Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2502 (9.2.1926)
- Date
- 1926-02-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife! Dien, DienStag Wfenee Mokftenzefittnq 9. ftdmmr 1956 Nr. SS« Zionistisches Meeting Heute, V,8 Uhr abends, in den Etchensälen, 10. Bezirk, Co umbusgasse Redner: Dr. Desider Friedmann Präsident des Zionistischen Landesverbandes tilr Oes.erreich Dr. Josef Löwenherz Vizepresident der israelitischen Kultusgemeinde Korruption. - y. Wien. 9. Februar Die Angelegenheit des Chefredakteurs des „Abend", Alexarwer Weiß, erregt viel Sensation. Er wird beschuldigt, seine Stellung durch die Annahme von Bestechungsgeldern mißbraucht zu haben. Für zwei Fälle liegt sein Eingeständnis vor, und obzwar sie noch nicht für eine gerichtliche Bestrafung auszureichen scheinen, genügen sie doch an und für sich für die Oeffentlichkeit, den Mann schuldig zu sprechen, der das Vertrauen eines so ausgedehnten Leserkreises zur eigenen Bereicherung benützt hat. Nun liegt aber die Sache doch so, daß sie mit der einfachen Verurteilung nicht erledigt sein kann, denn es handelt sich nicht bloß um den Herrn Weisz, der ja nicht allein escht. Er hat Vorgänger und Genossen. Erst vor wenigen Tagen hat es den Skandalprozeß des Herrn Pöffel gegeben, dessen Einzelheiten nicht weniger widerlich sind. Vor wenigen Wochen ist ein Bericht der Parlamentskommission in dev Mataja-Biedermannbank-Affäre bekannt geworden, der deutlich von Journalisten sprach, die an Konsortial- und Syndikatsgeschäften beteiligt seien. Diese Vorgänge sind eingeschachtelt in das System der Korruption, der Politischen und moralischen, die das Stigma der Zeit ist und die sich mit dem Heuchelgercke der diversen Herausgeber und Verlagsfirmen nicht auf das von ihnen gewünschte Terrain beschränken läßt. Es sind nicht Verfehlungen von Einzelpersonen, so sehr auch aus durchsichtigen Politischen Gründen gerade diese Seite herausgearbeitet wird, wobei bewußtermaßen die Vorgänger des Chefredakteurs Weiß, unter denen sich doch auch der Zuckerkartellbekämpfer Karl Hermann Wolf befindet, außer Spiel gelassen werden. Der Kernpunkt ist einfach der, daß jeder, der sich in die Atmosphäre der Kapitalskorruption wagt, von ihr ergriffen wird und daß sehr starke Nerven dazu gehören, sich dem Netz zu entziehen. Wenn man noch bedenkt, daß dieses Netz von sehr sachkundigen Personen gewoben und geworfen wird, dann versteht man erst diese Affäre, die nicht die neueste ist und nicht die letzte sein wird, so lange nicht das Zentrum der Pest, ihr Herd, aufgedeckt ist. Presseverderbnis ist so alt wie die Presse selbst. Die Presse im heutigen Sinn des Wortes ist nicht aus dem Jnformationsbedürfnis entstanden, sondern aus der Kritik. Und es war stets Sorge der der Kritik Ausgesetzten, sich zu decken und sich zu schützen: Mit Gewalt oder noch lieber mit Geld. Aber erst unsere Zeit mit ihrem Milliardenwahn^mit ihrem Jnflationsgetriebe, hat die Bestechung zum System werden lassen, und in einer so großen Stadt wie Wien, in einem so wichtigen Transitpunkt des internationalen Verkehrs mußten die Fäulniserscheinungen zahlreicher und brennender werden. Wo es Bestochene gibt, gibt es Bestecher und gibt es Vermittler zwischen beiden. Die Presse, und insbesondere die Wiener Presse, ist bis ins Mark hinein krank. Sie beugt sich ohne Widerstreben dem politischen Terrorismus, sie beugt sich dem Zynismus der Geldgewaltigen, die ihre Kassen denen öffnen, vor denen sie sich fürchten und die sie doch im Innersten aufs Tiefste verachten. Es gibt auch — wie schon bemerkt — einen politischen Hintergrund für die sensationelle Färbung des Vorfalles. Weisz hat gegen Fälscherungarn gekämpft. Die Enthüllungen sind von