Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2491 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Geite 9 M^tn. Freitag Ungar« im Völkerbund. - v. W , e a. 29 Jänner. Tic Sachlage in Ungarn ist heute die: Graf Bethken hat vor der parlamentarischen Untersuchungskom Mission eingestandcn, daß er anfangs Dezentber durch den Rittmeister Kozma, dem von Horthy -ingesetzten Chef des Nacyrichtendienstes und Schwager des Ianko dich, über die Pläne der Windischgrätz Husaren informiert wurde. Cr hat gewußt, daß eine großangelegte Frankenfälschung in Durchführung war, welche teils die Kosten des Albrecln-Putschcs in Budapest und Wien, teils den monarchistischen Handstreich in München finanzieren, teils aber durch eine Massenverbreitung der Falsifikate das Wirtschaftsleben Frankreichs als der führenden kontinentalen Macht vergiften sollte. Graf Bethlen stand vor der Reise nach Gens mrd er beauftragte den Minister des Innern Rakovszky, eS seht zu nichts kommen zu lassen. Er schrieb den inzwischen gleichfalls zugestandenen Brief an den Baron Perenyi. den Vorstand des Verbandes der weißen Tcrrorvereine. Der Ministerpräsident kannte also die Angelegenheit, noch ehe sie im Haag aufgerollt wurde. Die ersten Schritte dagegen sollte der Minister Rakovszky tun, der ein Erwachender ist- Die ersten Meldungen aus den: Auslande erhielt der Polizeichef Nadossy, eines ■ der Häupter der Bande. Die Pässe stellte das Kurieramt des Ministeriums des Aeußern aus, Windischgrätz und sein Verwalter Raba wurden von Nadossy instruiert, die Noten druckte das kartographische Institut des Generalstabs, der Feldbischof Zadravecz versteckte sie in seiner Wohnung. Die Untersuchung führten bei der Polizei die Untergebenen des Nadossy, bei. der Staatsanwaltschaft der Dr. Sztrache. ein Vorstandsmitglied des Bluthundes vom apostolischen Doppelkreuz. Das ganze oberste Ungarn war in die Angelegenheit eingeweiht und als Bethlen vor dem Völkerbund über die Konsolidierung sprach und Klebelsberg den legalen Antisemitismus ableugnete, arbeiteten in Budapest die Maschinen. Nun hat Briand erzwungen, daß seine Organe an den Verhören teilnehnien. Bethlen hat dies zugestanden. Er kann dies um so leichter tun, als die Verhöre rn einer den Franzosen unverständlichen Sprache erfolgen. Tie Uebersetzungen, die ihnen vorgclegt werden, sind genau so echt, wie die Noten des Jankovich. Was hat also Bethlen zu fürchten? Die Kommission arbeitet gemäß der Ehre der Nation. Sie fragt, aber sie zieht keine Konsequenzen. Nach bem Geständnis Bethlens, daß er den Brief geschrieben und daß er nichts Ernstes gegen den Plan unternommen habe, mußte doch wenigstens die.Opposition Mut zeigen und den Ausschuß verlassen. Es ist ja immerhin möglich, daß die Opposition die politischen Folgen fürchtet. Die Verbindungen mit den relchsdeutschen Geheimverbänden kristallisieren sich immer deutlicher heraus und Paris würde nicht zögern, dem direkt benachbarten Staat gegenüber eine weitaus stärker dosierte Energie zu zeigen. Es besteht die Eventualität, daß das Werk von Locarno, kaum geboren, unter der Last falschen Geldes erstickt. Die weiteren Folgen wäret: jetzt noch kaum abzusehen. Gerade deshalb aber ntuß der Herd dieser Seuche jetzt ansgeräuchert werden. In Budapest sind die Gesetzlichkeit, das Rechtsempfinden und die primitive Garantie des gesellschaftlichen Lebens seit Jahren gefälscht worden. Es wird sich nicht umgehen lassen, daß "sich der Völkerbund die Frage