Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2512 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«Kr_wn, _ Der Mord auf dem Praterftern. - y. Wie«. 19. Februar. Die stürmischen Angusttage deS vergangenen Lomn'ers sind im Äerichlspal lebendig geworden. Der Zuhälter Seidel hatte seinen feigen Mord an dem Turner Mohapel zu verantworten. Leine Tat stand in einem innigen Zusammenhang mit der Art, von Politik, die in dieser Zeit in 'Wien bis zum Höhepunkt der Tollhäuslerei gediehen war. Die Einl-crufung des Zionistenkongresses nach der österreichischen Metropole war zum Anlaß für die Rallneruna aller antisemitisch-aktivistischen Gruppen geworden, die oie Gelegenheit tvahrnehnien wollten, denr Judentum einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Diese Mion hatte sich nach einem gut gearbeiteten Plan unb Regiesystem vollzogen. Erst waren es vereinzelte Zeitungsaiigttffe, dann Versammlungen und schließlich Straßenerzesse. Es tvar unverständlich für die außerösterreichische Welt, was hier vorging. Daß ein interterritorialer Kongreß einer nationalkulturellen Organisation auf derartige Widerstände stoßen sollte, daß in einem aus Wohlwollen, Freundschaft und Fremdenverkehr angewiesenen Kleinstaat eine Bewegung zum Bruch des Gastrechtes entstehen konnte, war ein Rätsel. Ein noch größeres, daß mit alleiniger Ausnahme der in ihrer Korrektheit verharrenden Regierung, die gesamte Oeffentlichkeit der Hetze gegenüber kühl und uninteressiert blieb, so daß selbst Infamien, wie der Ueberfall auf das Stadtparkrestaurant, sich ereignen und straflos bleiben konnten. In der Atmosphäre, die damate Wien bedrückte, erfolgte der Mord auf dem Praterstern. Hakenkreuzler und Christlichsoziale berauschten sich an der Situation, die sie in den Mittelpunkt des Weltinteresses brachte. Die großen Zeitungen der romanischen, slawischen und angelsächsischen Welt sandten rasch ihre Korrespondenten nach Wien, um an Ort und Stelle den Sinn dieses Treibens zu erkunden. Daß der Zionistenkongreß den nationalen Charakter der Stadt nicht berühren könne, wußten die Verbreiter der Lügen; daß er sich mit österreichischen Fragen nicht zu befassen habe, konnte jeder Zeitungslefer erkennen. Es ging nicht um diese Angelegenheiten, und die Erzählung der Professionslügner von der tschechischen Militärbereitschaft an der österreichischen Grenze, von der Bereitstellung von 50.000 jüdischen Turnern, von der Bewilligung tschechischer Subventionen, weckten nur schwaches Echo. Hinter der Bewegung stand j einfach der Plan, vor der ganzen Welt die Situation des Jiürentums zu einer Katastrophe zu führest. Es sollte an dem Beispiel des Kongresses der aktiven und impulsiven jüdischen Organisation gezeigt werden, daß sich das Judentum nirgends versammeln könne. Dies sollte zugleich ein Wink nach Palästina und nach dem ganzen Orient sein, daß das jüdische Voll nicht einmal im Zentralpunkt des Abendlandes geschützt werden könne. Der Streich, der nicht in den Gehirnen der nationalsozialistischen Straßenschrerer ausgesonnen war, kam von der Seite, die ein lebhaftes Interesse daran hat, den internationalen Judenhaß zu patronisieren und zu sanktionieren, Juden und Araber gegen einander zu hetzen und die zionistische Friedensarbeit zu stören. Diese Stelle spielt auf vielen Violinen. Sie kann christlich, nationalistisch, monarchistisch, ja sogar Pazifistisch kommen. Sie wendet alle Mittel an und richtet es so ein, daß alle Wege nach Rom führen. Durch Wochen wurde der Pogrom ausgeschrien. Zeitungskolporteure mit der Hakenkreuzbinde waren im Namen der Preßfreiheit aufgeboten, um an allen Straßenecken die frechsten Produkte der Ritualmordphantasie auszubieten. Sie kriegten gutes Geld dafür. Reichsdeutsche und magyarische Agenten strolchten an den Verkehrspunkten einher und dienten als Zeugen für Ueberfälle auf die Preßfreiheit; jüdische Passanten wurden in abgelegenen Winkeln angehalten und mißhandelt. Aus