Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2500 (7.2.1926)
- Date
- 1926-02-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ÄK $990 Men, Somcky Wiener Morgenzeitttna Bethlen vor dem Sturz. Ae Sroßang mtt dem Pogrom. — Sie verschleierte Armee. (Eigendienst -er „Wiener Morgenzeitung-.j Lndape^ 6.. Februar. Graf B e t h l c it, dessen Hauptftärle bisher seine Ruhe und Besonnenheit waren, hat sich offenbar bereits überzeugt, daß seine Stellung unhaltbar geworden ist, denn er hat auch das, was man in jenen Kreisen die Contenance nennt, die Haltung, verloren. Als wollte er schon heute ankündigen, wo er zu landen beabsichtige, wenn es der Opposition gelingen sollte, ihn aus seiner Machtstellung zu verdrängen, läßt er durch sein offiziöses Organ ,^8udochesti Hirlap" schon jetzt eine scharfe Attacke gegen die Führer der einzelnen oppositionellen Parteien reiten. Während aber sein Blatt sich damit begnügt, die Führer der übrigen Gruppen persönlich anzugreifen, sie der Lüge zu zeihen uüd zu behaupten, daß sie ihre Behauptungen über die Mitwisserschaft Bethlens in der Frankenfälscherassäre vor der parlamentarischen Untersuchungskommission nicht zu beweisen vermocht hatten,, versucht Bethlen, den Führer der Demokraten, den Mischen Abgeordneten Wilhelm B a z s o n y i, durch die Androhung von Pogromen gegen — alle Juden einzuschüchtern. Ter von Bethlen inspirierte Artikel kleidet seine Drohung in eine wohlwollende Mahnung an Bazsonyi. Der Führer der Judenschaft Ungarns sollte doch'bedenken, daß seine zu scharfe Opposition zum Wiederaufleben des Antisemitismus im ganzen Lande führen müsse, nnd Graf Bethlen wäscht schon heute seine Hände in derselben Unschuld, die ihm iu der Frankenfalscheraffäre heute kein Mensch mehr glaubt. Er erklärt, daß die Regierung kaum in der' Lage sein werde, dann der Pogromisieruug im Land e Herr zu werden. Braucht die Welt nach dieser Desperadotaktik Bethlens noch einen weiteren Beweis dafür, daß der ungarische Ministerpräsident von den Frankenfälschungen geivußt, sie gedeckt und geschützt hat? Bethlen beninrmt sich wie der verzweifelte Verbrecher, der das Haus anzündet, Verwirrung und Kopflosigkeit erzeugt, um auf diese Weise seine Spur zu verwischen. Im übrigen erinnert diese Drohung Bethlens sehr an die Drohung, die Klebelsberg in Genf in seiner Verteidigung des Numerus clausus, und der „kommende Maun" in Ungarn, Graf Paul Teleky, während seines jüngsten Aufenthaltes in Berlin, ins Treffen geführt haben. Auch diese zwei magyarischen Aristokraten drohten mit unabwendbaren Pogroms für den Fall einer forcierten Milderung des Kurses zugulrsten der Juden. Und, damit'die Juden ja nicht glauben, daß Bethlens Pogromdrohung nur ein leeres Luftgefecht sei, meldet sich bereits Julius Gömbös, der schon einmal den: Grafen Bethlen Exckutovdienste geleistet hat, für das Arrangement des Judenpogroms ... Wir sind nn allgemeinen keirre Freunde der Vazsonhifchen Paktpolitik, verurteilen ganz besonders seinen Verstrch, m i t dem obersten Judenhenker Horthh einen Versöhnungspakt einzugehen, der eine dauernde Schande für das Judentum wäre, aber unerhört ist es, wenn es auch völlig in* die Verbrecherpolitik des Bethlen-Regimes paßt, daß Bethlen.es wagen darf, den Weltskandal, den die Banknotensälscher aus seiner engsten Umgebung Hervorgemsen haben, in JudeMlut ertränken zu lassen. mungen des Friedensoertrages in verhüllter Form eine nichtige Armee erhält und ständig Zwaiigsumstermigm durchfuhr:. Eine dieser