Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2490 (28.1.1926)
- Date
- 1926-01-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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28. Jänner 1926 Sette A Nr. SKV Men, Dlmnerstvg Wiener WorfffMeftiftift Au Ultimatum des Aeichskanzlers. fe fallet fertert eine Stitnajmeerffllnma der »eiftstagee. - Große llebercaschung ln Setlto. — Sie «»glichen Folgen einer «ftieftnnag. (Elgendienst der „Wiener Morgenzeitung".) VnK», 27. ISnnrr. Der deutsche Reichstag hatte heute eine große Sensation. Während bisher angenolnmen wurde, daß sich das neue Reichskabinett angesichts der Tatsache» daß es sich um ein MinderhettenkaStnett handelt, mit einer Billigungsformel zufrieden geben würde, stellte heute Reichskanzler Dr. Luther die Bertraue usfro ge. Der Reichskanzler legte zunächst dar, weshalb es nicht gelungen fei, eine Mehrheitsregierung zu bilden. Nachdem die Voraussetzungen dafür von rechts und links entfallen seien, hatte man eigentlich im ganzen deutschen Volke den Parteien de, Mitte dankbar fein sollen, daß sie sich als Notgemeinschaft zufammmgeschlofle» haken, um die Regierung zu tragen. Er habe deshalb mit voller Deutlichkeit ausgesprochen, daß vor dem Reichstag eine Minderheilsregierung stehe, und er wisse, daß man mit einer solchen nicht regieren kSune und es unmöglich sei, daß eine Regierung in dieser schweren Zelt ihre Arbeiten auf der Hintertreppe abgelehnter Mißtrauensvoten endgültig aufnchmen könne. Auf dieser Grundlage könne und wolle das Kabinett nicht arbeiten. Diese Worte lösten.im Saale große Bewegung und bei den Mittelparteien großen Beifall aus. Ter Kanzler fuhr fort, er müsse wissen, ob er im Reichstag die ordnungsmäßige Stütze hinter sich habe und deshalb müsse tt in voller Übereinstimmung mit sämtlichen Kabinetts- »rtgliedern erklären, daß die Regierung auf eine positive Lertrauenskundgrbung nicht verzichten könne. Auf manche außenpolitischen Interpellationen könne derzeit noch nicht geantwortet werden; aber der Gritr'tt in den Völkerbund als klare Fortsetzung der Linie der deutschen Außenpolitik seit Locarno werde vollzogen werden. Er habe den lebhaften Wunsch, die deutsche Stimme sobald als möglich im Völkerbund zur Geltung zu bringen. Wo man über die Lebensinteressen des deutschen Volkes verhandle, wolle er auch dabei sein. Die Negierung will solche Männer nach Genf senden» die ebenso dächten, nicht etwa Leute, die den Willen zur Mitarbeit im , Völkerbund nicht besaßen. Man könne n'cht zweierlei Politik gleichzeitig betreiben. Zum Schluß forderte der Kanzler nochmals den Reichstag auf, ihm ein p o s i t i v e s Vertrauensvotum zu erteilen. Während der vom Haust mit großer Bewegung angehorten Rede war ein Vertrauensvotum der Regierungsparteien eingegangen, worin erllärt wird, daß die Reichsregierung das Vertrauen des Reichstages besitzt, Bor.den Ausführungen Dr. Luthers haben Vertreter der Sozialdemokraten und der deutschen Volkspartei Kritik an der neuen Regierung geübt, wahrend nach der Rede, ein Demokrat sprach. Nach 6 Uhr abends wurde die Debatte unterbrochen und d« Weiterteratung auf Donnerstag nachmittags vertagt. In den Wandelgängen des Reichstages wurde abends die Frage erörtert, was der Reichskanzler zu tun gedenke, tvenn die morgige Reichslagssitzung mit der Ablehnung des Bertrauensantrages enden werde. Man stellt bereits B erechnungcn über das Abstimmungsergebnis an und bezeichnet es als die größere Wahrscheinlichkeit, daß bei einem ablehnenden Votum nicht etwa eine neue Regierungskrise ausbrechen, sondern der Reichstag aufgelöst werden würde. Begründet wird dies damit, daß bei den letzten Regierungsverhandlungen alle Möglichkeiten einer parlamentarischen Regierungsbildung erschöpft wurden. vroße Kommnniftendemonftrlittonen in Berlin. Berlin, 27. Jänner. (Tel.