Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2493 (31.1.1926)
- Date
- 1926-01-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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( 9h. ZM_ Den, Sonnkag Film der Seit. München. Em Erlaß hat den Fasching reglementiert. Offiziell wurden chm die Grenzen gezogen, innerhalb deren er sich bewegen soll. Bockbier darf nicht ausgeschenkt werden. Die modernen „ausgeschämten" Kleider sollen nicht getragen werden. Womöglich Men nationale Trachten begünstigt werden. Komisch! Sirrd doch „Trachten" nichts anderes als seinerzeitige Moden, die versteinert wurden. Es mag ja viel Schönes in der Tracht liegen, ab r warum soll gerade ein entblößter Frauen-fuß zu einem Dirndlloslüm Passen nnd zu einer Prinzeßtoilette sott er „ausgeschämt" sein? Berlin. Organisation ist alles! Das Geschäft blüht durch sie. Nun soll auch Kunst als vergesellschaftlichter Artikel ve-vtrieben werden. In Berlin, wo die Starwrrtscha-ft besonders blüht, wurde unlängst folgende interessante Firma registriert: Elisabeth Bergner, Gastspielensemüle, G. m. b. H. Als Gesellschafter erscheinen neben anderen Max Reinhardt und Viktor Barnovsky. . . Wien. Ein Gentlemcmombrecher wurde nach so vielen verwegenen Einbrüchen entlarvt. Die Beute seiner Erfolge, mehrere hnndettausend Schilling wert, ist sichergcstellt worden. Dieser Einbrechertypus ist schon darum mleressant, daß er, in so vielen Gefängnissen heimisch, die Welt weiter genarrt hat. 2lber er orgauisicrte auch sein Unternehmen in raffinierter Weise. Der Dieb als sein eigener Hehler, Reisender. Gschäflsinhabcr, Reklameches und Industrieller! Ein prächtiger Diebskonzern mit dem alleinigen Inhaber Julius Moransky an der Spitze! Das ist Organisation. TuloNussenbla-tt. zahl «ad BeNeikung der 3u"en. Jnteresiante statistische Daten über die Juden des Erdkreises. Das neueste Heft der „Zeilschrist »ür Demographie und Statistik der Juden" enthält einen interessanten Bericht von Ja'ob L e st' ch i n s' y über die Zahl und Vertei'ung der I «den Die Schätzung der Gesamtzahl der Juden auf Grund der vorhandenen Unterlagen beträgt 14,830.832. Verglichen mit den Zahlen 1897 ergibt sich eine gewaltige Bersch ebung im Anteil Europas. Erdteil Europa . Amer ka . Asien . . Afrika . . Australien 1897 8.652 000 986 000 406 000 282.000 16.1,00 absolut 1925 9 344 000 4,351 000 682 000 4,485.000 25.450 in Prozente» 1897 83 66 9.53 4/0 2,73 0.08 1925 63.08 29,32 4,47 3,03 015 Zusammen . . 10,342.000 14,831.000 100 00 10u,00 In Amerika lebten 1897 kaum ein Zehntel, 1925 aber schon fast ein Drittel aller Juden. Von dem Gesam'zuwachs von 4888832 Köpfen erhielt Amerika drer' Viertel. Trotzdem leben in Europa noch immer doppelt so viel Juten als irr A »erika. Gruppiert mau aber die Zahlen nach Staaten, so sind die Vereinigten Staat « gegenwärtig mit fast vier M llionerr Juden an der Spitze Zn dickem Staate allein leben 27»/0 aller Juden der Welt Dann folgt Polen mit 2,850.000 StÖ fett (19,-9/„) Rußland mit 2,715000 (18 Hingegen lebten 1897 von 10,3 Millionen Juden über die Hälfte (6,29/,) im damaligen ru>fischen Reiche I« den Vereintaten Staaten, Polen und Rußland wohnen zwei Drittel der Juden der Welt. In N e w - Z o x! machen die Jude» ei« Sechstel er B e v ö l k e r u n g aus. hübsche Spanne Zeit. Ich fürchte, so an die zwanzig Jahre. Einmal sitzt er so gemütlich in seinem Laden. ES war der Beginn des Sommers, der Senat sie! Hm nicht im Traume ein, ex hatte vergeffen, daß es überhaupt auf der Welt einen Senat gab, da kommt wer und ruft ihn zur Behörde. „Was gibt es schon wieder Neues bei dir? Seine Geschäfte!" kreischt die Ehehälfte. „Lass' uns von einem bösen Nachtspuk so wissen, wie