voclegt, ob diese Regierung noch als Repräsentant des ungarischen Volkes gelten darf. Fürden Völkerbund besteht bereits eine sehr gewichtige Tatsache, daß nämlich die französische Negierung ihr Mißtrauen in den Rechtssinn Ungarns dokumentiert hat und, um die Unparteilichkeit der Untersuchung zu erzwingen, sogar m't Repressalien drohen mußte. Die magyarische Sprache zieht freilich eine unübersieigbare chinesische Mauer und gegen allzugroße Neugierde gibt es noch die nationale Polizei und den nationalen Staatsanwalt. Deshalb ist Frankre'ch auch weiterhin der Düpierte und muß es bleiben. Würde es sich um einen der landläufigen diplomatischen Bluffs bandeln, so läge nichts weiter daran, daß Frankreich hinters Licht geführt wird. Die Affäre hat aber eine derartige Entwicklung genommen, daß sie Rechtszustände enthüllt, wie sie nicht geduldet werden dürfen. Die Situation zeigt ganz deutlich Ungarn, dieses offizielle, weiße, christlichnatwnale Pogrom-Ungarn auf der einen Seite, und ihm gegenüber die Vertretung der auf Reinlichkeit und Hvnorigkeit bedachten Menschen. Die journalistische Geschäftigkeit, die über Einmengung in innere Angelegenheiten schreit und schreibt und sich dafür gut bezahlen läßt, ist mit Bethlen in der Isolierung. Die Einmengung ist noch nicht erfolgt. Sie muß aber gesci-ehen, wenn die Logik noch etwas gelten sott. Wie anders kann man die Vertuschung und Verschleierung des großen Betruges verhindern, den das amtliche, vereidigte Ungarn betreibt, als dadurch, daß der Völkerbund die Mitgliedschaft Ungarns aufbebt und seine Regierung vor den internationalen Gerichtshof stellt! Bor btefem Forum kann nur die Wahrheit bestehen und wenn sie gesucht wird, dann werden auch die Gemarterten von Orgovany und Jszak und Siofok mitrede" Wiener Mornenzeltnnft §9. Jänner 1926 Nr. m. Bethlens Briefe. Ne Arbeiten der Untersuchiinsstommlffioa. sEigendienst der „Wiener Morgenzettung-.j Budapest, 28. Jänner. Offiziell wird gemeldet: Ter parlamcmaei'ch: UnlusuchungSaus.'chuß 'etzre hcnte seine Beraunigen fcrr, in deren. Verlaufe der mit der Leitung deS Außenministeriums betraute Handeisministcr Val ko eingehende Ans'lärungen über .Nie an ihn gerichtelen Fragen erlei'lte. Ter Ausschuß hat ferner den Leiter des Ungarischen Tenegeaphen-Korrespvndenz-Vureans, Nikolaus v. Kozma, den Präsidenten des ungünstigen NmionaloerbandeS. den gewe'encn Minister Baron Perenyi. und den Stellvertr.ter des Außenministers Grasen K h u e n-H edervary, und den Staatssekretär Baron Georg Pronay einvernommen. Der Ausschuß faßte Beschlüsse bezüglich seiner weiteren meritori- . scheu Arbeiten. Tie nächste Sitzung sinder Samstag, 11 Uhr vormitUgs, statt. Baron Perenyi ist - der Präsiden: des Na t i o na!Verba n des. der Spitzenorganifalion der vaterländischen (christlichnüionaleu) Terrorvereine. Er ist der Adressat'des Briefes, den Graf Bethlen anfangs Dezember geschrieben hat. Staatssekretär Baron Pronay", der dem Ministerraispräsidium -mgehört, batte damals den Auftrag erhalten, Rakovszkh dem Minister des Inneren, die Aufträge 'Bct-Hlens zu ü-berbringen. Bethlen selbst sagte aus, er habe wegen Ueberlastnng. mit seinen Geschäften sich nicht weiter mir der Seche befassen können. Rakedszky legte dem Ausschüsse einen zweiten Brief Bethlens vor lvon oem dieser gar nicht gesprochen lallte), der pch auf die Pläne die'es Nai-ionalverbandes bezog. Tie Verlesung dieses Briefes rief die größte Aufregung hervor und Rakovszky wurde in ein