Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2506 (13.2.1926)
- Date
- 1926-02-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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_Wien« Wor<mwtfawfl_t3. Wwit iW_M. m Sie LrrhaftlW des Shefredatteurs Weisz Sine Meltzafte Maßnahme. Die am Donnerstag mittags vorgemMmene Verhaftung des gewe^eren Chefredakteurs des „Atzend" hat tegre'.slicherweise das größte Aufsehen hcrvorgerusen. Vor allem sind es natürlich die politischen Kreise, die sich mir diesem neuesten Mt der Affäre befassen, und es fällt auf, daß insbesondere die rechtsstehenden Parteien in ihren Blättern ein förmliches Triumphlied anstim. men, obzwar doch se'bst der Knalleffekt der Verhaftung für die Lache selbst nichts lesa-gt. Weisz ist wegen der Gefahr der Verabredung oder Flucht festgenormnen worden. Aber diese Momente bestanden doch schon seit mchr als einer ganzen Woche. Durch fast acht Tage wurde mit Weisz und den mit ihm Beschuldgten das gesamte Dorerhebungkversahren abgewickelt, und die Polizeibehörde hat selbst noch am Dienstag dem von vielen Seiten suggerierten Plan der Verhaftung widerfproch-'n, unter Berufung daraus, daß Weis; vom 22. Jänner bis zum 6. Fetzruar Zeit genug zu Verabredungen gehabt hätte. Da man Weisz schon vor mehreren Tagen veranlaßt hat, seinen Patz zu deponieren, und er zudem umer strenger Ueberwachung stand, entfällt auch jede Fluchtgesahr. Es muffen also andere Gründe gewesen sein, die die Staatsanwaltschaft zu ihrem Schritt veranlagten, und diese Gründe können nur aus dem politischen Gebier liegen, zumal ja der Jnseratenches Fuchs viel schwerer belastet war als der Journalist Weisz. Sollten es tatsächlich *• politische Motive sein, dann ist die Weiterentwicklung kaum obzuschen. Die Untersuchung führt der Landesger'ch'.srat Dr. Kalle i n, die Staatsanwaltschaft vertritt Dr. Schwärtz. Gestern vormittags wurde Weisz dem ersten Verhör unterzogen. Er hat unmittelbar nach seiner Einlieterung in das Landesgericht durch seinen Verteidiger Dr. Robert Steiner gegen die Haftverhängung Einspruch erheben lassen. Sine Fntervellatkaa km Semetndentt. In der gestrigen Sitzung des Wiener Gemeinderates brachte Stadtrat Kunschak folgenden Dringlichkeit»- an trag ein: Der Gemeinderat wM beschließen: 1. Ter Finanzreferent der Gemeinde Wien, Itadtrat Brei-tner, wird ausgefordert, dem Gemeinderat ohne Säumen Mitteilung zu machen, ab und welch« Vorkehrungen von ihni getroffen worden sind, um das Interesse der Gemeindefinanzen auch gegenüber der Zeitschrift „Ter Abend" zu rvahren. 2. Ter Magistrat wird beauftragt, unverzüglich alle zur Feststellung des Tatbestandes und zur Sicherung und Wahrung des Eemeindeintereffes notwendigen, im Gesetz über di« Jrrserateuabgabe vorgesehenen Maßnahmen zu treffen. In der Begründung führte der Antragsteller aus: Eingestandenermaßen haben sich der Chefredakteur der Zeitschrift „Ter Abend" und der Jnferatenvertreter der gleichen Zeitschrift schwerster Verfehlungen schuldig gemacht und dabei unzählige Milliarden ins Verdienen gebracht. Die Methode, nach der beide ihre unlautere Gebarung betrieben haben, bestand darin, daß sie gewissen Personen und Instituten dienliche Verlautbarungen gegen schweres Entgelt in den textlichen Teil des Blattes einschalteten. Es ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß die Gemeinde durch diese jahrelang betriebenen Manipulationen um Riesensummen in dem Ertrag der Jnseratenabgabe betrogen worden ist. — Dem Antrag wurde einstimmig die Dringlichkeit zuerkannt. In seiner Beantwortung führte Stadtrat.Breitn e r aus, daß die Gemeinde sofort alle Schritte unternehmen werde, um etwaige Steuerhinterziehungen hintanzuhalten. Die Gemeinde' kenne