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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-30 · Heft 2492 (30.1.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2492 (30.1.1926)
Date
1926-01-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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«r. 5492 Men, TanrStag Wiener ffltorftemefhtttft so. Jänner 1926 SetN S Ungarn eine Gefahr für den Frieden. Sin Artikel der Londoner »Sronomift". (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 29. Jänner. Tie angesehene englische volkswirtschaftliche Zeitschrift „The Eeonomist", deren Meinung für internationale finanzielle Transaktionen schon oft ausschlaggebende Bedeutung hatte, bespricht die ungarische Frankenfälscheraffäre vom Gesichtspunkte ihrer Folgen auf die ungarische wirtschaftliche Sanierung. Tas Blatt schreibt: „Es ist eine sehr betrübliche Sache, das; hochstehende ungarische Persönlichkeiten an einer Banknotenfalschung in großem Matze beteiligt sind. Nicht nur führende Männer des früheren Regimes, wie Prinz Windischgrätz, befinden sich unter den Schuldigen, sondern auch der gewesene Polizeichef und der Leiter des staatlichen kartographischen Instituts. Das allein reicht schon hin, um den moralischen und finanziellen Kredit Ungarns ins Wanken zu bringen, wenngleich die Fälschungen auf das vom Völkerbund ausgestellte und über alle Erwartungen erfolgreiche Aufbauprogramm ohne Einfluß bleiben. Die ganze Angelegenheit erhält dadurch ein sehr ernstes Gepräge, daß die Schuldigen das Ziel verfolgten, die Mittel für einen Putsch sicherzustellen, mit Hilfe dessen eine rassenschützlerische Regierung zur Macht gebracht werden sollte, die sich dem Friedensvertrag nicht hätte fügen wollen, wodurch auch jene Politik, die in den Sanierungsprotokollen zum Ausdruck gelangt, über Bord geworfen würde. Sollte dieses Unglück eintreten, so ergäbe sich dieselbe internationale Situation, die wir schon gelegentlich der zwei Putsche des Exkönigs Karl kennen lernten." Das Blatt schließt diese Betrachtung mit der ernsten Feststellung: „Soviel ist jedoch sicher: Sollte Graf Bethlen zugeben, daß seine Regierung auch nur im geringsten Matze in den Verdacht kommt, daß sie mit den Raffenfchützleru sympathisiert oder mit diesen gemeinsame Sache gemacht habe, so würde dies nicht nur das Werk des Genfer Protokolls vom Jahre 1923 (die Sanierungsaktion) über den Haufen werfen, sonder» auch die Perwirklichung des Gei st es von Locarno in Südosteuropa verhindern." bin Vorschlag zur Vergiftung Bazsontzis. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung/^) Budapest, 29. Jänner. Einer der Führer der Erwachenden Ungarn, Tr. Ludwig K i S z e l y, machte einem Journalisten gegenüber die aufsehenerregende Mitteilung, datz in der letzten Zeit eine extreme Richtung im Verbände der Erwachenden Ungarn dem Wiederaufleber der „unverantwortlichen individuellen A k t i o n e n" das Wort reden. Vor kurzem sei ein Mitglied dieser Gesellschaft bei ihm erschienen und habe sich erbötig gemacht, gegen Bezahlung einer bestimmten Summ e, den jüdischen Abgeordneten und Führer der Demokraten, Wilhelm Bazsoni, durch Vergiftung aus dem Wege zu räumen. Dr. Kiszely behauptet, daß er dem Man«, desien Namen er nicht proisgab, die Türe gewiesen lmbe, da die Erwachenden, „die das Glück hatten, in die Frankenfälscheraffäre nicht verwickelt zu sein" (die Erwachenden sind zum größten Teil Legitimisten, während die Fälschungen zugunsten eines Albrecht-Putsches inszeniert wurden. Tie Red.), die individuellen Aktionen aus ihre» politischen Aktionen ausgeschaltet