ich es weiß, was man von mir will," antwortete Jerachmiel Mojsche. ,Menn die Behörde ruft, gibt cs keine Widerspenstigkeit, man muß göhen!" „Sieh nur zu, daß man dir nichts embrockt!" geleitete ihn die (chehälste hinaus mit hämischem Segensspruch. Nach kaum einer halben Stunde stürzte Jerachmiel Mojsche in den Laden.und atmete schwer: „Gut Glück . . . Vom Senat gekommen, daß ich ein Bohopolier sei . . . Das heißt, ich darf in Bohopolie wohnen ..." Die Ehehälfte klatschte in die-Hände. „Eine Freude für die Großmutter! Was sagen Sie zu dem „gut Glück"? Er darf schon in Bohopolie wohnen!" „Tfi, lvas sag' ich Bohopolie! Ich meine Holte, meine sch!" „Holte! Dann sprich! Nun, tvas Hab' ich dir gesagt, Fe-- lachmiol Mojsche?" . „Was hast du mir gesagt?" .Hab' ich dir nicht gesagt: Geh zum Senat!" Jerachmiel Mojsche war in einem Maße zufrieden und glücklich, daß er sogleich in der Stadt von einem Ende zum anderen hinanstrommelte, daß vom Senat der Bescheid gkwnrmen sei, er sei aus Holte, er dürfe in Holte wohnen, und daß er mit Gottes Hilfe in kürzester Zeit nach Holte mit Kind und Kegel ziehe. An diesem Tage fastete Jerachmiel Mojsche, ex ruhte nicht, er lief dahin und dorthin, er schwebte wie in den Lüften. Wem er begegnete, den hielt er an: „Gehört?"' „Was, vom Senat? Gehört» wie denn sonst. Biel Glück!" „Mit Glück sollt Ihr leben!" „Wann gedenken Sie hinüber zu fahren?" „Nach Schewuoth mit Gottes Hilfe." „Gebe Gott in guter Stunde," «Bielen Dank," Safener 3t. Jänner 1326 Seile 8 POUCH- AJK*/ we&* flQ /neueste SCHÖPFUNGEN TANZ 1 KLEIDER SÜUU UM INFOLGE OES GROSSEN ANDRANGES ALLEN KUNDEN DIESE GÜNSTIGE KAUFGELEGEN HEIT ZU ERMÖGLICHEN' SCHILLING SCHILLING BALL TOILETTEN SCHILLING SCHILLING ABEND TOILETTEN SCHILLING SCHILLING n (KLEIDER AVIS! UNSERE REICHALTIGE ■UAK Ri KOLLEKTION FERTIG GESTELLT iy MANTEL SCHILLING KOSTÜME JCHHAIN6 mum ^WINTER LAGER r MOD EN-PA L A I S Anschlag auf ein deutsches MuMonrdepol. Aus Magdeburg wird gemeldet: Wie die „Magdeburger Zeitung" meldet, wurde Donnerstag abends ein Anschlag auf..«in- Munitionsdepot in Der Nähe des Schießstandes. des Nieder itzcr Busches vereitelt. Gegen 10 Uhr abeiids hörte der Pasten ein verdächtiges Geräusch, konnte aber infolge der D inkecheit nichts Bestimmtes wahrnehmen. Plötzlich sprang ein Mann auf ihn zu, der ihn durch einen Schuß in den Oberarm leicht verletzte. Diedurch den Schuß alarmi.erte Wache beme kte in ein'ger. Entfernung etwa 15 Männer, die sich im Dunkeln zu schaffen machten. Auf die Haltruie der Wache ergriffen sie die. Flucht und. blieben auch nicht stehen, als die Wache das Heuer eröfsnete. Anscheinend wurden mehrere Verdächtige verletzt. Es gelang ihnen, .zu entdmmen. 81» geiftrrkranker kindermorder. Zwei .Knaben mit dem Hammer erschlagen. Aus Berlin wird berichtet: Nach einer Meldung der Nach, ausgabe des „Tag" aus Landsberg an der Warthe griff in Neuenbürg, ^Kreis SoDin, ein geisteskranker Schneider aus einer Schar spielender Kinder zwei vieru n d s ü n s j ä h r i g e Knaben heraus und schlug mit einem Hammer die Kinder so lange auf den Kopf, bis sie blutüberströmt zusamme nbrachen. Der eine Knabe war sofor.t to i, während der andere hoffnungslos darniederlregt. Der Mörder wurde in die Landesirrenanstalt Soldin gebracht. 