Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2512 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981599--25606-3013266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ZK. 2512 Men, Freitag Peyers seine Ausschließung auf zwei Monate. Nach -er neuen Geschäftsordnung kann Peyer auch an den Arbeiten des Parlamentsausschusses sür die Frankensälschungsaffäre nicht mehr «ilnehmen. Irreführung der französischen Polizeibeamten Den hier weitenden französischen Polizcibcamren ist von Unbekannten ein Eisenbahrr-Garderobcschein mit der Mitteilung zugeschickt worden, daß sich in dem betreffenden Paket falsche Frankennoien befinden. Das Paket wurde abgeholt und zur Polizei gebracht. Es enthielt jedoch nur M a k u I a i u r- Papier und P a p i e r a s ch e. Es handelt sich offenbar um einen schlechter! Z ch o r 3. Vannay ist schon in Sicherheit. Heute iws auf der Oberstadchauptmannfchast eine Nachricht aus Kecskemet ein, wonach Ladislaus Vannay, der das Attentat auf den Abgeordneten Vazsonyi verübt hat, vor zwei Jahren in Kecskenre: in einer I r r e n a n st a l t i uterniert gewesen sei. Darauf ordnete die Obrrstadthaupirnannschaft in aller Eile eine ärztliche Untersuchung Baunays au, die in kürzester Zeit zu dem Ergebnis führte, daß Vannay u i ch t normal und von beschränkter Zurechnungsfähigkeit sei. Aus Grund dieses Gutachtens wurde Bannat), der heute in das Gefängnis der Staatsanwaltschaft eingeliefert werden sollte, in lewer Minute nicht in das G e fä u g u i S, sondern au die p s y ch i a t r i s ch e B e- 0!ba ch t u u g s a b i e i l u u g der Landesirrenaustalt auf dem Engelsfeld abgegebe" Verhaftete Journalisten. Zwei Mitarbeiter der liberalen „Az-Est"-Blätter, Viktor Gyarfas und Andreas Csan k, wurden heute unter dem Levdachte verhaftet, nach dem Attentat auf Vazsonvi sich in der Wohnung des Attentäters Vannay als Detekt: ve lusgegeben zn haben, um so leichter Informationen zu erlangen. Nachdem die polizeilichen Erhebungen die Unrichtigkeit dieser Anschuldigung ergeben haben, wurden beide Journalisten wieder enthaftet. Portugiesische Banknotenfätscher. Lissabon, 18. Februar. tHavas.) Zwei Personen, die (900 falsche Banknoten zu IOÖO EscudoS bei sich führten,, sind verhaftet worden. Erzbischof Kleplat Morden. New-Jersey, 18. Februar. (Reuter.) Der polnische Lrzbischof Cieplak (Wilna) ist infolge Lungenentzündung hier gestorben. Bekanntlich hatte ihn ein russisches Gericht im Marz 1923 unter der Beschuldigung, daß er Kirchenschatzc in Petersburg verborgen halte, zum Tode verurteilt, doch war er durch Vermittlung des Vatikans begnadigt worden. Das gegen ihn gefällte Todesurteil war seinerzeit von den polnischen Nationaldemokraten zur Anzettelung wütender antisemitischer Exzesse in W a r s ch a u benützt worden, die zwei Tage lang anhielten. Zwei Wische Tondichter. Von Ernst Petuchowski (Salzburg). In der heutigen Zeit, in der so viel von dem Wiederaufleben der nationalen Musik die Rede ist, müssen wir uns fragen, ob wir auch in unserem Volke, daß einer Wiedergeburt entgegenzugehen scheint, den Begriff „nationale Musik" mit Recht gebrauchen können. Es ist vor allen: festzustellen, daß unsere synagogale Musik in der heutigen Form, wie sie z. B. in Deutschland gepflegt wird, kaum unter den Begriff „nationale Musik" fallen kann. Ich denke dabei .besonders an die vie'lgesungenen liturgischen Gesänge von Lewandowski, Sulz er und anderen. Daß die Gesänge, die Lewandowski übernommen und verarbeitet hat, in ihrer Gesamtheit echt jüdischen Ursprungs sind, möchte ich bezweifeln. Teilweise stammen sie direkt oder indirekt vom gregorianischen Kirchengesang her. In den jüdischen Volksliedern finden wir schon eher Bestandteile jüdischer Musik. Doch auch diese sind oft mit slawischen Wersen vermischt. Bor allem muß man