-Komp.) Nachdem die Kommunisten nachmittags zahlreiche, zum Teil in provozierenden Worten abgefaßte Flugb.ätier verteilt hatten, die teilweise beschlagnahmt wuäen, begannen heute abends riesige kommunistische Massendemonstrat'vnen in der ganzen Stadt, hauptsächlich aber in den Arbei-terdierteln. Im Osten und im Norden durchzogen große Demonstrationszüge die Straßen mit roten Fahnen und einer Unmenge von Plakaten, d:e Aufschriften trugen, wie: Wir wollen Arbeit! Wir wollen Brot! Nieder mit der Fürstenabfindung! Hinter allen diesen Demonstrationszügen fuhren in Lastkraftwagen st a r k e P o l i z'e i a n f g e b o t e, während neben den Demonstranten Abteilungen von Polizeipatrouillen mit geschultertemKarabiner fuhren. Ter Straßenbahnverkehr war unterbrochen. Zu Zusammenstößen ist es nirgends gekommen. Im Westen wurden Kundgebungen von deutschvölkischer Seite veranstallet, die ebenfalls ruhig verk-tifen sind. Außer den Kommunisten und den Dcuischdö^ischen veranstaltete auch noch das Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold Protestkundgebungen gegen die Fürstenabfindungen. In fast allen Stadtteilen fanden Massenversammlungen statt, in denen führende linksstehende Politiker Reden hielten. Außerdem hatten sich auf dem Wittenberger- Platz 10.000 Republikaner zu der gleichen Protestkundgebung eingesunden. Kan« amnestiert... Ehrharts neue Kampfziele. Berlin, 27. Jänner. Wie dem „8-Uhr-Abendblatt" von gut unterrichteter Seite berichtet wird, hatte Kapitänleutnant Erhärt Miitte Jänner in Berlin eine g eheime Besprechung mit führenden Mitgliedern der Organisation Consul und anderen maßgebenden Führern der nationalistischen Kampfverbände, in der er über die politische Lage referierte und die Methoden und Kampfziele der geheimen Organisation e n neu Lbsteckte. Sine Wette. Bosr Anton Pawlowitsch Tschcchoss. Es war eine dunkle Herbstnacht. Der alte Bankier ging in seinem Arbeitszimmer auf und ab und erinnerte sich eines Gefellschaftsabends vor 15 Jahren. An diesem Abend nahmen viele kluge Leute teil und cs wurden interessante Gespräche geführt. Unter anderem wurde auch, von der Todesstrafe geredet. Dir Gäste, unter denen sich auch Gelehrte und Journalisten befanden, vechielten sich zu der Todesstrafe ablehnend. Einige rvaren der Ansicht, man müsse sie durch lebenslärrglichen Kerker ersetzen. ' „Ich kann euch nicht beistimmen," sagte der Gastgeber, „ich habe weder dir Todesstrafe noch lebenslänglichen Kerker am eigenen Leibe erprobt, bin aber überzeugt, daß die Todesstrafe unbedingt hunioner als lebenslängliches Gefängnis sei. Welcher Henker ist menschlicher? Der welcher euch in ein paar Minuten lötet, oder der, welcher euch das Leben während einer langen Reihe von Jahren aus dm Gliedern saugt?" „Beides ist gleich unsittlich," warf einer von den Gästen ein. Unter den Anwesenden befand sich auch ein Jurist, ein Lkijcchriger, junger Mann. Als man ihn um seine Meinung fragte, sagte er: „Die Todesstrafe und das lebenslängliche Gefängnis sind beide unmoralisch. Wenn ich aber die Wahl hätte, so würde ich mich für das letztere entscheiden. Schlecht leben ist besser als gar nicht leben." Es entstand ein lebhafter Streit. Der Bankier, der damals jünger und temperamentvoller war, verlor die Fassung, schlug mit der Faust auf de« Tisch und schrie, sich an den jungen Juristm wendend: „Das ist nicht wahr. Ich wette um zwei Millionen, daß Sie nicht einmal fünf Jahre in eitlem Einzelgefängnis aushaltcn" „Wenn eS Ihnen damit Ernst ist," anttvortete chm der Jurist, „so wette ich, daß ich nicht fünf, sondern füttfzchn Jahre i» Einzelhaft verbringen kann." „Fünfzchn? Die Wette gilt!" schrie der Bankier. „Meine Herren, mein