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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-02 · Heft 2495 (2.2.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2495 (2.2.1926)
Date
1926-02-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9R. Z3S»o BEN, «ffiewgf?. ffSSnwtffl» S-NS Die Jewish Agency und die iuuerjüdijche Eatwilkluug in Amerika. Daß zionistische Zentralovgan ,Haolam^ *» London schreibt: . Seit Fahren hat die Zionistische Organisation mit verschiedenen jüdischen Kreisen Verhandlungen geführt, um das völkerrechtliche Organ des Palästinaausbaues, die Jewish Ageney» zu einer gesamtjüdischen Körpevschüft auszubauen. Die wichtigste Gruppe, mit der verhandelt wurde, war die des American Jewish Committee, gewöhnlich nach seinem Führer kurz Marshall-Gruppe genannt die auch identisch war mit der maßgebenden Leitung «des Joint Distribution Committee. Die Einzelheiten dieser nun schon zwei Jahre währenden Verhandlungen sind der Oefsentlichtcit bekannt. Auf zwei großen, solennen Konferenzen haben die nicht der Zionistischen Organisation angehörigen Persönlichkeiten -der Marshall-Gruppe ihre Zustimmung, teilweise säst in enthusiastischer Weise, für das Palästinaprojekt erklärt. Sie hüben Worte eines tiefer» Verständnisses gefunden, sie 'habe»» ihre Ueberzeugung verkündet, daß hier eine für das Judentum entscheidende Sache vor sich gehe. Sie haben sich auch bereit erklärt, in die Jewish Agency einzutreten. Die Basis dieser Verhand-lungen »var durchaus und umnißverftändlich die Anerkennung, daß das ganze jüdische Volk die Verantwortung für Palästina tragen muß. ungeachtet der verschiedenen Vorstellungen, die. der einzelne mit der Sache verbindet, und ohne Rücksicht darauf, wie er sein persönliches Verhältnis dazu auffaßt. Die Erklärung der Bereitschaft zmn Eintritt in die Agency bedeutet daher die Uebemahme einer moralische« Verpflichtung vor aller Welt. , Das Schicksal Palästinas hängt davon ä6, daß das jüdische Unternehmen, -das in den ersten Anfängen sicht, mit genügend Kapital ausgestattet wird, um seine Arbeit fruchtbar werden zu lassen und in positiver Aufbauarbeit eine Wirtschaft hervorzübringen, die nach einem gewissen Zeitraum sich aus eigener Kraft erhalten kann. Di<es Kapital beizustellen, ist bei der heutigen Verarmung der Welt vor allem die historische Pflicht Amerikas; und wenn die Gruppe führender amerikanischer Juden, die gleichzeitig einen Teil der Finanzaristokratie Amerikas repräsentiert, die Mitverantwortung für den Palästinaaufbau übernimmt, so bedeutet das natürlich, daß gerade sie bei dieser Kapitalsbcschaffung mithelfen muß. Dies ist so selbstverständlich, daß es gar nicht ausdrücklich gesagt werden muß. Das ganze Volk verstcht es so und hat auch die Verhüllungen über die Erweiterung der Agency dahin verstanden, daß durch diese Maßregel die ökonomische Front des Aufbaues wesentlich verstärkt wird. Es ist bekannt genug, 'daß die Zionistische Organisation m ihren eigenen Reihen mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden hatte, bevor ihr höchstes Organ, -der Kongreß, seine Zustimmung zu dem Plan gab. Es mußte erst ein Mißtrauen besiegt werden, ldas sich gegen die Kreise richtete, die bisher dem Palästinaaufbau untätig zugesehen hatten. Dennoch hat der Kongreß den Plan akzeptiert, er Hit alle Vorschläge, die von fetten der Marshall-Gruppe gemacht wurden, »»»genommen, und die Zionistische Organisation ist in vollkommen loyaler Wei'e an die Ausführung dieser Beschlüsse gegangen. Die zionistische Welt hat nicht ohne Berechtigung erwartet, daß die beteiligten Kreise aus ihren eigenen Reden vorn 17. Februar 1924 und 1. März 1925 die Konseq»»enzen ziehen werden. Es hätte der Sachlage entsprochen, wenn nunmehr, nachdem die Zionisti'che Organisation alle Vorschläge akzeptiert und den nichtzionistischen Mitgliedern der Agency die volle Mitbestimmung übertragen hat, von jenen