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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-17 · Heft 2510 (17.2.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2510 (17.2.1926)
Date
1926-02-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Mi _ Unter fortdauerndem Lärm vollzog sich die ÄZ a h l - e S P r ä f i d i ir m 8. Zum Präsidenten wurde Malypetr wiedergewählt. Auch die Vizepräsidenten, darunter der deutsche Abgeordnete Spina, behiölten ihre Stellen im Präsidium. Zu neuen Larnlfzenen kam es, als der deutsche Abgeordnete C z« ch darauf aufmerksam machte, daß auf der Galerie zwei uniformierte Polizisten postiert seien. Dis oppositionellen Abgeordneten riefen: „Polizeistaat! Die Polizei muß weg! Faschingdienstag!" Dem Präsidenten wurde zugerusen: „Polizeipräsident!" Ruhe trat erst ein, als die Polizistenvon der Galerie verschwunden waren. Ms Minister des Aeuß'ern Dr. Benesch seine Rede begann. drängten die Deutsch nationalen und Kommun i st e n mit lebhaften Zwischenrufen zur Ministerbank. Die deutschnationalen Abgeordneten riefen ihm zu: „Was werden Tie in Genf erzählen, Sie Friedensengel? Haben Sie mit Mussolini die Sprachenverordnung verabredet? Was ererzahlen Sie uns über die ungarischen Fälschungen? Sie haben doch den ganM 28. Oktober gefälscht!" In dem Tumult, der -diesen Zwischenrufen folgte, warf der ungarische christlichsoziale Llbgcordnete Fodor ein Aktenbündel gegen einen tschechischen Abgeordneten. Dieser erwiderte, indem er seine Aktentasche schleudert^. Er verfehlte jedoch 'sein Ziel und traf den'gewesenen Fuschminister Dr. Meißner, der am K o p f e verletzt wurde und aus de m Saal gesührt werden mußte. Es folgten w ü st e L ä r m s; e n e n, während welcher die Ordner den Abgeordneten Fodor aus dem Saale führten. ‘ Gilt Ueberfall auf Barlonhi. Budapest, 16. Februar. Auf den Abgeordneten V a zf v n h i wurde heute um 11 Uhr vormittags ein Ueberfall unternommen. Zwei junge Leute übersielen ihn vor seinem Bureau auf dem Theresienring, wobei der eine mit einem Stock auf ihn losschlug. Einem berittenen Polizisten gelang es mit Hilfe der Passanten, die beiden nach heftiger Gegenwehr zu verhaften und auf die Polizei zu bringen. Bei einem der Verhafteten wurde ein geladener Revolver gefunden. Die beiden Attentäter sind der 36jährige Verkäufer in der Markthalle, Ladislaus V a n a i, und der 31jährige Kaufmann Franz M o l n a r, ein von Horthy amnestierter Erwachender, der bereits wegen Betruges und Unterschlagung verurteilt war. Die Attentäter. Beide Attentäter gehören dem Detachement H e j j a s an. Ihre Namen waren anläßlich der Atrozitäten wiederholt genannt worden. Franz: Molnar nahm auch an den Szolnoker Gewalttätigkeiten teil. Ms ein Budapester Blatt ausführlich darüber berichtete, wurde der Redakteur von Molnar mit dem Tode bedroht. Die Vorgefundenen E i s e n st ö ck e gehören gleichfalls zu den bekannten Waffen des Arsenals der „Erwachenden". Bei den Attentätern wurden Gummiknüppel und Revolver mit je 40 Patronen gefunden. Die Gummiknüppel hatten sie in Aktentaschen versteckt. Bei der Polizei haben sie sich überaus wohlgelaunt benommen. Während Vazsonyi in einem Nebenraum vernommen wurde, soll ein Polizeiinspektor in freundl i ch e r Weise mit den beiden Attentätern ein Gespräch geführt haben. Einer der anlvesenden Zeugen, der Advokat Dr. Artur Kleiner, stellte den Polizeiinspektor zur Rede, wie er in freundschaftlicher Weife mit den Attentätern sprechen könne. Es entspann sich auch ein scharfer Wortwechsel zwischen dem Advokaten und dem Polizeiinspektor, so daß schließlich gegen den Advokaten die Strafanzeige wegen Beleidigung des Polizeibeamten erstattet wurde. , Der Abgeordnete Vazsonyi erzählte, daß der Hergang des Attentats von einem Polizeibeamten mitangefehen wurde. Als die beiden Attentäter von der Menge unschädlich gemacht wurden, bestieg dieser