bewaffneten Organisationen sind btc „L.'vmte". Die ungarische Regierung und ihre bezahlte Presse hat diese Behauptungen stets mit Entrüstung zurückgewiesen. Nun kommt aus Budapest die Meldung, daß die Gruppe der kleinen Landwirte in der Regierungspartei bciin Landwirtschastsminister Johann Mayer korporativ eine Beschwerde darüber vorbrachte, daß die landwirtschaftlichen Arbeiter oft 30 bis 40 Kilometer weit weg zu de» Waffenübungen der „Levrnte" fortgeführt werden, wodurch die landwirtschaftlichen Arbeiten oft wochenlang unterbunden bleiben. Die Beschwerdeführer fordern, daß der M i n i st e r r a t sich ernstlich mit dieser Frage befasse, da durch diese unberechtigten Zirangsnmsterungen in den Kreisen der Landwirte große Erregung herrsche. Aber die ungarische Regierung wird nach wie vor die geheirmn Rüstungen mir Entrüstung iu Abrede stellen. Schon wieder: eine „neue Wendung". Im Ministerpräsidium herrschte heute lebhaftes Treiben. Ministerpräsident Graf Bethlen erschien schon in den frühen Morgenstunden in seinem Bureau und nahm die Berichte der einzelnen Referenten in der Jrankensälschungs-- angelegLnheit entgegen. Um 10 Uhr vornrittags erschien der Innenminister, mit dem Graf Bethlen eine längere Unterredung hatte. Um halb 12 Uhr erschien der französische Gesandte C l i nch a n t beim Ministerpräsidenten. „Magyarorsza g" 0 % Kathreiners Kneipp Malzkafffee « Seit Jahr und Tag wird iu der unabhängigen Auslands- Vresse nachgewiesendaß Hortlhy-Ungarn entgegen den Bestim- Psychologie der Macht. Bon Binjamin Segel. „Die Dkacht ist das Böse schlechthin, das radikale Böse," lautet der Ausspruch eines der tiefsten historischen Denker (Burckhardt). In Wirklichkeit jedoch ist die Macht nur die unerläßliche Bedingung und die größte Verlockung, das Böse zu fotat. Sie könnte ebenso verwendet werden, das Gute zu vollbringen, denn an sich ist sie weder gut noch böse. Aber in der Tat 'haben die Menschen ihre Macht allermeist dazu gebraucht, das Böse zu tun. Immer hat die Borstcllmrg des Bösen ihre Wurzeln: der Enrpfindung des Schmerzes. Ein Mensch, der der Schmerzensempsiuduug völlig bar lväre, müßte an Akoral insauity leiden. Es ist ein feiner Zug der Bibel und der homerischen Gedichte, daß ihre Helden nicht aus Unempfindlichkeit und Stunrpfheit. Schmerzen und Leiden Mer sich ergehen, lassen, sondern d'.e Kraft anfbringen, sie, obgleich sie so unendlich wch tun, zu erdulden und zu überwinden. Der Drarrg des Menschen, Akacht über andere zu gewinnen, ist zunächst' ein Ausdruck des Selbsterhaltungstriebes. Das Böse tritt sozusagen nur als Nebenprodukt des Lebens- Prozesses aus, als eine Folge der menschlichen Unvollkommenheit. Die enge Wosensveriwandtschust des Bösen mit der Macht tritt erst ans, wo die Macht als Selbstzweck erscheint, wo sie um ihrer'.selbst willen angestrebt wird, nicht als Drittel, bestimmte Zustande zu verwirklichen oder bestimmte Güter zu erreichen. * Und hier ist der Punk!, wo die Tragödie der Macht beginnt. Sie kann sich ihrer selbst nur bewußt werden, indem sie sich ur einem anderen Bewußtsein spiegelt, ihre Wirkung auf dieses beobachtet und fühlt. Sie mißt dann ihre eigene Größe au der Größe der Reaktion, die sie Hervorrust. Nun kommt hier d i e Eigentümlichkeit des Menschen in Betracht, die daraus beruht, daß er die Unlust, den Schmerz viel schärfer empfindet, weit heftiger aus sie reagiert als aus die Lust und das Angenehme, wenn auch beide, objektiv gemessen, von gleicher Intensität sind. Das ist schon in