Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2507 (14.2.1926)
- Date
- 1926-02-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981594--25557-3013212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sr. 2807 Wie«, Sormtag Wiener Morgenzeitung 14. Februar 1926 Teite I „Seien Sie mutig!" Was Stanislaus Steiger erzählt. GnDnger Mdmr itrfot «sch cm. Er ist so hoch gewachsen, s daß er sich in der Türe Lücken muß. Tadellos gekleidet, ruhige BÄvegungeu. Stanislaus Steiger!" stellt er sich vor. ,Jch komme zu Ihnen, um Ihnen und der „W i e n e r Morgenzertung" für Ihr Eintreten in meiner Angelegenheit zu danken." Das Gespräch entwickelt sich schr schnell. Es ist kein Interview. Der Mann, der 16 Monate vor der antijüdischen Hölle stand urrd mit allen verfluchten Künsten gequält wurde, will zu dem Voll sprechen, dem er sich verkmden Mt. Er spricht ein schönes, flüssiges Deutsch. ,In allen den Stunden, ibic ich hinter mit habe, hat mit der Gedanke Kraft und Trost gegeben, daß das große jüdische Volk an mich denkt. Denn sonst... ... Ich »var am 5. September verhaftet worden. Die Zelle, in die ich gebracht wurde, bestand aus vier nackten, grauen, stummen Wänden. Eine Pritsche und ein Kübel. Sonst nichts. Bücher durste ich nicht lesen. Durch das Guckloch starrte ununterbrochen der Wachposten herein. In der Nacht wurde eine Wand lebendig. Es klopfte in regelmäßigen Abständen. Erst beachtete ich das nicht, dann machte cs rnich nervös und ich klopfte zurück. Plötzlich mst etwas: ,/Hallo, Zelle 29!" (in der ich saß). Ich schob meine Pritsche unter das Fenster. Es war schr hoch und mit Doppelgttter verschen. Wie eben für einen so schweren Verbrecher. ,Mer ruft denn?" „Guten Abend, Herr Steiger!" Wer sind Sie?" „Wir sind hier zwei Juden, einer aus Warschau, einer aus Lodz. Wir wissen schon von Ihnen! S e i e n S i e m u t i g!" . . . ... Als Jurist hatte ich mir ausgerechnet, daß ich an» Mittwoch vor das Gericht gestellt werde. Ich »var abgeschlossen von aller Welt, wußte nicht, was draußen geschah. Ich hatte mich mit politischen Fragen nur »venig beschäftigt, »var auch in der mächtigen zionistischen Organisationsmaschinerie ein kleines, kaum sichtbares Rädchen. Wie konnte ich ahnen, daß außer meinen Eltern und Bettvandten sich noch jemand um mich kümmern werde! Ich rechnete also mit Mittwoch. Am Montag kam der Offizial. Ziehen Sie sich an!" Ich zog mich an. Er gestattete mir nicht, Kragen und Hosenträger zu nehmen. Am Korridor traten Aoei Mann hinter mich. Der Offizial führte. Wir kamen in einen Raum, wo ich den verhörenden Beamten vermutete. Der Offizial: „Ich muß Sie visitieren, ob Sie keine Waffe bei sich Alben!" Ich: „Ja, weshalb denn?" ,Me kommen jetzt vors Gericht!" ,/heute schon? Ich habe doch noch keine Anklageschrift er ha Han!" „vor dem Standgericht bekommt mau keine Anklageschrift!" ... „Jo, ich komme vors Standgericht" ... *. Durch einen dunklen Gang, eine Tür wird geöffnet. Ein Saal, voll von Menschen, gesteckt voll. Ein Police ikormuissär sagt zu jemandem: „Draußen ist alles voll, ich weiß nicht, wie die Polizei die Sache wird meistern Wunen!" Jetzt yörtte ich erst das verworrene Geräusch von draußen und verstand es. Das jüdische Lemberg war da. Mir schüvcmrnl alles vor den Augen. Durch einen Nebel sah ich Dr. Re i ch, Dr. R o s m a r i n, Redakteur F r o st i g.. Nur diese erkannte ich aus den vielen Gesichtern, die auf mich blickten. Dann sah ich meinen Verteidiger Dr. Grek. Ich hörte etwas verlesen, sprechen, diskutieren, ein Hin und Her von Reden und Gegenreden. ÜRir war nur bewußt, daß ich vor dem Standgericht stehe. Wenn diese Szene hier