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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-03 · Heft 2496 (3.2.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2496 (3.2.1926)
Date
1926-02-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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«etter ttfat, Mittwoch Mlenev Mvrften-elinn« ff. Februar 1926 Nr. SSS Zuland. Elve erregte Ansprache der Beamteuvertretrr mit dem Ftnavjmioifter. Im Finanzministerium fand gestern vormittags die be- 'reits angekündigte Aussprache des Exekutivkomitees der Bundesangestellten mit dem Finanzminister K oll mann statt, die sich teilweise sehr erregt gestaltete. Die Vertreter der Beamtenschaft fragten zunächst den Finanzminister wegen der Durchführung der R e st za h l u n g v o n 2 2 P r o z e n t als Ergänzung der im November vorigen Jahres von der Regierung zugestandcnen 50prozentigen Notständshilfe, wovon die Beamten schon 23 Prozent erhallen haben, und ob die Regierung bei einer Reform des M*ietengesetzes auch eine Entschädigung gebe und in welchem Ausmaße dieselbe erfolgen wird. Finanzminister K o l l m a n n dauerte es, daß ihm diese Fragen nicht vorher schriftlich überreicht wurden, zumal er die Antworten doch nicht aus den Aermeln schütteln könne, weil er ja bei den Novemberverhandlungen der Negierung mit den Beamten nicht dabei war. Er iverde in dieser Angelegenheit noch mit denr Bundeskanzler sprechen. Eine arrtoritative Erklärung könne er nicht abgeben, denn hiezu sei nur das Gesamtministerium befugt. Seine persönliche Meinung gehe allerdings dahin, daß bei einer Reform des Mietengesetzes auch eine Aenderung des Gchaltsgesetzes durchgeführt werden müsse. Das Gerücht, wonach die Reform desMretengesetzesauf den Herb st vertagt wurde, entspreche nicht den Tatsachen. Was den Biennialerlaß anbelange, so sei derselbe im letzten Ministerrat hauptsächlich wegen der Beschverden des Fünfundzwanzigerausschusses zurückgestellt worden. Ueber diesen Gegenstand entwickelte sich nunmehr eine sehr lebhafte Wechselrede. Einige Mitglieder des Exekutivkomitees bemerkten, daß sie den bestimmten Eindruck haben, daß dieser Biennialerlaß nur für gewisse exklusive Kreise der Beamtenschaft in den Ministerien geschaffen wurde. Diese Erklärung erregte den Finanzminister sehr, der bemerkte, daß er eine solche Kritik an seinen Beamten nicht dulden könne. Der Minister versprach schließlich, über alle von der Beamtenschaft vorgebrachten Forderungen mit den übrigen Mitgliedern der Regierung zu beraten und dann dem Fünsttndzwanzigerausschuß eine Antwort zukommen zu lasten. Tagesbericht. Mischer Rationalfaads. Büchsenleerung. Nach den bis nun vorliegenden Berichten bedeutet die jetzige Büchsenleerung einen großen Fortschritt gegenüber der Vergangenheit. Der von uns eingeschlagene Weg, daß die technischen Arbeiten vom Bureau aus selbst gemacht werden, ferner jeder Leerer nicht mehr als 20 Büchsen zur Bearbeitung bekommt, sowie die Versendung der „Mitteilungen des Keren Kajemeth" Hai sich bcwährr. Eine bereits früher sporadisch bestehende Einrichtung, daß die Büchsenleerer das Resultat der Leerung dem Bureau per Posterlagschein übersenden, wurde jetzt m erhöhtem Maß; angewendet, unv zwar mit Erfolg. In säst allen Bezirken ist eine Erhöhung der Eingänge aus der Büchsenleerung zu konstatieren, bei einigen eine über Nprozentigr. bei anderen eine über 160prozermge. Auch die Durchführung erfolgte rascher und die Resultate sind daher viel übersichtlicher als früher. Die Gruppen, die noch nicht abgerechnet haben, werden ersucht, es denen nachzutun, die bereits abgerechnet und das Gew abgesührt haben. Früchte aus Palästina für Chamischa-Astar. Eine Reche von Personen und Gruppen (auch aus der Provinz) haben ihre Bestellungen gemacht, die bereits effektuiert worden sind. Auch die andren Gruppen, die aus Mandeln reflektieren, werden ersucht, chre Bestellungen ehestens zu machen. Preis