den biologischen Naturbedingungen begründet. Ter Lebensprozeß des Organismus besteht zu einenl sehr bedeutenden Teil in der An- Passurrg an die Umstände. Was fördernd aus ihn einwirkt und zu seiner Steigerung beiträgt, empfindet er als eine Fortsetzung der gegebenen Bedingungen, demnach als etwas Natürliches, Selbstverständliches, das ihm seitens der Welt gebührt. Nur wenn etwas Störendes in den Lebensprozeß tritt und ihn unterbricht oder behindert, wird es als Unlust schmerzhaft empfunden, dich Wachsamkeit des Organismus wird erregt und die Reaktion tritt ein. Dabei können die beiden entgegengesetzten Reize von jeittm der Außenwelt an Stärke vollkommen gleich sein. Trotzdem wird der letztere viel kräftiger empfunden als der erstere. Diese Erscheinung läßt sich auf allen Gebieten des Lebens beobachten. Der Mensch der gemäßigten Zone empfindet fünf Grad Kälte als eine feindliche Gewalt, fünf Grad Wärme dagegen als normale Temperatur. Unter sonst gleichen Ilmständen ist die Freude über einen Geivinn von 100 Mark viel mäßiger als das Bedauern über ben Verlust der gleichen Summe. Demgemäß ist auch der Groll gegen den Verursacher eines Schadens viel nachhaltiger als die Dankbarkeit für den Bringer eines Vorteils von gleicher Höhe. Auch im Bereiche der Form wird das Lilsterregende, also das Schöne, viel weniger intensiv und „wirklich" empfunden als das Häßliche. Letzteres rnacht den stärkeren Eindruck, prägt sich der Phantasie und dem Gefühl viel tiefer ein und erweckt die Vorstellung, als stünde dahinter eine echtere, stärkere Wirklichkeit, eine größere Kraft, ein ,/wahrerer" künstlerischer Wille, als hinter den: Schönen. Man ist übereingokommen, als Naturalismus oder Realis- __7, Februar 1926_Seite S stellt fest, daß Clinchant wahrscheinlich die :: eue n Instruk? t i o n e n, die er von Briand erhalten hat, dem Ministerpräsidenten bekanntgab. Nach Clinchant sprach Justizminister Pesthy beim Ministerpräsidenten vor. In politischen Kreisen bringt man die rege Tätigkeit int Ministcrpräsidium damit in Zusammenhang, daß die ganze Frankenfälschungsaffäre vor einer n e u e n W e n d n n g stehe. Wer hat den Fälschern des kartographische Institut zur Verfügung gestellt? Ter Pariser „Matin" wirft in seiner Nummer vom 5. Februar die Frage auf, wer den Frankenfälschern das kartographische I n st i t u t zur Verfügung stellte, und antwortet, daß die Verfügung vom Sektionsches im Honvedministerium, General Janky Kocsard, herrühre. An zuständiger Stelle wird das Ungarische Tclegrapheu- Korrespondenzbureau zu der Erklärung ermächtigt, daß diese Behauptung unrichtig ist. Janky konnte diese Maßnahme nicht treffen, zumal das Institut nicht mehr dem Honvedministerium unterstellt ist. Bon informierter Stelle wird erklärt, daß noch immer in der Angelegenheit des kartographischen Instituts recherchiert wird, dabei werden aber auch von den Franzosen angegebene Spuren überprüft. Die Polizei läßt namentlich sämtliche im Tagebuch Jankovich' genannten Personen vernehmen. Der geheimnisvolle Schulz? „Esti Kurir" behauptet heute, daß der in der Franken« sälschungsaffäre vielgenannte Schulz mit dem vielgenannten Erzberger-Mörder Schnitze identisch sei. Das Blatt meldet weiter, daß die bisher durchgefi'chrten ergänzungsweisen Recherchen bezüglich Schultzes jedoch keinerlei Ergebnis gehabt hätten. Die Angestellten des kartographischen Instituts hätte:: erklärt, daß sie Schultze niemals gesehen haben und ihn auch! nicht kennen. Prinz Windischgrätz hat in