Kreuzverhör gezogen, in dem er schließ'ich nniteileN mußte, das; er vou Nadossy über den Falz chungs plan unterrichtet worden ivar. Dies war im September 1925 geschehen. Nikol ms Kozma. Rittmeister a. D., ist der Leiter des 'Ungarischen Tolegrapben-Korre'pondenzMlreaus und hatte Bethlen im Dezember von der Sache erzählt. Er wurde über die bekannten Bertuschungs-Commmtiquetz bei der Verhaftung des Prinzen Windischgrätz befragt. Der Vorsitzende des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, Vizepräsident de)! Nwionalversamnilung Dr. Zsitvah har erklärt, daß der Bericht des Ausschusses der Nationalversammlung i n c i n e r geheimen Sitzung vorgelegt werden wird. Diese Ankündigung begegnet in. dm Kreisen der Opposition, namentlich bei den Sozialdemokraten, schärfsten Protest. Die Sozialdemokraten erklären, sie würden niemals ihre Zustimmung d:.zu geben. Die Sozialdemokraten beabsichtigen, übrigens, die Frankenfäli'chungsaffäre in der Nationalversammlung unabhängig von den Beratungen des Untersuch u n g s a u s s ch u s s e s. zur Sprache zu bringen. Der sozialdemokratische Abgeordnete Stephan Den es wird sich morgen, im Rahmen /der Behandlung der Indemnitäts- Vorlage, mit der Frankenfälschungsaffäre beschäftigen. Die neue polizeiliche Untersuchung wird sich vor allem auf folgende Fragen erstr cken,' auf deren Klärung die französischen Emissäre besonderes Gewicht legen: 1. Wer sind die eigentlichen geistigen Urheber des Frankenfölschungsplanes? 2. woher stammt dos Papier, das zu )en Falsifikaten verwendet wurde? 3. sind die von der Polizei beschlagnahmten Druckmaschinen tatsächlich diejenigen, ans denen die Noten hergestellt worden sin)'? Anklage pegen 26 Personen. Oberstaatsanwalt St; rache erklärte, die A n-k lages ch r i f t sei im großen und ganzen f e r t i g g c st e l l t. Tie Sonnta«*» 31. Jänner, l/t8 Uhr abends Moser-Saal, XX., Dresdner strafte 51 Zionistisches Meeting Tagesordnung; Dr. Mahtim Blauer (Lriter des Palästinaamtes): JPalästinaprob lerne* Dltckfor Leon W«ebsl«rs „Organisation und Zionismus* Olenstag* 2. reDtuar, ‘/s8 Ohr ab nds Saal der Bezirk«verireiung Alsergrund IX., Währlngerstrasse JiSiidi Otmsln^srit Dr, Leopol* Dlasch^es und , . Baslrksrat Dr. Ueorg Weiner sprechen über: , „Die Wirtschaftskrise und die politische Tätigkeit der zionistischen MandatareH Stausanwaltschaft erhebe gegen 20 Personen Sie Alt» klage, von denen 21 in Haft, fünf auf freie« Fuß seien. Die Namen der nicht in Hast befindlichen.Per- . lcmen könne er vorläufig nicht b''lamitgeben. Ter Entwurf der Anklageschrift wird dem Vernehmen nach Ladislaus Gero als Täter. Windischgrätz und N a d o s s y als M i t t ät e r bezeichnen. Gegen B a r o s S wird die Anklage wegen Mittäterschaft, gegen den pensionierten General H a i t s. und gegen den pensionierten Oberst Kur; sowie gegen den Vizepräsidenten des Landesvert'andes der geellschaftl'.chen Vereinigungen. Josef 2 z ö r t s e y als Helfershelfer erhoben. Gegen ' A n bru r, Stephan Winkle r, Dibor § ch w e tz und Eugen Olchivary wird die Anklage wegen Mittäterschaft /beziehungsweise als H ü u pst t ä t e r. erhoben. . Bezüglich des t e ch.n i s ch e n Personals ist über 'die Qualifikation der'Anklage noch kelne Entschcidumg getroffen, da es aus Befehl der Vorgesetzten gehandelt hat. Der Fall des Kammerdieners K.r-'par Kovacs dürfte als einfacher Diebstahl qualifiziert tverden, da. er dem Prinzen Windischgrätz sechs Stück Taustndfranknlchcine gestohlen