Kreisen mit Enthusiasmus eine Mion zugunsten der Sache, die sie als die ihre erklärt hatten, in Angriff genommen worden wäre. Eine solche Parole hätte in der jüdischen Welt große moralische Kräfte ausgelöst. nicht nur in bezug auf ben Glauben an die jüdische Zukunft, sondern auch durch die hergestellte Einheitsfront des Judentums. Palästina hätte, wenn es eine solche Verstärkung erfahren hätte, in weit höherem Maße als bisher sich seinen ökonomischen und damit auch.seinen kulturellen Aufgaben widmen können. Da geschah etwas, was die jüdische Welt nach den vorhergegangenen Ereignissen nicht erwarten konnte und was leider zu Mißverständnissen und zu Enttäuschungen Anlaß geben mußte. Das Joint Distribution Committee beschloß, seine Hilfstätigkeit in Ostenropa wieder aufzunehmen und stellte in den Vordergrund seines Planes die jüdische Kolonisation in Südrußland, 5»e kurz zuvor von den jüdischen Kommunisten unter dem Schlagwort der Gründung einer jüdischen Republik in der Krim propagiert war. Palästina als das zentrale Problem des jüdische»» Volkes wurde nicht etwa bekämpft, sondern es ereignete sich etwas, rvas vielleicht noch kränkender war: Es würde einfach von der Tagesordnung abgefetzt. Bei mancher Gelegenheit wurden Palästina einige freundliche Worte gewidmet, aber die großen materiellen Kräfte des amerikanischen Judentums wurden für andere Aufgaben ausgerufen. Noch »venige Monate zuvor waren in lcitenden Kreisen des Joi»»t selbst Stimmen laut geworden, daß die zur Hilfsarbeit verausgabten 70 Millionen Dollar trotz ihrer bedeutenden aktuellen Nützlichkeit dennoch verhältnismäßig bleibe n de Früchte getragen haben, utch daß der t Das altbewährte Kräftigungsmittel für Körper und Nerve« ist in allen Apotheken und Drogerien erhältlich. Proben und Broschüren kostenlos durch Dauer A Cie., Berlin SW48, Friedrichstraße 231 ungeheure Vorzug Palästinas darin bestünde, das hier bleibende Werte für das Judentum geschaffen werden. Nun verstehen wir Zionisten sehr gut die Bedeutung sozialer Hilfsarbeit, besonders wenn sie nach konstruktiven Prinzipien getan wird. Wir wissen, daß die Lage der Juden in Rußland, ebenso wie m Polen, gegenwärtig äußerst kritisch ist. Aber seit Hunde» t Jahren beinahe hat der Teil der jüdischen Oessentlichkeit, den man mit Recht die jüdische Philanthropie »»ennt, den Fehler begange»», stets nur an momentane Hilfe zu denke»», durch d-e nichts Entscheidendes geändert wird, da die Lage der Juden, bald hier bald dort, immer wieder kritisch wird. Und nicht nur, daß von der jüdischen Philanthropie das Gesamtproblem des Judenturns überhaupt nicht berührt würde, auch auf^hrem besonderen Gebiete, dem der wirtschaftlichen Hilfe, »var nichts von Dauer und konnte nichts von Dauer sein Das Palästinawerk »st das erste Unternehmen, eine grundsätzlich: und d"s»nitive Lösung zu finden, indem eine auf eigenen Füßen stehende jüdische Gesellschaft äufgebaut wird. Dieser Aufbau vollzieht sich im Dienst« 'der großen zentralen Idee: der Erhaltung ' und Neubelebung der jüdischen Nation und des jüdischen Geistes. Zugleich aber bedeutet er für einen Teil der Judenheit, der inrmcr mehr anwächst, auch wirtschaftliche Konsolidierung. Diese historische Aufgabe und historische Möglichkeit muß iw Vordergrunds des jüdischen Interesses stehen. Selbstverständlich sehen auch wir cs mi: Freude, wenn die Juden in der Zerstreuung in produktive Berufe überführt werden. Mer Wir können nicht Massen, daß solche Aktionen ans Kosten des Aufbaues Palästinas unternommen werden. Niemals werden jüdische Siedlungen der Diaspora für das jüdische Volk dieselbe Bedeutung haben wie jüdische Siedlungen in Palästina. Cs ha» schon vor dem Kriege eine jüdische Kolonisation in Rußland und in Argentinien gegeben, ab.'r sie auch nur vergleichsweise in einem Atem zu nennen mit dem Wiederaufbau Palästinas, hieße jedes Sinnes für Realität und Proportion bar zu sein. Die