vorbe i »st, kommt der Tod .. . Wieder Verlesung, Durcheinandersprechen. Ich sah in das Auditorium. Im fahlen Lichte war alles weiß. Totenstill. Niemand rührt sich. Plötzlich stand Dr. Leon Reich vor mir: „Ich gratuliere Ihnen!" Er konnte kaum sprechen. Man führte mich wieder m meine Zelle. * Und dann kamen die langen Tage, die langen Nächte, die laugen Monate. Meine Mrn, die mich besuchten, ließen, da die Ueberwachnng hei den Besuch«» sehr strenge war, mich nur ahnen, was draußen, außerhalb meiner Welt geschah. Einiges» aber für mich kaum Glaubwürdiges erfuhr ich von meinen Mithästlingen. Erst als der Iäger-Kornhaber-Prozeß kam, drang einiges auch zu mir. Mm» führte mich zu einem Verhör. Der Korridor war abgeschlossen. Ich mußte warten und ging auf und ab. Am Ende des Ganges, au einer Stiege stand eine Frau, die mich unverwanÄ anßch. Das siel mir auf und ich blieb einen Augenblick stehen. Sie sagte nur leise: „Sind Sie Steiger?" ,Ia." „Ich bin aus Krakau. Alles b e i u u s denkt an Sie, alle jüdischen Kinder. Wir denken nur an Sie. Die ganze jüdische Welt spricht von Ihnen." Ich begann zu schluchzen. Meine Mchter sahen und hörte»» stumm zu. Sie waren doch Menschen. Dst Frau weinte laut aus: „Gott im Himmel, »velches Unglück! Ich bin auch eine Mutter Me segnen Sie . . . Se ieu S i e »nn t ig!" Sie ging rasch M ich tarn tasfföt, $6** äÄ*ner beikeU Wir weg, drehte sich auf der Stiege noch um und winkte mit dorn tränennafsen Taschentuch. Ich nmßte zum Verhör. ,<?' Stanislaus Steiger. Wieder vergingen Tage und Wochen. Die Ueberüvachung der Besuche hatte etwas nachgelassen. Der anwesende Beamte stand etwas Wetter entfernt und meine Eltern konnten mir einiges sage»». Man betete für mich in allen Synagogen, wo Juden zusammenkamen, nannte man meinen Namen. Auf den Friedhöfen zündete man Kerze»» an. Einmal so viele, daß ein heller Schein weichm zu merken war. Mein jüdisches Volk in Men, in der ganzen weiten Welt nahm Anteil an mir ...! '>'V ■. '5\ ^,T*V Fräulein Josefa Mark, Steigers Braut. lieber meine»» Prozeß haben Sie ja berichtet. Ich brauche nicht davon zu sprechen. Ich sah meine Anwälte. Jeder Tag brachte ihnen Stöße, ja Körbe voll Briefe. Aus der ganze»» Welt. Aus Deutschland, aus Frankreich, Aus Amerika. In» kleinsten Dorf Polens saß immer irgend einer, der das Seine bettragen wollte und ar» »»eine Verteidiger schrieb . . . - * Die Geschworneu »varen in ihr Zimmer gegaugeu. Mich führte man spazieren. Zwei und eine Viertelstunde lang. In diesen Minute»» erlebte ich mehr als je vocher. Sie Ware»» eine entsetzliche Marter. Die Entscheidul»g war ja da. Ein Wärter sagte mir: „Ra, rvas glauben Sie. Steiger, Ms da herauskommt?" „Ich glaube, Frei.s^ruch4" Er fing hell zu lachen an. „Alle sagen, 10 oder 15 Jahre und der redet von Frerspvnch'/ Ich fuhr ihn erregt an: „Wie kölmen Sie das sagen?" Er wurde ruhig. Dan»» sagte er: „Entschuldigen Sie, aber ich sage doch nur, was alle drinnen sagen!" . . . Ein Glockenzeichen ging. Ein Wachmann sagte: »Jetzt i st's ... .Kommen Sie... In den Saal!" ... Man führt mich durch de»» Gang. Ich sehe Menschen, die einen blaß, die anderen rot vor Erregung. Im Vorbeigehen hasche ich etwas auf: „Frei!" Ich erfasse es nicht. Ins Bewußtsein dringt es mir »»icht. An der Türe sagt jemand: „Seien S i e mutig!" Mir zittern die Knie. Aber ich fasse mich mit meiner gangen Kraft. Dann stche ich vor dem Tische der Richter . . . m»d höre jetzt klar und schuf: „Acht Nein, vier Ja. Frei!" Ei»» Ge schwor ne r drückt mir die Hand, der Obmann der Ge» schworner», der im Gedränge steht, verbeugt sich grüßend. Ich b i n f r e r! Dreimal hat man mir