Hakenkreuzlerseite und von magyarischer Seite gekommen. Schulter an Schulter. Und es ist ein heiteres Detail, daß das magyarische Blatt von Erpressung spricht. Dieses Zusammenwirken hat es ermöglicht, daß wieder einmal, vier Tage nach Pöffel, der Judenpunkt in die Diskussion gerissen wird. Nun liegt doch die Sache so, daß das nationale Judentum und dessen Organ, dieses Blatt, schon vor einem Jahr einen dickfn Strich zwischen sich und dem Profitjourmlismus gezogen hat und daß der Unterschied auch im Gerichtssaal als notorisch festgestettt wurde. Das ° nichtnationale Pressejudentum, das keiner Idee dient und alle Dinge nur unter dem Gesichtspunkt sogenannter volks- , wirtschaftlicher Interessen ansieht, dem politische Ideen, wie Republik, Anschluß an Deutschland und ähnliche, nur Handelswerte darstellen — dieses Pressejudentum (das ja nach der arischen Seite hin gleichbefähigte Paratlelismen besitzt) steht vermöge seiner Macht im Publikum in hohem Ansehen. Es schadet nichts, wenn es in solchen Fällen Abbruch erleidet und wenn das jüdische Publikum darüber nachdenkt, wer sein Vertrauen besitzt, wem seine Interessen überantwortet und für wen es verantwortlich gentacht wird. Die Weiß und Genossen, die vom Judentum abseits gehen, geraten in den Dienst der Börsencliquen, des Wuchers. Sie und ihre Zeitungen werden fett und reich — bis zur Stunde der Demaskierung. Die BorgSnge beim „Abend. Die ßnHafftmg Des khelredalteurs Weiß. — Schweiggeiser. — Sv Millionen Monalrbezüge. 110.000 Schilling Mttllgung. Im gestrigen „Abend" gibt der Herausgeber, .Herr Carl Colbcrt, eine Darstellung des Falles, der seit drei Tagen, seit der Veröffentlichung durch Hakenkreuzlcr und Magyaren, alle Wiener politischen Kreise tefchäftigt. Der Fall ist zu eineur großen politischen Skandal anaewachsen und deshalb konnte man den Mitteilungen des „Abend" mit großer Spannung entgegensetzen. Herr Colbert erkiärt nun, er habe am 22. Jänner, als er die Beweise für einige der Vefchuld'gungen erhielt, den Chefredakteur Weiß suspendiert und ihm das Betreten der Redaktion untersagt. Das diesbezügliche Schreiben wurde durch den Rechtsanwalt Dr. Felix Kardegg zugestellt. Das formelle Ausscheiden des Chefredakteurs erfolgte am 6. Februar. Er ist, wie Herr Colbert ausführt, „durch Beweise und eigenes Geständnis überwiesen, von dem Bankhausc Siegmund Basel einen Scheck von zwei Milliarden erhalten, angenommen und einkassiert zu haben. Was er zur Erklärung und Beschönigung gellend machen will, ist als glatte Unwahrheit erwiesen; insbesondere die Behauptung, daß er den Betrag durch mehr als drei Monate nur auf bewahrt und dann zurückgestellt habe. Uebrigens gibt er selbst zu, keine Empfangs, bestätigung erhalten zu haben. Eine zwe:te G e l d m a n i p n l a t i o n mit dem Bankhause B o s e l ist, wenn mögl'ch, ncch verwerflicherer Art. Er gibt selbst zu, eine journalistische Information dem „Abend" entzogen und diesem Bankhause mitgeteilt zu haben, das darauf eine Spekulation gründete. Er erhielt nahe an 900 Millionen, die er aus reiner Erkenntlichkeit bekommen will." Ter Artikel deutet dann ein Millionengeschenk der Länderbank an sowie umfangreiche Börsengeschäfte sowie die Vermittlung von Geschäften gegen Provision. Schließlich veröffentlicht das Blatt einen vom 7. b. datierten Brief des Herrn Colbert.an dm Vorstand der sozialdemokratischen Partei, in welchem angefragt wird, ob der Vorstand die administrative Gebarung des „Abend" durch ein eigenes Ehrengericht überprüfen wolle und ob er bereit sei, das Blatt unter die Kontrolle der Partei zu.stellen. Die vielen Tatsachen. und Gerüchte, die seil dem Auffliegen des Skandals vorliegen, ergeben das folgende Bild, das sich freilich im