in Steuerangelegenheilen keine Rücksichten. Man könne ihr, wie immer man zu ihrer Finanzpolitik stehe, nicht vorwersen, daß sie es jemals geduldet habe, daß man es sich in Steuersachen richten könne. Auf diese Erklärung hin zog der Antragsteller den e r ste n T e i l des Dringlichkeitsantrages zurück. Der zweite Teil des Antrages wurde einstimmig angenommen. Geste H Men. Gamtzkas In diesem Falle müßte mit der D e m i s s i o n v o n vier K a r t e l l m i n i st e r n gerechnet werden, da die Minister Chautemps, Taladier, Dura so ur und Chaumet schon in ihrer heutigen Abstimnrung zum Ausdruck gebracht haben, daß sie aus dem Boden des Kartells zu bleiben wünschen. Die Regierungskrise scheint also ««mittelbar bevorzu stehen. Aschlob einer deot'ch-franMchr» Handeleabkommcnr. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 12. Februar. Die deutschen und die französischen Bevollmächtigten haben heute abends ein Handelsabkommen unterzeichnet, das für gewisse Erzeugnisse aus denr einen und dem anderen Lande volle Begünstigung einräumt. Auf Grund dieses Abkommens erhalten französische landwirtschaftliche Saisonartikel bei der Einfuhr nach Deutschland die M e i st b e g ü n st i g u n g und Zollbindungen, Deutschland seinerseits erhält einen M i n i m a l t a r i f für geschnittenes Heu, chemische Produkte, landwirtschaftliche Maschinen, Hausha'tu ngsgc genstände und Möbel. Dieses Abkommen ist auf die D a u e r v o n drei Monaten geschlossen, wobei die beiden veriragfchließen-cn Teile die Hoffnung haben, daß sie beim Ablauf der Geltungsdauer des Abkommens die Verhandlungen über einen endgültigen Vertrag abgeschlossen haben werden. 3er amerikanische Hoftlenarbelterftreit beendet. Herrisburg (Pensylvanien), 12. Februar. Der Streik im Anthrazitbergwerk ist nach sechsmonatiger Dauer heute beendet worden. Es verlautet, daß der Plan zur Regelung des Ausstandes in -er Anthrazitkohlenindustrie darin bestehe, den Präsidenten C o o l i d g e zu ersuchen, alz Vermittler zu fungieren. Wenn es zu keiner Einigung käme, soll der Präsident als Richer eingreifen und die Erklärungen beider Parteien entgegennehmen, die durch seine Entscheidung gebunden wären. Wahrscheinlich würden die Bergarbeiter die Arbeit wieder ausnehmen und die Entscheidung des Präsidenten abwarten. Die Zankerung der Bikloria-MMe. Budapest, 12. Februar. Die zur Sanierung des Viktoria-Konzerns geschaffene M o l i n u m A.-G. hält am 13. Februar ihre konstituierende Versammlung ab. Zur Sanierung sind 200 Milliarden notwendig, wovon 150 Milliarden der Molinum zinsensrei zur Verfügung stehen, und zwar seilens des Staates 131 Milliarden, von den Banken und Jndustrieunternehmungen 19 Milliarden. Von den 19 Milliarden beträgt das Stammkapital siebeneinhalb Milliarden. Die restlichen 142,5 Milliarden stehen der Molinum als zinsensreie Anleihe zur Verfügung. Weiters kann die Molinum 50 Milliarden Bankenanleihe in Anspruch nehmen. Zwei Drittel stellt der Staat bei, ein Drittel die Geldinstitute. Nach Beendigung der Regelung wird die Mollnum liquidiert und die Gelder im Verhältnis der verbleibenden Ueberschüsse zurückerstattet. Zur Sicherung der Sanierung bot Bacher sein gesamtes Vermögen ans, und man glaubt, nur einen kleinen Teil davon retten zu können. Unterdessen guck' ich wieder umher und bemerke, daß das Buch, das dieser ehrbar und fromm aussehende Mensch vor sich hat, gar kein heiliges Buch ist, sondern irgend ein Geschäftsbuch. Und bei dem Juden mit dem Slre'mel, der mir gegenübersitzt, hat sich ein Teil des Schnurrbartes heruntergeschält und er pickt ihn mit Speichel wieder zu. Jener Andächtige am Pult beißt ab und zu an einem Stück Wurst. „Ruhe! Hört auf, zu spielen! Ter