sich hüten, alle jüdischen Volkslieder als „echt jüdisch" zu bezeichnen. Denken wir z. B. an die allbekannte Melodie der „Hatikwah", so steht einwandfrei fest, daß diese Melodie ein italienisches Volkslied aus dem 15. oder 16. Jahrhundert ist. Auf die Frage: Gibt es eine jüdische nationale Musik? kann man nur antworten: Noch nicht, doch sic ist im Entstehen begriffen und wich bald gleichwertig sein der Nationalmusik anderer Böller. In den Komponisten unserer Tage können wir nur die Vorläufer dieser Kunst scheu. W i r haben noch europäische Kultur genossen, leben in ftemden Ländern, wo uns fremdartige Kultur umgibt. Die nächste Generation der jüdischen Musiker, die ihre Ausbildung schon im eigenen Lande genießen durste, wird bereits beginnen, Trägerin einer nationalen Musik zu sein. * In diesen: Aufsatze sollen nun nicht die Musiker geschildert werden, die zufällig Juden oder jüdischer Abstammung sind, wie Gustav Al a h l e r, Arnold S ch ö n b e r g oder von der jungen Generation Kür: W e i l l, K 0 r n g 0 l d und die vielen anderer:, die im heutiger: Musikleben eine Rolle spielen. Hier sollen nur die hervorragendster: Vertreter der heutiger: Musik geschildert rverden,' die sich zrrm Judentum nicht indifferent verhalten, sondern die sich als Inden fühlen, sich ihres Judentums bewußt sind und dazu beitragen können, eine jüdischuationale Musik zu schaffen. Nehmen wir zuerst — was ein Wer!maß darstellen soll — die westlichen Völker, so fällt uns ein Komponist der modernen Pariser Gruppe, der sogenaunten „Pix", aus, der sich stolz zum Judentum ^bekennt und sich immer einen Juden nennt. _Wiener Morsenzetturik vrSnbaumr Rückkehr In die Politik. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") . Warschau, 18. Februar. Abg. Grünbaurn, der Führer der Opposition in: jüdischen Klub, beschäftigte sich in einer längeren politischen Bersamrnlungsredc mit der gegenwärtigen Lage in: jüdischer: Klub. Er erörterte eingehend die falschen Voraussetzungen der von: Abgeordneten Reich geführten „Ugoda"-Politik (Verständigungspolitik). Die jüdische Bevölkerung kann und darf insolange keine Verständigungspolitik einleiten, bis rücht die nationale und bürgerliche Gleichberechtigung der Juden erfolgen wird. Dr. Reich glaubte durch seine Politik eine Beruhigung der judenfeindlichen Atmosphäre in Polen zu erzielen, was ihm jedoch nicht gelungen sei. Besonders eingehend beschäftigte sich Abg. Grünbaum :::it der Rede des Regierungsvertreters auf der letzten Rabbinerkonferenz, der namens der Regierung erklärte, daß die jüdischen Gemeinden vor allem einen religiöser: Charakter zu tragen haben. Diese Erklärung beweise zur Genüge, welche Tendenzen die Regierung hinsichtlich der nationale.:: Forderungen der jüdischen Bevölkerung vertrete. Besonders scharf verurteilte Abg Grünbaun: die Beschlüsse der Rabbinerkonferenz, die ihre Autorität und ihren Einfluß auf das jüdische Volksleben viel zu stark überschätzt hat. Die Rabbinerkonferenz hat bewiesen, daß die Rabbiner die Absicht haben, die Taktik der katholischen Geistlichkeit zu besolger: und der jüdischen Gemeinschaft zu diktieren, wie mar: zu leben, zu fühlen und zu denken habe. Gegen diesen Klerikalismus unserer Rabbiner rnüsse sich die ganze jüdische 'Oessentlichkeit organisieren, um eir:er neuen Versklavung von dieser Seite vorzubeugen. Debatte über das Expofb Dr. Benesch'. Prag, 18. Februar. Das Abgeordnetenhaus begann heute die Debatte über das Expose des Ministers Tr. B ene s ch, die int allgemeinen ohne größere Störungen verlief. Eilte erregte Szene entstand jedoch, als der Kommunist H a k e n die Generalität beschuldigte, in die politischen Verhandlungen über die Anerkennung Sowjetrußlands eingegriffen zu haben. Wenn die Generalität den Grundsatz der Entpolitisierung der Armee durchbricht, dann