Augenblick nicht in allen Einzelheiten überprüfen läßtt Dem Schreiben des Herausgebers an. den. Chefredakteur ivar eine Unterrchung best HtzfnCSl b'e r t mit dem Chef der Jnseratenabteilung Artur Fuchs, einem Mitglied der Annoncenfirma Schalek u. Co., vorangegangen, in der dieser kompromittiermdes Material gegen Weiß vorlegte. Weiß wurde dieser Unterredung zu» gezogen und . aufgefordert, sich einem aus sozial» demokratischen Funktionären bestehenden Schiedsgericht zu stellen. Herr Fuchs versuchte dann zu vermitteln, jedoch vergeblich, da Weiß aus voller Rehabilitierung bestand. Nunmehr gelange die Angelegenheit vor die Redaktionskonferenz, in der es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen dem Herausgeber und dem Chefredakteur kam. Ein neuer Vermittlungsvorschlag Fuchs', der das Ausscheiden Weiß' gegen Anbot einer Revozierung seiner Vorwürfe empfahl, schien mehr Erfolg zu haben, scheiterte jedoch, als dir Veröffentlichung in Budapest nach Wien gemeldet und der Skandal damit vor das breite Publikum gebracht worden war. Gestern nachmittags wurde ein Vertreter des Jnseratenbureaus Haasenstein u. Vogler einvernommen.Hierauf folgte wieder ein mehrstündiges Verhör mit dem Chefredakteur Weiß. Aus dem Wischen Selmklub. Warschau, 8. Februar. Die zwecks Liquidierung der Krise einbernfene Sitzung des jüdischen Klubs mußte abgesagt werden. Man wollte nicht in Abwesenheit des Abgeordneten Doktor Reich, der zurzeit in Wien kveilt, die im Zusammenhang mit seiner Person entstandene Krise behandeln. Die hiesige jüdische und nichtjüdische Presse beschäftigt sich lebhaft mit den Vorgängen im jüdischen Klub. Wie Ihr Korrespondent aus zuverlässiger Quelle erfährt, wird von der oppositionellen Gruppe Abg. Dr. W e i n z i e h e r als Präsident vorgeschlagen. Die orthodoxen Gruppen jedoch Verla. g:n, daß Dr. Reich seine Demission zurückziehe. Ebenso glaubt man, daß die ostgalizischeu Abgeordneten gegen die Wahl ds Dr. Weinzieher zum Präsiden'en stimmen werden. Die oppositionellen Abgeordneten erkläre.« in der gesamten Presse, daß sie keineswegs den Austritt des Abgeovdne.en Schipper billigen können. S'e haben keine Absicht, aus dem Klub auszutreten, und werden sich einizg und allein den Beschlüssen der für d m 7. Mar; einberuf mm' a l l p o l n i s ch e n Z i o n i« st e n k o n f e r e n z fügen. Die Abgeordne en der Hitachd u t h - Fraktion erk.ären, daß sie ihren Paiteüustanzen einen Bericht über die gegenwärtige Situation erstatten werden. Bis dahin verbleiben sie nach wie vor int Klub. Eröffnung der allpolnischen Rabbiner, konferenz. Warsrl-au, 8. Februar. Die allpolnische Rabbinerkonjennz wurde heute hier eröffnet. Nunmehr begann sich auch die Polizei für die Angelegenheit zu interefsieren. Samstag nachts und seither fast ununterbrochen fanden Einvernahmen einer Reihe von Personen statt. Es wurden zunächst die Herren Colbert sen. und Artur F u ch s. dann am Sonntag Alexander Weiß sowie Vertreter der An kerbrot fab rik, der Bensdorp- Schokoladefabrik, der L ä n d e r b a n k, des Industriellen August Lederer, der Bankiers C a st i g l i o n i und B o s e l, sowie der Herausgeber des „Tag", Herr Maximilian Schreier, vorgeladen. Ter letztere soll als V e rmittler zwischen Bosel und Weiß tätig gewesen sein. Ueber di« Beträge, die Weiß während und trotz seiner so scharfen und tentperamentvollen Fehden gegen den Kapitalismus und die Korruption angenomnen bat, werden ganz phantastische Ziffern genannt Weiß hat bisher keine detaillierten Angaben gemacht. Er gesicht zu, dem Bankier Siegmund Bosel telephonisch gewisse, diesem nützliche Mitteilungen in der Zeit der Castiglioni-Affäre gemacht zu haben. Er hat hiefür etwa 2,7 Milliarden Kronen