Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2511 (18.2.1926)
- Date
- 1926-02-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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August, dem Tage der Beerdigung des gewesenen Bürgermeisters Reumann, zu einer Versammlung auf dem Praterstern durch Flugzettel einlud. Bei dieser Versammlung wurde Mohapel von irgend einem bisher noch unbekannten Provokateur attackiert und flüchtete. Einige Leute verfolgten ihn, unter ihnen der Zuhälter Seidel, der eben in einem Wirtshaus gezecht hatte. Er stach dann im Hotel den jungen Mann nieder. Er wurde noch in derselben Nacht bei einer Rauferei in einem Praterwirtshaus verhaftet. 5«: Die Verhandlung im großen Schwurgerichtssaale, der von Zuhörern dicht besetzt ist, wird von Hofrat Dr. 2 chaup geleitet, die auf Mord, versuchte schwere körperliche Beschädigung und Hausfriedensbruch lautende Anklage vonr Pressestaatsanwalt Doktor 2 ch w a r tz vertreten, die Verteidigung har Dr. Robert Klein tune. Der Zutritt zur Verhandlung war nur unter strengen Kontrollmaßnahmen gestattet. Nach halb 10 Uhr wird der Angeklagte Franz Seidel herciikgeführt; er ist ein schlanker Bursche von herausforderndem Auftreten. Nach Verlesung der Anklageschrift wird der Angeklagte vor die Barre gerufen. Vors.: Bekennen Sie sich schuldig? — Angekl.: Ich habe chn n i ch t t ö t e n w 0 l l e n, ich weiß nicht, ob ich ihtt getötet habe. Ich wollte ihn nur verletzen. Vors.: Und daß 2ie den SicherheitÄvachmann erstechen wollten, das geben Sie zu? — A n g e k l.: Nein. — Vor s.: Sie haben doch das Messer gegen ihn gezuckt. — Angekl.: DaS weiß ich nicht. Nun berichtet der Angeklagte über sein V 0 r l e b e n. Dann verliest der Vorsitzende Gerichts- und Polizeiakte über den Leumund des Angeklagten. Die Polizei sagt, daß Seidel in sehr schlechtem Rufe stche. Er sei ein brüchttgter Trunkenbold, Raufer und Messerstecher. Vors.: Jetzt kommen wir zum ersten August. Das haben Sie tagsüber getan? — Der Angeklagte berichtet, daß er tagsüber Wirtshäuser besucht habe und gegen Abend zum Praterstern gekommen sei, wo er aus Neugierde d-re Reden der kommunistischen Versammlung archörte. Plötzlich feien Ohrfeigen ausgeteilt worden; ein junger Mensch ist fortgelaufeu, viele Leute sind ihm nach. Auch ich bin ihm nachgerannt. Alles hat geschrien, haut's es nieder! Ich Hab' mitg'fchrien, und bin ihm nachg'rannt. Vor dem Hotel Dresden, in das der Mensch hinein is, Hab' ich mir mein Messer g'richt, und mir dabei denkt: Jetzt wisch' i' dem halt ans. I' bin ihm nach in's Haus und in ein' sinsterm Winkel Hab' i' ihm zwa versetzt. Der Angeklagte bwicht'.r weiter, daß er von zwei ihm unbekannten Burschen, einem Zivilwachmann, der ihn schon gefaßt.hatte, entrissen worben sc., seine B gleirrr führten ihn zum Praterstern, i wo er sich in ü.nem Auslauibrunncn die blutigen Hände wü.ch. Dann führten sie ihn in das kommt nistrsche Parteilokal'in der Blumauergasse. Dw Arzt Tr. So mm erste in wurde iuhcll. „Ich war nämlich verletzt." sagt der Angeklagte, „man Hut mir Wasser zu trinken gegeben und der Arzt hat gemeint, er wirb mich zu den Barmherzigen Brüdern bringen, um meine Wunden verbinden zu lassen. — Vors.: Haben Die dem Doktor Sommerstein auch erzählt, was los war? — Angekl.: Ja, daß ich einen Haken kreuz! er gestochen habe. Der Doktor hat'gesägt, ich soll bei den Barmherzigen erzählen, daß ich von Hakenkreuzlern mißhandelt worben bin und einen