Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2511 (18.2.1926)
- Date
- 1926-02-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981598--25596-3013255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. GeM 1 Me«. DsnneMch_ reichs wünschen nichts anderes, als mit dem italienischen Volk ebenso wie mir allen anderen Völkern in Freundschaft zu leben. Ich erkläre weiter, wenn jemand behauptet, Saß di« maßgebenden Kreise Oesterreich- oder #n das Volk in seiner Gänze von der Rückeroberung des deutschen Oberetsch mit de« Waffen träumen, dann lügt er und sagt eine Lächerlichkeit dazu. Wir freilich können die Grenzziehungen d:8 Vertrages vcm St.-Germain nicht für gerecht ansehen, aber wir anerkennen sie, weil wir den Vertrag, der sie geschaffen hat, unterschriben und ratifiziert haben. Wenn in diesen letzten Monaten bei der Besprechung der Lage im Oberetsch vielleicht in einzelnen unserer Blatter eine Leidenschaftlichkeit zutage getreten ist, die bester unterblieben wäre, so bedauert dies die Bund.sregierung nachdrücklich. Ebenso steht die Bundesregierung selbstverständlich auch der in ven letzten Wochen propagierten Boy- 5o ttbewegung fern, die sie für verfehlt und gänzlich u n a n g e b r ach t hält. Die Bund.Sregirrung hat sogleich nach Bckanntwerden der Rede Mussolinis ihren Gesandten beim Oui rinal beauftragt, bei Herrn M ussolin i Aufklärungen über den präzisen Sinn des erwähnten PastuS einzu-, holen. - . Herr Mussolini hat nun unseren Gesandten am Mittwoch voriger Wochen empfangen und ihm gegenüber auf seine eben im Senat gehaltene Rede verunesen; schon aus dieser gehe hervor, daß seine Worte nur bedeutet hätten, er werbe nie gestatten, die durch die Friedensverträge geschaffene Lage eine Aenderung erfahren zu lasse n. Im Interesse der beiderseitigen Beziehungen sei es ihm wertvoll erschienen, der Bund sregierung durch jenen Passus davon Kenntnis zu geben, daß er den Anschluß ui« dulden würbe. Ueberdies lasse er mir ausdrücklich mitteilen, d:ß er nie daran gedacht habe, Oesterreich irgendwie zu beunruhigen. Alle in Oesterreich im Umlauf gewesenen Gerüchte über einen italienischen Einfall oder eine militärische Expedition seien vollkommen aus der Luft gegriffen gewesen. Wir mögen versichert stin, daß kein einziaer Kombattant jemals den Brenner überschreiten werde. Im Besitze dieser Antwort hat die Bundesregierung di« Frage, ob sie den B ö l k e r b u n d auf die italienische Kriegsdrohung aufmerksam zu machen habe, für sich mit „N e i n" beantwortet; denn nach ten Aufklärungen des Herrn italienischen Ministerpräsidenten liegt eine formelle Bedroh u n g O e st e r r e i ch s n i ch t v o r. Die Erklärungen, die Herr Mussolini, uns zu seiner Kammerrede gegeben hat, werden hoffentlich die entstände« Erregung abdämpfen. Gegen jene Auslassungen des Herrn italienischen Ministerpräsidenten Einsprache zu erheben, die das ganze deutsche voll ohne Rücksicht aus die Staatszugchorigkeit betreffe», konnten wir ruhig dem Herrn Außenminister des Deutschen Reiches überlasten. Was unsere eigene Staatlichkeit und die Sicherung des Friedens in Europa, der einen Augenblick gefährdet schien, erforderte, das hrben wir, so weit es an uns liegt, getan. Wkrner Mor-emett«irz Der Kanzler wandte sich dann der Besprechung anderer Gegenstände zu. Er erwähnte die Beilegung d e S Zwischenfalles m i t R u ß l a n d. der sich an än Freispruch der zwei de! versuchten Mordanschlages gegen den hiesigen Sowjetgefandtcn beschuldigten Personen knüpfte. Weiters kündigte er den bevorstehenden Abschluß eines Schiedsgerichtsvertrages mit der.Tschechoslowakei an. Die formelle Unterzeichnung soll in feierlicher Weise erfolgen. „Wir würden es", sagte Dr. R a m e k, „herzlichst begrüßen, wenn dieser Anlaß den tschechosiowakischen Außenminister nach