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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-03 · Heft 2496 (3.2.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2496 (3.2.1926)
Date
1926-02-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sr. 2496 Men, MitKvotH Wiener Moesenzeitnns_' _g. Februar 1926_Tein % Bialiks Rede in London. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") London, 2. Februar. In einer Versammlung in der Kflambly .Hall hielt Chaim Nachman Bialik eine großangÄegte Rede, in der er erklärte, daß er im Namen des zionistischen Führers Chaim Meizmann sich an die englischen Juden wende, um ihnen einen Gruß aus P a l ä st i n a zu Überbringer!. Die Abreise von Palästina sei ihm schwer gekommen, da er müßte, daß er längere Zeit die Schönheit Palästinas werde 'entbehren müssen. Die in der Galuch lobenden Juden haben kaum -einen Begriff von den Schönheiten des Landes, den blühenden, fruchtbaren Gegenden, den wüsten Einöden, die durch, die Arbeit unserer Pioniere über Nacht in blühende Felder verwandelt werden. Er glaube, daß auf keiniLm Punkt des Erdballes mit so viel Liebe, Anhänglichkeit, arit Gesang und Tanz ein Land aufgebaut wird, wie iit Erez Israel. Dies geschehe alles nur deshalb, weil die Pioniere das Bewußtsein haben, daß sie nicht für Fremde, sondern für sickillein bauen. Aber tvvtzdenr mußte er sich entschließen, nach ütm Galuthländern zu gehen, und die Judenschaft über P-z- Ästina auszuMren und sie au ihre Verpflichtung der Geschichte gegenüber zu erinnern. Dies sei um so notwendiger, rls das ru-ff is.chc Jude n tu m, das größte geistige llese-rvoir unseres Volkes, der Konzentrationspunkt der ganzen rationalen Energie, vernichtet wurde, das Judentum Polens »gegen sich in'einer geradezu katastrophalen wirtschaftlichen Lage befindet. 'Er-.glaube, daß in der jüdischen Geschichte noch rie eine Epoche einer so großen Verzweiflung gewesen sei wie ie im gegenwärtigen Zeitpunkt die polnische Judenschaft beserrsche. Es -waren noch nie Fälle von Selbstmord zu vereichnett in dem Ausmaße, wie wir sie in Polen sehen. Der iegenwärtigen Lage der polnischen Judenschaft ist klar zu entnehmen, wie inhaltslos unser Leiben in der Galuth ist, vie traurig es -ist, boj$ der Gc-luchjude nur eine Sorge hat — das bißchen. Geld. Ebenso vernichtet ist das deutsche I u d e n t u ui, oelches in -den letzten 30 Jahren in unserer Geschichte eine ührende Rolle gespielt 'hat. Den einzigen Lichtpunkt bietet noch das a mer i k a nisch e I u d e n t u nt, über dessen virtschaftliche Lage wir uns nicht beklagen können. Aller- >ings ist die geistige Lage der o-meritanischcn Judenschaft keine deale. Er hoffe jedoch, daß cs doch denn amerikanischen Jüdenum, bei Aufrechterhaltung inniger Beziehungen zu Palästina jelmgen wird, auch-ein höheres, national geistiges Niveau zu rlangen. Die einzige Hoffnung aber für die Ewigkeit unise-res Zolles liegt nu r i n Palästn na. Palästina ist-die Quelle unseres nationalen Geistes, der liuzige lichte Punkt unserer Geschichte in den letzten Jahrhunderten.; Von.hier aus wird die Rettung fir-r unser ianzes Volk kommen. Ach ad Haam htt 30 Jahre hindurch gepredigt, daß-es unbedingt notwendig sei, das jüdische Soll für die große Aufgabe des Aufbaues und der Wieder- -rrichtung eines, geistigen Zentrums tit Palästina vorzuiereiterr. Wir haben-leider diese wamenden Worte unseres Ankers nicht befolgt und dem allein ist vielleicht die gegenvärtige traurige. Erscheinung zuzuschreiben, daß das jüdische Sine Wische Volksbühne in der Praterftratze. Von Oskar Rosenfeld. Zu Entdeckungen erfreulicher Natur kommt man bisfteüfett durch die Gnade des Zufalls. Ihr verdanke ich die Bekanntschaft mit einem Stück jüdischen Leberts in Wien, ws in Manchen Äugenblicken wirklicher ist als die leibjastige Welt,'die . Ghcttowelt, die in den meisten Großitädten Europas./und Amerikas „unter Ausschluß der vesfeutlichkeit" existiert, bis ein Schilderet:, ein Pilgerer pr den Tiefen der.menschlichen Seele sie aufspürt und Auflöichnungen macht. —' für jedermann. In der Praterstraße Nummer sechzig a-lfo, auf der Leinen Bühne/ des Cafe Astoria ist ein aus jüdischen Zchanspielern.