Polizeibeamte die elektrische Straßenbahn und fuhr davon. Wns Vazsonyi angibt. Aus der Polizei gab Abg. Dr. Vazsonyi folgendes zu Protokoll: Bor fünf Tagen sei bei ihm der Gemeinderat Dr. Wilhelm Racz erschienen und habe ihm mitgeteilt, daß er in Erfahrung gebracht habe, im Verein der Erwachenden Ungarn hätte eine Beratung stattgefunden, was gegen Vazsonyi unternommen werden solle, der durch sein Verhalten in der Fälschungsaffäve eine Gefahr für die Ideen der Erwachenden Ungarn bedeute. Es sei der Plan erwogen worden, Vazsonyi aus dem Wege zu räumen, doch sei dieser Plan durch Majorität abgelchnt worden. Es wurde jedoch beschlossen, in einer neuerlichen Sitzung endgültig Beschluß zu fassen. Den Verlauf des Attentats schildert Vazsonyi folgendermaßen: Als er aus dem Tore des Hauses Theresienring Nr. 40 'herauskam, trat ihm ein junger Manu mit den Worten entgegen: „Habe ich die Ehre m.t Exzellenz Vazsonyi?" Auf seine bejahende Antwort versetzte ihm der junge Mann mit einem eisernen Stab einen^Hieb auf den Kops. Vazsonyi schlug mit seinem Stock gegen den Angreifer los. Inzwischen u mringten Passanten den Attentäter und erfaßten ihn am Arm. In d.esem Augenblick sprang ein zweiter junger Mann hinzu, der in der einen Hand einen Revolver und in der anderen einen Cisenstock hielt. Er wollte wahrscheinlich gleichfalls angreisen, wurde jedoch vom Puhl:lumjysortunjchädlichgemtzcht. Der jung« — Memr MokftrMzesttMfi' Monn, der den Hieb gegen Vazsonyi geführt' hatte, heißt Vüez (He!d) Ladislaus Vannay, der zweite heißt Franz Molna r. Letzterer tvar seinerzeit M i 1 g l i e d des B r i ta nn ia- Detachements. Be: beiden Attentätern wurdctt Revolver und Boxer gefunden. Sie erklärten, daß sie aus Empörung über das Verhalten Vazsonyis in der letzten Zeit das Attentat begangen hätten und das Mißlingen des Attentats b e d a u e r n. Sie wollten an Vazsonyi Rache nehmen, weil er die Person des Reichs Verwesers in die Frankenfälschungsangelegenl^it einbezogen habe und den Ministerpräsidenten in einer kritischen Zeit angegriffen habe. Sie erklärten ferner, daß sie zu dem Attentat von niemand aufgereizt worden seien und aus eigenem Entschluß gehandelt hätten. Das Verhör mit den Attentätern wurde um 4 Uhr nachmittags beendet. Die beiden wurden sodann von der Bezirkshauptmannschaft des 6. Bezirkes in die Oberstadthanptmannschaft überführt, wo über Vannay und Molnar die Präventivhaft verhängt wurde. Wie die Blätter melden, gab Ladislaus Van n a y bei stinem Verhör an, Mitglied des Heldenstu'hles und Instruktor der Levcn * e - Verbänüc zu sein. Franz Molnar bezeichnetc sich als Kaufmann. Seine Frm besitzt in der Markthalle einen Fletschverkaufsstand. Bethlen über das Attentat. Budapest, 16. Februar. In der Nationalvcrsamnllung wurde die Nachricht vom Attentat unt dreivicrtel 12 Uhr bekannt. Die Oppositionsparteien hielten eine Konferenz ab, um über ihre Stellungnahme schlüssig zu werden. Der demokratische Abgeordnete Pakots ergriff in Betrauung seiner Partei unter großer Spannung das Wort, um über das Attentat zu sprechen. Er erklärte, daß die Regierung mit jedem Tage, den sie länger im Amte verbleibe, die Unruhe im Lande'' vergrößere «und im Ausland Schaden stifte. Er fordert das Kabinett auf, abzudanken. Nach Pakots wollte der Ministerpräsident Graf Bethlen das Wort ergreifen. Der Lärm auf den Bänken der Opposition schwoll jedoch derart an, daß er nicht sprechen konnte. „Danken Sie ab! Was sagen Sie zu Ihrem Freund Teleki?" ries nran dem Ministerpräsidenten zu. „Sie ha-ben Schande über das Land gebracht!" Die Abgeordneten der Linken schlugeit mit den Fäusten auf die Pultdeckel. i Der Lärm wurde immer stärker wib dauerte ungefähr zehn Minuten. Der Ministerpräsident tvandte sich zu den Stenographen und diktierte ihnen einige Sätze, die im Saale unverständlich blieben. Graf Bethlen sagte: Ter Herr Abgeordnete hat von einer