Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2503 (10.2.1926)
- Date
- 1926-02-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SM Mm, Mitkvo'ch Wiener Mornen-eiinnff i/i. ffckm« me . Der magyarische Weltskandal. Klar neue Untersuchung. Daaltbewährte Kräftigungsmittel für Körper und Nerven ist in allen Apotheken und Drogerien erhältlich. Proben und Broschüren kostenlos durch Bauer & Li«., Berlin SW 48, Friedrichstraße 231 die schwarze Reichswehr. Berlin, 9. Februar. Im Budgetausschuß d.s Reichstages gab der Reichswehrminister Dr. Geßlcr eine Darstellung der Geschichte der schwarzen Reichswchr. Er erklärte, die Formulierung des Namens schwarze Reichswchr stamme aus deu-tschvölkischen Kreisen. Im Jahre 1928 habe General 2 udendorff beim General v. Seeckt vorgesprochen und den Vorschlag zur Bildung einer schwarzen Reichswehr gemach:. General S.'eckt habe diesen Gedanken auss schärffte abgelchnt. Spärcr habe dann der deutschvölkische Abgeordnete Gracse versucht, zu General Seeckt zu gelangen, aber dieser habe ihn gar nicht empfangen. Trotzdem habe sich besonders nachdem gehet mnisvollenEmpsang des Oberleutnants Roßbach durch den Reichskanzler Enno dann in der Oeffentlichkeit das Geruch: gebildet, als wären offiziell oder offiziös Fäden gesponnen zwischen der richtigen und der schwarzen Reichswchr. Für das Reich gab cs später nur die mißliche und schwierige Aufgabe, den bewaffneten Selbstschutz in Ruhe aufzulösen. In Verbindung damit ergab sich di' Notwendigkeit, die Waffen des Selbsffchutzes zu zerstören, und erst zu diesem Zwecke wurden von der Regierung Arbeitskommandos eingerichtet, die aber nicht mehr als etwa 135 Mann betragen haben. Ein begabter Offizier habe ihm einmal gesagt, daß die' vaterländischen Verbände, rein militärisch gesehen, keinen anderen Wert hätten, als das zu bieten, was früher d i e Köchinnen vom Militär verlangten, nämlich M u,s i k, P arademar'ch und Liebe. Der Minister versicherte, daß jede Verbindung von Reichswehrangehörigen mit den vaterländischen Verbänden überhaupt verboten sei. Auch sei es verboten, Zertfreiwillige in der Reichswehr auszubilden, und Offiziere der Reichswehr seien nicht zur Ausbildung von Stahlhelmlenten abkommandiert worden, was selbstverständlich strenge verboten sei. Gerichtliches TchweiggeSot für die Fememörder Berlin. 9. Februar. Der im Fememoidprozcß zcun Tode ver- .mcteilte Feldwebel Stein, der, wie gemelde:, seinen Verteidiger gewech'A: hat, erhielt vom Gericht die Mitteilung, er dürfe infolge'des in. der Hauptvevhandlung erlassenen Schweigegebotes feinem.neuen Verteidiger keinerlei M i t t e il u n g e n über die Vorgänge in der Hauptverhandlung machen. Gegen die^e Anweisung hat der neue Verteidiger Steins eine Beschwerde beim Justizminister erhoben, in der er darauf hinweist, daß dies ein gänzlich unmögliches Verfahren sei. Bon Dr. Leopold Thaler. Noch haben sich die Wogen der Entrüstung über den wirklichen Rabbi icnd Führer seines Volkes, Dr. Stephen Wise, nicht ganz gelegt; sowohl im jüdisch-orthodoxen Amerika, als auch in. den überfrommen Kreisen des europäischen Judentums. Doch haben sich die Gemüter schon z:rm großen Teil beruhigt und mau hat langsam, aber doch die Ungerechtigkeit der Anwürfe gegen den vorurteilslosen, mutigen Wersen eingesehen. Man kann schon hoffentlich sachlich und ruhig über das von Wise aufgeworfene Problem denken und urteilen. In der Hauptsache, hat ja Wise an das hebräische Buch Josef Klausners: „Jesus Christus, seine Zeit, sein Leben und seine Lehre angeknüpft". Mit dem Lob des Werkes verband Wise den Ausdruck der tiefen Verehrung für das Ethos der Persönlichkeit Jesu, wie ihn eben Klausner in diesem Buche als großen Juden versteht und würdigt. Um daher den vollen geistigen Gehalt, den Hintergrund und die Absicht der Aeußerungen von Wise beurteilen zu können, ist es wohl das Beste, auf seine Quelle, auf das genannte Wer^ von Klausner zurückzugreisen und zu schert, wie sich dieser Gelehrte zur Jesusfrage einstellt. Der Standpunkt Klausners ist