der Mandeln per Kilogramm 7 D. Sie Samm-lbüchsen der Seren ffainnetl. Eine Erklärung der Zionistische« Exekutive. Der 14. Kongreß hat in zwei Beschlüssen festgestellt, daß die sogenannten vier traditionellen Aktionen des Keren Kajemech, die Tischri-, Chanuka-, Purim- und 20. Tamus-Aktion, sowie die Sammelbüchse ausschließlich vom Keren Kajemeth als Sammelmittel verwendet werden dürfen. Einer dieser Beschlüsse iwrmierr das. Recht des K.ren Kajemech gegenüber dem Keren Hajessod und der zweite gegenüber allen zionistischen Sammlungen, indem er ausdrücklich feststellt, daß die erwähnten Sammelmittel für die Propaganda für andere zionistische Zwecke (außer dem .Aren Kajemeth) nicht benützt oder nachgeahmt werden dürfen. Da vor kurzem unter Hinweis auf die vom Zentralbureau der Zionistischen Organisation herausgegeben; Broschüre „Der 14. Kongreß" der Sinn dieses BeschlusteS in Zweifel gezogen und behaupte, wurde, daß die Verwendung der Sammelbüchse von dem Kongreß nur dem Keren Hajessod verboten wurde, leg» die Exekutive Wert daraus» zu erklären» daß Abschnitt 1 der Vorbemerkung;um Kapitel 9 der erwähnten Broschüre sich nur aus den Test A der Beschlüsse diescS Kapitels bezieht und daß das Recht des Keren Kajemeth aus ausschließliche Verwendung der Gamm wüchse gegenüber allen zionistischen Körperfchasle«, Gruppen, Fonds, Sammlungen ufw. unzweifelhaft feststehr. 9rttif+et «eittadiodiea». Aus London wird gemeldet: Der Postminister hat den drahtlosen Verkehr mit den Schiffen aus dem Meere an alle» Punkten der Welt eröffnet. Der chriftlichsoziale Patteitag. Seine SoaMio» mit den SoziaUemokrate«. — Wie« soll Mieder erobert werde». — Mehr Anliiemttlsmnsk Gestern begann«: die Beratungen des christlichsozialen Gesamtparteitages. Bundeskanzler Tr. Ramek erstattete ein Referat über die politische Lage, :n bcm er sich für den Weiterbestand der Arteitsgemeinschaft mit den Großdeutschen aussprach. An den: föderativen Aufbau des Gesa m tftaatcs wolle seine Regierung festhalten, der Föderalismus auf dem Papier genüge jedoch nicht, ,/wir müssen und wollen", sagte er, einem positiven Föderalismus gelangen". Für die Wirtschaftspolitik, die jetzt inauguriert werden soll, genügen die gegenivärtigen parlamentarischen Grundlagen. Eine Koalition mit den Sozialdemokraten U{nk der Kanzler ab, die übrigens in ihrem Fragenprogramm ungewöhnliche Mäßigung bewiesen hätten. Um der Wirtschaftskrise Herr zu werden, brauche man eine versöhnliche, entgegenkommende Stimmung, die den K a m p f m i t der O P P o s i t i o n nicht sucht, sich vielmehr bemüht, jede Bereitwilligkeit zur sachlichen Zusammenarbeit zu akzeptieren. Sk Kampf um Wien. Mit dieser friedfertigen Einstellung Dr. Rameks tvar Dr. Kienböck nicht cinrerstanden. Er meinte, die ungeheure Aufhäufung von Mitteln bei der Gemeinde Wien sei schon aus dem Grunde nicht zu dulden, we'l die Opposition ihre Macht in Wien ausgübreiten und zu stützen sucht. Leider sei es nicht möglich gewesen, die Herren aus den Ländern zu demselben Kampfeswillen zu beseelen, der die Wiener Ehristlichsczialen erfüllt. Gewiß suche er wie der Bundeskanzler nicht den leidenschaftlichen Kamps mit der Opposition, aber dort, wo cs die Interessen der Partei erfordern, müsse dieser Kampf mit Energie geführt werden. Ueber Organisation und Politik der Partei erstattete Dr. Seipel einen Bericht, in den: er sich unter anderem gegen die Mitarbeiterschaft christ'ichsoz'alcr Mandatare an parreisremden Zeitungen wendete. Ueber das Parteiprogramm erfuhr man nur so viel, daß die Grundlinien durch den Reichsparteirat endgültig formuliert werden sollen. Dr. Jerzakek aus Wien tvünschte, daß die a n t isemitische Politik in Hinkunft wieder aktiver als bisher fein möge. Man dürfe insbesondere nicht vergessen, daß die christlichsoziale Partei durch den Antisemitismus groß geworden ist. Es könne auch nicht auf ein Gesetz betreffend den Schutz der i nationalen Eigenart