Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2509 (16.2.1926)
- Date
- 1926-02-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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" SSIeitet 16. formte wsa __Nr. ssos Aus der Suche nach dem Unbekannten. Reue Sensationen in Rudavest. (Ligendienst der „Diener Morgenzeitung".) Die ^ergänzende" Untersuchung. JBtfo > Wien. " Ler Wink ans Hakenkreuz. ' - V. Wien. 16. Februar Man kann sehr gute und kluge Aufsätze über Lorarno und den Frieden schreiben und trotzdem die Fragen des Zionismus nicht verstehen. Es scheint sogar, daß das erste das zweite ausschließt. Die Presse der Demokratie, die sich so große Mühe um die Läuterung des Denkens gibt, steht dem Iudenproblem völlig verständnislos gegenüber. Sie weiß nicht, wo sie es anpacken soll. Das ist kein Wunder. Es sind ja politisch entwurzelte Menschen, jüdische Menschen, für die das Judentum eine seit einem Jahrhundert erledigte Angelegenheit ist. Sie wissen nichts von ihm und sie wollen auch nichts von ihm wissen. Und tvenn das Judentum plötzlich selbst von sich spricht, dann fragen sie verwundert: „Mama, was ist ern Leutnant?" Die „Frankfurter Zeitung" steckt die lächelnde Miene des philosophischen Pädagogen auf. Sie hat doch den Zionisten bewiesen, daß sie einer Phantasterei nachhängen. Sie hat ihnen auseinandergesetzt, daß sie mit ihrer Ideologie und einer verhältnismäßig geringen Kolonisation eine Lösung der Judenfrage herbeiführen wollen,' obgleich das nicht möglich ist. Aber siehe da, die Kolonisation in Palästina schreitet ruhig vorwärts und nimmt nichts zur Kenntnis, was ihre Unmöglichkeit dartun soll. Mit dieser Tatsache würden sich die Einwände der „Frankfurter Zeitung" erledigen lassen, wenn sich nicht selbst in ihrer nächsten Umgebung die Entkräftung finden ließe. Die „Frankfurter Zeitung" hat nichts dagegen zu sagen gewußt, daß Deutschland seinen Menschenüberschuß nach Afrika sandte, dort kolonisierte und dann die Kolonien sich politisch einverleibte. In diesen Kolonien lebten Neger, Araber, Buschmänner und so weiter. Die deutsche Demokratie hat durch einen ihrer energischesten Männer, durch Bernhard Dernburg Deutschlands Platz am Aequator verteidigt. Damals war immer nur vom Recht Deutschlands die Rede. .. Ja, sagt die „Frankfurter Zeitung", aber sie legt den Finger an die Nase. Ja, was ist es aber mit den zwei Vaterländern? Die Zionisten wollen in Palästina sein und sie wollen in Deutschland sein. Das geht nicht. Aus höheren patriotischen Motiven. Deutschland, schreibt das demokratische Blatt, wäre gar nicht imstande, die Deutschen der Diaspora aufzunehmen, aber die meisten würden es auch gar nicht wollen. Es muß einfach möglich sein, daß Minoritäten an ihrem Orte leben können, ohne in ihrer national-kulturellen Eigenart bedrängt zu sein. Wir hegen den gleichen Wunsch. Der Zionismus ist eben weit mehr als eine Kolonisationsbewegung. Er will zwei Dinge: die Bildung , des nationalkulturellen Zentrums und den Schutz der nationalkulturellen Minorität. Was dem Deutschen als selbstverständliche Pflicht seiner Politik gilt, soll beim Juden verboten sein? Fiir die Zionisten liegt die Sache sehr einfach. Deutschland ist das bereits bestehende Zentrum und die deutschen Minoritäten leben geistig nur durch den kulturellen Zusammenhang mit Deutschland. Wir Juden haben noch kein organisiertes zentrales Gemeinwesen, wir Haben einstweilen nur Minoritäten. Die Deutschen haben sich ihr Reich entgegen dem Widerstand der Separatisten und Kleinstaaten geschaffen, die den großen nationalen Gedanken als Todsünde bekämpften. (Wir können analog die klerikale Agudah und den Verband der nationaldeutschen Juden, die magyarischen Assimilanten und noch so ein paar nennen.) Die Deutschen hätten doch auch ruhig nebeneinander leben können: hier