Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2514 (21.2.1926)
- Date
- 1926-02-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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«flu 4 M«n, «rmntag Wiener Msrgenzeitnns 91. FeVruar 1926 &iDcA &ul erclfeik&z! durch Dr. Hoffbauera lrf Entfettungs-Tabletten WM M Dieseben sind von bester Wirkung angenehmem Oe« M schmeck vo ständig ua-chldltch, «teilen eines blanko. M graziöse Fi?ur ner, ohne Diättwang euer Aenderungdei fl a Lebensweist’ Prompte Gewichtsabnahme. MH 54 V Vom Voiicsgestmdheitsamt bewi hat Nr. kll Kein Abführmittel Keine S«hlltf cfrllee Dspott Apofhfke „Zum R0m>«often Kaiser*. Wlfln.i., Woflrei'e 13 Dienstag tritt der Nationülrar wieder zusammen, mn di« erste Lesung der Znckerzollnovelle abzuführen. Ter Plan des Finanzministers, den Zuckerzoll mn ftch- Goldkronen zu erhöhen, wird von den Sozialdemokraten a bgelehnt. Sie schlagen, um den beabsichtigten Zweck, Unterstützung der Zuckerrübenbauern, zu erreichen, vor, den Rübenproduzenten Anbauprämien zu gewähren, lasten aber die Fr:ge unbeantwortet, wie d.r Finanzminister daS hierzu nötige Geld beschaffen soll. Tas macht ihnen weiterkeine Sorgen. denn sie sind der Meinung, daß Minister Kollmann da er doch gewisse Steuern zu ermäßigen gedenkt, also auf Einnahmen verzichten kann, genügend Geld im Staatssäckel haben muffe, um auch die Anbauprcknien aus der laufenden Gebarung zu decken. Statt einer Zollnovelte ein Ermachtigungsgesetz. In den nächsten Tagen wird die vom Handelsausschutz einherusene Wirk'chastsenquete abgeschlossen werden. Ihr Ergebnis liegt noch nicht vor/ wohl aber hat der Leiter der Enquete, Abg. Hein l, das Resultat bereits in einem Antrag vorweg genommen, der in der letzten Nationalrats-» fitzung cingebracht wurde. Danach soll die Regierung ermächtigt werden, mit Zustimmung des Hauptausschussis durch Verordnung die Sätze des autonomen Zolltarif e s dauernd oder zeitw. ise für solche Waren abzuändern, be! welchen die inländische Erzeugung durch dis Einfuhr ernstlich bedroht erscheint oder wo dies mit Rücksicht auf Handelsvertragsvechmdlungen mit fremden Staaten notwendig ist. Auf diese Weise könnten langwierige parlamentarische Verhandlungen über die Novellierung des Zolltarifes. deffen Dringlichkeit mit Rücksicht auf die neuen Handelsvertragsverhandlungen von ollen Wirtschaftskreisen hervorge-- hoben wird, umgangen werden. Bor dem Abschluß der HandeleverlrosS' derhandlvnoen mit ttanorn. Wie die Politische Korrespondenz erfährt ist es 'N den Handelsvertragsverh.mdlungen mi: Ungarn Z.lungen, die bneisten der noch vorhandenen Differenzen!a u s z u g l e i ch e n. Ueber die wenigen in der Tarisanlage offenen Fragen wird ohne Unterbrechung weiter verhandelt. Es kann angenommen werden, daß die Verhandlungen im Laufeder nächsten WochezuEnde geführt werden. Tagesbericht. Attjüdifche Weisheit. Für di« „Wiener Morgenzertung" nach den Quellen bearbeitet. Nächstenliebe. Rabbi Zonal sah e'nen Mann, der e'nem Armen Lffenttch ein Almoien gab. Svrach er zü ibm: Bester, du hattest ihm nichts gegeben, als daß du ihn mit der Gabe beschämtest. * sprach Rabbi Jizchok' Wer einem Armen eine Münze gibt, w>rd siebenfach gesegnet; wer ihn aber mit Worten befänfligt. elfmal. (Kein Leser möge diese» Wort so verstehen, daß er elffachen Segen dem siebenfachen vorzieht und - nichts svenbet. — Anm d. Red) * Der schlimmste Dieb. E» gibt sieben Arten von T leben Der ich immste ist derjeniae, der di« Meinung ver Mitmen, chen stiehlt. ck Der Schmuck Gottes. Schmuck Gölte» sind die Menschen; Schmuck der Menschen ist die Lehre . Schmuck btr Lehre die Weisheit; Schmuck der We-Sbett die Temm; Schmuck der Demut die Ebrfuicht; Schmuck der Ehrfurcht die Pflichterfüllung; Schmuck der Pflichterfüllung dte Keuschheit. _^_ Sie jüdische Wiffknschast in Rußland. Aus