verzichtet tverden, durch das der .Kampf gegen Schmutz, Schund ustv. wirksant geführt werden kann. Abg. K u n s ch a k meinte, von Wien aus fei der Libemlismus besiegt worden. In Zukunft rverde der Sozialismus von Wien aus besiegt werden oder unbesiegtbleiben. „Wir haben das Ziel, Wien zu erobern. In der Zermürbung der sozialdemokratischen Machtposition in Wien werden wir von einer zur anderen Mahl fortschreitcn. Wir werden dafür sorgen, daß die Herren in Wien wirklich beschäftigt werden und weniger Zeit und Muße haben, sich draußen im Lande unliebsam bemerkbar zu machen." Sie 14 Punkte der Sozialdemokraten. - Befriedigung und Bedauern. Die Parteivertretung der Sozialdemokraten und die Vertreter ihrer Spitzenorganisationen haben das Präsidium des sozialdcn okratiscken Klubs nach Prüfung der Mitteilungen des Bundeskanzlers auf die bekannten 14 Fragepunkte beauftragt, der Regierung folgende Antwort zu übermittln: „Wir nehmen mit Befriedigung zur Kenntnis, daß die Regierung die Erfüllung folgender Forderungen zugefagt hat: 1. Sofortige Einberufung einer Konferenz, in der die Maßregeln, mittels deren unsere Warenausfuhr in die Sowjetunion gefördert werden kann, beraten rverden sollen; 2. schleunigste Vergebung der öffentlichen Arbeiten und Lieferungen in möglichst großem Umfang; 3. Branchenweise Besprechungen über die Frage der Ausdehnung der produktiven Arheitslosenf ü r s o r g e. Wir erwarten, daß diese bereits in Angriff getrommenen 'Aktionen mit der größten Tatkraft durchgesührt werden. Wir bedauern, daß die Regierung die anderen Forderungen der Spitzenorganisationen der Arbeiter- und Angestelltenschaft nur mit ganz unpräzisen Redewendungen beantwortet, die ernsthaften Willen, durch Kombinierung aller erdenklichen Maßregeln die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, nicht erkennen lassen. Wir bedauem, die Mitteilungen der Regierung als völlig unbefriedigend, in einzelnen Punkten als geradezu herausfordernd nicht zur Kenntnis nehmen zu können. Wir behalten uns vor, die von der Regierung abgelehnten Forderungen mit allen zweckdienlichen Mitteln weiterhin zu vertreten. Sie Peschwerde« ver Temvelvrreins nattlonckre. Seit .änger als einem Jahrzehnt bestcht in ver Wiener jüdischen Gemeinde das Problem des Verhältnisses der Tempelvereine und ihrer Funktionäre zur Kultusgemeinde und deren Funktionären. Die Kulmsgemeinde, die im Sinne des Judengesetzes und der Gemeind-estatuterr für die religiösen Bedürfnisse aller 'n Wien wohnenden Juden zu sorgen hat, sah es stets gerne, daß die Juden einzelner Bezirke, in denen die Gemeinde keine größere Synagoge errichten konnte, ihr diese Last abnahmen und, in Tempel- und Be:hausvereinen organisiert, Synagogen erbauten, Funktionäre — Rabbiner, Kantoren usw. — anstellten. Diese Tempelvereinr hatten naturgeumß immer das Bestreben, mit ihren synagogalen Einrichmngen und der Führung des Gottesdienstes nicht hinter den Genleindesynagogen zurückzustehen, beriefen qualifizierte Rabbiner, künst.erisch ausgebildete Kantoren und einen gut funktionierenden Chor. All dies belastete die im allgemeircen eng begrenzten Mittel der Vereine in oft unerträglichem Maße. Denn — und da beg'nnt das soziale Problem dieser Angelegenheit — die Bereinsiunktionäre sind fast ausschließlich auf ihre f xen Bezüge angewiesen, während sie von den Einkünften an Kasualien, wie Trauungen» beivndns ccker Leichenbegängnissen, fast gar keinen Anteil haben, weil die Kultusgemeinde den ganzen Wiener Gemeindeprengel auf ihre eigenen Funktionäre, ohne Rücksicht auf den Bezirk, ausieilt. Tie Kultusgemeinde subventioniert wohl die Tempelvereine und die zü eurem Verband zusammeugeschlossenen Tempelvereine sind nach Maßgabe chrer Mittel auch bemüht, ihren Dere:nsangestellten halbwegs menschenwürdige Entlehnung zu vieren, aber die Funktionäre fühlen sich dadurch mora.isch und materiell geschädigt, daß ihnen das Rech: vorenchalten wird, in ihren Bezirken