nämlich in diesem Falle ausdrücklicher Berufung sicherlich mit der Meinung von Wise identisch und als Beurteilungsgrpndlage schon wegen seiner sehr ausführlichen Begründung und Erörterung, die eine kurze Predigt nie zu bieten vermag, sehr geeignet. Klausners Werk ist die erste ernste, wissenschaftliche und objektive Darstellung Ultd Bewertung des Lebens und der Lehre Jesu in hebräischer Sprache. Schon dies allein wäre eine mutige Tat und ein unzweifelhaftes Verdienst. Dem Werk und dem Autor gebührt aber noch ein viel größeres Lob. Klausner war vorurteilslos genug, hier wirklich sachliche Quellenforschung zu betreiben und das Wirken und das Wesen Jesu vom Standpunkt des bewußten, aktiven, sogar politischaktiven Bolljuden zu betrachten. Ich möchte nicht mißverstanden werden: Klausner hat keine Tendenz zur Richtschnur seiner Untersuchung und Darstellung gemacht — dies würde seinem Werk von vornherein jeden Wert nehmen — «nt die Formulierung seiner Fragestellung ist seinem lebendigen jüdischen Bewußtsein, seinem Judentume entsprungen. Und dies ist nicht nur natürlich, sondern in diesenc Fall — wie ja am besten die Hetze gegen Wise beweist — sowohl nach taKH» M Mach außen ein nicht zu unterschätzender Beweis Budapest, 9. Februar. Oberstaatsanwalt Dr. S z t r a ch e hat den Zeitungsberichterstattern gegenüber erklärt, er habe die holländischen Protokolle wohl noch nicht ganz überprüft, sei jedoch schon zu der Ueberzcugung gelangt, daß sie in der Tat gewisse Taten enthalten,, die eine neuerliche Untersuchung seitens der Staatsan-valtschaft als notwendig erscheinen lassen. Ue'ber die mutmaßliche Tauer der polizeilichen Ergänzungsuntersuchung befragt, erwiderte Dr. Sztrache, daß der Zeitpunkt des Abschlusses dieser Untersuchung vorerst noch recht ungewiß sei, weil die Vertreter der Bank von Frankreich, beziehungsweise die hier weilenden französischen Polizeistmktionäre «täglich neue Wünsche vorlegen, da bei den täglich vorgenommenen Verhören stets neue Fragen auftauchen. Gestern nachmittags waren bei der Staatsanwaltschaft vier Damen vorgeladen. Es handelte sich um die Aufklärung einer internen Angelegenheit, die zwar mit der Frankenuotenfälschung Zusammenhänge, jedoch nicht mit deren kriminellen Teil. Der Rechtsvertreter der Bank von Frankreich, Dr. Auer, äußerte sich über die gestrigen Verhöre: Polizeihauptmann Lakatos verhörte gestern Raba, Oberst Kurz und H a i t s bezüglich der von den Franzosen vorgelegten Fragepunkte. Die drei Verhörten gaben neue Daten zu Protokoll, welche auf gewisse Spuren Hinweisen. Es handelt sich nicht um neue Namen, sondern um neue Zusammenhänge alter Namen und bekannter Taten. Es läßt sich schon heute seststellen, daß die Aussage::, welche die drei Verhafteten gemacht haben, nach einer gewissen Zeit eine große Bedeutung haben werden. Ueber Schultze sagt Dr. Auer: Schultze ist deutscher Abstammung. Es ist heute schon gewiß, daß er A b t e i l u n g sches der russischen Notendruckerei war. Wie verlautet, soll sich 'Alexander Schultze noch vor acht Tagen in Budapest befunden haben. Bethlen fährt nicht nach Genf. Budapest, 9. Februar. Ministerpräsident Graf Bethlen hatte gestern eine längere Konferenz mit dem Grafen Albert Apponyi und dann mit dem Präsidenten der ungarischen Nationalbank, Alexander v. P o p o v i c s. Wie „Maoyarorszag" erfährt, wird aus der Märztagung des B ö l k e r b u n d x a t e s nicht Graf Bethlen, sondern Graf Albert A p p o n y i Ungarn vertreten. Der Putschplan der Geldfälscher. Budapest, 9. Februar. Ter. . p a r l a m e n t a r i s ch i Untersuchungsausschuß in der Franken sä lschungsassäre setzte heute die Prüfung der Haager Protokolle fort. „Magyarorszag" ist in der Lage, Einzelheiten aus den Haager Akten mitzuteilen. Danach hat Oberst I a n k o v i ch im Verlaufe seiner Einvernahme im Haag außerordenivon Wahrheitsliebe und Mut. Mut zur Offenheit und Mut zur Forschung. Das Zentralproblem nun, von dem Klausners Buch getragen ist und um dessen Beantwortung sich der Autor mit Erfolg bemüht, lautet: Warum konnte das Judentum, aus den: Jesus hervorgegangen ist, dessen Lehre nicht annehmen? Alle anderen Heidenvölker konnten und taten es zum großen Teil, nur das jüdische, dessen Sohn Jesus war und das ihm am nächsten stand, hat seine Lehre abgelehnt?! Worin liegt die Ursache für dieses einzigartige historische Phänomen? Inwiefern war also Jesus Jude, und wo hört sein Judentum auf? Klausner hat zur Beantwortung dieser Fragen einen umfangreichen und zielbewußten Untersuchnngsapparat aufgeboten. Er hat die jüdischen, griechischen, römischen und christlichen Quellen auf ihren Wahrheits- und Tatsachenwert geprüft, auf dieser Grundlage dann ein wirklich glänzendes plastisches Bild der Epoche in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehung entworfen, ferner von Johannes den: Täufer bis zur Kreuzigung und Auferstehnngslegende das Leben und Wirken Jesu ausführlich geschildert, um mit einer zusammenfassenden Darstellung der Lehre Jesu Antwort auf das gestellte Problem endgültig vorzubereiten und zu formulieren. Obwohl es in mancher Hinsicht sehr interessant wäre, auf die hier gestreiften Gebiete und Details einzngehen, muß ich mich doch, schon des Raummangels wegen, nur auf die letzten Konsequerczen Klausners beschränken und nur diese Ausführungen hervorheben, die zur Beantwortung der gestellten Frage und somit zur Klärung des aktuellen Wise-Streites beitragen können. Klausner, der nachdrücklich betont, daß er nur die Geschichte Jesu und nicht die des Christentums erzählt, also von Vorneherein einen entscheidenden Unterschied zwischen Jesus und dem späteren und heutigen, erst von seinen Schülern, den Aposteln mit Paulus an der Spitze, geschaffenen Christentum statuiert, weiß für das Judentum Jesu und seiner ursprünglichen Lehre, folgende Gründe und Tatsachen anzuführen: Zum Unterschied von: Christentum, das ein Kind der jüdischen Religion und der griechischen Philosophie ist, war Jesus nur aus dem Judentum, und zwar aus dem palästinensischen — nicht hellenistischen — hervorgegangen. Jesus hat aramäisch gesprochen, dagegen ist es kaum anzunehmen, daß er griechisch konnte. Daß in Galiläa, seinem Geburtsland, zu jener Zeit viele Fremde wohnten, spricht an: allerlvenigsten gegen seine jüdische Abstammung, denn damals :var gerade Palästina der Sitz und der Schlupfwinkel der heißesten jüdischen Patrioten und der verschiedenartigsten jüdischen Träul i ch wichtige Geständnisse über die poetischen Ziels der Frankenfälschungsaktion gemacht. Jankovich gab an, daß die Frankenfälscher im Wege ihrer Aktion zunächst die gegenwärtige Regierung stürzen wollten. Es sollte eine i r r cde n t ist ische politische Gruppe zur Macht gelangen, die mit denk gegenwärtigen Regierungssystem in Ungarn seit langem unzufrieden ist. Die neue Regierung sollte aus den Kreisen dieser völkischen Politiker gebildet tverden. Sie hätte sofort Neuwahlen ausgeschrieben und sodann den Versuch unternommen, sich mit allen Mitteln die parlamentarische Mehrheit zu beschaffen. Das zweite Ziel der FrankensälschungsaAion war nach dem .Haager Geständnis des Obersten Jankovich die Wiederherstellung der Integrität Ungarns. Beide Aktionen hätten ungeheure Geldsummen verschlungen, in deren Besitz sich die irredentistischc Gruppe eben durch die Fälschung und Verbreitung französischer Noten setzen wollte. Maßgebend dabei war der Haß gegen Frankreich, welches von dieser Gruppe als für den Vertrag von T r i a n o n vo»" antwortliche Macht angesehen wird. Wlassies bei Horthy. Budapest, 9. Februar. (Tel.