-zusammengesetztes — man könnte sagen — tb hoc zusammengestielltes Ertseutble tätig, indem es einiache, gute Theaterakte reprodtlzjert. Menschert haben sich jusaimmengefurtden, denett die Not des Aöagens und der Drang des Herzotrs (Schiller nennt es „Hunger und Liebe") das Programm aufzwang, ein Programrn der Ratur für die ernpfänglichen Nieuschen des Ostens, die ihr Leben in Lachen- und Tränen projiziert sehen wollen. Für riese Menschen, ist das kleine jüdische Theater in der Praterstraße bestimmt, das jüdische Kürtstlerkabarctt mit Een Vorzügen mtd, Schwierigkeiten eines solchen Getues. Die Vorzüge liegen in der Möglichkeit, mit den einfachsten technischen Mitteln Nnterhaltmtg zu bieteu, die Schwierigkeiten im Mangel eines Repertoires, will man nicht zu den derben, rührseligen cmtevkkanischen Tingeltangelpassen greisen. * Der Primftive Eingang durch den Hausflur, die prilnitive Garderobe läßt Volkstümliches hoffen. Im kitschigen Saal gibtes keine Sitzreihen, sondern Tische, an denen während der Prodrtktion serviert wird, und die Ranglogen, vorstädtvarietetnäßig, deuten den Charakter der Improvisation schärfer an als sonst Logen zukommt. Untveit der Bühne wird von einem Klavierspieler und einem Geiger musiziert,' Ouvertüre, Ausfüllung der Pausen, Bühnenbegleitttmstk. Das Pttblrtmt! tvttt unseierlich ein lv-ie in ein Kino/ es raucht, tratscht, flüstert, Kellner klirren mit Bierflaschen, Sessel lverden gerückt, indes Geige und Kl.avier Sttnttnung umchen — durch Reproduktion populärer Schlager oder sentitnentaler Volksweisen. Und all das gehört zusammen: Die düntre Mtffik, d-e dünnen Rau^Koasen, me .dünnen Kleider des Hn- Voll dem Aufbau Palästinas nicht jenes Interesse entgegenbringt, das wir alle erivartet haben. Mit der Balsour-Deklaration hat im jüdischett Leben eine neue Geschichtsepoche eingesetzt. Wir müssen alle unsere Kräfte aufbieten, um ihre Verwirklichung durchzusetzen. Tun wir es nicht, denn droht uns die Gefahr, -daß wir die Deklaration zu einem Stück Papier machen. Bor -der Balfour-Dcklaration waren wir nur Leidende, heute sind wir in der glücklichen Lage, Schaffende zu st in, und zwar Schaffende auf eigener Scholle. Wollen wir uns den Hohn und die Geringschätzung aller Völker ersparen, so ist es Pflicht des G e s a nt t j u d e n t u m s, olles zu tun, mit dem Aufbau Palästinas die Sicherheiten und die inaterielle Grundlage zu verschaffen. An den Juden der Galuth liegt es, die Möglichkeit der Errettung der Juden und des Judentums zu schaffen. Es ist geradezu beschämend, zu erwählten, wie wenige in Palästina den Kampf führen, ohne an ihren Brüdern in der Galuth den richtien Rückhalt zu finden. Es ist daher Pflicht der gesamten Judenschaft, die große Aufgabe, die uns die Geschichte aufcrlegt hat, zu erfüllen. Deutschland» Eintritt in den Völkerbund. Berlin, 2. Februar. Die deutsche Regierung wird, wie verlautet, schon in den nächsten Tagen das Gesuch um Aufnahme Deutschlands in den Völkerbuitd absenden. Die Vertretung Deutschlands int Völkerbundrat behält sich der Minister des Aeußern Tr. S t r e s e m a n n selbst vor, doch beabsichtigt er, zur Behandlung einzelner Fragen auch besondere Delegierte in die Beratungen des Völkerbundes zu entsendett, die je ttach den zu behandelndett Fragen ausgesucht werdet! sollen. Bemerkenswert ist, daß die de u ts ch na t i onale Partei, obwohl sie offen ihre Opposition gegen Deutschlands Eintritt in den Völkerbund fortsetzt, gleichzeitig im Stillen 'bemüht ist, von der Negierung zu erwirken, daß einer der amtlichen