hätten. Scharfe Anariffe «egen Bethlen. Eine stürniische Sitzung der Nationalversammlung. Budapest,-29. Jänner. Die innerpolitische Situation fyrt heute eine wichtige Veränderung erfahren. Entgegen dem Abkommen zwischen Bethlen und der Opposition, die Frankenfälschungsaffäre im Parlament nicht zur Sprache zu bringen, haben die Sozialdemokraten im Sinne eines gestern abends gefaßten Beschlusses in der heutigen Sitzung der Nat'.onalvev sammlung die Frage des politischen Hintergrundes der Fälscherangelegenheit und der politischen Verantwortlichkeit der Reg.crung aufgerollt. Abgeordneter Farkas erklärte: „Für die Ereignisse der Frankenfälschungen, die typische Konsequenzen der Regierungspolitik find, ist die Regierung verantwortlich, jenes Regwrrmgssyslem, welches in Sofiok seinen Anfang nahm, sowie die sogenannten gesellschaftlichen Bereinigungen, die schuldig sind, diese Verbrecher gedeckt und unterstützt zu Halen. Die Regierung hat w'ederholt die Auslosung der sogenannten gesellschaftlichen Breinigungen versprochen, hat.aber ihr gegebenes Wort nicht gehalten und von dem Ulain- Putsch angesangen bis zu den Frankensälfchungen sind alle Verbrechen aus d:ese Vereinigungen zurückzu s ü h r e n. Nicht ein, sondern mehrere staatliche Institute sind schwer kompromittiert. Vor allem ist schwer kompromittiert das Ministerium des Inner», dessen Äcker schon am 21. Dezember von de« Frankenfälschuw gen und auch Kenntnis davon gehabt hatte, daß Landespolizeichef Nadossy stark kompromittiert ist, und ihn trotzdem weiter im selben Amt sitzenließ. Schwer kompromittiert erscheint das Ministerium des Aeutzern, welches Kurierpäffe für die Frankenfälfchnm» Wie die Maschine den Dampf, so braucnt der Körper stä'dige r«'ioneil« Pflege. Aber stfindtg, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nicht erzielt werden. DIANA* FRANZBRANNTWEIN ist das geeignetste Mittel zur rati nellen / Körperpflege und aesha'b soll jeder ✓ Diana - Fransbranntwein mit Menthol ständig benß'zen. Ueberall erhältlich. Georgeschen Vorschläge zum Parteiprogramn: eingebauten werden würde, doch die Form, in der sie numnehr von der Exekutive der Parteikonferenz vorgelegt werden, ist genau ' die gleiche, die von uns von allem Anbeginn für absolut unannehmbar gehaltene. Es Handel: sich in dieser Sache um eine fundamentale Frage von Prinzipien, nicht von Details. Ich habe erkannt, daß die Gegensätze unüberbrückbar find, und ich wünsche nicht, eine Quelle neuer Zwistigkeiten nnd Schwierigkeiten innerhalb der Partei zu werden. Nach langer sorgfältiger Erwägung habe ich daher den Entschluß gefaßt, meine lebenslange Verbindung mit der Partei zu lösen und, wenn ich dem Lande noch irgendwelche politische Dienste sollte leisten können, jener Partei beizutreten, mit der ich, wie ich fühle, am zweckdienlichsten zusammenarbeiten könnte, den Konservativen. Was dieser schwere Schritt für mich bedeutet, brauche ich Ihnen, unter dessen Führerschaft ich lange Jahre mein Bestes fiir die Partei gegeben habe, nicht zu versichern. Ich ziehe es vor, ciän' offener Gegner, a l § ein Widersacher in den eigenen Reihen zu sein. Ich kann diesen Brief nicht schließen, ohne Ihnen für die persönliche Freundschaft und Hilfe in den langen Jahren unserer gemeinsamen politischen Arbeit zu danken nstv. Ihr aufrichtiger etlfrcd Mond. Sir Alfred Moritz Monds Uebergang zu den Konservativen ist in dem derzeitigen Momente von ungeheuerster Wichtigkeit für dasi politische Leben Englands. Hinter Mond steht eine einflußreiche nnd beträchtliche Gruppe der ohnehin schon so sehr geschwächten liberalen Partei