-Komp.) Die Krisengerüchte wollen trotz der amtlichen Ableugnungsversuchc nicht verstummen. In oppositionellen Kreisen halt man cs für ausgeschlossen, daß die Regierung den politischen Konsequenzen der Frankenfälschungsaffäre auf die Tauer ausweichen könnte. Die Krisenstimmung erhielt heute in den Mittagsstunden neue Nahrung durch die Nachricht, daß der Re i chsve rweser gestern den Präsidenten des Verwaltungsgerichtshosts, Baron Julius Wlassies, :n Audienz empfangen und mit ihm einen langen Meinungsaustausch über die politische Lage gepflogen habe. In den Wandelgängen des Parlaments brachten die Abgeordneten aller Parteirichtungen diese Tatsache' mit der Kombination in Zusammenhang, daß Baron Wlassies mit der Führung der Regierungegeschäste für die Dauer der Liquidierung des Fälscherskandals an der Spitze einer Bea m te n r eg ie r u ng betraut werden soll. Die Richtigkeit dieser Kombination, die von mehreren Abendblätternregistriert wird, läßt sich zur Stunde nicht nachprüsen. Vazsonyis Telephon. Budapest, 9. Februar. (Tel.-Komp.) In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung kanr Innenminister Rak o v s z k y vor dem Eingehen in die Tagesordnung auf die jüngsten Erklärungen des Abgeordneten BazsonyS zu sprechen, wonach das Telephon Vazsonyis unter Zensur steA und auch seine Person und seine Wohnung von Detektivs überwacht werde. Die Ausführungen des Innenministers gingen größtenteils :n dem Tumult unter, der auf den Bänken der Linken entstand, als Rakovszky das Wort ergriff. Der Minister des Innern stellte unter stürmischen Zurufen und Gelächter von links in Abrede, daß es in Ungarn eine Telephonzensur mer und Phantasten. Der Kampf gegen Rom und gegen die herodianrschrn Knechte Roms ging vielleicht mchr um Judäa, hatte aber in den stolzen Bergen Galiläas seinen Urjprungsherd und schöpfte von dort immer frische Kräfte und Energien. Ferner hat Jesus und sogar :nanche der Aposteln fast alle jüdischen religiösen Gebote ausgeübt. „Nicht zu zerstören, sondern zu erfüllen bin ich gekommen," sagt Jesus in der herrlichen und vielleicht am meisten, wenn auch nicht in dieser künstlich zusammengefaßten Form, authentischen Bergpredigt. Und sogar einmal bezüglich der angefeindeten Pharisäer: „Was die Pharisäer sagen, höret, denn siesühren tveiter die Lehren der Thora, vor deren Taten aber hütet euch, denn sie sagen und tun nicht". Also nur den Mangel der Erfüllung, der Einheit von Wort und Tat hat Jesus bei den Pharisäern getadelt. Einerseits. Und andererseits die Reinheit, die Echtheit der Gesinnung angezweiselt. Er wandte sich gegen das Primat der praktischen Gebote vor den ethischen, den Herzenspflichterr, verneint hat er aber kein einziges. Er hat höchstens dSrch eine Lockerung der praktischen mid Idealisierung der radikalelhischcn Gebot« dem Paulus es ermöglicht, die Gebote als solche zu bekämpfen. Jesus hatte sich auch nie als Gott ausgegebeu. Als ein Schüler ihn einmal mit „Guter Rabbi!" angercdet hatte, fragte ihn Jesus: „Warum sagst du mir grrt? — Es gibt kein Gutes, nur ein einziges — Gott!" Klausner geht noch weiter und meint, nicht mit Unrecht, daß der Ausdruck „Schn Gottes" — eine in der Bibel sehr oft ^brauchte Redewendung ist, die Jesus, vielleicht um seine Gottesnähe zu betonen, nur viel zu oft gebraucht hat und dadurch der Schein geweckt werden konnte, als ob er damit schon sich als Messias betrachtet oder gar den strengen Monotheismus verwässert hätte. Dieses Zu-oft-wiederholen, diese Radikalisierung war ja gerade «das, was ihn für das um seine nationale Existenz käntpfende Judentum unmöglich machte. Der wesentlich« Inhalt der ganzen ethischen Lehre Jesu fft dem biblischen Judentum, bezm. den Lebensanschauungen des damaligerl jüdischen Volkes, die dann später in den Talmud ausgenommen wurden, entnommen. Jesus hat aber die jüdische Echik zum urrersüllbavcit Extrem geführt und si: daher zu einem hchren, unerveichbaren Ideal des individuellen Handelns erhoben, andererseits aber hat dieser Radikalismus diese Echik unsozial, unstaatlich, Übermenschlich gemacht. Hier liegt der tiefste Gegensatz Jes» zum Judentum im allgemeinen, das nur die unzertrennliche Einheit von Gemeinschaftsleben und Echik kennt, und zum damaligen im besonderen, das um seine staatliche Existenz und Fvecheit gekänrpst ha: und daher jeden staatszerstörenden Versuch schroff ablehuen umßte. Dieser Gegensatz hat seine tiefere Ursache in der verschiedenen Einstellung des Judentums und Jesu zur Mssiaszeit, £um Himmelreich und zum Gerichtstag. MähveB für bö&