seinen: heutigen Verhör laut „Magyarorszag" erklärt, Schultze seit 1923 zu kennen und mit ihm in Wien und Budapest öfter zusammengekommen zu sein. Windischgrätz soll darüber befragt worden sein, ob Schultze nicht mit den: Erzberger-Mördcr Schultze-Foerster identisch sei, woraus Windischgrätz keine p o s i t i v e A tt>- wort gab. Auch Dokumentenfälschung? Die heutige Nummer des sozialdemokratischen Organs „Nepszava" behauptet, Oberstaatsanwalt Dr. Sztrache führe an der ungarischen Ue Versetzung der holländischen Protokolle zahlreiche Korrekturen durch und die Protokolle würden in dieser korrigierten Ostung dem Parlamentsausschuß vorgelegt werden. Da nach Ansicht des Justizministeriums diese Behauptung die Kriterien der Anschuldigung der Dokumentenfälschung erschöpft, hat der Oberstaatsanwalt die Ermächtigung erhalten, gegen den „Nepszava" das Strafverfahren eiuzm leiten. Frankreich gegen die magyarische Preß» Propaganda. Feste Weisungen an den Gesandten in Budapest. Paris, 6. Februar. Die Agence Havas meldet: Zuftän-- dige Kreise zeigen sich über die merkwürdig tendenziösenK ommentare erstaunt, denen in einigen auslvärtigen Zeitungen Frankreichs Haltung in der Frankensälschungsassäre begegnete. Die Tatsachen an sich beweisen, daß die Verschwörung einen ausgesprochenen Angriff gegen die finanzielle Rüstung Frankreichs darstellt, gerade in dem Augenblick, wo es sich anschickt, sein Budget ins Gleichgewicht zu bringen und den Franken aus seiner -Höhe zu erhalten« Fra:ckreich arbeitet gleich den übrigen Mitgliedern des Völkerbundes an der finanziellen Wiederausrichtung Ungarns mus in der Kunst die Richtung zu bezeichnen, die mit Vorliebe den Schönheiten der Welt und des Menschenlebens aus dem Wege geht und sich an deren Gegensatz hält. Mm: will damit sagen, daß das Unschöne und Ungute mehr real und natürlich ist. Dieses empfindet also der Mensch offenbar stärker und wirksamer als das Schöne uttb Gute. Diese Eigenschaft, die Unlust viel stärker zu empfinden als die Lust gleichen objektiven Grades, ist eines der wichtigsten Stücke der Ausrüstung des Menschen für den Kanrpf ums Dasein. Wenn der Schmerz in: allgemeinen ein Warnungssiginal ist, das der Organismus den: Bewußtsein gegen eine herannahcnde Zerstörungsgofahr gibt, so ist es wichtig, daß dieser Instinkt stets wach sei, den kleinsten lebensfeindlichen Reiz wittere und zur Abwehr ausstachle, während die lebensfreundlichen, also lustbetonten Reize ohne besondere Erregung hingenommen werden können, um zur Förderung des La» bensprozesses verarbeitet zu werden. * Nun kommt aber die Kehrseite der Medaille. Die schärfere Entpfindung zieht eine stärkere Reaktion nach sich. Aus eine Handlung, die ihm Schnurz zufügt, wird ein Lebewesen, vor allem der Mensch, energischer antworten als aus eine solche von gleicher Stärke, die ihm Lust bringt. Der aktive Teil, der Verursacher von Leid, wird also einen kräftigeren Widerhall wecken, als wenn er mit der gleichen Krast demselben Lebewesen Lust schenken würde. Er wird seine Krast wachsen fühlen, in den: Maße als die Anzeichen des Schmerzes bei dom leidenden Teil sich äußern. Da aber die Betätigung und das Gefühl der Kraft die höchste^Lust eines Lebewesens, insbesondere des Menschen, ist, so folgt barmte, daß es ihn: eine höhere Lust gewährt, den: anderen Schmerz zuzusügen, als ihn: mit dem Aufwand der gleichen Kraft Lust zu bereiten. Aus den primitivsten Fall zurückgosührt: tvev den: anderen einen Hieb versetzt, der ihn wild auHchreien