Vertreter, die Deutschland nach seinem Eintritt in den Völkerbund int Sekretariat des Völkerbundes haben wird, der deutschnationalen Partei entnommen werden soll. Dentschnationale für Enteignung Wische« Vermögens. Berlin, 2. Februar. (I. T. A.) Wie die „Deutsche Zeitung" mitte tit, 'hat die d e u t s ch na t i o n al c Volks- Partei in Dresden-Altstadt der Parteileitung die folgende Entschließung empföhlen: Nachdem durch die Erörterungen über die Enteignung der Fürsten eine Bresche in das gleiche Rech: des Sch u tz e s d>c s Privateigentums gelegt worben sei, sei der Weg frei für die Enteignung der Rcvolutions- und Jnflationsg-ewinnler. Der Bezirksverein stellte daher den Antrag: ... alIes Bermögen zu enteignen, das sich in -jüdischen Hä nden befi udet, und zwar vollständig, soweit es sich um bei Kriegsbeginn eingewanderte Juden Handel:, und bei -vor Kriegsbeginn in Deutschland wohnhaften Juden insoweit, als es das .Vorkriegsvermögen übersteigt. blikums, die dünnbesetzten Tische. Dunst von Kleinbürgertum erfüllt den Züschauerrautn, in dem Schläfenlocken neben ntodifchen Frisuren, Bubiköpfe neben Streimeln ihr gegensätzliches Daseitt führett. Ztmächst wundert ntau sich, eine Gesellschaft dieser Art beisatnmen zu finde», eine Gesellschaft, kein Publikum, eine Familie, kein Publikum. Man hat an das obligate Wiener Theaternrilieu gedacht, au Mettschen, die im Feiertagskleid festliche Gedanken hören und festliche Bilder sehen wollen. Hier ist Alltag,, an dein Erinnerungen an Ghettoluft hänget! geblieben sind. Wo steckt also das Geheimnis der jüdischen Bolkkunst und wer kann es enthüllen? Ich sah die „Rumänische Chassene". Wem: der Vorhang aufgeht, vorher hört man scheut Lärmen hinter der Szene, gibt es ein paar rohe Kulissen, einen tioftoten Vorhang, der als Tür dient. Dahinter ist alles: die Gasse, die Menschen, die Ferne. Welch Zaubermi-ttel der Illusion, im Wurstelprater kann man Aehnliches genießen. Die Figuren kommetr, gehen, unmotiviert wie -in jeder Operette und „Die rumänische Chassene" ist eine Operette, wenn daä Bühnenstück sich auch verschämt „ein Spiel" nennt, verschämt nicht etwa, nur den vorurteilslosen Zuschauer betreffs des Genres irre zu führen; sondert! deshalb, weil nicht regelrechtes Theater gespielt werden darf und man daher zu einem gemischten Programm: Aiusik, Solo, Gesang, Couplet, Tanz, Variete seine Zuflucht nehmen muß. Es gibt luftige Szenen, Verwechflmrgen, Solvlieder mit aktuelletn Refrain und was wäre von einer Volksbühne herab nicht aktuell? Der Hausherr, M. Streng, ist der Leiter, der Arrangeur, der Unternehnter und der — Liebling in einer Person. Man bejubelt ihn, wem! er, verschmitzt lächelnd, die Bühne betritt, wenn er, zu Hauswurstiaden geztvuugeu, die Bühne durch ben erwähnten tiefvoten Vorhang verläßt. Er ist der Liebling, der Star, Held und Kmniker in einer Person. Er ersetzt den jüdischen Kleinbürgern in der Praterstraße sechzig beit Charlie Chaplin und den Douglas Fairbanks. Seine Popularität erinnert an die des verstorbenetl Girardi. Seine Gesten sind sparsam, seine Stimme reicht kanrn für ein Couplet aus, aber er hat Kontakt mit seinen Gästen, die jede seiner Beivegungen, sein Augenzwinkern, sein Mundwinkelverziehen belachen. Max Streng auf der Bühne bedeutet Erfolg. Wer kann das Geheimnis solchen Erfolges enthüllen? Neben ihm stehen brave Mimen wie B. S e g a l l und M. W e i n b e r g, ein Komiker, der zuweilet! an Cffenbach erinnert. D. Nachbar, ein rührender Kom- LÖWEN FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL wird mit bestem Erfolge bei Rheumatismus, Glieder schwäche, Gicht, Mattigkeit, Kreuzschmerzen, Migräne und in tausend anderen Fällen verwendet Achten Sie auf die Schutzmarkei In Originalflaschen überall erhältlich. Gesetzt gesch. Schutzmarke 660 Erzeuger: Alexander Kalmar, Wien,II, Nordbahnhof Revision im