erhalten. Der Chefredakteur bezog als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Der Abend" ein Monatsgehalt von 27 Millionen. Ferner besaß er einen Sondervertrag, wonach er an den Einnahmen über eine bestimmte Auflagen;! fser partizipierte. Sein Einkommen betrug demnach monatlich 70 bis 90 M.llionen. Tie Abfertigung, die er für sein Ausscheiden, erhält, beträgt 1,1 Milliarden Kronen. - * Die vorhin erwähnte Darstellung des Herausgebers des „Abend" steht in einem scharfen Gegensatz zu der am Samstag am Wege der Korrespondenz Wilhelm versendeten Erklärung des Redaktionsausschusses, wonach tiefgehende, auf Monate znrückreichmde Differenzen zur Lösung des Verhältnisses geführt hätten. Die an seine Ausscheidung geknüpften Kombinationen seien grundlos. Herr Colbert behauptet, er habe erst am 22. Jänner, also vor kaunt zwei Wochen, von der Angelegenheit erfahren. Er sagt weiter, daß die Redattion einstimmig das Zufamnienarbeiten mit Weiß für unmöglich erklärt habe, solang; nicht alle Beschuldigungen restlos widerlegt sind. Wann dieser Beschluß erfolgt ist. darüber fehlt die nähere Angabe. Der Beschluß des sozi<llbemokr«bls<Hen Partcivorstandes. Die Sozialdemokratische Korrespondenz meldet: . Der Parteivorstand hat sich mtt dem Brief des Herausgebers des „Abend" an de« Parteivorstand beschäftigt und folgenden Beschluß gefaßt: Der Parteivorstand nimmt das Angebot de§ Herausgebers des „Abend" zur Kenntnis, die journaiistische Führung und die finanziell-administrative Gebarung des „Abend" unter die Kontrolle der Parteiinstanzm zu stellen. Der Parteivorstand könnte aber dieses Angebot nur d a n n annehmen, wenn die näheren Bedingungen dieser Kontrolle, die erst festzustellen sein werden, der Partei hinreichende Bürgschaften bieten. Klage des Hofeates Stern gegen die „Reichspost". In der gestrigen Nummer der „Reichspost" wird behauptet, daß Hosrat Stern dem „Abend" „Pikante Details aus dem inneren Leben der Banken, die Hofrat Stern ans seiner Tätigkeit bei der Bankenkommifsion erfahren hatte", zur Verfügung gestellt habe. Hosrat Stern hat unverzüglich dm Nationalrat Dr-. Arnold Eisler, beauftragt, gegen die „Reichspost" d i e Klage einzubringen. Abgeordneter Mrschbraun bei Skrzynski. Warschau, 8. Februar. Ministerpräsident Skrzynski empfing den Abgeordneten Kirsch braun (Agudäh), der namens des jüdischen Klubs die Forderungen der jüdischen Bevölkerung überbrachte. Abg. Kirschbraun lenkte insbesondere die Aufmerksamkeit des Ministerpräsidenten aus die geheimen Verordnungen der Militärbehörden, die die r e l ig i ö s e n G e f ü h l e der jüdischen Bevölkerung verletzen. Ferner verlangte er die Einsetzung eines speziellen Komitees zum Studium der Numerns-clausus-Frage, dem jedoch auch Vertreter der jüdischen Bevölkerung auzugehören hätten. Weiters besprach er die schwere wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung. Ministerpräsident Skrzynski erklärte, daß er sich in Angelegenheit der geheimen Verordnung der Militärbelw.de^ mit dem Kriegsminister ins Einvernehmen setz.'N wird. Der Numerus clausus b e st e h e d e f ci c t o n i ch t, was ja die Anzahl der jüdischen Studenten an den Universitäten beweise. Ferner wird den jüdischen Studenten die Herausgabe dort Begünstigungspässert ohneweiters gewährt. Der Ministerpräsident interessierte sich insbesondere für die wirtschaftlichen Forderungen der Juden im Zusammenhang mit dem neuen Gewerbegesetz. Am Schluß der Konferenz bemerkte Abg. K i r s chbraun, daß gerade die Tatsache der Aurfolgung von Begünstlgungspässen an jüdische Studenten klar beweise, daß die polnischen Universitätetl jüdische Studenten nicht ausnehmen, wodurch sie gezwungen sind, itzre Studien im Ausland jortzufetzrn,