den Bundesländern kamen ganze Hausen begeisterter Jünglinge nach Wien, die deutsche Seele zu schützen. Schulverein, Trachtenverbände marschierten über den Ring und brüllten ihr „Juden raus!" Der Mord lag in der Luft und die „Reichspost" und ihre hakenkreuzlerischen Wurmfortsätze machten große Auflagen. Das Messer saß locker. Der Zuhälter Seidel stach den Turner nieder. Die „Reichspost", der Herold der Seelensanierung, schrieb erleichterten Gemütes: „Endlich!" Sie ist weiter ein angesehenes Organ und verteidigt die Ehre des journalistischen Berufes. Seidel bat zwölf Jahre Zuchthaus bekommen. 8« Mllffoüni fronet Vertt«, 18. Februar. (Tel.-Komp.) Nach einem Londoner Telegramm des „Tag" verlautet in zuverlässigen Kreisen Londons, daß Mussolinis Gesund heit szustand wieder größte Sorge errege. Obwohl in letzter Zeit von Rom aus ständig dementiert wurde, daß Mussolini sich werde einer schweren Operation unterziehen müssen, weiß man jetzt, daß ein berühmter auswärtiger Chirurg über seine Bereitwilligkeit, eine solche Operation zu vollziehen, befragt lourde. Dieser Chirurg lehnte es jedoch ab, nach Ro,n zu gehen, während andererseits Mussolini Italien nicht >) e r l a s s e n w i r d. Die Krankheit des italienischen Ministerpräsidenten besteht in leichten, aber andauernden Blutergüssen. Zwei schwere Anfälle sind schon vorüber und es heißt, daß der dritte tödlich sein könnte. Mussolini ist aus Mailand nach Rom zurückgekehrt. gBfeitt* Mors-nzelitirttz Ist. fofauar 1926 _, tot W» Aus der Steiermark. Sine SeldWcherdebatte im Aatioualrat. Der Bericht de< sozialdemokratischen Hauptorgans über eine Rede Bethlens im Untersuchungsausschuß der ungarischen Nationalversammlung bildete gestern den Gegenstand einer dringlichen Anfrage im Nationalrat. Bethlen hatte nach diesem Bericht unter anderem behauptet, daß Professor Meszaros und die übrigen Fälscher tschechischer Fünfhundertkronennoten im Jahre 1921 in Wetzelsdorf bei Graz eine Druckerei eingerichtet hätten, wobei ihnen der Landeshauptmann Rintelen und sein Sekretär Huber behilflich gewesen wären. Auf Weisung des Landeshauptmannes hatte die Gendarmerie dafür zu sorgen, daß die Arbeit nicht gestört werde, aber auch sonst wurde die Druckerei von Bewaffneten bewacht. Die falschere tschechoslowakischen Roten wurden nach Graz übergeführt, oft in dem Auto des Landeshauptmannes Rintelen. Von Graz wurden sie dann mit Hilfe von österreichischen und ungarischen Grenzsoldaten nach Budapest gebracht. Als man den Versuch machte, die Noten in den Verkehr zu bringen, wurden infolge deS Einschreitens der tschechischen Regierung Meszaros und einige seiner Genossen in Wien verhaftet und devt Landesgericht oingeliefert. Nach der Verhaftung des Meszaros ging der ungarische Gesandte Masirevich zum damaligen Bundeskanzler Schober und ersuchte ihn, da die Fälscher aus patriotischen Gründen handelten und keine gewinnsüchtigen Absichten hatten, das Verfahren gegen sie Niederschlagen zu lasten. Masirevich kümmerte sich dann einige Zeit hindurch nicht um die Angelegeilheit, bis eines Tages Meszaros in der ungarischen Gesandtschaft erschien. Dann sprach der Gesandte von neuem beim Bundeskanzler Schober vor, der ihm die Mitteilung machte, daß sich mehrere Führer der christlichsozialen Partei für die Angeklagten bei ihm eingesetzt und die Einstellung des Verfahrens verlangt haben. Schober hat auf Grund dieser Vorstellungen das Verfahren dann einstellen lasten. Die sozialdemokratischen Interpellanten richteten an die Regierung die Frage, ob ihr diese Behauptungen Bethlens bekannt seien und lvarum die Banknotenfälscher abolicrt wurden. Abg. Dr. Eisler führte in Begründung der Anfrage unter anderem aus: Man nmß sich doch daran erinnern, in welchem Augenblicke diese Beschuldigungen durch Bethlen ausgesprochen wurden. Sie wurden ausgesprochen in einem Augenblicke, in dem Ungarn vor der ganzen Welt gebrandmarkt dasieht als deb Staat, dessen international« Beziehungen sich heute nur noch auf kriminellemGe biete . a u s l e b e n. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen bei den Sozialdemokraten.). j Präsident SOI t H a s: Herr Abg. Dr. Eisler, ich kann eine derartige Beschimpfung eines befreundeten benachbarten Staates nicht zulasten und muß sie energisch zurückweisen. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Bravo, Eisler! — Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen bei den Sozialdemokraten. Zwischenrufe.) Abg. Forftner: So ein G a u n e r g e s i n d e l! Präsident Miklas: Herr Abg. Forstner, ich rufe Sie zur Ordllung. Abg. Sever: Wen rufen Sie zur Ordnung? Den Horthy rufen Sie zur Ordnung! (Neuerliche Zwischenrufe.) Präsident M i k l a s: Ich muß diese Zwischenrufe aus daS Energischeste zurückweisen. Abg. Sever: Man wird doch sagen dürfen, was der Horthy ist, daß er ein Lump ist! Präsident Miklas: Herr Abg. Sever, ich rufe Sie neuerlich zur Ordnung. Abg. Forstner: Regen Sie sich nicht auf wegen der Mörder! Präsident Miklas: Herr Abgeordneter, ich rufe Sie zur Ordnung. Ich bedaure, daß mir keine anderen Disziplinarmittel zur Verfügung stehen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen rechts. — Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten. — Abg. Austerlitz: Wollen Sie die österreichischen Abgeordneten hinauswerfen lasten und den Horthy hereinlasien?) Abg. Eisler: Der ungarische Staat wird heute von einer ganzen Reihe europäischer Staaten gezwungen, Dinge aufzuklären, die rein kriminellen Charabt e r haben, und es ist notorisch und ich kann ja, wenn ich will, auch bedauern, damit eine notorische Tatsache aussprechen zu müssen, daß cs heute in dem ungarischen Staat, in der Regierungspartei, in der Regienmg niemanden gibt, der nicht mitverdächtigt wird, an biefm Verbrechen teilgenommen zu haben. Der Ministerpräsident dieses Staates behauptet nun, nicht nur Ungarn, auch Oesterreich sei ein solcher Staat, in dem hohe Funktionäre, Verwaltung-- und Gerichtsorgane sich mit der Förderung von Banknotenfälfchungen befassen; das heißt, Oesterreich wird vor allen Böllern Europas an die Seit« Ungarns gezerrt, und -ie Aufgabe, die heute denr Hause obliegt, ist, sich gegeu diese Anschuldigungen zu wehren. Ungarn untersuch:, in Ungarn har das Parlament unter dem Druck der Opposition 'wenigstens die formelle Möglichkeit geschaffen, die Wahrheit an den Tag zu bringen, urrd wir Sozialdemokraten lverden es nicht ruhig hinnehmen, daß daösterreichische Parlament zur Rettung der Ehre der Republik nicht einmal so viel tut, wie das ungarische Parlament für Ungarn getan har. Es ist nollvendig, daran zu erinnern, wie viel sich leider ereignet hat, was di« Anschuldigung de» Graf«« Bethlen ernst und ihre Aufklärung so dringend noüvenditz macht.Die Zusammenhänge zwischen gewiflen ungarischen und chriftlichsozialen Kreisen in Steiermark datieren ja nicht erst aus Veit Tagen, in denen Ungarn mit dem Banknolenfälfchen begonnen hat, sondern sind ja älter. Zwischen deni christlichsozialen Steiermark und dem Horthy- Ungarn bestehen Fäden, die zum erstenmal in der Zeit der ungarischen Rätediktatur gesponnen wurden. Wenn sich die I Oesterreicher ihrer schämen und sie äbleugnen, rühmen sich die > Ungarn ihrer und so ist es gekommen, daß bk Geschichtsschreiber der ungarischen Gegenrevolution mit vielem Rühmen erzählt haben, daß die steirische Landesregierung, daß die höchsten Funktionäre des Landes Steiermark ihnen im Feld-, bacher Lager Kasernen eingeräumt, ihnen dort die Bildung geordneter militärischer Kräfte gestattet und ihnen geheime Wastenlag« in der Oststeiernmrk angelegt haben. So war es möglich, daß die Geschichtsschreiber der ungarischen Gegenrevolution nachträglich emhüllt Habendaß die § t r e i t m a ch t, mit der Herr Horthy in Budapest eingezogen ist, Mt zur Gänze in O st st e i e r m a r k vorbereitet, ausgerüstet, eingerichtet, eingeübr mtfo dann hinübergebracht