3. Die Hilfe, die Gott einem Manschen angedeihen laßt, ist gewiß gut, aber Hilfe, gepaart mit gestilltem Rachebedürfnis, das ist eines der größten Dinge der Welt. Das Vergnügen, das dem entspringt, läßt sich nicht beschreiben. Sich dessen bewußt sein, daß du beneidet 'wirst, daß der andere, der Feind, es mit ansehend, zerspringt und noch einmal zerspringt — das verschafft dem Menschen Mut, Kraft und Angriffslust, daß er sich vor Siegesgewißhoit vergißt nnd ansängt, Dummheitelt zu begehen. Unser Jevachmiel Mojsche hörte nicht auf, die Geschichte mit dem Senat auf Schritt und Tritt auszutrompeten, so daß er allen zu Tode langweilig wurde, daß es ihnen allen einfach zum Halse herauskroch. Senat und wieder Senat und noch einmal Senat! Und wenn es schon alle mst Widerwillen ansnahmen, wie mußte es erst dem armen Nachmen Lejb ergehen, da er die Geschichte von ihm selbst zu jeder Minute und Sekunde hören mußte? Jerachmiel Mojsche fahndete immer wieder mit den Augen nach Nachmen Lejb, ünd wo immer dieser stand, da stand auch er. „Das heißt also, daß nn Senat dennoch anständige Menschen sitzen!" Nachmen Lejb versucht es, beiseite zu treten und sich zu verstecken. Ter andere aber findet ihn, erzählt unablässig, sich an die anderen ' wendend, so daß es dieser hören muß. „Absichtlich bin ich gestern zur Nacht in Holte geblieben. Ich wollte, daß man mich beanstände. Zum Verdruß hat ntich niemand gestört." Jerachmiel Mojsche und seine Ehehälfte lebten miteinander mit Gottes Hilfe so ausgezeichnet, daß diese jenem bei jeder Gelegenheit «nb wo es sich nur traf, zuwidertat. Aber angesichts der Niederlage Nachmen Lejbs sprang sie ihrem Manne bei, half kräftig m't, die Geschichte bekannt zu machen und Nachmen Lejb und seiner Frali das Leben zu vergällen. Letztere bat täglich Gott, Schewuoth möchten schon da sein und daß Jerackmiel Mojsche und seine Frau endlich zu allen Teufeln fahren. ,,Es ist nicht auszuhalten!" und t^ott erbarmte sich. Es kamen Schewuoth, und Jerachmiel Mojsche und seine Ehehälfte beeilen sich gar nicht, nach Holte zu ziehen. Was sollen sie sich beeilen? Was werden sie da schon verlieren: Hauptsache, daß sie, Gott sei Dank, schon dürfen? — Da kam ein Sonntag, der fünfundzwanzigste Mai, und die Zeitungen (wer hat diese Zeitungen, nur erdacht?) brachten eine Nachricht einhergetragen von hundert u n d e i n e r Stadt, in denen Juden wohnen, Häuser bauen, Boden kaufen und Gärten pflanzen dürfen. H ü ndertundeine Stadt, und darunter Holte. So etwas ist doch unerhört! Jerachtniel Mojsche wollte es niemand glauben. „Das ist nicht möglich, das ist gelogen" — schrie er. — „Zwanzig Jahre lang durfte man nicht einmal eine Nacht dort durchschlafen, auf einmal darf man Häuser bauen, Boden kaufen, Gärten pflanzen? Und ausgerechnet hundert und eine Stadt und ausgerechnet Holte darunter. Das ist eine Erfindung von Feinden, das ist sicherlich ein Gewächs von Nachmen Lejb, das ist sein Kopf; der Teufel hole ihn! Ja, dann, wenn auf meiner Handfläche Gras wächst, dann wird man in Holte wohnen dürfen!" So wollte es sich Jerachmiel Mojsche ausroden. Aber seine Ehehälfte bekam beim Einkäufen auch etwas von hundert und einer Stadt, darunter Holte, zu hören. Sie begann zu brummen: „Wenn es wahr ist, bannst du dich mitsamt deinem Senat ins Grab legen." Sie Mht dabei und verbrennt wie ein verbrannter Wecken für Sabbat. Da öffnet sich ganz plö^ich die Türe, es spaziert der Klausdiener hinein, eine jüdische Zeitung in der Hand. ,Hier, Reb Jerachmiel Mojsche/ man hat Ihnen eine Zeitung geschickt, Sie sollen die Güte haben, sie durchzglesen. Ta steht etwas darin, sagen' die Leute, über Bohopolie und Holte, hundert und eine Stadt. Da hier, es ist eingebogen und unterstrichen, Nr. 94." Jerachniiel Mojsche begriff schon, wer sich die Mühe gegeben hatte; er nahm das Blatt, steckte die Brillen auf, und die Nummer 94 schoß ihm in die Augen und das Wort „Holte". Das andere wollte er nicht mehr lesen. Er verstand, daß die Geschichte wahr sei, und ging auf seine Ehehälfte zu. die sofort begriff, war das zu bedeuten habe; st' lachte ihrer» Manne bitter entgegen. «Nun, dein Senat! ,. \