Bayern, Württemberg, Sachsen, Oesterreich. Aber diese kleineren Teile des großen Ganzen konnten in der Zeit, da die Eisenbahnen und Dampfschiffe die Welt aufschlossen, nicht Schritt halten. Sie mußten ihre Kraft vereinigen. Wir würden rettungslos der Nivellierung durch den Antisemitismus, die Assimilation, die Isolierung verfallen, wir, die Juden Deutschlands, Polens, Oesterreichs usw. Der Zionismus gibt diesen Volkssplittern, die einsam in der Brandung stehen, das befreiende Empfinden, einer großen Gemeinschaft anzugehören. Es mag sein, daß diese auf die Erhaltung des Judentums, auf die Geltendmachung seiner Rechte als Bolksindividualität gerichtete Tätigkeit den offenen und heimlichen Wünschen der zur „Frankfurter Zeitung" gehörigen liberalen und klerikalen Gesellschaft zuwiderläuft. Das müssen wir in den Kauf nehmen. Wir abdizieren nicht und wir wollen alles dazu aufwenden, daß das Judentunl nicht abdiziert. Die Suggestion, die uns ironisch entgegengehalten wird, übt durch den Zionismus die Idee aus, der nationale Wille des Judentums sich selbst zu befreien. Er ist sicherlich aktivistisch, er ist Rebellion gegen die Geschichte und deshalb setzt er sich durch. Wir haben von Palästina schon lange vor der Balfour-Deklaration gesprochen, wir haben schon vor ihr Einwanderung betrieben, für teures Geld von den Arabern Land gekauft und auf eigene Kosten Schulen errichtet. Die „Frankfurter Zeitung", die uns dies vorhält, vergißt nur, daß die Balfour-Deklaration, die ja durch Bölkerbundbeschluß in den Friedensvertrag ausgenommen wurde, für uns die politische Sicherung bedeutet, die uns vorher gefehlt hat. Die Sicherung besteht und sie schafft uns die Möglichkeit, in Palästina zu arbeiten. Wir sind erst seit 1919 in der Lage, systematisch vorzugehen und es versteht sich wohl von selbst, daß man in kaum sechs Jahren nichts himmelstürmendes erreichen kann. Das erzielte aber ist doch schon ansehnlich genug und feine Budapest, 16. Februar. Graf Emmerich Karolyi veröffentlicht im „Magyarorszag" wieder einen offenen Brief, der weitere schwere Anklagen gegen die Regierung enthält und eine n e n e P e r s ö n l i ch k e i t m die Affäre verwickelt. Er Vertveist darauf, daß die Regierung die Pflicht gehabt hatte, der Fälschungsaffäre zuvorzukommen. Dies wäre die bessere Eventualität gewesen. Graf Karolyi führt weiter aus, daß die unglücklichen irregeleiteten Offiziere und Oberbeamten des kartographischen Instituts im Gefängnis sitzen und ihre Familien dem Elend entgegensehen, während der Generaldirektor der Postsparkasse, der statutenwidvig das Geld für die Sache bewilligt hat, ein« besondere Behandlung erfahre und nicht einmal vom Amt suspendiert worden ist. Das größte Aussehen in dem offenen Brief erregt folgender Schlußpassus: Es gibt einen Menschen, über dessen Gewissen ich mich wundere. Wie kann er ruhig schlafen, wenn Windischgrätz und Gerö seit Wochen in einem schmutzigen Kerkerloch sitzen, die borden, die einander ehedem nicht einmal gekannt haben, als der Betreffende sie miteinander zu dem Zwecke bekannt gemacht hat, in dem unglücklichen Unternehmen zusammenzuarboiten. Dieser Schlußsatz in dem Brief« des Grafen Karolyi hat in politischen Krisen ungeheueres Aussehen hervorgerufen. Es ist anzunehmen, daß sich nunmehr weitere Erhebungen als notwendig erweisen werden. Ein Mitarbeiter des „A Reggel" richtete an den Grafen Karolyi die Frage, welche Aufnahme ein Kabinett mit dem Grafen Teleki an der Spitze finden würde. Graf Karolyi erwiderte: „Ich bin überzeugt, daß derlei Gerüchte jeder Grundlage entbehren. Ich halte es für ausgeschlossen, daß nach der Abdankung Bethlens Graf Teleki kommen könne." Auf die Frage, ob diese Behauptung»im Zusammenhang mit dem offenen Brief stehe, sagt« Graf Karolyi: „Ich will keinenNamen nennen. Derjenige, auf den ich angespielt habe, wird sich ganz