Namen Zion und Jerusalem, der Klang der wieder lebendig gewordenen hebräischen Sprache sind für das; jüdi'che VE unersetzliche Werte. Das jüdische Werk in Palästina hat dem Judentum in der ganze»» Welt und cc» allen Völkern schon jetzt, während es noch »n den ersten Anfängen steht, Be-' wundemnz und Ehre eintragen. Kein Objektiver kann zulassen, daß die jüdische Kolonisatun in Osteuropa auf dieselbe Stufe gestellt wrrd wie in Palästina. W'r sind auch heute noch überzeugt, daß die jüdischen Kret'e, die sich zum Eintritt in die Jewish Agency bereit erklärt habe»», dies alles verstehen und würdigen. Die Spannung. die durch das Nebeneinander von zwei .selbständige Aktion -en, eine für Hitfsarbeit und eine für Palästina, in Amerika entstanden ist, geht si^rlich zum Teil auf taktische U ng e s ch»ck l i chk e it, zum Teil aus Mißverständnisse zurück. Wir bedauern, daß manche übereifrige Vertreter des Joint-Drives es fiir nötig gehalten hüben, in Wort und Schrift sich über Palästina in einer Weise zu äußern, daß ihre Indifferenz beinahe als Geringschätzung empfunden wurde. Wir bedauern auch, daß bei der Konferenz in Philadelphia der Anschein entstünden ist, als ob die Anerkennung der Bedeutung Palästinas nur' unter zionistischem Druck erfolgt wäre, und daß nach der Konferenz von Philadelphia die Leiter des Joint-Drives Palästina wieder völlig vergaßen. Wir glauben aber, daß Persönlichkeiten wie Mr. M a r s h a l l und seine Freunde die Gewähr dafür bieten, daß sie die vor aller Öffentlichkeit übernommenen Verpflichtungen, für Palästina zu arbeiten, einlvsen werden. Wir wissen, 'daß diese Männer sich von Liebe zum jüdischen Volk leiten lassen und darum jedes große Werk dessen Bedeutung für das gefaulte Judentum feststeht nicht aus dem Bereiche ihrer Tätigkeit ausschalten können. Darum vertrauen wir, daß die vom Zionistenkongreß b:schlossene und auf Initiative der in Amerika durch Herrn Sokolow vertretenen Zionistischen Exekutive weitergeführte Aktion zur Konstatierung der erweiterten Jewish Agency in naher Zukunft führen wird. Nur ein schneller Abschluß dieser Verhandlungen kann dem für beide Teile unbefriedigenden Zustand der Unsicherheit und des Zweifels ein Ende mache»». Mit Rücksicht auf die entstandene Stimmung und zur Vermeidung weiterer unerwünschter Mißverständnisse wird es notwendig sei»», bei Gelegenheit dieser Vereinbarung deutlicher als bisher z»m» Ausdruck zu bringen, daß die Verantwortung für den Aufbau Palästinas ans auf der Jewish Ageney liegt, daß heißt also gemeinsam auf den Zionisten und den neu oin- »retenden, der Zwniftischen Organi'ation nicht angehörenden Palästinafreunden. Es »st kein Zweifel, daß das amerikü nische Judentum heut« in d.r glücklichen Lage ist, die für nötig erachtete Hilfsarbeit in Polen «yd Rußland und anderen Ländern iveiter zu führen und zugleich auch größere Mittel für Pülästina zur Verfügung zu stellen. Das amerikanische > Judentum ist von der Geschichte und vom Schicksal auserschett worden, dies« große Funktion an einem Wendepunkt des Le-' bens des jüdischen Volkes zu erfüllen. Die Jewish Ageney, für ' die zuerst in Amerika Kräfte gewonnen wurden, wird daß deutlichste Symbol dieser großen Mission sein. Das jüdische Volk hat in diesem Augenblick so viel O leiden, daß ein innerer Zwist ihm nicht nützerf kann; es bedarf geeinter Kraft für seine großen uM schweren Aufgüben. Mit tiefer Sorge sehen wir di« Gefahr eines inneren Kampfes Heraufziehen, wenn es nicht gelingtmit Beschleunigung alle Hindernisse der Einigung hinwegzu-- räumen. Alle Teile müssen sich 'bemühen und müssen einander entgegenkommen, geleitet einzig und allein von dem Bewußt-; sein der großen jüdischen Not des AugeMickes, aber auch vonij der großen Gelegenheit eines historischen Werkes. Das Symbol! dieser Einheit im Willieu für die Zukunft W die Jewish Agency sein. Ile Konferenz der Nelneu Snteate. Belgrad, 1. Februar. (Tel.