werden die Kommunisten dafür sorgen, daß in der tschechoslowakischen Armee unter den Soldaten eine Bewegung entsteht, daß den politisierenden Generälen wavrn werden wird. Unter empörten Zwischenrufen der Mehcheitsparteien wurde der Abgeordnete Haken zur Ordnung gerufen. Nationalvevteidigungsminister Stribrnh ergriff sogleich das Wort und erklärte, er könne nach eingehender Untersuchung die Nachricht, als ob die Generale oder der Generalstab ir- Züvisches Studeutenmeeting. Montag den 22. d., V, 8 Uhr abends, im Olympias a a l, 1. Bez, Rotgasse 6. Redner: Dr. Desider Friedman», Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Oesterreich, Prof. Dr. Viktor Kellner, Direktor des jüdischen Realgymnasiums, und canck. rer. pol. Benjamin A k z i n. 19. Februar 1926 AM 8 V'* \\ II tOOOv.ChiN QM Wein’ nicht, mein Schatz! Ich geh* Dir nicht verloren! Ich gehe nur spazieren vor den Toren. Ich will, gleich allen richt’gen Kavalieren» BERSON-Gummiabsätze ausprobieren 1 gend eine Intervention ir: Angelegenheit der Nichtanerkennung Sowjetrußlands unternommen hätten, als glatte Erfindung bezeichnen. Der deutschnationale Abgeordnete Sch oll ich fragte, ob es ein so großes V e r b r e ch e n sei, wenn Ungarn daran ginge, sich an den Feinden schadlos zu halten. Die Franken«stfüre sei eine rein politische 2lngelegen heit. Auch das deutsche Volk werde einmal aufstehen, um sich von der Fremdherrschaft zu b*- freien. Lärmszenen im Senat. Der Senat trat heute zur Wahl des Präsidenten zu» sammen. Die Eröffnung der Sitzung erfolgte unter Lärmszen er: seitens der Deutschnationalen und der deutschen Nationalsozialisten, die unter anderem die Widerrufung der Sprachenverordnung verlangten. Unter anh a l t e n d e m L ä r m, wobei auch Pfeifen zu vernehmen war, wurde die Vornahme der Wahl begonnen, während die deutschen und ungarischen bürgerlichen Senatoren sowie die der slowakischen Bolkspartei den Saal verließen. Gewähr wurde Klofae. Redeverbot Kr Hitler i« Sachsen. Berlin, 18. Februar. (Wolfs.) Die nationalsozialistisch:» Arbeiterpartei hatte beabsichtigt, am 4. März in Leipzig eine große Kundgebung zu veranstalten, bei der Hitler sprechen sollte. Das sächsische Ministerium des Innern hat daraufhin nach einer Meldung der „B. Z. am Mittag", jedes öffentliche Auftreten Hitlers in Sachsen untersagt. Es ist Darms Milhaud, der wohl im heutigen Frankreich neben Maurice Ravel die bedeutendste Rolle spielt. Der Name dieses Komponisten wird dielen nicht so geläufig sein wie die der anderen nrodernen Musiker. Doch ist daran mchr das Publikum selbst schuld, da cs noch immer große Vorurteile modernem Schaffen gegenüber zeigt. Milhaud ist im Jahre 1892 in der Provence geboren. Frühzeitig kam er auf das Conservatoire in Paris und wurde nach nicht langer Zeit prämiiert entlassen. Milhaud führte ein reich bewegtes Leben. 1917 und 1918 ist er als Attache der französischen Gesandtschaft in Brasllien tätig, kommt 1919 nach Paris zurück und schließt sich hier der gerade gegründeter: Gruppe der „Six" an, als deren Führer er bald gllt. Propagandareisen für sich und seine Kollegen führen Milhaud durch einen großen Teil Europas und in die Vereinigten Staaier: Arnerikas. Alst überall hat er große Erfolge zu verzeichnen. Ein vielseitiges Schaffen zeichnet ihn vor seinen Kollegen ans, denn es gibt kaum ein Gebiet der Komposition, auf dem er sich nicht betätigt hat. Er schreibt Klavierwerke, unter denen eine Sonate (1916) hervorragt. Im selben Jahre entstehen die „Poemes juifes", ferner Lieder nach Texten vor: Claudel, Chateauibriand, Tagore, Corteau und anderen. Einige Jahre danach, 1919, schreibt er zwei P s a l m e n für B a r i t 0 n u n d O r ch e st e r. Auch auf dm: Gebiete der Kammer- und Orchestermusik schafft Milhaud Außerordentliches. Ir: den Jahren 1914 bis 1922 schrieb er sechs Streichquartette, die oft aufgeführt wurden, ferner Sonaren für Violine und Klavier, für Klavier >ur:d verschiedene Instrumente. Für meist kleines Orchester konrponierte er fünf Symphonien. Um diese Zeit entstanden auch zwei Suiten für großes Orchester. Von szenischen Werken schrieb er eine Oper in drei Akten, ,Pa Brebis egaree", die ir: der Opera comique in Paris ihre Uraufführung erlebte. 