gewiß betroffen fühlen. Ich halte eS für sicher, daß dieser Name früher oder später bekannt werden wird. In diese unglückselige Angelegenheit sind so viele verwickelt, daß es wahrscheinlich erscheint, daß die unter schwerer Anklage stehenden Leute endlich ihr Gewissen erleichtern. Wenn sie zu sprechen, beginnen, dann wird alles klar werden. Dies wird natürlich nicht ohne weitergehende politische Folgen sein." « Graf Karolyi schloß die Unterredung danrst, daß eine Rekonstruktion des Kabinetts nicht mehr möglich sei, da Graf B e t h l e n seinen Platz verlassen müsse. Wie „A Reggel" meldet, hat das offene Schreiben des Grasen Emmerich Karolyi die hier weilenden ftanzösischen Delegierten bewogen, neu «Nachforschungen nach jenem unbekannten Dritten anzustellen, der die Verbindung Geros mit Windischgrätz vermittelt hat. In politischen Kreisen erweckt der Artikel des Grafen Karolyi großes Aussehen. „Magharorszag" will wissen, daß die für morgen angesetzte Einvernahme des Grafen Teleky vor dem Parlamentsausschuß über die geheimnisvolle Persönlichkeit dieses Mittelsmannes zwischen Windischgrätz und Nadossy Aufklärung dringen werde. Man erwartet demgemäß von der morgigen Sitzung des Ausschusses neue Sensationen. Angeblich soll, dem „Magharorszag" zufolge, der Sekretär des Prinzen Windischgrätz, Desider Raba, über diesen Verbindungsmann bereits präzise Angaben gemacht haben. Die Frage, wer die vom Grafen Karolyi angedeutete Persönlichkeit sei, wird dem Vernehmen nach auch in der nächsten Sitzung der Nationalversammlung aufgerollt werden, da ein oppositioneller Abgeordneter schwerwiegende Beweise diesbezüglich in der Hand hat. Die nächste Sitzung des Parlamentsausschusses findet morgen nachmittags, 5 Uhr, statt. In dieser Sitzung werden Ministerpräsident Graf Bethlen, Graf Paul Teleky und der Abgeordnete G ö m b ö s vor dem Ausschuß erscheinen. Ueberdies beabsichtigt der parlamentarische Untersuchungsausschuß in den nächsten Tagen noch folgende Personen vorzuladen: den Grafen Emmerich Karolyi, den Markgrafen Johann P a l l a v i c i n i, den Verteidiger der Sokolfalscher aus dem Jahre 1921, Dr. Nikolaus B a k s a h, sowie >en Legationsrat der Pariser ungarischen Gesandtschaft, Baron Balthasar Lang, einen intimen Freund des Gesandten j Koranyi. | Einwirkungen auf die Judenschaft der Welt beginnt sich chon zu äußern. Es ist selbstverständlich, daß der Zionismus nicht daran denkt, die jüdischen Massen zum „doppelten Vaterland" zu erziehen. Er verzichtet aber auch nicht auf die Forderung, daß das Judentum nirgends ein Recht aufgibt und daß es seine Interessen nur durch Juden vertreten läßt. Wir haben mit dem Schutzjudentum keine verlockenden Erfahrungen gemacht und die Zeit der Kammerknechte ist vorbei. Die politische Konstruktion des Judentums ist heute eine ganz andere als vor dreißig Jahren und der nationale Gedanke ist sehr wohl in der Lage, den neuen Angriff des Affimilantentums abzuwehren. Denn es handelt Die Akten über die ergänzende polizeiliche Untersuchung sind heute der Staatsanwaltschaft überreicht worden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese nach dem Studium der Akten ebenfalls eine ergänzende Untersuchung vornehmen wird. Desider Raba ist heute in Anwesenheit der französischen Emissäre von der Polizei neuerlich einvernommen worden, und zwar in der Angelegenheit des verhafteten Sekretärs der nationalen Verbände Vargha. Ein Schritt der tschechoslowakischen Gesandtschaft. Wie die Blätter melden, erschien heute vornrittags ein Beamter dertschechoslowakischenGesandtschaft bei der Staatsanwaltschaft und ersuchte um den Einstellungsbcscheid, -bew d:e ungarische Staatsanwaltschaft im Jahre 1923 in derSokolfälfchungsa s s ä r e erbracht hat. Die Staatsanwaltschaft hat festgestellt, daß die diplomatische Vertretung der Tschechoslowakei schon zur