die Kasualien zu besorgen, obgleich sie in jeder Beziehung zumirrdest so qualifiziert sind, wie chre Kollegen in Gemeindestellung. Di; Vereinsrabbiuer haben nach srngjähngen Verhandlungen schließlich einen sie befriedige,wen Modus vivendi durchzusetzen vennochl. Die Berei ns kan: orcn hingegen haben eine gerechte Regelung ihrrr diesbezüglichen Forderungen nicht erreichen können, obg.eich chnen eine solche sowch! vom Kultusvorstande als auch Mm' Friedhosamre der Kultus^ememde nnwerholt zugefagt wurde. Alle diese Beschwerden ivu-cden in einer kürzlich unter Vorsitz des Kantors Josef Grob stattgefundenen Versammlung der Wienrr Bereinskantoren eingehend besprochen. Die Fälle, welche von den Rednern als Jllustrationsfakten angeführt wurden, sind wirklich sehr krasse. Die Bersammlung schloß mit der einstimmigen Annahme einer Resolution, an den Obmann der Bereinstentpel- Vorstände. Herrn Bövstnrat Glück, ein Memorandum zu überreichen, in dem die K.agen der Bere'nssunktionäre geschildert werden, unfc ihn zu ersuchen, er möge seine Kollegen in den Bereinstrmpeln chebaldigst oerautaff^u, sich her trostlosen Lage ihrer BereinSkantoren anzunchnwu. Sie Amoemie für iSdliche Wissenschaften in Polen. Wie vor kurzem gemeldet wurde, fand in Warschau die Gründungsversammlrmg der Akademie für Mrschc Wissenschaft statt. Zum Präsidenten wurde der bekannte Mische Schulfachmann und Senator Dr. M. Brande gewählt. Dr. Brande, einer der Initiatoren dieser Gesellschaft, har bereits die Vorarbeiten eingeleitet, um das von der Gründungsversanrmlung beschlossene Programm durchzuführen. Die Akademie beabsichtigt, in der allernächsten Zeit «ittc höhetc Lehranstalt für jüdische Wissenschaften zu eröffnen. Diese Lehranstalt soll nicht nur für die Heranbildung von jüdischen Lchrern bestimm» sein, sondern auch ein Zentrum für die geistige und wissenschaftliche Betätigung in Polen bilden. In Polen bestehen zurzeit über 40 jüdische Mittelschulen, Fach- und Lehrbildungsschulen, in denen die Lehrgegenstände in hebräischer, jüdischer, in den allerwenigsten Fällen in polnischer Sprache vorgetragen werden. Die judaistischen Fächer nehmen im Lehrprogramm eine ansehnliche Stelle ein. Schon dies allein macht die Heranbildung entsprechender Kräfte notwendig. Die zu gründende Lehranstalt wird einen rein weltlichen Charakter tragen und keineswegs den Zweck haben, eine theologische Lehranstalt zu sein. Sämtliche theologischen Aufgaben wurden aus dem Programm der Akademie für jüdische Wissenschaften gestrichen. Die Akademie wird auch durch Veranstaltung von Vorträgen und wissenschaftlichen Kursen der Forschertätigkeit neue Anregungen geben. Es ist auch die Herausgabe von wissenschaftlichen Arbeiten geplant. In der Lehranstalt sollen in den ersten Semestern sieben bis acht Lehrkanzeln für judaistische Fäch.r gebildet werden. Das Kuratorium ist schon jetzt mit der Aufbringung der nötigen Finanzmittel beschäftigt. Die Leitung hat bereits die Verhandlungen mit einzelnen Gelehrten, ausgenommen, um sie zur Uebernahme eines bestimmten Lehrfaches zu veranlassen. Das Statut der Akademie wurde bereits vorn UnterrichtSmimsterium bestätigt. Mdlsches Recht. Sin hebräisches Sammelbuch. Aus Jerusalem wich uns geschrieben: Die Chewrach hamischpat haiwri (Society for Jewish Jurisprudence) in Jevusalem läßt soeben unter dem Titel ,Hamischpat haiwri" (Das jüdische Recht) ein Sammelbuch mit Aufsätzen über jüdische Rechtswissenschaft erscheinen. DaS außerordentlich interessante Merck enthält unter anderem folgend« Aufsätze: C. H. Tscher»owitz (Raw Zair): Zur Geschichte des jüdischen Rechts; Dr. Sch. Eisen st adt-Barsilai: Anfänge der internationalen Rechtsbeziehungen des Mischen Bottes; N. Bentwich: Anerkennung des jüdischen Rechts m der palästinensischen Verfassung; G. Frumkin: Das gegenwärtig geltende Recht Palästinas; P. Dickste iur Das Mische Friedensgericht.

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