Insulte erfahren. Ungeheurer Lärm. Rufe: Das ist keine Insulte, sondern ein Attentat! Graf Bethlen (sich verbessernd): Von einem A t t e n t a t s v e r s u ch. Atir stehen die amtlichen Daten noch nicht zur Verfüguug. Auch die Regierung verurteilt ein solches Vorgehen. (Ungeheurer Lätm. Rufe: Danken Sie ab!) Zur Aufdeckung der Wahrheit sind solche Mittel nicht notwendig. In bcm Lärm sind die weiteren Sätze des Ministerpräsidenten nicht verständlich. Nach den Auszeichnungen der Stenographen sagte der Ministerpräsident zum Schluß: Meine Antwort ist die: .Wenn die Abgeordneten fordern, daß die Regierung ihren Platz verlasse, wenn sie mich in perfider Weise angreifen, werde ich unter allen Umständen meine Ehre verteidigen. Am Ende der Sitzung meldete Abg. N assah die P e rletzung der Immunität des Abg. Vazsonyi an. Auf die Ausführungen Rassahs antwortete Minister des Innern Rakooszky, der, nachdem er der einmütigen Entrüstung der Regierung Ausdruck gegeben hatte, feststellte, daß die Polizei ihre Pflicht getan habe. Die Täter feien verhaftet und befänden sich in Gowahrsam. Die Erhebungen würden sich auch auf dem Hintergrund erstrecken. Er werde festgestcllt werden, ob die Täter ans eigenem Antrieb gehandelt haben und, wenn nicht, w e r d er A n st i f t -c r war und wie die Handlung qualifiziert werden solle. Abg. Rassayhob hervor, daß dem A t t -e n t a t g e g e n Vazsonyi seit Wochen eine Preß kam Pag ne voransging. in welcher jedermann, der die volle Enthüllung der Wahrheit in der Frankenfälschungsangelegenheit forderte, als Feind der Nation hingestellt lvurde. (Großer Lärm links.) In den letzten Tagen sei dazu noch die Nachr-icht gekommen, daß die rechtsstehenden Vereine einen Demonstrationsumzug Planen. All dies h.ibe jitr Schaffung einer A t m osPhäre geführt, in welcher Verbrecher und Wahnst n n i g e glauben, daß ihre Zeit wieder gekommen sei. (Großer Lärm.) Auch der Angriff gegen Betzsonyi sei aus. dieser Atmosphäre hervorgegangen. (Großer Bcifall links). Von Vannay sei dem Redner bekannt, daß er in der Gegend von Keeskemet Leute für gewisse Patriotische Zwecke an geworben habe. Vannay ist Staatsbeamter und leitet in G ö d ö l l ö zusammen mit dem Stuhlrichter Ladislaus Endre «die körperhygieuische Abteilung. (Großer Lärm.) Der andere Attentäter, Franz Molnar, sei im Jahre 1920 w e g e n Betruges z u z w e i Jahren Zuchthaus oerurteilt, aber a m n e ft i e r t worden. (Großer Lärm.) Das Gnadengesuch habe seinerzeit Feldbischof Za« draoecz unterschrieben. (Neuerlicher großer Lävm links.) Es handle sich bei dem Angriff auf Vazsonyi nicht um einen Straßenskandal, sondern um ein vorbereitetesAtten« t a t, und die Nationalversammlung sei es ihrer Ehre schuldig, die ZmmWitätsangelWMit dringlich zu exlchiM, , 17. $c6riiar 1M1 flr. 2510 Wieder einer. - y. äü < e ii, 17. Februar. Die Budapester Sensationell sind kaum mehr zu steigern. Als der große Unbekannte, der den Wiudischgratz und den Nadossy zu patriotischem Merk znsammcnführte, entpuppt sich Graf Paul Teleki, gewesener Ministerpräsident, später Minister des Aeußern, führender Aristokrat, Mitglied der Mossul-Kommissionen, einer der Bölkerbnndausschüsse, die nicht ans Vertretern von Regierungen, sondern aus Männern von besonderer Qualität bestehen. Graf Teleki hat in Gegenwart der französischen Polizisten gestanden, daß er im Jahre 1922, also zur Zeit seiner Ministerpräsidentschaft, bereits von den Plänen des Windischgrätz gewußt habe. Er hat den Prinzen nicht etwa festnehmen lassen, sondern ihn nur auf die Undurchführbarkeit seines Vorhabens aufmerksam gemacht. Er hat dem Windischgrätz dann den Ingenieur Gero zugeführt. Mehr behauptet er nicht zu wissen. Der Graf hat fast zwei Monate lang gewartet, ehe die Sache an ihm kam. Er ist inzwischen auf Reisen gewesen. Er hat in München und in Berlin Borträge über die Orientfragen gehalten und