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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-21 · Heft 2514 (21.2.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2514 (21.2.1926)
Date
1926-02-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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K0*te, VbMÜVtz imtntt Msegerrzettung A. Februar 1926 Leite 3 rep. Mm-PMdeat p« jüdischen Seimilubs? 6taf stweinsame Veraümg des Zionistischen Oberntzes mit de» ©spnoqnwtemn* (Eigendienst der „Mener Movgenzeitung".) Warschau, 20. Februar. In der gestrigen Sitzung des PrastdjinviS drS Zionistischen Oberraies wurde beschlossen, eine gepreinsame Konferenz dvs Oberrates mit den jüdischen Drjmdepw tierten abzuhalten, die über die Wchl eines neuen Präsidenten des Mische» SejmklubS Beschluß fassen soll. ES wird allgemein ange- Mnmen, daß' man sich aus den Deputierten Hart gl aß einigen Dich. Ser Mische Seimllnb in Svvosttkon. (Eigenbienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 20. Februar. In der gestrigen Sitzung der Budget. Lmmnssion des Sejm trat der jüdische Klub zum ersten Male in Opposition. Im Namen des jüdischen Klubs brachte Deputierter Rosmarin den Antrag ein, die Budgetvorlage abzulehnen. Lutem«» will seine Pension. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 20. Februar. Wie bereits gemeldet, wurde der aus dem Steiger-Prozeß bekannte Polizeikommissar L u« ko mski in den Ruhestand ohne Gebichren versetzt. Gegenwärtig weilt Lukomski in Warschau und bnnüht sich mit hilft einzelner nationaldemokratrscher Abgeordneter um die Zuerkennung seiner Pensionsgebühren. . Es veramet jedoch, daß die Regierung keineswegs geneigt ist, das Ansuchen Lukomskis zu berücksichtigen. Der Marottokrieg lebt aus. Paris, 20. Februar. Wie erst heute aus einer Meldung 8es ,Iemps" bekannt wird, haben die R ifleute am 16. d. die Front Aid i r und die Laufgraben von R o ko za mit ArriHerie beschossen. Die spanischen Batterien hätten das Feuer erwidert und den Rifleuten schwere Verluste beigebracht. Nach der gleichen Quelle ist der spanische General Riquelme in Wezzan eingetroffen, um sich mit dom französischen Oberkommando zu verständigen. _• Irr fkaujSfisch-türlische Vertrag. Paris, 20. Februar. Ein« den Blättern zugegangene halbamtliche Erklärung besagt, daß in französischen diplomatischen Kreisen bezüglich des türkisch-französischen Vertrages die Tatsache heworgcholben werde, daß niemals davon die Rede gewesen sei, daß Frankreich irgend eines seiner Rechte in Syrien, gleichviel ob es sich um Gebietsteile oder um eine Eisenbahn handle, ausgebe. Die in Angora Unterzeichneten Abmachungen könnten nicht mit den Entscheidüngen bes Völkerbundes im Widerspruch ste'hen. Wat machen Sie jeden Abend 7 ,,Ic» lasse mich mit Diana-Franzbranntwein massieren!" „Wafutn gerade mit Diana-Franzbranntwein?" „Weil ich mich überzeugt habe, dass nur Massage mit DIANA- FRANZBRANNTWEIN solche Schmerzen lindert, welche von Ueberanstrengung und schwerer Arbeit herrfihren. Ebendarum kaufe ich nur Diana - Franzbranntwein mit Menthol und nichts anderes." _Ueberall erhältlich,_ Möglicherweise seien einige Grenzberichtigungen vorgenommen worden, di« jedoch keine allzu große Bedeutung Haben. Der Vertrag sei nur ein Anhang zu dem Abkomme», das im Jahre 1921 Franklin-Bouillon abgeschlossen hat» und beziehe sich auf Polizei-, Zoll- und Transportfragen. Es handle sich um keine territorialen Verzichte, sondern nur darum, eine Grenze fest zu legen, die an einigen Stellen noch ziemlich unbestimmt markiert gewesen sei. Revision der Reichsverfassung? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 20. Februar. Graf Westarp (deutschnational) und Genossen haben im Reichstag einen Anrrag eingebracht, wonach ein 28gliedriger Ausschuß auf Grund der bisher gemachten Erfahrungen die Reichsverfassung einer Revision unterziehen soll, und zwar unter anderem in der Richtung, daß Artikel 54, wonach der Reichskanzl e r und die R e i ch s m i n: st e r zu ihrer Amtsführung das Vertrauen des Reichstages bedürfen und jeder von ihnen zurücktreten muß, wenn ihm der Reichstag durch einen ausdrücklichen Beschluß sein Vertrauen entzieht, ausgehoben oder wenigstens im Sinne der Stärkung der Regierungsgewalt wesentlich abgeändert werde. Eine Bierteimillion Arbeitslose in Berlin. Aus Berlin wird berichtet: Die Zahl der Arbeitslosen hat in Berlin allein nahezu eine V i e r t e l m i l l i o n erreicht. Sie ist in der vergangenen Woche um 10.000 gestiegen und beträgt jetzt insgesamt 243.000. „gionirmus als Mittler zwischen Fude» und Richiiuven." Ueber dieses Thema spricht Herr Oberrabbiner Prof. Dr. Z. P. C h a j e s Donnerstaa den 25. d. um 8 Uhr abends im V e r b a n d S h e im,. 6 Bez., Königseggasse 10. Restliche Karten: Zionistisches. Landeskomitee. 1. Bez., Karntnerstraße 28 ♦ Löwit, 1. Bez., Rotenturmsiräfle 22; Rath, 2. Bez., Taborstraße Nr. 20 s; Schuhwareneeschäst Fischbach, 5. Bez., Margaretenstraße 30; Vereinsheinr, 8. Bez, Bennoplatz la (7a4 bis Va6 Uhr abends). Fnland. Bon Woche r« Woche. Güdttrol. — Kommt Benasch nach Wien? —> Der neue Zolltarif. Die Südtiroler Rede dcö Bundeskanzlers $at Anlaß zu! einer Erkundigung des italienischen Gesandten beim Kanzler gegeben und es ist zu erwarten, daß der Komnientar Dr R a m e * s zu seinen Ausführungen im Hauptausschuß in Rom befriedigen wird, zumal Oesterreich ausdrücklich darauf verzichut hat, die Südtiroler Frage in Genf aufzurollen. Möglicherweise wird dies von anderer! Seite geschehen. In Tirol ist man mit Dr. Rameks Me weniger zufrieden. Das Innsbrucker christlichsoziale Parteiblatt gibt dieser Unzufriedenheit in sehr drastischer Weise Ausdruck. Da können natürlich die Großdeutschen, denen die Wahrung nationaler Belange Lebenszweck ist, nicht zurücksfthen und sie ü'berlizitieren die Forderungen der Christlichsozialen noch. Sie verlangen geradezu den Rücktritt Dr. Rameks, ja es ist nicht ausgeschlossen, daß sie für die Z u r ü ckziehung der großdeutschen Minister aus der Regierung irgend ein' Entschließung fassen werden. Natürlich wird es dazu nicht kommen, denn Dr. W a b e r und Dr. Schürff klammern sich mit leidenschaftlicher Beharrlichkeit an ihre Portefeuilles. Cs ist wohl kaum anzunoamen, daß die Süctiroler Rede des Kanzlers nicht mit der Zustimmung der großdeutschen Minister konzipiert wurde, aber nichtsdestoweniger erlauben sich die Großdeutschen in Tirol und in den anderen Ländern Extratouren, die, wenn sie wirklich ernst zu nchmen wären, den Bestand des gegenwärtigen Kabinetts erschüttern müßten. Aehnlich ist auch die zwiespältige Haltung der zweiten Regierungspartei hinsichtlich des Verhältnisses Oesterreichs zur Tschechoslowakei. Seit dem Vertrag von La na hat die österreichischtschechische Politik eine ganz bestimmte, scharf markierte Richtung bekommen, die schon dadurch unabänderlich wird, daß in der Sudetenrepublik noch immer Dr. B e n e s ch verantwortliche Leiter der Außenpolitik ist und hier kein vernünftiger Mensch daran denkt, künstlich einen Gegensatz zu unserem nördlichen Nachbar zu schaffen. Ein Schiedsgerichtsvertrag zwischen den beiden Republiken steht vor dem Abschluß. Zn seiner Unterzeichnung hat Dr. Raine! auch diesmal mit Zustimmung der großdeutschen Minister Dr. B e n e s ch in recht freundlichen Worten nach W i e n geladen. Drei Tage später lädt das Wiener offizielle großdeutsche Parteiorgan Dr. Benesch mit sehr unfreundlichen Worten aus. Man kann damit rechnen, daß in Prag die Bedeutungslosigkeit dev Großdeutschen zur Genüge bekannt ist und daß man diese grobe Unfreundlichkeit ebenso ignorieren wird wie man seinerzeit bei Aufdeckung