Wien führen würde. Wie dem Ausschuß bereits bekannt ist, habe ich die Absicht angekündigt, eine Besuchsreise nach Berlin zu -achen, die allerdings im Datum noch nicht feststeht." Schließlich m.'chte er einige Mitteilungen über die Handelsvertragsverhandlungen. In den schwierigen Verhandlungen mit Ungarn sind die meisten Positionen bereinigt worden. Es kann erwartet werden, daß auch dieser Vertrag bald zustande kommt. Mit Deutschland, der Tschechoslowakei, Polen, Frankreich und Belgien h.'den in letzter Zeit die Verhandlungen über Zusatzverträge stattgefunden. Sie sind notwendig, um die bereits angekündigten Aenderungen einiger Zollsätze unseres autonomen Zolltarifedurchzuführen. Die Regierung wird sich bemühen, in diesen Verhandlungen für unsere Ausfuhr weitgehende Erleichterungen zu erreichen. Ueber die Erklärungen Dr. Rameks wurde vor« und nachmittags lebhaft debattiert. Es ist anzunehmen, daß in Sielen vertraulichen Besprechungen auch die Sokolfälschungsaffäre, die nach Steiermark hineinspielt,^ 'besprochen wurde. Waffeafunde in Sitafring. Beim Freunde der Hakrnkreuzlers Steingruher. Vor einigen Tagu kam der PoliMirektion eine vertraulich« Mitteilung zu, daß bei dem Autotaxi linternchmer Jnführ, Thaliastraße 77, dessen Sohn der narionalsozialistiischen Partei angchört, durchreisende politische, Flüchtlinge aus Deutschland Unterschlupf färben und daß sich seit einiger Zeit dort auch die wegen des Mordes an Erzbergrr steckbrieflich ve-rsolgten Schultz und Thylessen aushielten, bk vor kurzem angeblich nach Klosterneuburg übersied-it wären. Auch hieß es, daß im Hause dieses Mannes Waffenbestände verwahrt seien, die gleichfalls inzwischen nach Klosterneuburg gebracht und dort in de« Hütte eine- Sportklubs versteckt worden seien. DaS Sichecheitsbureau der Polizeidirektion leitate sofort genaueste Nachforschungen sowohl in Wien wie in Klosterneuburg ein. ES ergab sich, daß die Nachricht über den Aufenchalt der Erzberger-Mörder unrichtig ist; dagegen wurden bei einer Revision im Hause des Autotaxiunternchmers alte Gewehrläwfe und militärische Ausrüstungsgegenstände, dir auS der Zeit nach dem Zusammenbruch stammen, in einer Kiste verwahrt aufgefunden. Der Schn des AutotaxiunternchmerS ist ein Freund des bekannten hakerrkreuzlerrschen Führers Roland S t«i n g r u b e r. Seinerzeit, als die R o ß ba ch - L e u t e zu einer Feier nach Mödling fuhren, wo es zu den blutigen Zusammenstößi.« mit der Arbeiterschaft kam, hat der Autotaxiunternchmer auch daS Fuhrwerk zum Transport dar Mannschaft nach Mödling beigestellt. Di« Pollizei setzt di« Echchungen in dieser Angelegenheit fort. mit dem Gew, habe ich gehört, Wirft reich! Na, was gibt eS Neues?" Der Jude im Marder: ,M»s er Neues gibt? Eine Fahrkarte will ich." Schejke, der Frechling: „So? Wirklich? Gin« Fahrkarte willst du? Schön von dir. Was für «in« Fahrkarte willst du, Schlojmale?" Der Jude im Marder: „Was heißt das? Eine Fchrkarte wie jeder Jude. Bin ich schlimmer als alle oder beffer als 'alle? Alle Juden fahren dritter Klaste und ich fahre auch dritter." Schejke, der Frechling (mit stechenden Augen und giftiger Stimme): „So? Dritte Klaste wirstdu bei mir fahren, und die zweite Klaste wird leer laufen. Das diktiert dir die Gerechtigkeit? Wenn ich dich schon da habe'. . . Sag' mal, bitte, wieviel hast du vorig« Woche am Piontischker Weizen verdient? Zehntausend, sagt man. Wieviel Haft du für den Marder b^ahlt? Und bei mir willst du Blut ahzapfen, G:ichals? Dritte Klaste wirst du bei mir fahren? So, hier hast du eine Fahrkarte zweiter Klaste, willst du zahlen, gut ... nicht, dann bleib' zu Haufe und genieße dein« Gesundh-it!" Mit dem Juden im Marder fertig geworden, folgt Schejke, der Frechling, an einen gleich acht Fahrkarten dritter Klasse aus und schimpft: Habenichts«! Rascher