wurde. Bon den Fälschungen der Tschechenkronennoten ist auch früher schon unwiderlegliche Wahrheit gelvesen, daß ein Angehöriger der steirischen Sicherheitsbehörde, der Polizeischüler Walch in Spielfeld Pakete von falschen tschechischen 500-Krotten-Noten im Werte von 250.000 Tschechenkronen umwechseln wollte. Der verhaftete Polizeischüler erklärte, er habe sie von einem gewissen Huber, einem Beamten der Steirerbank, zum Wechseln bekommen. Dieser Huber hat nicht ansgehört, in der Geschichte der christlichsozialen Partei Steiermarks eine Rolle zu spielen; denn er begegne: uns später, als zwischen den Parteien in Steiermark darüber verhandelt wurde, wer als Vertrauensmann der beiden Parteien in die Leitung d c r N a v a g in Graz entsendet werden soll. Der Herr Huberbesorgt jetzt in Graz bei der Ravag die Funktion des Ansagers, desjenigen, der die Welle 397 ankündigt und den Rundspruchteilnehmern „Gute Nacht!" sagt. (Äbhafte Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) In demselben Monat, in dem dem Herrn Huber dieses Mißgeschick passiert und der Polizeischüler Walch erwischt wurde,. sind auch bei der Verbreitung von tschechischen 600-Kronen-Noten jene Persönlichkeiten erwischt worden, die dann den Mittelpunkt des Verfahrens gebildet haben, das die österreichische Negierung' Niederschlage« mußte, Professor Meszaros und seine Helfer. Auch sie haben tschechische FünfhuMrter gefälscht. Mau hat festgestellt, daß diese Fünfhunderter aus der Drucker«: in Wetzelsdorf stammen. Wir wünschen und erwarten, daß nachgewiesen wild, Graf Bethlen habe die Unwahrheit gesagt. Ist es so, dann kann es laut gesagt und dargetan, dann soll Herrn Bechlen die richtige Antwort gegeben lverden. Wäre es, was wir nicht erwarten und was wir nicht glauben können, anders, dann müßten w:r die Konsequenzen daraus ziehen. Bundeskanzler Dr. Raine«! erwiderte, er habe Gros Bethlen durch unseren Gesandten in Budapest über die in der „Arbeiter-Zeitung" wiedergogebenen Aeußerungen befragen lasten. Bethlen verwies auf ein Communique, in dem vor Nachrichten, d.e angeblich aus denr Untersuchungsausschuß stammen, nachdrücklichst gewarnt wird. Er könne versichern, daß sich aus dem gesamten Aktenmaterial keinerlei Anhaltspunkte für die Stichhältigkeit der gegen R i n teI e n und gegen Organe des Bundes angeblich erhobenen Beschuldigungen ergeben. Die Sozialdemokraten stellten nun den Antrag, einen siebengliedrige «Untersuchungsausschuß mit der Prüfung aller dieser Beschuldigungen zu betrauen. Dieser Antrag wurde nach einer länge«» Debatte darüber, ob zu dieser Prüfung ein Ausschuß des Nationalrates oder pr deS steirischen Landtages kompetent sei, a b g e l e h n i. Damit war diese Angelegenheit erledigt. Auch Aaeran mit im Spiel. Prag, 19. Februar. Wie „Loko Preß" meldet, hatten di« Ergebnisse der bisherigen Untersuchung in Angelegenheit der Beziehungen des inS Ausland geflüchteten chemaligen Abg. Baeran zum Prinzen Windischgrätz in vollem Umfange die Tatsache bestätigt, daß Doktor Baeran über alle, auch über di« vorbereitenden Aktionen der ungarischen Nationalisten, informiert gewesen sei und sich an einigen sogar aktiv beteiligt habe. Sein Verhältnis zu Windischgrätz sei sehr vertraulich gewesen und beide hätten ständig fahr lebhafte persönliche Beziehungen unterhalten. Diese Intrigen seien teils durch die Verhaftung Dr. B a e r a n s, teils durch die Verhaftung der gewesenen Gräfin Esterhazy, mit deren Gatten, dem Obersten Moraweck-Osztenburg, dem bekannten Führer des Aufstandes im Burgenland, Windischgrätz in enger Verbindung gestanden habe, plötzlich zunichte gemacht worden. _ Abgeordneter Petzer gemabrrgelt. Der JmmunitätSausschuß hat den sozial' demokratischen Abgeordneten Karl Peyer wegen Beschimpfung der Ministerpräsidenten für 30 Sitzungen aus dem Parlament anSge^ schlossen. Da in einem Monat höchstens 15 Sitzungen des Haust» stattsinden können, bedeutet. dich Maßvegölmtg