falschen Namen angeben. Dann hat er mir das Messer abgenommen, mir es aber nach dem Verlassen . des Spitals wieder zurückgegeben. Der Vorsitzende verliest ein Untersuchungsprotokoll, das mit der Mutter des Angeklagten ausgenommen worden ist. Es HMt darin, daß der Vater des AngeKagten dem Trünke ergeben war, seine Frau oft mißhandelte und sie sich deswegen einmal aus Gram vergiften wollte. Eines Nachts fiel der trunksüchtige Mann, nachdem er vorher einen Liter Rum ausgetrunken hatte, in einen Sumpf und erstickte. Der Vorsitzende hält dem Angeklagten vor, daß er dem Arzt Dr. Sommer st «in gesagt habe: „Alle Pratevleute kennen mich, der Prater gehört mein. Wenn's was brauchen, kommen's zu mir." - An ge kl.: Daran kann ich mich nicht evinnern. — Staatsanwalt: Was für ein M es ser war das, mit dem Sie Mohapel gerötet haben? — Angell.: Ein scharfes, spitzes Messer. Ich habe es zum Brot und Würstelschneiden gekauft. — Staatsanwalt: Gehören Sie einer politischen Partei an? — A n» gekl.: Nein, gar keiner. — Staatsanwalt: Warum haben Sie eigentlich den Mohapel getötet? — Angekl.: Na, weil ich so aufgeregt war. — Staatsanwalt: Das ist aber vollkommen unglaubwürdig. Sie sind doch rin berüchtigter Messerstecher. — Angekl.: Ich habe nur einmal in meinem Sehen gestochen und das war wegen einer Liebesgeschichte. (Heiterkeit im Auditorium.) Staatsanwalt: Am Vormittag des 1. August haben Sie in einer Tabaktrafik geprahlt, daß Sie noch an diesem Tage einen Hakenkreuz!er kalt machen. — Angekl.: Nicht möglich. Ich habe damals nicht einmal gewußt, was ein Haken kr euzler ist. (Heiterkeit im Audiwrium.) — Bert.: Was war der Grund ihrer Erregung? — A n gekl.: Die Reden der Hakenkrenzler uud tv-eil ich gestoßen worben bin. — Bert.: Was für Absicht hatten Sie? — An g e kl.: Gar keine, ich bin mitgelaufen und weil «ich unterwegs meinen Stock verloren habe, griff ich zum Messer. Die Zeugin Paula Ia ksch, die im Hotel Dresden beschäftigt ist, schildert die Vorfälle bei der Ermordung Mohapels. Sie sei aus sein Geschrei hin zum Haustor gelaufen und habe gesehen, wie man den Mchapel herbeüschleifte. Ein Mann mit einer Eisenbahnerkappe beugte sich über ihn und sagte: „Ter ist schon ganz bleich, er stirbt ja schon." Die anderen Leute haben gaschrien: „Her mit dent Hakenkrenzler, der muß hin werden!" Seidel ist in diesem Moment davongelaufen. Der Eisenbahner bückte sich über Mchapel und da habe sie ans seiner Rocktasche rin blutiges Messer hervorragen gesehen. Auch seine Hände waren blutig. — Bors.: Das ist sehr wichtig. Vielleicht hat dieser Eisenbahner die Stiche gegen Mchapel geführt. — Der Staatsanwalt erklärte, daß sich der betreffende Eisenbahner wahrscheinlich an der Leiche blutig gemacht hat. Der nächste Zeuge, Joses Da t t erba u er, gibt über den Hergang der Tat eine etwas abweichende Darstellung. Nach seiner Angabe sollen gleichzeitig drei Leute über Mchapel hergrfallen sein und auf ihn losgestochen haben. — Vors, (zum Angeklagten): Ist das richtig? — Angekl.: Nein, mir wäre rs schon recht, was dieser Zeuge sag!, aber ich gestehe es ruhig ein, ich habe die Stiche gegen Mchapel geführt. Als nächster Zeuge wird der Freund des ermordeten Mchapel, der 21jährige Buchhalter'Ernst Hoffman n, einvernommen. Er gibt eine Darstellung der Vorgänge vor dem Tegetthoffdenkmal und erzähl:, wie beide über das komische Paar lachen mußten. Da sei plötzlich ein Mann auf sie losgestürzt und habe sie als „Pülcher" und „Hakenkrenzler" bezeichnet und ihnen Faustschlage ins Gesicht versetzt. Ms die Menge drohend gegen sie Stellung nchm, seien sie geflüchtet. Doch wurden sie mit Messern und Stöcken verfolgt. Er, Hoffmann, habe sich dadurch gerettet, daß er zwischen zwei fahrende Straßrnbahnzüge lief und sich dann in den Schutz von zwei Ordnern begab, denen gegenüber er sich legitimierte. Seine Verfolger wollten ihm die Legitimation entreißm, doch da kam der Inspektor Rrinöl und nahm ihn in Schutzhast. — Bors.: Wissen Sie, ob Mohapel GAd bei sich hatte? — Zerr ge: Ganz bestimmt. Er hatte eine Fünshunderttausendkronennotr, mchrere Hunderttausendkwnennoten und eine Zigarettendose bei sich. Das Geld und die Dose wurden bsi dem Ermordeten nicht vorgesunden. — Vors.: Hat sich Mohapel politisch betätigt? — Zeuge: Eine politische Ansicht hatte er wohl, doch er hat sich nie politisch betätigt. Der nächste Zeuge, Wachinspektor Rein öl, erzählt, wie er Hoffmann in Schutzhaft genommen habe. Ms er von der Bluttat im Hoteil Dresden gehört hatte, wollte er dorthin gehen. Die Menge ließ ihn aber n i cht d u r ch und deshalb zog er den Revolver. Er wurde zu Boden gerissen und am Kopfe verletzt. Dennoch sprang er aus und zog seinen Säbel. Nur mit Mühe konnte er aus einen fahrenden C-Magen auffpringen, wo ihn der Schaffner vor der Menge in Schutz nahm. Die Leute wollten ihn vom fahrenden Wagen hrrunterreißen. Nur durch Sukkurs konnte der Zeuge gerettet werden. Der Wchrmann Robert P >l a x a ging gerade vor dem Hotel Dresden vorbei, als Seidel herausstürmte. Er hörte ihn rufen: „Der Hakenkrenzler ist schon hin! Wenn ich jemandem das Messen einirenn', dann kommt mir niemand aus! Dreimal Hab' ich ihm's geben!" — Vors.: Dreimal, wissen Sie es bestimmt?. — Zeuge: Ja. Ter Gerichtsarzr Dr. Werk garten, der die Leiche obduzierte, gab an, daß er drei Wunden an dem toten Mohapel gesunden hat, eine tödliche Wunde im Herzen, eine Wunde am linken Arm und «<!ne an der linken Halsseit«. Die Kleider wiesen noch zwei Stiche auf, die aber mit dm drei Wunden nicht im Zusammenhang stchen. Der Gerichtspsychiater Dr. Schimitz schilderte vorerst die Jugend des Angeklagten. Er habe schon in der Schul« nichts getaugt und sei schon ftüh dem Alkohol ergeben gewesen. Seidel ist moralisch defekt und gemütsstumpf. Er ist ein hereditär belasteter, degenerierter, moralisch minderwertiger Mensch und infolge seiner Trunksucht sehr reizbar. Nach den Berichtm der Aerzte, die ihn nach der Tat untersuchten, wurde keine Spur von Trunkenheit bei ihm festgestellt. Er ist also zur Zeit der Tat keineswegs unter dem Einfluß einer SinneSstörung gestanden. Als letzter Zeuge wurde der Onkel des Ermordeten, der Postsparkasseninspeitor Robert Mohapel, über die Charaktereigenschaften des jungen Mchapel vernommen. Er sagte, Joses war rin braves Kind und der Stolz seiner Eltern. Er war das einzige Kind und hätte in den nächsten Jahren das Geschäft des Vaters übernehmen sollen. Politisch war er indifferent. Hieraus wurde das Beweisverfahren geschlossen und di: Verhandlung auf heute vertagt. IS. Februar! im Kr. Soh Jetty Botknecht Moine Weinstein Wien m Zboruw'Wien XL Verlobte WI e n, im Februar 1926 . 1 . .— .... I.....IMII —Q, KUNSTMÖBELFABRIK 520 JOH. GRÜNWALD’S WXI L, Fleischmarkt 17 I., Welhburggasift tl Wohnungen, GescfaSfblokale, Cafh, Kino«, Thealer, nadb eigenen Entwürfen. Siels grosse*, assortiertes Lager JllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllKHIl^ VORANZEIGE! 