mit dem Geld! Wie das die abgeschabten Kreuzer zusammenrafft! Na, und dri? Was willst du? Was für Teufel hat dich hieher geführt?" Diese Frage gilt einem herausgeputzten Jüngling mit Mantel. Samtkragen und Samtmansch^tten. Der herausgeputzte Jüngling: „Was für Teufel? Ich bin hieher gekommen, ivcil ich fahren muß." Schejke, der Frechling: ,ßo? Wohin mußt du fahrend „Ich muß rasch nach Kiew!" „Nach Kiew mußt du? Rasch? Sehr rasch? Gefahr in ^equg, nicht wahr? In Kiew so umherspazieren, mit dem Spazierstöckchen, was? Das kann nicht aufgeschoben werden, wie? Und ausgerechnet heute, wo es bei mir so eng ist. hat :hn d.'r Teufel hergebracht! Na. geh' nur. geh'! . . . Kiew ivird dir nicht davonlaufen. Nicht herumstehen da, hörst du! Lasst die schwangere Frau da vor! Sichst du nicht, daß die Frau schwer stehen kann? Muhme, was gibt's?" Die schwangere Frau: „Oh! Oh! Oh! Was kann ich sagen? Sehen Sie es mir denn nicht an? Ach und Wehe meinen Jahren! Ich bin nun einmal aus einer solchen Familie . .." Mas für eine Familie?" „Aus einer solchen Familie. . . Alle in unserer Familie entbinden schwer . . . Man hat mir gesagt, ich soll es ja nicht wagen, zuhause zu entbinden ... Ich soll nach Kiew fahren .. . Es kann auch eine „Reperation" nötig sein." Schejke. der Frechling: „Geld haben Sie mitgebracht?" Die schwangere Frau: „Gebracht . . . Wie 'denn sonst, für eine halbe Karte . . ." Schejke, der Frechling, ist ganz aus dem -Häusel: „Da hast düs! Unsere Jüdchen! Glücklich kann man werden! Im ganzen braucht sie einundeinhalb Fahrkarten! Geld hat sie für «ine halbe gebracht! Da, hier ist die Karte! . . . Mit einem Wort, Wohltätigkeit, immer Wohltätigkeit ... Na, und du?" Das gilt einem festgebauten, rotwangigen Mädchen, daS nach billigem Parfüm riecht. Sie erstickt vor verhaltenem K'chern und bringt es nicht über sich, die wenigen Schritte zu machen, die sie von der Kaste trennen. Schejke. der Frechling, schreit sie an: „Warum trägt es dich gerade jetzt her, wenn es so enge ist?" Das Mädchen bringt es nur zu den drei Worten: „Ich muß ... ich . . ." Schejke, der Frechling, gerät in Wui: „Was mußt du? Wirst du sprechen!" Das festgebaute Mädchen hält die .Hände vor den Mund und lacht und lacht . . . Bon einem hinter ihr stehenden Weiblein wird sie immer wilder am Kleid gezupft und zum Sprechen ermahnt: „Nun, so sag' doch . . . Sag doch . . . Ja, ja. ja, sie muß fahren . . ." Das geht so lange fort, bis eine alte Frau, die rückwärts in der Reihe steht, es nicht mehr erträgt und sagt: „Ich verstehe nicht... Warum schämt sie sich ... Sie muß fahren ... Sie muß einen Bräutigam sehen." „Nun, und du", wendet sich Schake, der Frechling, an ein dumm lächelndes, frommes Jüngelchen, der immer wieder 18. Februar IM -kr. «U Tagesbericht. Mae SrttSraag. Das Präsidium der O e st e r r e l ch k siche H Keren-Hajesfod-KöMmifsion teilt mit: DaS Organ der Wiener Poale Zion, „Die Tribüne", hat wiederholt behauptet, daß ,^-ie „Wiener Morgenzeitung" von Geldern des Keren Hajestod erhalten wird" und daß in Oesterreich „Geld des Keren Hajestod für Parteizwecke verwendet wird." Beide Behauptungen sind vollkommen aus der Luft gegriffen und unwahr. Das Londoner Direktorium des Keren Hajestod leister der „Wiener Morgenzeitung" lediglich für die offiziellen Publikationen des Keren Hajested einen Truckkostenbeitrag, der s o g e r i n g bemessen ist, daß das große Entgegenkommen der „Wiener Morgenzeitung" bei der Vereinbarung des Spesenbeitrages weit über ihre zionistischen Pflichten hinausgeht. ES handelt sich tatsächlich bloß um einen Minimal-AnerkennungSzinS, der tief unter den üblichen Spesen für Publikationen eines Fonds steht. Unerhört wie die Behauptung, daß die „Wiener Morgenzeitung" vom Keren Hajestod erhalten wird, ist auch die Mitteilung, daß