Einsatz beträgt zwoi Millionen." „Einverstanden. Sie setzen Kvei Millionen und ich meine Freiheit." Der leichtsinnige Bankier, der damals über zahllose Mil- Uttte« verfügte, war von der Weite ganz begeistert. Beim NaHtmahl scherzte er: „Ucberlegen Sie die Sache, junger Mann» so lange es Zeit ist. Für mich bedeuten zwei Millionen eine Kleinigkeit, und Sie riskieren Ihre besten Jahre. Ich sage nur drei bis vier, weil Sie nicht mehr länger aushallen werden. Vergessen Sie nicht, daß ein freiwilliges Gefängnis schwerer, als ein unfreiwilliges zu ertragen ist. Ter Gedanke, daß Sie das Recht haben, joden Augenblick Ihre Freiheit zu erlangen, wird Ihnen das ganze Leben vergiften. Sic tun mir leid!" -p An all dies dachte der Bankier, als er das Zirnmer durchschritt. Dann sagte er sich selbst: „Wozu war diese Wette? Hatte es einen Sinn, daß der Jurist, fünfzehn Jahre seines Lebens verlor und ich zwei Millionen wrgwerfen sollte? Kann man den Leuten so beweisen, daß die Todesstrafe besser oder schlechter ist als lebenslängliches Gefängnis? Tollheit! Bei mir war's Uebermut eines satten Menschen — beim Juristen gemeine Gier nach .Geld." Dann erinnerte er sich daran, was nach dein eben geschilderten Abend geschah. Es wurde beschlossen, daß der Jurist seine Gefangenschaft unter strengster Aufsicht in einem Zimmer des im Park des Bankiers befindlichen Flügels verbringen werde. Man kam überein, daß er fünfzchn Jahre hindurch des Rechtes beraubt lverde, die Schwelle des Flügels zu überschreiten, Menschen zu schen und menschliche Stimmen zu hören. Auch Briefe oder Zeitungen dürfe rr nicht bekommen. Nur ein Musikinstrument, Bücher, der Genuß von Wein und Tabak wurden gestattet. Mit der Außenwelt durste er .vertragsgemäß durch ein kleines Fenster verkehren, aber ohne ein Wort zu reden. Alles Notwendigr, Bücher, Noten, Wein und anderes hätte er gegen einen, von ihm verfaßten Wunschzettel eben nur durch dieses Fenster zu bekommen. Der Vertrag ^handelte alle Kleinigkeiten voraus. Das Gefängnis war strengstes Einzelgsfängnis für fünfzchn Jahre, das heißt, vom 14. November 1870, 12 Uhr, bis 14. November 1885, 12 Uhr. Ter geringste Versuch, die Bedingungen zu verletzen, sollte den Bankier von der Zahlung der zwei Millionen Rubel befreien. Im ersten Jahre litt der Jurist, so viel man aus seinen kurzen Zetteln entn-ehmen konnte, sehr durch Vereinsamung und Langeweile. Man hörte Tag und Nach: die Weisen seines Klaviers erklingen. Mein und Tabak wies er zurück. Wein, schrieb er, erwecke Wünsche — nvd Wünsche je.en die ersten Feinde des Gefangenen. Kennen Sie schon die grandio e Wirkung, des DIANA- FRANZBRANNTWEIN! Je*«* GESUNDE und J'tfer KfcANKE wird es Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch Diana-Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird. Uaberall erhältlich. * Ile Mische Wanderung. Gin« russische Abordnung bei Alben Thomas. Berlin, 27. Jänner. (I. T. A.) Eine Abordnung deZ Verbandes d'r russischen Juden :n Deutschland unter Führung des Präsidenten, Staatsrat Dr. Jakob T-e i t c l, besuchte den in Berlin weilenden Leiter des Internationalen Arbeitsamtes des Völkerbundes, den früheren Minister Albcrt Thomas. Die Abordnung überreichte ihm ein Memorandum, in welchem auf die traurige wirtschaftliche und staatsrechtliche Lage der russischen Emigranten im Auslände hingewiesen wird. Arbeitslosigkeit und w i r t s ch a f!