Prozeß Warbmg gegen FMch. Hamburg, 2. Februar. (I. T. A.) Im Prozeß Max M. Marburg und Dr. Karl Melchior gegen den Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift- „Der Hammer", Theodor Fritsch ist dein! hanscatischet! Landgericht nunmehr offiziell Revision angemeldet worden. Di-sse stützt sich auf Einwendungen gegen die überraschende Auslegung des Paragraphen 193 des Strafgesetzbuches und des Begriffes der berechtigren Interessen, die -der Entscheidung des Gerichtes zugrunde /lagen. /Außerdem wird sich ein weiterer B el-eidig-ungsprozeß anschließen. Der Verteidiger von Max Marburg und Dr. Melchior, der sehr angesehene Hamburger Rechtsanwalt Doktor B a r t n i n g, hat die Beleidigungsklage gegen Fritsch angc-strengt. Die Achechofkoroakei «uv Sowketrußlimd. Prag, 2. Februar. (Tel.-Komp.) Wie das „Prager Tagblatt" erfahrt, sind bereits die administrativen Vorbereitungen für die Anerkennung der Sowjetregierung durch die tschechoslowakische Republik getroffen worden. Der Att wird sich wahrscheinlich in Form eines Austausches diplomatischer Noten vollziehen, wie dies bei der Aufnahme der diploma-ttschen Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland der Fall war. Daran wer-deu sich dann die weiteren Verhandlungen knüpfen. parse A. Meisels und der zierliche Backfisch Fräulein M e i s e l s, die jüdische Niese Frau D r e i b I a t t, urwüchsig-derb und voll hemmungslosen Hunrbrs, der zartenergische, für einen Märchenprinzen geschaffene Wittler und schließlich die Hilda D u l i tz k a j a. Man kennt sie in Wien als Interpretin des jüdischen. Bolksliedes, als Kotizert-, als Podiumsängerin also. Da sind die Lieder für sich allein gestellt, tragen sich selber in den Saal hinein: cs ist Kammermusik. In der Praterstraßenbühne kommen sie aus einer Handlung, einer Szene, einetn Bild. Sie haben die Ausgabe, die Stimmuug eines Geschehens fortzusetzett, ihm Konzentration zu der- , leihen und jene Lyrik zu'erzeugen, ohne die nun einmal kein Singspiel bestehen kann. Die Dülitzkaja singt hier also als Schauspielerin, als Figur in einem Stück, aus dessen Rahmen sie bei richtiger Regie nicht heraustreten soll. Was geschieht daher? Sie veredelt die Operette; macht sie feiner, wo sie ins Derbe, Banale umzubiogen droht; gibt ihr sanften, gepflegten, stilifterten Charakter. Und diese Verfeinerung haben die Stücke der Praterstvaßeubühne notwendig. Denn es macht sich bei ihnen — wie könnte es anders sein! — ein Hang zum Possenhaften geltend, zum Gassenha-ULrifchen, besonders in den Tanznummern, die der Wiener Operette abgeguckt sind, im, Tralala und Hopsasa bei. den Ensembleabgängen, bei den Duetten und Terzetten, kurzum überall dort, ivo die Katze den Kopf aus dem Sack steckt. Denn Operette ist schließlich Operette und niemmvd kann gerade vom jüdischen Theater verlangen, daß es aus dieser Gattung Sälonstücke nmche. Das Derbe, Eindeutige liegt i-rn Volkstümlichen und die Fabel braucht nicht geistreich zu sein. Und da ist es erfreulich zu sehen,, wie der Jnftinkt der Zuschauer nach Letu Edleren drängt, lvie das Herz des jüdischen „PMikums" sich von den . reineren Akkorden fangen läßt. „Die rumänische Chassene" ist ein Volksstuck mit Musik unt allen Banalitäten dieser Spezies und birgt doch in sich geioisfe Geftchlswahcheitett, in denen die jüdische Seele auswächst: Kindesliebe, Treue des Geliebten und Liebe zu Gatt. Man bedenke: Gofühlswahrheiten in enmn operettorchaftetl Volksstück. Im Trubel des Derben, Battalen, Alltäglichen, im Kamps zwischen Geld und Liebe, zwischen Baterrespekt und Treue ein Glaube aus Göttliche. Nie waren die Zuhörer er- . schütterter als im Augenblick, da die Dülitzkaja ^Von- Gott hat tiiemanb uns zu trennen es gewagt" sang, m>!d, es ist gewiß, daß solch ein WgonWck all dem ägfej söhnt, tvas der A^rw au Mtz

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