-Komp.) Der rumänische . Außenminister Du ca hat beantragt, daß die Konferenz der kleinen Entente mit Rücksicht auf die rumänischen Gemeinde-; wählen am 18. Februar vorher auf rumänischem Gebiet zu- ' sammentrrten möge. Die Konferenz dürfte danach höchstwahrscheinlich in T e m e s v a r am 10. Februar eröffnet werden- Ile echwelz «nd Sowjelrntzland. Die russischen Bedingungen unannehmbar. Berlin, 1. Februar. (Tel.-Komp.) Nach einem Ge»»for' Telegrarnm der „Voffischen Zeitung" hat der schweizerische; Bundesrat di« von der Sowjetregierung vorgehchlügene Fov-; mel, in welcher die Schweiz ihr Bedauern über die; Ermordung Worowskis ausspricht, als gänzlich; unannehmbar abgelchnt, da in dieser Formulierung i geraden eine Demütigung her Schweiz zu; blicken märe. Dagegen sprach sich der Bundesrat grundsätzlich Kr eine : Entschädigung der Tochter Worowskis vu§-- allerdings unter-der Bedingung, daß die Frage dieser Ent- - schadigung gleichzeitig mit den schweizerischen Entschädigungsforderungen Kr die während der! russischen Revolution der Schweiz zugefügten Schaden, toi« j die Plünderung der Schweizer Gesandtschaft in PejerZbmU! usw., verhandelt werde. Französische Maioristenmgsteadeazea im Böikerbunvrat. London, 1. Februar. Wie „Daily Telegraph" berichtet, . wird Frankreich, falls es unmöglich sein sollte, Polen! allein einen permanenten Sitz im Völkerbundrat zu gewährenj es durchzusetzen versuchen, daß auch Brasilien und! Spanien im Rate vertreten sind. England würde einem; solchen Manöver mit großer S o rg.e zusehen, da sich! auf diese Weise Frankreich zusammen mit den lateinischen j Staaten und der Tschechoslowakei und Polen die absolute- Mehrheit im Völkerbundrat sichern würde., Kurze Nachrichten. Das englische Konigspaar ist nach London znrückge^^ kehrt. Premierminister Baldwin überreichte dem König die Thronrede, die dieser heute im Oberhanse verlesen wird. Das Reichsbanner Schwarg-Rot-Gold veranstaltet« eine fltojje Kundgebung gegen die Fürstenabfindung. Es wutoe i einstimmig eine Entschließung gegen die Forderungen der Fürsten! angenommen. Eine deutsche Abordnung ist in Warschau zm Wieder! anfnahme der Verhandlungen Wer den 8 297 der Versailler Ver- > träges (Liquidation deutschen Eigentums in Polen) eingetrofserr. : Der chinesische Marschall Feng ist nach Moskau aogvreist, von wo er sich nach Deutschland begeben will. Kardinal G a s v a r r i bleibt Staatssekretär im Vatikan. In Langenbruck in der Rheinprovinz ist Genickstarre aufgetreten. Ein vierjähriges Kind ist der Krankheit bereits tt* ' legen. _ Inland. Set chriftlichsoziale Parteitag. Dem heute beginnenden christlichsozialen Gesamtpartettatz gingen Sonntag und gestern Beratungen dar Gesamtparieileitung - und des Parteirates voraus. Dm Verhandlungen blieben u. a. Abg. Dr. Gürtler, Landeshauptmann Hauser, Wg. Stöckler und Dr. W e i s k i r ch n e r fern. Es wurde u. a. beschloffen, das Parteistatut zu ändern und einm Partcibeitrag einzuheben. Der Chesredakteur des „Grazer Volksblattes", Graschitz, legte den Entwurf eines PMteiprogramms vor, der in seinen Grundzügen genehmigt wurde. 101434 unterstützte Arbeitslose in Wie». Der Stand der unterstützten Arbeitslosen in W i e n ist in der - zweiten Hälfte des Rionats Jänner unr 4380 auf 99.497 gestiegen. In dieser Ziffer find die 4937 int Bezüge der außerordent» * sicher» Beihilfe Stehenden (gegenüber Mitte Jänner eins Zunahine um 118) nicht eingoschlossen. Bei den Angestellten ist bei andauernd ungünstiger Lage der Stand der Unterstützten um 697 auf 11.438 gestiegen. Auch bei den Bauarbeitern hat das i« allgemeinen ungünstige Wetter den Starrd um 671 aus 14.304 erhöht. In der Textil-, Hut- und Bekleidungsindusttie ist dir Zahl: der Unterstützten um 754 auf 14.996 gestiegen; in der Schneiderei j ist die Beschäftigung außer in den mechanischen Betri-ebeu rwe m* günstige.

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