Diener muß jetzt zum .Boten aus dem Jenseits' gehen und ihm Schnupftabak geben. Und bei Dybuk! Wo ist der Dhbuk? . . . Der Dhbrck soll die Nüstern bewegen! So . . . Ruhe! Mit den Augen glotzen! So! So nicht! . . . Io . . . Licht!" Es wird aus einmal hell wie aus sietenhunderttaufend Lampen, daß Gott behüte. Ich habe geglaubt, die Welt brennt, der Himmel ist geborsten. Es schoß mir in die Augen, daß ich blind zu werden fürchtet«. Der Kerl dort kommandiert immer noch: „Ruhe! Gelernt! Hin und her g wackelt! Io! Dybuk hieher! Bor« aus dem Jenseits — da her! Ich drehe! Wir drehen! Man dreht!" Herr der Welt, was geht da vor? Wer wird da gedreht? Wer dreht? Es ist nicht anders, ich bin in eine Bande böser Geister geraten. Ta fallen mir alle Erzählungen von jenen bösen Ge'stern ein, die fromme Juden am Vortage des Neujahrsfestes heimsuchten. Ich fuchtle mit den Schausöden und schreie: „Höre Israel!" und lause und lause mit allen Kräften. Die Bande steht um mich herum und lacht: chi, chi, chi... cha, cha, cha... Die Weiber kreischen. Eine von ihnen stößt mich in den Bauch und lacht heiser: kchak . . . kchak ... Ta verstand ich, daß es so sei und daß ich den Bösen entronnen rvar. Ich lief die Treppen hinunter. So viele Treppen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Wie verzaubert! Es will kein Ercke nehmen mit diesen Treppen Unten ange'angt. hatte der Hausd'ener bemerkt, wie ch Kopf über Hals gelaufen war, glaubte, ich fei ein Dieb, hielt mich an und brachte mich zur Polizei. Im Kriminal verbrachte ich den ersten Neujahrstag. Erst am nächsten Tag entließ man mich. Ich frage euch, meine lieben Juden: was war das nun? Wie? Werdet ihr jetzt sagen, es gibt keine bösen leister aus der Welt? . . Ms dem Jüdische» von P. H a l l« i.) Fuland. 0'e SfiMfroter Frage. Für «in« aktive Politik der diplomatischen Verteidigung. Mittwoch den 17. d. versammelt sich der Hauptausschuß zur Besprechung der außenpolitischen Lage. Die Regierung wrrd Gelegenheit nehmen, ihre Stellungnahme zur jüngsten Phase der Süd tiroler Angelegenheit bekanntzugeben, und dies wohl nicht allein auf Drängen der Sozialdemokraten. In Tirol ist man nämlich über die Reden Mussolinis arg verstimmt und verlangt sogar, daß die Leitung des Auswärtigen Amtes von kräftigeren Händen übernommen .werden soll als es die des Bundeskanzlers Dr. N a m e k sind. Das Sprachrohr dieser Stimmungen im Lande, der christlichsoziale „Tiroler Anzeiger", erklärt, Mussolinis Drohungen rühren ay den Lebensnerven Tirols, Oesterreich habe ein erstes Anrecht, die Südtiroler Frage vor das Forum des Völkerbundes zu bringen. Der italienische Imperialismus stelle eine akute Gefahr für den ganzen S taa t der und der Regierung erwachse die Pflicht, sich würdig aber entschieden zu erklären. Vielleicht werde man auch d-ran denken, die Leitung des Auswärtigen Amtes mit einer Persönlichkeit zu besetzen, die in der internationalen Diplomatie Ruf und Vertrauen besitzt. Die Geschäfte des Bundeskanzlers und des Außenministers lassen sich nur in ruhigen Zeiten vereinigen. Derzeit müsse Oesterreich zu einer aktiven Politik der diplomatischen Verteidigung übergehen. Die nächste Nationalratssitzung findet Donnerstag den 18. d. um 3 Uhr nachmittags statt. Günstige tndgetüre Loge trotz «ktfchaMlcher Schwierigkeiten. A«S dem 37. Bericht des Generalkommissärs. Der letzte Monatsbericht Dr. Z i m m e r m a n s. der di« Zeit vom 15. Dezember 1925 bis 15. Jänner 1926 umfaßt, liegt nunmehr dem Völkerbund vor. Er erinnert einleitend darm, daß sich nunmehr die gemilderte Finanzkontrolle in Oesterre-ch — unbeschadet der Befugnis des Generalkommissärs, die von ihm für r»otwendig gehaltenen Informationen, Rechnungen und Ziffern wie