Keren-Hajestod-Gelder für Parteizwecke verwendet werden. Nach den Statuten dieses Fonds darf kein Heller desselben für zionistische Parreizwecke gewidmet werden, und wir stellen fest, daß auch in Wien kein Hell er des Keren Hajessod für Zwecke der Zionistischen Partei verausgabt wurde. Der Keren Hajestod bestreitet das gesamte Budget deS Palästinaaufbaues urld es ist ebenso bekannt wie selbstverständlich, daß der weitausgrößte TeildesKeren Hajessod den Arbeitern von Erez Israel zustatten kommt. Wir überlasten es der breiten jüdischen Oestentlichkeit, zu beurteilen, was es bÄeutet, solche Behauptungen, welche geeignet sind, das Vertrauen zu der Verwaltung des Keren Hajessod zu schmälern, in einem zionistischen Organ der Arbeiter zu publizieren,, ohne sich auch nur bei der Z e ntralverwaltung des Keren Hajessod, in dessen Direktorium doch auch ein Vertreter der Poale Zion s i tz i, zu informieren. vortra« Sberrabbiner Sr. 8. P. Wate«. .Zionismus als Mittler zwischen Juden und Nichtjude«.* öür den am Donnerstag den 25. d., 8 Uhr abends, i« Verbandsheim, 6. Bez , KSnigSeqgaffe 10, statlfindenden Dottraz find infolqe der außerordentlich starken Nachfrage wenige restliche Karten erhältlich r Zionistisches Landeskom'tee, 1. Bez., Kärntnerstraße 28; Löwit, 1. Bez., Rotenturmstraße 22; Rath, S. Bez., Taborstraße 20 a; Schuhwarenhaus Ftichbach, 5. Bez., Margaretenstraße 80» Zioniftijch« Sektion, 8. Bez., Bennoplatz 1» (V,4 bis 7,6 Uhr abends). SMworm, die sich fürchten. Aus Chikago wird uns berichtet, daß in einem SchwurgerichtSversahren gegen eine Verbrecherbande die Geschwornen erklärten, sie f ü r ch t e t e n sich, «inen Schuldigspruch abzug-eben, da sie dann der Rache der Verbrecher ausgesetzt sein würden. D'e Behörden haben darauf mit einer Massenauswe.sung aller ausländischen Verbrecher begonnen. sein Kinn betastet, um sich zu Überzeuge», ob es sein« Richtigkeit habe mit dem sproßmden Bärtchen. „Was, ein Zettelchen von deinem Papa hast du? Sag' deinem Papa, er soll dainit aufhören, mir hieher Bittdr-iefchen zu schicken. Hörst du oder nicht? Sag' ihm, er soll sich trösten. Wenn ich ihm bei mir zuhause nichts borge, so werde ich ihm hier erst recht nichts borgen. — Na, u>nd ihr,' Reb Jud! He, Reb Jud! Was bewegt ihr so sonderbar mit den Lippen? Wohin wollt ihr fahren?" Der so Angeredete ist der Letzte in der Reihe — ein fremder, schäbiger und frommer Jude mit zur Hälfte kahl gewordenem Phramidenbart und großen, grauen Brauen, -die die Augen verdecken. Er hatte genug vom langen Warten, so d.ß er sich die Zeit mit dem Minche-Beten vertrieb. Als noch immer Zeit genug war, fügte er das Maref-Gebet an. Jetzt, da er an die Reihe kam, war er gerade mitten im Achtzehn-Gebet. ,-So redet doch!" fuhr ihn Schejke, der Frechling, an: „Wohin fahrt ihr?" DeS betenden Juden Lippen öcwegen sich nur noch rascher. Er zuckt mit den Augenbrauen. Schejke, der Frechling, brüllt ihn wie einen Tauben an: „Ein Ende damit! Wohin fahrt ihr?" Der Jude bewegt die Lippen rasend-rasch, wie einer, der am Erwürgen ist. Er zeigt Schejke einen Finger, dann zwei Finger. Dann tut er jene zwei Finger zusammen, die mau, wenn man sie mit Schnupftabak füllt, benutzt.^ und formt ein Lech. Aber Schejke versteht nicht. Er brüllt: „Wohin? Wohin . . Der fremde Jude winkt rasch mit den Augenbrauen und schluckt die letzten Worte des GebrteS hinunter. Cr zuckt mit den Achseln, dem Gesicht und mit allen Gliedern und sieht Schejke an, wie wenn er ihm alle bösen Träume wünschte. „Ein Jude, und doch so dumm! Ich zeige euch so klar, daß es deutlicher nicht mehr fein kann: Ein Finger ist eine Fahrkarte, drei Finger sind dritte Klaste und das Loch ist *- Station Lochwitz . . . Ich fahre nach Lochwitz. Ich bin selbst aus Lochavitz . . ," (Aus dem Jüdischen von P, Kaller.)