Riga wird uns Ler.chten Ter hier weilende bekannte jüdische Gelehrte Prof. Dr. I. N. Marko n, der, itjie bereits gemeldet, seit einigen Tagen hrer weilt, äußerte sich wie folg? über den gegenwärtigen Stand der jüdischen W ffen'chaft in Rußland: Die einige Zeit so berühmle russische Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden ist gegenwärtig infolge Geldmangels nicht in der Lage, eine großzügige Tätigkeit aus dem Gebiete der Verbreitung jüd.scher Wissenschaft zu enifalien. Einzig und allein ihre an besonderen Sammlungen reiche Bibliothek :u Leningrad bildet noch einen Mittelpunkt für jüdische Gelehrte. Tas von den jüdischen Kommunisten gegründete Institut für jüdische Wissenschaft ist lediglich mit der Herausgabe von Lehrbüchern für die jiddischen Schulen beschäftigt. An wissenschaftlicher Literatur ist .it den letzten Jahren so gut wie nichts erschienen. Die seinerzeit von der Gesellschaft für jüdische Geschichtsforschung und Ethnographie herausgegebene Zeitschrift „Jewrejska Sarina" konnte :n den letzten Jahren kaum einen vollständigen Band herausbringen/Ferner erschien in jiddischer Sprache der „Pinkas", eine Darstellung der jüdischen Geschichte seit Ende des 19. Jahrhunderts. Auch die semitische Abteilung an der Leningrader Universität, die seinerzeit zahlreiche jüdische Mitarbeiter zählte, hat in den letzten Jahren keine spezifisch jüdischen Arbeiten herauSgegsben. | Nr. m Ser ZfteoftoMkrjMHnft in &erno»of|. Man schreibt uns au« E z er now i tz: Einige Ach« 8« dem Kriege hatte der Czernowitzer Gemeinderat einstimmig beschloffen, den alten Platz oder wie er üblich genannt wurde» die Judengaffe. nach dem Namen des großen zionistischen Führers zu benennen. Man plante damals sogar di« Errichtung eines Theobor-Herzl-DenkmalS in der Czernowitzer Judengaffe. Der Plan wurde fallen gelaflen, weil die Errichtung von Denkmälern im Widerspruch mit der jüdischen Religion steht. Die gegenwärtige liberale Regierung, besonderdi« Czernowitzer Gemeinderegentschfft, hat alle Straßen und» Gaffen umgetaust und sie nach berühmten rumänischen Dichtern. Schriftstellern und Politikern benannt. Sogar Heine mußte auf seine G sie verzichten und von den großen Denkern und Dichtern blieben nur zwei Gaffen erhalten, und zwar die Schiller- und Goethe-Gasse. Der Herzl-Park wurde in deck Targul Veche (Alter Markt) umgetauft. Nunmehr hat die JnterimSkommission der Czernowitzer Gemeindeverwaltung beschloffen, dem Targul Veche wieder seinen früheren Namen zu geben. Professor Sfrtiel gestorben. Berlin, 20. Februar. Heute früh ist der berühmte Chirurg Profeffor Dr. Frmes Js rael kurz nach Vollendung feines 78. Lebensjahres gestorben. Israel war Leiter der chirurgischen Abteilung des jüdischen Krank-nbauses, daS er zu Weltruf brachte. Zu seinen Großtaten gehören insbesondere seine Forschungen auf dem Gebiete der Nierenchirurgie. Er ivar auch seinerzeit zum Sohn de- Zaren nach Rußland berufen worden. Professor Israel war am 2. Februar 1848 in Berlin geboren. Er studierte in Berlin, im Jahre 1872 ein Semester lang in Wien. Später erhielt er seine Ausbildung in England und Schottland. Seit dem Jahre 1880 war er dirigierender Arzt am jüdischen Spital in Berlin. Als Nierenchirurg genoß er Weltruf. Seine Erfahrungen hat er itt mehreren hundert wissenschaftlich?« Arbeiten niedergelegt. Klub der Monistischen Knliurmaudaiare. Neuwahl de- Obmanns. In der gestrigen Sitzung des Klubs der zionistischen Mandatare in der Kultusgemeinde, wurde an Stelle deS Herrn Dr. Jakob Ehrlich, welcher aus persönlichen Gründen seine Stelle als Obmann des Klubs zurückgelegl hat, Herr Oberbaurat Stricker zum Obmann gewählt. Der Klub nahm mit Bedauern die Resignation deS Herrn Dr. Ehrlich zur Kenntnis und drückte ihm wärmsten Dank für die jahrelange musterhafte Führung der Klubgeschäfte aus._ Mdlfches Stuft.