bisher einzuholen — auf die Kontrolle der verpfändeten Einnahmen und der Verwendung des Restes der Wiedetaufbauanleihe beschränken wird. Dr. Zimmerman gratulierte Oesterreich zu den erzielten Fortschritten seiner Sanierung, die es dem Völkerbund ermöglicht haben, diesen wichtigen Beschluß zu fassen. Soweit nach den monatlichen Erfolgsnachwüsungen ein Urteil abgegeben werden könne, biete die budgetäre Lage in ihrer 6Ks?mtheit noch immer trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen das Land zu kämpfen hat, ein günstiges Bild. Die den Bundesangestellten im Jänner gewährte ans; rordentliche Zuwendung wird durch Ersparungen gedeckt werden müsset!. Diese Verpflichtung ist die Regierurig auch gegenüber dem Finanzkomitee deS Völkerbundes eingegangen. Es wird sich daher die Notwendigkeit erweisen, im Budget für 1926 Virements zwischen ten Persynalousgabeu und den übrigen Ausgaben vorzunehmen. Bis 31. Dezember wurden insgesamt 83.368 Bündesangestellte abgebaut. Für di« günstige staatsfinanzielle Lage sprechen ein« Reihe von Umständen. So konnte die Finanzverwaltung die Dezemberzahlungen reibungslos leisten, di« Bundesbahnen di« letzte Rate des ihnen im Mai und Juni 1925 gewährten Vorschusses zurückzahlen. Für die .Elektrifizierungsarbeiten hat der Völkerbundkommissär insgesamt drei Millionen endgültig freigegeben, im Dezember für denselben Zweck 1989.063 Schilling und einen Vorschuß von 3,000.937 Schilling gewährt. Bon der Völkerbundanlcihe sind »och immer 30,426.501 Dollar vorhanden. Die Schuld des Bundes an die Nationalbmk hat sich im Jahre 1925 um 30 Millionen, d. i. um etwa 15 Prozent, vermindert. Die wirtschaftliche Lage ist charakterisiert durch die Verschlechterung des Arbeits« Marktes. Das Defizit der Handelsbilanz ist im Vergleich zum ersten .Halbjahr gestiegen. Der Index der Großhandelspreise ist von 18.063 im Dezember auf 17.554 im Jänner gesunken. Der Börsen index hat sich von 957 im Dezember aus 959 im Jänner bewegt. Mit Ausnahme eines kurzen Zeitraumes im Juli verharrte die Börse im Verlaufe des ganzen Jahres 1925 in völliger Stagnation. Anfangs Jänner 1925 war eine leichte Besserung der Geschäftstätigkeit und eine leichte Steigerung der Kurse zu verzeichnen. Aus dem Wiener Gemeinderat. Die „arme" Gemeinde. Auf der Tagesordnung der gestrigen GemeinderatSsitzung, die stellenweise sehr stürmisch verlief, stand ein« Reihe von Anträgen über Zuschußkredite und Subventionen, die meist ohne Debatte angenommen wurden. Der Vorsitzende Bürgermeister S e i tz nahm zweimal Anlaß, seine Autorität nachdrücklichst zu betonen. Einmal erklärte er. daß er sich nicht zum Narren hallen lasse und das anderomal geriet er gelegentlich der stürmisch geführten Debatte über Subventionen an den Dom bauverein, die der neue christlichscz'ale Gemeiuderat Bezirksvorsteher Dr. S i e g m e t h entfesselte, so in Harnisch, daß er seinen eigenen Parteigenossen Beermanu energisch in die Schranken wies. Die Poliklinik erhielt eine Subvention von nur 3000 Schilling, während die Naturfreunde mit einer Unterstützung von 10.000 Schilling bedacht werden. Die christlichsoziale Opposition bemängelte, daß die Gemeinde bei Bowiüigutlg von Subventionen unkorrekt vorgehe und verlangte die Bekanntgabe der Namen jener Vereine, die abgewiosen wurden, eine Forderung, die der Bürgermeister als unmöglich bezeichnete. Dabei machte der Bürgermeister die sonderbare Aeußerung, daß die Gemeinde Wohl konsolidiert und gut bewirtschaftet, . jedoch arm sei. Vor der Sitzung des Gemelnderates fand eine kurze Sitzung des Wiener Landtages statt, ln der das Gesetz über die Äauerleichierungen für Tachbodemvohnungen und Stockverksausbauten bis zum 31. Dezember 1937 verlängert wird.