Zeit der "Ausstellung dieses Aktenstückes eine Abschrift davon erhalten hatte. Es sei betont worden, daß die gatlze Sokolfälschungsaffäre eine österreichische Strafsache gewesen sei und die ungarischen Behörden nur auf österreichisches Ansuchen gewisse Erhebungen vorgenommen haben. Eine abgewchrte RechtÄdomorrstration. Die rassens chützlerischen Verbände planen eine Massenkundgebung für Sonntag den 21. d., an dem der Verein der Erwachenden Ungarn, der Verband der gesellschaftlichen Vereinigungen und zahlreiche rechtsradikale Organisationen aus der Provinz teilnehmen sollen. Ter Aufmarsch der nationalistischen Verbände erfolgt auf dem P e t ö f i p l a tz, von wo der Demonstrationszug nach Ofen vor die Hofburg und vor das Palais des M inisterpräsidiums ziehen soll. Wie „Magharorszag" meldet, hat die Gegenaktion bet oppositionellen Abgeordneten bereits einen Erfolg gezeitigt. Die Regierung befürchtet, die Kundgebung könnte den Anschein erwecken, als ob sie von der Regierung selbst ins Szene gesetzt oder stillschweigend gefördert sein könnte und hat sich entschlossen, den Massenaufzug der Rechtsverbände am 21. F ebruarzuuntersagen. Es kann deshalb mit Sicherheit gesagt werden, daß die rechtsradikale Demonstration in Budapest entfallen wird. Schultzes m. b. H. Der Berliner Berichterstatter des „Magharorszag" mcwet seinem Blatte, es sei ihm gelungen, festzustelkn, daß Artur S ch u l tz e im vergangenen Jahre in seiner Wohnung eine Guillochemaschine aufgestellt habe, welche auch in Tätigkeit war. Da diese Maschine schr hoch ist, hatte Schultze zwei übereinander liegende Zimmer gemietet und die Decke durchbrechen lassen. Das Unternehmen Schultzes war auch behördlich als Ges. m. b. H. angcmeldet und erzeugte nach b*nt Patent Schultzes Raster. Die dänische Polizei forscht nach Schultz«' Berlin. 16. Februar. (Tel.-Komp.) Nach einem Kopenhagener Telegramm des »^Berliner Tageblattes" hat die dänische Polizei Nachforschungen rwch dem in die ungarische Frankenfälschungsaffäre verwickelten ehemaligen Leiter der Petersburger Notendruckerei, Artur Schultze, angestellt, da sie Anhaltspunkte dafür besitzt, daß Schultze sich zurzeit in Dänemark aufhält. Die Berliner Blätter werfen den ausländischen Polizeibehörden vor, im Falle Schultze uniklug gehandelt und den Namen Schultzes vorzeitig veröffentlicht zu haben, ehe Berlin von der neuen Spur unterrichtet war. Als nun die Berliner Polizei zugriff. war Schultze aus seiner Wohnung in Tempelhof bereits verschwunden. Mart fand in seiner Wohnung zwar kein belastendes Material, konnte aber feststellen, daß Schultze bei seiner Flucht umfangreichesMaterialmitgenom-menhat. Gin verurteilte? Abgeordneter. Der Budapester Gerichtshof hat heute den Abgeordnete» Ernst Nagy, der ein Pamphlet gegen den Bizegespan und mehrere Oberbeamte eines Komitats veröffentlicht hatte, wegen Verleumdung zu drei Monaten GefänAn i s und 7 Millionen G e l d st r a f e verurteilt. Die Motivierung des Urteils stellt fest, daß Nagy seine Beschuldigungen nicht beweisen konnte und sich von einer politischen Voreingenommenheit und von dem Bestreben, eine Rolle zu spielen» leiten ließ. sich zweifellos um einen solchen. Es soll die Basis vorbereitet werden, von der aus man auf jede Palästinaarbeit, auf die Tätigkeit für die Fonds Vorgehen kann. Da steht das politische Moment in der ersten Reihe, der Appell an den Patriotismus und an die stets sprungbereite nationalistische Bestie. Das ist der Sinn der immerhin auffallenden Erscheinung, daß das Zentralorgan der deutschen Demokratie vorne den Zionismus vernadert und auf der zweiten Seite für das nationale Recht der Deutschen in Südlirol kämpft. Für uns aber kämpft die Tatsache, daß das jüdische Polä stina besteht, und diese Tatsache lebt. Der Pfiff an dos Hakenkreuz ist uns nichts neues. -*■**' - *»*—«■*.*» *■- r