jede Vermutung, daß er auch noch zu anderen Zweck gerade diese Zentren der nationalistischen Nihilisten ausgesucht habe, wurde entrüstet zurückgewiesen. Wie kann man mir derartiges sagen! Ein gewesener Ministerpräsident! Es sieht jetzt ganz anders aus. Teleki hat den Auftrag ge habt, in Deutschland beruhigend zu wirken und nebstbei noch einige Spuren zu verwischen. Er ist dann im Gefühle treuer Pflichterfüllung znrückgekommen und hat einige Zeit abgewartet, ob nicht die Franzosen Budapest verlassen würden. Sein Standesgenosse Graf Emmerich Karolyi mußte ihm in einem Zeitungsartikel ins Gewissen reden, ehe sich der Magnat, die Verkörperung der Ritterlichkeit, dazu berufen fand, das Seine zu sagen. Ungarn hat also: einen aktiven Ministerpräsidenten, der im November des Vorjahres von denl schmutzigen Plane erfuhr und den bekannten Brief an Pereny! schriebeinen aktiven Innenminister, den Hern Rakovszky, der den Nadossy beauftragte, Windischgrätz zu warnen; den gewesenen Ministerpräsidenten Friedrich, der für Meszaros in Wien interveniert hat; den gewesenen Ministerpräsidenten Grafen Teleki; es hat ferner das kartographische Institut, eine der vornehmsten staatlichen Anstalten. Mit einem getvissen Stolz kann dieses Ungarn seine einzigartigen Leistungen bewundern. Es gibt kein Pendant zu diesem Staat. Es-gibt aber auch keine Möglichkeit, ihn dem Ur-- teil des Völkerbundes zu entziehen. Bisher hielt der Äe Konservatismus seine schützende Hand über :, der nicht direkt diffamiert schien und nur politisch belastet war. Wenn der Mantel fällt, muß der Herzog nach. Graf Teleki ist in England lieb Kind und die politische Opportunität hat ihn dazu gebracht, in dem Mossul-Streit die stammverwandte turanische Nation der Türkei zu verlassen und sich auf die Seite Englands zu stellen. Er ist also heute in Englands Schuld, und vieles an der auffallenden Haltung Großbritanniens mag auf diesen Umstand zttrückzuführen sein. Das Geständnis aber kann doch nicht ohne weitere politische Wirkung bleiben. Teleki ist eines der Aushängeschilder der rassenschützlerlschen Wissenschaft. Er ist Redner, Politiker, Geograph, .und hat sich um den christlich nationalen Kurs große Verdienste erworben. Seine Verdienste sind auch sonst sehr großi Er ist Verwaltnngsrat der Standard Oil geworden. Teleki wurde Ministerpräsident, weil er sich dem Horthy durch eine Theorie des angewandten Antisemitismus empfohlen hatte; als es nnt der Politik glicht inehr ging, kehrte er zum Katheder zurück und . las antijüdische Geographie. Jll der letzten Zeit hat er als Reisender Bethlens in Berlin und München sich ganz des Vertrauens würdig gezeigt. Er hat in Interviews sehr eindringlich vor den Folgen einer allzu weit getriebeilen Neugierde in der Fälscheraffäre gewarnt; es könnten Pogrome kommen . . . Bethlen nahm das Stichwort gerne auf. Einstweilen trifft der Schlag einen der Führer nach deln anderen. Hat nicht jüngst Bethlell in dem Zeitungsartikel gegen Vazsonyi empört geschrieben: „Sogar an Teleki lvagt sich die Verleumdung heran!" Nur: komnlt mlter solchen Auspizien die Völkerbundtagung immer näher.- Die bestellten Demonstrationen der Pvgromisten am Somltag werden Wohl wellig in Geilf besseril töuneu. Sie können es llicht älldern, daß es immer einfamet um den Grafen Bethlen wird. Seme politischen Freunde lvalldern einer nach dem anderen ins Protokoll des Untersuchungsrichters. Alle Mittel dieser nlagyarischen Justiz sind aufgeboten, eilte internationale Rettungsgeseltschaft ist gebildet worden. Die antijüdische Hetze wird stärker als je, um abzulenken, zwei Heftas-Banditen haben mit Revolver und Gummiknüttel den Abgeordlleten Vazsonyi überfallen. Der Kurs wehrt sich, aber er wankt. BettfedernSamek Stopp« «nd Daunondockon ii auolltStsorxouflnlM« ii Wien, II. Qlockengasse Nr. a T»I«Phon 47-208 _

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