und Monds Schwenkung könnte bedeuten, daß die Liberalen trotz der gegenteiligen Erklärungen Lloyd Georges und Asquiths in ihren d'.eswöchigen Reden, bei den nächsten Wahlen werden mit der Labour Party oder aber rnit den Konservativen Zusammengehen muffen. Die Tragweite einer derartigen Konstellation fiir das künftige parlamentarische Leben Englands ist unabsehbar. Sir Alfred, der der Vizepräsident der zionistischen Organisation Englands ist, zählt zu seiner Gruppe und zu seinem Anhang, auch innerhalb der liberalen Partei selbst, viele von den englischen Zionisten. Selbst für den Fall, daß diese mit ihm zu den Konservativen gehen, könnte das höchstens die Haltung dieser Partei gegenüber dem Zionismus, die bei-aller. Freundlichkeit und Achtung doch noch die kühlste von den drei politischen Parteien Englands ist, im günstigsten Sinne beeinflussen. Shaw «ad der Kontinent. ^Jsohannn" und die Zensur. — Hefter die Irauen und die Ehe. Bon Alfred Tyffer (London). Schon seit einiger Zeit gehen die wildesten Gerüchte und Berichte über B e r n a r d Shaw durch die kontinentale Presse. Artikel und Notizen wissen von seiner (rostigsten Empörung über die Art der Darstellung seiner Stücke in den europäischen Hauptstädten zu erzählen, phantasievolle Nachrichten über ein Christusstück, das er geschrieben hätte, und über ein sozialistisches Werk, mit dem er eine neue Partei grünen, wolle, tauchten auf. . Nun ist G. Bernard Shaw —' auch mit feinen etwaigen Schwächen — der englische Dichterkönig, aber auch einer der bedentendsten Dichter unserer Zeit, unzählige kultivierte oder zumindest zivilisierte Zeitgenossen nehmen Interesse an seinen Ideen und Ansichten und haben sicherlich Anspruch darauf, diese Ansichten wahrheitsgetreu zu erfahren. Ich beschloß daher, mich all den Meister selbst zu wenden. Nun ist das gar nicht so einfach, bemt abgesehen davon, daß Shaw der Presse im allgemeinen und den gewissen holden Zwiegesprächen — schreiben wir es nieder, das schreckliche Wort, den „Interviews" — im besonderen abgeneigt ist, gebietet ihm eine vertragliche Verpflichtung, Jntervietvs überhaupt niemand, also auch mir nicht, zu gewähren. Doch wir fanden eine.» Ausweg. Vielmehr Blanche Patch, die liebenswürdige Sekretärin Shaws, fand ihn. Sie schlug vor, die Fragen, die ich zn stellen wünsche, schriftlich niedergelegt, schriftlich von ihm beantworten zu lasten. Kein Mensch kann behaupten, daß ein derartiger Vorgang ein richtiges mündlich.'s Interview zu nennen wäre. Ich »rar recht froh über diesen Vorschlag. Denn abgesehen davon, .daß die Lösung durchaus zweckentsprechend ist, will ich ganz aufrichtig gestehen auch* ich hasse das „I nterview". Zunächst wollte ich von G. B. S. (zu sprechen wie Dschi-bi-es» wie die Lieblingsbezeichnung hier für den großen Iren heißt) wißen, ob er tatsächlich der Ansicht sei, daß seine Werke auf dem Festlande, insbesondere aber in Wien unid Berlin, nicht entsprechend dargestellt würd e n und wenn dem so sei, welche Gründe ihn zu dieser Ansicht führten. Er verneinte entschieden. „Ich wende mich bloß gegen die M i ß h a n d l u n g d e r St. Joan in Wien auf das Kommando einer katholischen Zensur, die ihr eigenes Geschäft nicht versteht und höchstwahrscheinlich von katholischer Geschichte und Lehre nichts versteht. Ich bin des weiteren gegen den lächerlichen Versuch, der in Berlin gemacht wurde, die fünf Teile von „Zurück zu Methusalem" iu drei Abende zu quetschen. Doch wenn meine Schauspiele treu dargestellt werden, habe ich nicht den mindesten Grund zu der Annahme, daß sie auf dem Kontinente weniger gut herausgebracht