1918 entstand eines seiner Hauptwerke, das Ballett (von Paul Claudel) „L'homme et son desir". Dieses Ballett wurde in Wie n und Dresden durch die Schule Hellerau, ir: Paris, Stockholm, New- Jork und Hamburg durch das schwedische Ballett aufgeführt. Noch arrdere Ballette entstar:dcn im .Laufe der Jahre, so 1922 „Salade", 1923 „La creatior: du monde" und 1924 „Le train bleu", das durch das russische Ballett in Paris, London und Monte Carlo vorgeführt wurde. Aus dieser noch lückenhaften Aufzählung der Werke Milhauds karrn marl seine vielgestaltige Produktivität erscherr. * Schon mehr Komponist im Sinne nationaljüdiischer Musil ist der zweite der hier zu besprechenden Musiker, der Schweizer Ernest Bloch, Er wurde im Jahre IM als Schn eines Kaufmannes in Genf geboren. Sein erster Kornposit.ionslehver rvar Jaques Däleroze in seiner Heimatstadt. Bloch studierte auch Violine, zuerst bei Reh in Genf, später bei Eugene Mage in Brüssel, wo er auch seine Kompofttionsstudier: sortsetzte. Dann ging er mch Frankfurt a. M., München, Paris und kehrte 1904 nach Genf zurück, wo er bis zun: Jahre 1916 verweilte. Bei Bloch fällt schon rein äußerlich auf, daß er sich oft jüdische Themen als Unterlagen zu feinen Kompositionen wählt. So entstanden d r e i b i ib l i s ch e P s a l m e n für Bariton und Orchester sowie eine Cello-Rhapsodie „Sch elemo". In: Jahre 1910 schrieb er das lyrische Drama „Macbeth" auf einen Text von Edmund Fleg (riach Shakespeare), das irr Paris mit großem Erfolg ausgeführt wurde. Ein großes symphonisches Werk, „I f r a e l", zeugt vor: Blochs großem Können auch auf diesem Gebiete. Auch ein Streichquartett stammt aus diesen Ähren. 1916 ging Ernest Bloch nach Amerika, wo er im Jahre 1920 Direktor des Cleveland Institute of Music wurde. Dort entstanden eine Suite für Bratsche und Orchester, wofür er den berühmten Coolidge- Preis hekam, ferner eine Vrolinsonate, .die 1922 bei den: internationaler: Kamernmsikfest in Salzburg aufgeführt wurde. Außerdem schrieb er das symphonische Werk „B a a l - S ch e m" sowie viele Kammermusik- und Klavierwerke. Auch eine zweite, biblischem Stoff entlehnte Oper, „Jezäbel", entstand ir: dieser Zeit. Enest Bloch hat eine eigenartige Stellung in der Musik. In Amerika, dem mehr konservativen Lande, wird er oft als zu modern angegriffen, in Europa betrachtet man ihn öfters als epigonal. Doch beide recht oberflächlichen Beurteilungen sind unrichtig. Bloch ist ein Musiker, der sich nicht um Programme kümmert. Er hat sich einen eigenen Stil geschaffen Trieb ihn seine Inspiration dazu, ivarf er die alten Regeln und Gesetze der Komposition beisei re, doch tat er es nie um des Zerstörens willen. Ganz besonders bemerkenswert bei ihm ist die virtuosenhafte Behandlung der einzelnen Instrumente. In Ernest Bloch haben wir es mit einem Musiker zu tun, der nicht um der Propaganda willen jüdische Musik schreibt, sondern es aus sich heraus tut, weil er nicht anders schreiben kann. Dies ist um so ausfallender, als Bloch aus einem wenig jüdischen Milieu stammt. Zum Schluffe nröchte ich einer Hoffnung, die ich hege, Ausdruck geben, daß sich nämlich beide Komponisten, die zu den bedeutendsten Musikern der heutigen Zeit zu rechnen sind, Darms Milhaud wie Ernest Bloch, entschließen, ihre wertvollen Kräfte dm: neugegründeten jüdischen Konservatorium der Musik in Palästina zur Verfügung stellen