* emneeting. Montag den 22 d., >/,8 Uhr abend». im O l h tn Mo? f o «I, 1. Bez. Rotgafle 6. Redner: Dr- Desider F r i e d m a n n, Präsident des Zionistischen Landesverbandes kür Oesterreich. Prof. Dr. Viktor Kellner. Direktor de» indischen Realgymnasium», und «nck. rer. poi. Benjamin Atzt«. Auch gegen die Kartenspieler wurde wiederholt von den Gemeindevätern der Bann öffentlich kundgemacht. Da lesen wir in einem Urteilsspruch aus dem Jahre 1739, nachdem wiederholt Kartenspieler fruchtlos bestraft worden waren, daß man „den Fall des hinabsinkenden Eimers' nicht noch durch einen Stein zu beschleunigen" wünsche und deshalb einigen trotz des erlaffenen Ärrnes beim Kartenspiel Betroffenen „die ihnen gebührende Strafe" mildere: Sie durften ,^u keiner heiligen Sache herangezogen" werden, ein Amt — und sei es auch nur das eines Mahlmannes — durch volle zehn Jahre nicht bekleiden und mußten alles im Kartenspiel gewonnene Gell» an den Spielparmer zurückzahlen. Die Verwaltung der Gemeinde war überaus verantwortungsvoll. Die drückenden Lasten mußten aufgebracht und möglichst gerecht verteilt werden, das Armenwesen erforderte eine sehr anstrengende und technisch nicht leicht ^rrchfiihrbare Organisation und in diesem winzigen Ghetto — eine einzige Gaffe! — war ein Schulwesen zu erhalten, das vom Elementarunterricht bis zur wahrhaftigen Hochschule hinanragte. Es war daher nötig, die Gemeindeväter an ihre Pflichten zu binden, und so finden wir die Anordnung, daß dasjenige Mitglied des Vorstandes, welches nicht mindestens einmal wöchentlich den Sitzungen beiwohnte, mit einer Geldstrafe von ,,dre' Gulden rheinisch" belegt wurde. Viel Last, viel Ehr'. In den Kahal zu gelangen, war eine große Auszeichnung, und ein Ukas vom 22. Dezember 1730 ist bezeichnend. Er besagt: „Mit Rücksicht auf die beoorstohende Wahl wird beschlossen um zu verhüten, daß diese durch persönliche Motwe beeinflußt werde, über jeden, der Geld. Goldeswert gibt oder verspricht, den Bann zu verhängen. Außer dieser Strafe hat er 100 Dukaten zu leisten und wird des Heimatsrechtes verlustig. Der Bann und die Strafen troffen auch den Empfänger." ch Wo^ man diesen an die 800 Seiten starken Band aufschlägt, öffnet sich das Buch des Lebens. Die Menschen, die es auf einem Pünktchen Erde führten, in 31 eng gescharten Judenhausern. waren davon überzeugt, daß „die Lehre einer der drei Füße ist, auf denen das Gestell der Welt ruht". Nun enthüllt diese Dokumentensammlung das Antlitz der Gemeinschaft über Zeit und Raum, mit untrüglicher Deutlichkeit sieht man dieses Häufchen jüdischer Menschen, dieses differenzierte jüdische Leben in der Nußschale. Sie bestehen gut vor der Gegenwart und vor der Zukunft — die Juden von Eisenstadt/ 011 o A b e l e S. Heine und Bialik. .Heinrich Heine, deffen 70. TodeStig am 17. Februar sich lährte, und Chajim Nachman Bialik, der große Lobende, ver jetzt in Amerika eingelwffen ist, um für den Aufbau Palästinas zu werben und aus diesem Anlaß gefrier; wird. Zwei Dichter, deren Namen der äußere Zufall zusammenbringt. Beide im Wesen grundverschieden, wer als Juden zwei Symbole unserer natio» nalen Kulturbewegung. Für Heine war sein Judentum nicht immer eine Annehmlichkeit, sogar öfters eine Last. Entrinnen konnte er diesem jüdischen Schicksal aber doch nicht, und er wollte eS gar nie ernstlich. Daran hätte ihn ja in erster Linie seine unhernliche Selbstkennrnis und -ironie gchinderl, dieser wundervolle Unterton seiner Lyrik, diese Unpathetik, h'inrer der sich die Scham echtesten Gefühlspathos verbirgt, das „Schalom-AIejchem-artige", das Jüdische seiner Poesie. Diese ironische Lyrik, gepairt mit beißender Satire und talmudischem Scharfsinn, ist das Unbewußt-Jüdische :m Schaffen und Wesen Heines. Aber auch bewußt war Heine dem Jrckentum nie entfremdet, wenn auch die Art, wie ex sich bekannte. mchr dem damaligen aufgeklärt-kulturellen, als unserem nationalen Geschmack entspricht. Bezeichnend für diesen jüdischen Dichter der vorzionistischen Zeit sind seine schönen Worte über die Bibel in der Vorrede zur zweiten Aullaae von „Deullck'anö": „ . . . 