der Fälschung tschechischer Kronennoten dort kein Wesen daraus gemacht hat, daß die Spuren dieser? Fälscheraffäre deutlich auch zu Organisationen führten,/ die den österreichischen Deutschnationalen nahestchen. SPEZIAL-WISSOTZKY-TEE IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII gef bereits NIEDERLAGE: IX.,i.la«btQNs1ain»tn.87 m.m»— «tagelang* KL 8 WILL1IS Reichtum in der Lebensenge. Ein neues Werk über die Judengemeinde Eisenstadt. Wen» ich wieder nach Eisenstadt komme, werde ich verstehen, daß die Ketten, welche die Judenstadt aüschließen, nicht bloß ein Symbol sind. Hier war tatsächlich durch Jahrhunderte ein eng umgrenzter Bezirk jüdischen Lebens, reich in seiner räumlichen Beschränktheit, mit verehrungswürdigem Gefühl für Verantwortung vor Gott und den Nebenmenschen verwaltet, mit unglaublich differenzierten Institutionen der Gerechtsame, der Avmenfürsorge und der Lehre ausgestattet, ein Gemeinwesen von hoher Sittlichkeit. Hier, wo man vor SabLateingang die Ketten spannt, hört das Reich der Eisenstädter Juden auf. Aber bis dorthin wirkt ihre gemeiuschaftsbildende Kraft, ihr jüdischer Geist, ihre Sorge um jeden, der diesseits dieser Ketten lebt. Die Ketten sind nicht bloß ein Symbol. Bon der dankenswerten Publikation »Mfenstädter Forschungen liegt ein neuer (zweiter) Band vor,*) der wie der erste (über die Gräber von Eisenstadt) den großen Vorzug hat, auch für den Laien ein interessantes — ich sür meinen Teil muß sagen: packendes — Losebuch zu sein. Der Herausgeber, Sandor Wolf, wird in seiner warmen Einleitung der außerordentlichen wissenschaftlichen Leistung des Bearbeiters Bernhard Wach st ein gerecht und bemerkt, daß das Studium des Werkes für den Ausbau von städtischen Siedlungen in Erez Israel nicht unwichtig ist. Hier sind ja die Einrichtungen emes jüdischen Gemeinwesens dargelegt, wie sie sich durch nahezu ein Bierteljahrtausend ungestörter Entwicklung zu staunensiverter Vollkornmenheit gestaltet haben. „Wir können mit Stolz auf die Vergangenheit dieser Gemeinde zurückblicken, deren vielhundertjährige Existenz alle Behauptungen, daß Juden sich nicht selbst regieren können, Lügen straft . . . Bor Gott und dem Gesetz sind alle gleich, jeder hatte sich zu fügen, aber auch Uebergriffen der Vorsteher gegenüber war der Bürger nicht schutzlos, wenn ex in seinem Rechte war." Wahrlich, ein Musterbeispiel sorglich gepflegter und — a» der Zeit ihrer Wirksamkeit gemessen —. staunenswerter demokratischer jüdischer Gemeindeautonomie. *) „Eisenstädter Forschungen", herausgegeben von Sandor Wolf. Bond 3: „Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstabt und den SiebengemeMden". bearbeitet von Dr. Bernhard W a ch st e i n. Verlag Wilhelm Braunmller, Wien und Leip- 4* 108? Daß dieses schon äußerlich gewichtige wissenschaftliche Werk eine so frische, lebensvolle Lektüre wurde, ist das Verdienst Wachsteius. Er nahm sich vor, „ein Stück Leben aus einem Winkel in seiner Unmittelbarkeit vorzusühren, der: Alltag einer verflossenen Zeit in seinem Gewände zu zeigen", und das ist ihm außerordentlich gelungen. Mich wenigstens ließ das Buch nicht wieder los, sowie ich es in die Hand bekam. Man lernt aus die augenchmste Art seine Vorfahren kennen. Mau gewinnt an Selbstachtung, erschütterte Ehrfurcht wird wieder befestigt, die Zuversicht wächst. Ja, dies scheint mir der hohe Wert der „Urkunden und Akten für Geschichte der Juden in Eisenstadt" zu sein, daß man selbstsicherer und froher sür die Zukunft des jüdischen Volkes arbeitet, wenn man sich in dieses Buch, in bas reiche, kulturell so hochstehende, von Menschlichkeit umzirkelte, von Weisheit geleitete, wenn man in das herzhafte und tapfere Leben Einblick gewinnt, daß sich in dieser Gemeinschaft von Nußschalengröße entfaltete. Aus einer Betrachtung, die er an den Huldigungsakt für Esterhazy anläßlich der Eisenstädter Tempelweihe im Jahre 1832 knüpfte (bei der es ein wenig „byzantinisch" zuging), geht hervor, wie der Bearbeiter als Mensch, Jude, Zeitgenosse alle Dokumente kritisch prüfte: „. . . Sind diese Menschen aufrichtig? Liegt hier Kriecherei, anfgetragene Schmeichelei und eine vollständige Verkennung des Eigenwertes vor? Man würde fehl gehen, vom Standpunkt einer anderen Zeit das Vergangene anzusehen. Die Quelle der Macht wird nicht nur gefiirchtet, sondern auch verehrt und schließlich geliebt . . ." Ein offenes Wort — ein gutes Wort. -!