1 H Die zionistische Frauengruppe Landstrasse veranstaltet 3 Samstag den 20. Februar 1926 im Cafi „Lovrana", 3 H UL, Löwengasse 36, eine s I Akademie mitTanz I j| unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte H Beginn 8 Uhr 109 3 ' ISoeben erschien Der große Popper-Prospekt r« Wann unti lei» Bert 32 Seiten, mit einer künstlerischen Photographie POPPER-LYNKEUS’ Wir wollen mit diesem Prospekt eine Uebersicht über das Lebenswerk POPPER-LYNKEUS' geben und gleichzeitig das Verständnis vertiefen für diesen großen Menschen und Reformator, der sein ganzes Leben in : 1 den Dienst der leidenden Menschheit gestellt hat. Aus dem Inhaltt Ein Essay Coudenhove-Calergis übes POPPER- LYNKEUS Worte POPPER-LYNKEUS‘ Auszüge ans dem vor kurzem erschienenen Gesprächen mit POPPER-LYNKEUS Eine vollständige und übersichtliche Zusammenstellung der POPPER-Literatur Eine ausführliche Würdigung der bedeutendsten Werke POPPER-LYNKEUS' . . ■ ... 101 Gratis! BfldiMlDDD R.LÖC1MT, WlEtf.LRotentunnsfr. 22 Stintbombenwurf im Frankfurter öch-auspiel hmw. . Eine Dame erheblich verletzt. > Aus Frankfurt wird gemeldet: Gestern! abends wurde im Frankfurter Schauspielhaus während einer Vorstellung des Lustspiels „Der fröhliche Weinbergs aus einer Parkettloge eine Stinkbombe in den Zuschauerraum des Theaters geschleudert. Durch die Glassplitter des Cxplosivkörpers wurde eine Dame erheblich verletzt. Im Publikum entstand eine Panik und alles drängte zu best Ausgänge«, sy daß die Vorstellung u n te rlbrocheck werden mußte. Als cs sich herausstellte, daß die geschleudert^ Bombe verhältnismäßig harmlos war, trat wieder Beruhigung ein, das Publikum kehrte aus die Sitze zurück und die Vorstellung konnte vorgesuhrt werden. Der Herr, der die Stinkbombe geworfen hafte, war ttitt’fo lerweile aus seiner Parkettloge geflüchtet und sonnte nicht ausgesorscht werden. Man nimmt au, daß der Stinkbom'benlwerifer auf diese Art eine abfällige Kritik an dem Lustspiel Men wollte, welches das Leben der rheinhesstschen Landbevölkerung in derbnaturalisWer, zuweilen zotiger Weise darstellt,. Lar neue Wasserkraftwerk in Kamins. Stromzufuhr seit dem 8. Februar. Die Starkstromimib Lichtftromanlagen der Gemeinde Wieck werden gegenwärtig zum größten Teil aus dem Opponitzer Wasserkvaftwerk gespeist. Am 8. Februar wurde die von der Was«! serkraftwerke-Aktiengesellschaft „W. A. G." errichtete zweite Wassevkraftanlage in Gaming in Betrieb gesetzt. Die Jahresleistung! dieses Werkes wird rund 28 Millionen Kilowattstunden betragen, was eine Kohlenersparnis von 10 Waggons im Tag.be^ deutet. Das neue Wasserkraftwerk befindet sich zwischen G a m i n g und Kienberg und nützt das Wasser der zweiten.Hochquellen-, leitung aus, das aber, wie aus dem Rathaus versichert wird, durch die Benützung zur Erzeugung des elektrischen Stromes nicht im geringsten beeinträchtigt lvivd. Das neue Werk enthält 8000 Meter Stollen. Das Gesamtgewicht der verwendeten Rohre beträgt 297.800 Kilogramm. Mit der Vollendung dieses Werkes ist das vom Wiener Gemeinderat beschlossen: Wasserkrastausbauprogranmr verwirklicht. Es wird derzeit geprüft, ob es vorteilhaft erscheint, noch weitere Wasserkraftwerke zu errichten. Sollte dies der Fall sein, so wird man, wie in den Städten der Schweiz, 6ifüget! Nachtstrom abgeben können, der die Haushalte und Betriebe zur Nachtzeit mit warmem Wasser Perfvrgt. ' 484848234823484823484823234853484823484848484823482348234848235323