'ch verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Büches. — Eines Luches? Ja, uno es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wre die Natur, auch natürlich, wie diese; ein Buch, das werkeltätig und anspruchslos aussicht wie die Sonne, oie uns wärmt, wie das Bwr, das uns nährt; ein Buch, das so trau ich, so segnend gütig uns anblickr, wie ein« alte Großmutter, di« auch täglich in dem Buche liest, mit den lieben bebenden Lippen, und mit der Brille auf der Ras» — und dieses Buch heißt auch kurzweg das Buch, di« Bibel." Uns ist die Bibel viel mehr, in mancher Hinsicht auch etwas anderes. UnS — und Bialik. Für ihn, der die Sprache der Bibel verjüngt hat, der sie zum modulations.'ähigen Ausörucksmitte! deS modernen jüdischen Geiüh SlöbenS gemacht hat, ist di« Bibel am allerwenigsten eine liebe, alte Großmutter, vielmehr eine junge, lockende Braut, die von kräftiger, männlicher Gegenwart befruchtet, die schönsten Kinder noch gebären kann. Für Bialik ist unsere ganze geistige Vergangenheit, auch die „.Halacha und Agida", der Beth- Hamidrasch und die Haskalah, mit einem Wort, alle die langen' Epochen unserer Geschichte und alle die verschiedenen Stile unserer Spr che, ein« Braut, die ihn erwartet und der er gewachsen ist . . . Er, der Leicheidenö, weiß feilte Kräfte einzuschätzen und kommt nur, wenn ihn die große Kraft rreibt .. . Hier siegt das Geheimnis feines jahrelangen Schweixrns, aber auch daseiner Klaffizitat, seiner sicheren Ausgeglichenheit. Heine spöttelt liebevoll über vaS Judentum, über JsraÄ, den Ungetüm-Prinzen auS dem Märchenlands. Es ist «ine wohlwollende, kontemplative Resignation, die der Passivität der Galuch entspricht. Sogar Heine meint einmal halbernst: „Raten macht' ^r Geliebte, Nachzuholen das Versäumte Und Hebräisch zu ehernen — Laß' Theater und Lkonzerte, Widme ein'ge Jahre solchem Studium . . Allerdings nur um die gwßen Dichter Jbn ESra. Jdn Gabiwl und besonders Jehuda Halevy zu lesen, vielleicht wie jede andere fremde Sprache. DieS ist schon der Gipfelpunkt der Aktivität des Juden Hein«. Ein halbes Jahchundert später wäre er aber sehr wahrscheinlich Zionist geworden. In BialikS Mund ist nichts Phrase, und so war auch das Wort von der Verachtung, die den Haß der Völker gegen die Juden verstärken wird, wenn der Ausbau Palästinas an drr Gleichgültigkeit des Volkes scheitern sollte, das er jetzt in New- Kork geprägt hat, ein tiefempfundenes und sinnvolles. BialikS größte nationale Tat vielleicht — leider rllzu oft mißverstanden — war sein Zorn dem feigen, untätigen Volke gegenüber. Heines ironischer Spott wurde bei Bialik zur brenneiwen Scham, zur kategorischen Ünmög ichkeit, Verachtung zu ertragen. BialikS Siebe zum Volk hat sich dort am tiefsten offenbart, wo er als größtes Unglück oeS Pogroms die Schmach ansieht, die jene Juden trifft, dir sich feig hinter einem Faß verstecken, während die Kosakrrr ihre Frauen schänden . . . Die Seelennot ist ihm wichtiger als die leibliche Pein . . . Denn jene ist der größte Widerstand am Wege zur Freiheit. Sie ist die Sklaverei selbst . . . Wer ist daher ' eher berufen. d^S Volk zu wecken und zu ihm zu sprechen» als Bialik, der strenge, zornige, schende Verjünger?! Heines Gvab. Aus Pariwird unS gemeldet: Am Mittwoch pilgerten Tausende zum Grabe deS Dichters auf dem Mntmartre-Friedhof. Die große französische Presse wies in den letzten Tagen durch Artikel uuö Notizen auf diesen Gedenktag hin. Ein Vertreter derdentschen Botschaft in Paris legte im Namen der deutschen Regierung einen Krm; ans bas Grab des Dichters nieder. ■rU '»■Jfc&SHT