ha-t, ohne zu wissen, daß sie fllsch waren. Ferner soll.die Untersuchung auftlären, wo Zadrav c c z die Teilnehmer an der FranlenMchung v e r e i d i g t c und welche s r e m d e n S t a a t s ö ü r g e r bei der Vere i d! g n n g z n g e g e u waren. Mer i>:c f r c nt b c n Ttaatsb ii'fge r waren, werden ' die F r a n z'o s e r bei Polizei noch heute mitteiIcn. Die Nekonfteuktion. Budapest, 28. Jänner. Ministerpräsident Gras Beth- I e n wurde heute in den Wandelaängen d:s Parlamentes von Mitgliedern der Einheitspartei bezüglich der R ekonstruklionsgerüchte befragt. Graf Bethlen anworiete: „Me Mitglieder des Kabinetts sind solidarisch. Entweder sind w i r a l l e s ch u l d i g dann werden wir alle üü'-k've Posten verlassen. ' O d c'r wir s i n d nichtschuldig — in diesem Fall bleiben wir alle." Diese Erklärung des Ministerpräsidenten wird in p-'vlanwntarischrn Kreisen lebhaft 'kommentiert. Die Gerüchte wollen aber nicht verstummen und beschäftigen sich besonders mit dem Minister des Inneren Rakovszky. Doch ist es unwahr'cheinlich, daß vor dem Abschluß der Untersuchung in der Kommission eine AenderuNg erfolgen wird. Bethlen aber erklärt... In den Mandelgängen erklärte Ministerpräsident Gvaf Bechlen über die Krisengerüchte: „Die Mitglieder der Regierung sind solidavilch. Ich werde kein einziges Mitglied-des Kabinetts fallen lassen, bloß, weil das Publikum aufgeregt wird und aufgeregt ist. Entweder haben wir alle Fehler begangen, 'dann werden wir Zurücktreten, oder nicht, uns dann bleiben wir alle auf unserem Platz. ' Sie Toten stehen auf. Die Ermordung der sozialistischen Redakteure S omogyi und Bacso dürfte in der nächsten Ieit unerwartetcrweise wieder die Oeffentlichkeit beschäftigen. ' Der Magistratssekretär Dionys A z e nck o v i c s, der anläßlich des zweiten Königsputsches komprornittiert wir und ^damals zusammen mit dem Grafen Julius A n d r a i s y und Stephan von Rakovszky verhaftet wurde, verfaßte damals ei« Memorandrun unter dem Titel ' „Intime Schriften", von dem er ein Exemplar dem früheren Innenminister Edmun) v. Beniczky. ein zweites dem legitimisiischen Advokaten und f vierten Abgeordneten Dr. Nikolaus S b o r a y übergab. Das dritte Exeurplar der Denkschrift blieb dem Verfasser. Die Militäranwaltschaft brachte m Erfahrung, daß das Memorandum des Magistratsbeamter' Szenkovics sehr wichtige, noch unbekannte Daten über die Ermordung der beiden „Nepszava"-Redakteüre erckhalte. Die Militäranmalt'chaft forderte sowohl Beniczky wie Szenkovics auf, das Memorandum mit Rücksicht aus diese Taten in der Mordaffäre Somogyi-Bacso den militärischen Nntersuchungsbeh'örden zur Verfügung zu stellen. Sowohl der gewesene Innenminister wie der Bev fafser der Denkschrift erklärten jewch, daß sie ihr Exemplar längst vernichtet hätten. Dr. Z b o r a h gäb zu, daß er noch im B.sitze des Meinorandums sei, verweigerte jedoch die Ausfolgung 'eines Exemplares au die Militäranwcrltschasi Diese rief nunmehr d.:s Strafgericht an. mit dem Ersuchen, es möge Zborah. zur Ausfolgung der Denkschrift verhalten. Das Strafgericht erließ einen diesbezüglichen Bescheid, gegen den Zboray re kur irrte. Der Bescheid wurde heute in zweiter Instanz bestätigt, worauf Dr. Zboray die Denkschrift dem Untersuchungsrichter Dr. Medves-Medike übergab. Man erwartet nunmehr sensationelle Enthüllungen zu der Angelegenheit der Erntordung Somogys und BaesoS, ivenn nicht die Mikitäranwaltschaft wieder die Sache unterschlägt. 42953414998^