- l i ch e s Elend unter den Emigranten haben den Höhepunkt erreicht. Sie sind in ihrer Freizügigkeit behindert, ta die vom Völkerbund für die Emigranten herausgegebonen sogenannten Nansen-Pässe in vielen Ländern teils überhaupt nicht anerkannt, teils aber als Ausreisenicht als Einreisedolument anerkannt werden. Eine Möglichkeit, nach Rußland zurückzukchren, besteht in nur sehr geringem Maße, da die Sowjetbehörden daran fefthalten, jeden Fall indididnell zu behandeln. Albert Thomas erwiderte, er freue sich, die Vertreter einer so großen Organisation zu sehenl Die demnächst in Genf stattfindende Konferenz von Vertretern" der interessierten Regierungen werde die Frage der Nansen. Pässe regeln. In Fragen der Nothilfe ist das Nansen- Komitee zuständig. Die Danzioer jüdischen Emigranten. Danzig, 27. Jänner. (I. T. A.) In Danzig weilt jetzt eine Kommission Ä:s jüdischen Flüchtlings-Reevakuations komitees unter Führung des Hias-Direktors Dr. James Bernstein und der Vertreter des Berliner Emigratwnsdirektoriums Dr. Ben-Nathan un>d Dr. Senatsr. Die Kommission hat die Aufgabe, die Frage der Danzigrr Emigranten zu liquidieren. Einem Teil der Enrigranten wird die Gelegenheit verschafft, nach Palästina, Kanada usw. auszuwandern, einige andere werden unterstützt, damit sie nach Rußland zurückkchren können, wo' die Kommission für deren Einordnung sorgen wird. .Ein kleiner Teil 'dm Emigranten, für die es keine andere Lösung gibt, wird in Danzig»verbleiben müssen. Das .Emigwntzrnlacb wich endgültig aufgehoben. Die kknwandenmg in PaMina. Steigende Nachfrage nach Zertifikaten. Jerusalem, 27. Jänner. Die Zionistische Palästina» exekutive hat von mehreren Jmmigrationszentren an Auslande auf ihre Anfrage, wieviel Einwanderungszertifikate sie aus Grund der ihnen letztens zuerteilten i Quote ausgestellt Dex Tabak verderbe die Lust des Zimmers. Im ersten Jahre las der Jurist Bücher vorwiegend leichten Inhalts: Romane mit verwickelter Liebesintrige, Kriminalromane, Erzählungen, Komödien und so weiter. Im zweiten Jahre verstummte die. Musik, der Jurist verlangte nur Klassiker. Im fünften Jahre erklang wieder Musik und der Gefangene bat wieder um Bücher. Die, Leute, welche nach ihm durch das Fenster sahen, sagten, daß er das ganze Jahr nur esse, trinke und schlafe, häufig gähne »nb mit sich selbst Gespräche führe. Bücher las er nicht mehr. Manche „Nächte, setzte er sich zum Schreibtisch, schrieb bis in die Dämmerung hinein und zerriß das Geschriebene in kleine Stückchen. Häufig hörte man ihn weinen. In der ztveiten Hälfte des sechsten Jahres befaßte sich.der Gefangene eifrig mit dem Studium von Sprachen, mit Philosophie und Geschichte. Er betrich diese Wissenschaften mit solcher Hingabe, daß der Bankier ihn nicht rasch genug, mit Büchern versorgen konnte. Während vier Jahren wurden für ihn ungefähr 600 Bände bestellt. Bemerkenswert ist das Schreiben, loelches der Bankier in dieser Zeit bekam: „Mein geehrter Kerkermeister! Diese Zeilen sind in sechs verschiedenen Sprachen geschrieben. Zeigen Sie sie Kennern zunt Dnrchlesen. Wenn kein Fehler gefunden wird, so"flche ich Sic an, im Park zwei' Gewehrschüsse abgeben zu lassen. Die genialen Menschen aller Völker und aller Zeiten sprachen verschiedene Sprachen, aber es loderte in ihnen dieselbe Flamme. Sie wissen gar nicht, welch unendliches Glück ich empfinde, weil ich sie mm verstehe!" Der Wunsch des Gefangenen wurde erfüllt. Der Bankier befahl, im Park zwei Schüsse abzugeben. Ant Ende des neunten Jahres saß , der Jurist unbeweglich bei dem Tische und las nur das Evangelium..' Dem Bankier erschien es sonderbar, daß ein Mensch, der im Verlauf von vier Jahren sechshundert grundgescheite Bände bewältigt hatte, zum Lesen eines dünnen, allgemein verständlichen' Büches ein ganzes Jahr brauche. Auf das Evangelium folgten Werke über Religions geschicht« und Theologie. * Im letzten Jahre der Gefangenschaft las der Gefangene außerordentlich viel, und zwar ohne Wahl. Bald beschäftigte er sich mit Naturwissenschaften, bald verlangte er Byron und Shakespeare. Man bekam auch Zettel von ihm, in denen er gleichzeitig ettw