werden, .als tu England oder Amerika," schrieb er mir auf mein Fragezettelchen. Numnehr interessierte mich in diesem Zusammenhänge die Altsicht Shaws über den Versuch, sein „Mensch trnd Uebermensch" in seiner Gesamtheit an eine m Abend aufzusühreu. Er hält dies für eine recht schwierige Anforderung an die Ausdauer der Zuhörerschaft und glaubt, daß ein solcher Versuch nur dort gemacht werden sollte, wo ettva Bedingungen, wie in Bayreuth oder Oberammergau, gegeben sind. Auch dann müßte die Darstelltrng ganz besonders erlesen fein. Sonst würde die Wirkung die gleiche, wie — nach dem Ausspruche eines englischen Theaterdirektors — die eines Aktes einer großen Oper mitten in einer Operette sein. Das Stück war ursprünglich von ihrrt eigentlich gartz ohne den dritten Akt entworfen worden. lieberdas geheimnisvolle Christusstück, iwS er geschrieben haben soll, bestätigte mir Shaw meine frühere Vermutung — daß er nie eines geschrieben habe und auch gar nicht darart denke, eines zu schreiben. Er weiß aber auch die Erklärung dafür, wie die Mär entstehen konnte. John M a xf i e l d s derartiges Spiel wurde irrtümlicherweise ihm zugeschrieben, als es jüngst im Hause des Autors in Oxfordshire zur geschloffener! Aufführung gelangte. Dieser Irrtum hat sich so weit verpflanzt, daß auch ich ihm zufolge zu meiner Frage kan» Meine nächste Frage heiraf das Werk über den Sozialismus. Ich wollte wisse,!, ob es richtig sei, daß er in feinem Buche zu der Schlußfolgerung komme, daß Gleichheit der Einkommen allein das einzige Ziel des Sozialismus sei und daß sonst nichts eine wirkliche Veränderung in die derzeitigen Zustände bringen würde. „Ich konime nicht zu dieser Schlußfolgerung," anttvortete er, „ich bin schon seit vielen Jahren bei ihr und ich habe sie seither unermüdlich von der politischen Tribüne herab gepredigt. Sozialismus bedeutet eine Neuordnung der Verteilung und in dem Augenblicke, da man diese Erkenntnis praktisch auswerten will, wird es augenfällig, daß keine andere Verteilung als die absolut gleiche einer strengen Prüfung voll! modernen demokratischen, aber auch von jedem arrderen möglichen Gesichtspunkte aus standhalten wivd. Wenn Sie daran zweifeln (was ich zugebe), dann sagen Sie mir doch, welches Einkommen dem Papste und welches Einkommen Herrn Jack Demps e y, dem Prosesiionalkämpfer, gebührt! Wenn es mehr oder weniger gleiche Einkommen geben soll, um wie viel mehr oder wertiger und warum? Wenn- Sie es versuchen, meine Frage zu beantworten, werdert Sie rascher als dttrch jedes abstrakte Argument bekehrt werden. Ich ntöchte Sie nämlich daran erinnern, daß der Papst heute ein armer, hingegen Dempsey ein sehr reicher Mann ist!" * Schließlich und endlich dachte ich, wäre es anch nicht jo ohtte, des Dichters Ansicht über ein, wie ich zugehe, außerordentlich schwieriges trnd umfangreiches, aber zweifellos einigermaßen interessantes Kapitel zu hören. Kühn stellte ich daher anch die Frage, und ich muß noch bemerken, daß ich durch einen bekannten Wiener Schriftsteller dazu angeregt wurde: „Was denken Sie über die Frauen und die Ehe?" Da kam ich aber schön an. Shaw meinte, daß eine schriftliche Antwort auf diese Frage zumindest zwanzigtausend Pfund Sterling wert sei. 'Oh.ich bereit wäre, ihm diese Summe zu zahlen, für den höchst unwahrscheinlichen Fall, daß er das notwendige Jahr oder mehr fiir die Beantwortung der Frage finde. Alles in allem habe ich den Eindruck gewonnen, daß Shaw so witzig, lo vorsichtig und so aktiv ist, wie man sich ihn w»' vorsteltte und wie «x es je war.

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