hat, wahrscheinlich in sadistischer Lust. Tiefste Ursache und extremste Wirkung sind enthüllt; Zwischenstufen sind leicht zu kombinieren. Graut da nicht jedem vor einer Erziehung, die auch nur die leiseste Spur solcher Motive oder solcher Folgen aufweist?! Wenn jetzt die Kinder weniger in der Schule geschlagen und tyrannisiert Iverden, so geschieht es um so häufiger zu Hause. Die Rache des Elements kann nicht ausbleiben, denn die Deutung ist imnrer einseitig und wehrlos steht man ihr gegenüber. Geschlagene Kinder könnten es anders verstehen, und für verrenkte Gefühle ist es immer zu spät . . . _ l. th. GesuMnngerer. Die neueste Heilslehre. Das seelische Chaos unserer Zeit muß wahchafr groß sein; bringt doch fast jeder Tag mne HeilSversuche, tauchen doch alltäglich neue Propheten, Verkünder neuer unfehlbarer Wahrheiten auf. Und gerade an dem Tage, an dem vor zehn Jahren der Dadaismus mit seinem Oberdoda austauchte, werden wir mit einem neuen Evangelium beglückt, mit dem Gesund h u n g e r n. Dem pensionierten Steuerbeamten Bela B i c s e r d y wurde es, als er vor mehr als fünfzig Jahren in dem kleinen Städtchen F o g a r a s das Licht dieser Welt erblickte, wahrlich nicht an der Wiege gesungen, daß er nach harten Jahren aufreibender StAlerexekutionen sein Leben als Prophet einer neuen, allein seligmachenden Heilslehve beenden werde. Damit hat es aber noch lange Zelt, denn gerade die neue Wahrheit, das Gesmrdhnngern, ist dazu angetan, ihren Gläubigen das Leben beliebig lang zu verlängern. Die Glaubenssätze der B i c s e r d y s ch e n Lehre lassen sich folgendermaßen zusammensassen: Das Essen ist prinzipiell überflüssig. Wer sich aber dieser Sünde nicht wiedersetzen kann, soll rohes Kraut, Zwiebel, Del und Obst, aber nicht mehr als zweimal täglich, zu sich nehmen. Um sein dadurch gefährdetes Seelenheil wieder zu retten, muß nach einem solchen „SpeiseeWb miudestens einen Tag ganz gefastet worden. Gänzlich verboten ist der Genuß von Fleisch, Eiern und Milch. Bieserdh predigt nicht allein, er ist auch ein Mann der Tat. „Acht nur ans unsere nächsten Verwandten, die Wen hin^ ruft er aus, „die uns immer wieder bewiesen, daß das Rohessen und das Vermeiden von Fleisch und Eiern einzig und allein eine kräftige Körperkonstitntion bewirken." Und so zog er eines Tages mit einem Häuflein Getreuer auf die Donauinsel Ad ah-Kal eh, wo die neue Sekte auf einem angetansten kleinen Gut nach ihren Grundsätzen lebt. Friedlich und ernvernehmlich. Jeden Tag kämmen da die Gläubigen zusammen, um den Worten ihres Misters zu lauschen. Allen voran seine gegenwärtige Gattin, die — Bicherdy nicht gern davon — allerdings schon die dritte Frau des Pröpsten ist, die beiden ersten haben, an die lebensverlängernde Mi kung des Hungerns nicht geglaubt und sind — verhungert, g-lloröen. Gläub'g wie die Gattin ist auch die Tochter, während der Sohn ein „Abtrünniger" ist, der, die „Lehre" des' Vaters nich: achlcnd, im Hexenkessel Wien das Leben von der anderen Seite genäßt. Bicherdy hat es leichter als Mohammed; die heutige Zeit ist schon moderner, die Propaganda leichtem Die Sekte der Bicsevdysten gibt — erdumspannend, weltumfassend — ein eigenes Organ heraus: „Bicferdhsmus", das sich im Untertitel bescheiden als „Organ des Lebens" bezeichnet. Der Leitartikel der ersten Nummer wende: sich naturgemäß „An alle", schildert die seelische Notlage unserer Zeit, die Verderbnis und die Hölle und verheißt uns den echten Himmel. ,Hungert, so werdet ihr selig!" ruft der Prophet allen, die ihn hören wollen, zu. Und dann kommt eine Tirade gegen Steinach und alle die anderen Berjüngungskünstler, die unrechtmäßigerweise das Leben verlängern wollen ... für einen sündigen Genuß. Dann kommen die Namen der neuen Gläubigen — die Matrikenführnng aller Mitglieder ist noch nicht allzu schwer. Auch „Stimmen unserer Brüder" fehlen nicht, solcher aus der Kolonie selbst, wie auch die WM ist ja so klein! — aus Amerika, wo ebenfalls schon Anhänger der neuen Lehre wohnen. Die Sfat'brtf ,ZagesneuiMten" ist selbstverständlich auch im propagandistischen Sinne gehalten und da erfahren wir, daß der Bioserdhst Johann Karakos schon vierzehn Tage lang keinen Bissen zu sich genommen hat mch doch seiner Arbeit frisch und munter nachgeht. Ja. sogar der Annoncenteil fehlt in diesem eigenartigen Matte nicht. Glaubenstveu werden da Zwiebel und Kraut, Honig und Käse angrboten. Ueberrai'^nd aber ist wohl die Notiz, in der sich eine „überzeugte Schwester" als Haushälterin aübietet, »vobei sie selbstverständlich sich das Recht zum Fasten ausbed'mgt. Wie weit es noch die neue Sekte bringen wird, läßt sich nicht leicht Voraussagen. Wenn sie auch nicht als Keimzelle der neuen Menschheit sich ausbreiten sollte, wäre sie immerhin ein guter Ansatz zu einer .Hungerkünstlerschule. Und dann auch, als Zeichen unserer Zeit, —> ,Hungerkünstler aller Länder, vereinigt euch!" — die Grundlage einer Hungerkünfller-We'ltorgamsation, ■ 1 --eich- Als »weite „Weiße Woche" kündigen wir in unserem Inserat auf Seite 15 die Verlängerung unserer „Weißen Woche" an. In allen Abteilungen wurden die Angebite durch neue Serien ergänzt, insbesondere auch durch Okkasionell in iärbigen Waren, so z. B. in Seide, 80 Zentimeter breit, Krystalline in allen Farben stir Abendkleider S. 3.90; 80 Zentimeter breite Taffttaline in aparten schottischen Streifen und Karos S. 3.40; 80 bis 100 Zentimeter breit Satin Lame in größtem Fachensortiment S. 5.50 und S. 3.90. A. Gerngroß-Aktiengchellschast,