- Und nun einige Proben aus der Fülle der Dokumente, welche das Heimatsrecht, die Tekkanoth (Satzungen und Normen), die Gemeindegebarung, das Strafrecht behandeln und sich ans die Gemeindefunktionäre beziehen. Wer das Heimatsrecht erlangen will, hat an den gewaltigen Steuerlasten zu partizipieren, ein entsprechendes Eintrittsgeld zu zahlen und bei Bemessung der jährlichen Steuerleistung wird, z. B. dem Anschel Jahn aus Güns anläßlich seiner Aufnahme anno 1721, vorsichtig bedeutet: „Die festgesetzte Summe gilt nur in ruhigen Zeiten." Er nmß aber auch sofort „die Uebernahme von 260 Bolletten für Arme jährlich" bestätigen, das heißt, er muß fast täglich einen Bedürftiger IpeiLk Wie die Sittlichkeit im Ghetto gewahrt und behütet wurde, geht aus mehrfachen, überaus bezeichnenden Dokumenten hervor. Eine Tochter Israels führt unsittlichen Lebenswandel. Wer wird bestraft? Nicht das Mädchen, sondern Vater und Mutter, „die davon wußten und es nicht beacht teten, so daß die Tochter die Sünde nochmals begangen hat". Wie wird bestraft? Zwei Monate dürfen die Eltern ihren Sitz in der Synagoge nicht benützen und müssen „ihren Platz bei den Trauernden einnehmen" . . . Und den: Vater wird für drei Jahre das aktive und passive Wahlrecht entzogen« Auch in einem anderen Falle, da eine jüdische Tochter ,-Schändliches in Israel verübt" hat, hält man sich nicht an die Sünderin. Wohl erwägt das Urteil nach Aufzählung der Missetaten, daß man ein schweres Gericht gegen das Mädchen halten müßte, welches fortgesetzt „aus dem Zaun des Hauses Israel" trat. Aber aus vielen Gründen entschlossen sich die Richter, denen am 26. Mai 1776 die Entscheidung oblag, dem Mädchen Besserungsmöglichkeit zu geben und die. Eltern zu strafen. „Es wird angeordnet, bei ihnen geschlachtetes Geflügel, Fett, alles Eßbare in gekochtem oder rohem Zustande vier Wochen hindurch nicht zu kaufen . , . Dies, zur Warnung. Sollte die Familie sich nicht bessern, so müßte mit schwereren Strafen vorgegangen werden". Böse Sorgen verursachte anno 1730 den Cilsenstädter. Inden eine neue Pariser Mode, nämlich — die Krinoline: „Mit Hilfe Gottes, da wir gesehen haben, daß sich ein göttliches Strafgericht über unsere Geinemde verbreitet, haben wir beschlossen, eine Rückschau über unsere öffentlichen AM gelegenheiten zu halten. Zuerst nmß die neumodische Kleidung erwähnt werden, wie man da in frecher Gewandung einhergeht, in Reifröcken, einer fremden Tracht, die unsere Eltern und Boreltern nicht gekannt haben. Es wurde daher von der Gemeindeverwaltung und vom Rabbinat beschlossen, den Bann zu verkünden gegen alle, auch junge und kleine Mädchen inbegriffen, die dieses aufreizende Kleid tragen. Um die Gebrechen der Zeit zu heilen und die Führung eines heiligen Lebenswandels anzubahnen, soll auch verboten werden, nach Art der Ausgelassenen und Unzüchtigen Kleider mit offenem Hals und offener Schulter zu tragen." — In dieser; Verordnungen zur Verbesserung der Sitten ist auch „der bic* len Verderbnisse" gedacht, „die dadurch entstehen, Jüng< linge mit Mädchen, Männer mit Frauen am Sabbat und an! Festtagen außerhalb der Judengasse spazieren gehen, welches. Me starke Lockerung .der Sitzen Lur LMe hgt".

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