gesagt: „Seren Sä-e m u t i g!" Ich bin es gewesen, weil das jüdische VoU an mich geglaubt hat, weil es gewußt hat, daß ich, der kleine, arme, unbeachtete Student, unschuldig »var. Ich will meinem Volk danken, daß es an mich geglaubt und daß es mir Mut und Kraft gegeben hat. Diesen Dank will ich durch die „Wiener M or ge nzc it u ng" anssprechen und ihn am Dienstag »viederholen." Begrößungrabenü für Stanislaus Steiger. Anläßlich der Anwesenheit Stanislaus Steigers in Wien findet Dienstag den 16. d. um 8 Uhr abends in den Olympiasalen, 1. Bez., Rotgasse, eine Begrüßung statt. Der Einttitt ist nur gegen Vorweisung der auf Namen lautenden Einladungskarte gestattet. Wir leisten eine einmonatliche Garantie für jedes Paar Herren-, Dameno^kvr Kinderstrümpfe und Socken unsenvr Spezial-Z wiru-Oualität. Jedes zerrissene Paar wird aus getauscht. „Lady" Strümp f-Gej. IV., W i edner Haupt st raße 18 VII^ Mariahilferstraße 112 VIII., Lerchenfelder strafte 124 EX., Nußdorferstrafte 16 „Sic Frau in der Versuchung." Gräfin Vera Cathcart darf nicht amerikanischen Boden betreten. Aus New-Dowk wird gemeldet: Wie die Blätter mit-« teilen, habe»» die Einwanderungsbehörden der englischer» Gräfin Vera Cathcart, der geschiedenen Frau des Earl of Cathcart, die arr Bord der „Carmania" im Hafer» von New-Iork eingetroffen »var, das Betreten amerrkanischen Bodens verboten ur»d die Gräfin bis auf weiteres auf Ellis Island interniert. Diese Maßnahme wurde dann t begründet, daß die Gräfin eure geschiedene Frau und deshalb eine „unerwünschte Ausländeriu" sei. Diese Entscheidurrg der Einwanderungsbchörden gegen eine, abgesehen von ihren Schewüngsaffären, gänzlich unbescholtene Dame der hohen englischen Gesellschaft, hat in der Oeffentlichkeit großes Aufsehen und lebhaften Widerspruch hervorgeruserr. Lady Cathcart »var in erster Ehe mit Kapitän de Grey Wärter verheiratet, der in» Jahre 1917 in Flandern gefallen ist. 1919 wurde sie die Frau des darnals 57 Jahre alter» Earl of Cathcart, der sich aber schon drei Jahre später von der jungen Frau scheide»» ließ, teils »veil er ihre riesigen Schulden »»icht bezahlen »vollte, teils »veil sie mit dem jungen Lord Craven in Beziehungeu getreten »var. 1923 entführte Lord Craven die geschiedene Gräfin Cathcart nach Südafrika, »vo das Paar ein Jahr zusammen lebte. Bald darauf gingen sie auseinander und Lady Cathcart »»erlegte sich auf die Schriftstellerei, auf »velchem Gebiet sie mit ihrem Roman ,^Die Frau in der Versuchung" eitlen beträchtliche»» Publikumsersolg errang. Vor kurze»»» verlobte sich die Grafit» mit dem jungen dramatischen Schriftsteller Ralph Reale. Sie kam »»ach Anlerika, um die Regie eines von ihr verfaßte»» Theaterstücks, das ar» einer Ne»v-2)orker Bühne aufigeführt »vevden soll, persönlich zn leiten. „Weiße Woche" bei zwiebaik, Mariahilfcrftraße 111, Ecke Webgasie. Wem» die „Schilling-Wochr" bei „Zwieback 111" tatsächlich ein sensationelles Verkaufser-r'giris zu »renne»» »var, so kann dies ge- »viß mit nich» minderer Berechtiigullg für die morgen beginnende „Weiße »Woche" gesagt »verden. Die »n den heutigen Anzeigen angcttinorgten Preist sind em'ach exorbitant niedrrg urvo das selbst dem Laien unmöglich erscheinende ist erreicht! Die Preise der „Schill»»» g-W o ch e" sind von «ihrer eigene» Firma noch um ein bedeutendes unterboten »vorder». Diejenigen Kunden, welche »vährerrh des sich auf alle Üblichen Waren erstreckenoen Rummels der „Schilling-Woche* käme Gelcgmheit fanden, ihr Augenmerk oen iveißen Artikeln tzckle Arten von »Wäsche, Textilien ufw. usw.) zuzulverlden. »verden dies i» der „»Weißen Woche" reichlich rrachhcken kärmeu-